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Ein kranker Störer

SPIEGEL-Redakteur Hartmut Schulze über »Blutwäsche« von Horst Karasek *
aus DER SPIEGEL 51/1985

Wie geht's? - Weh dem, der da nicht lügt. Fast jeder tut es. Seltsam, daß sich auch Schriftsteller diesem Tabu beugen: Über Krankheiten spricht man nicht. Die letzte große literarische Krankengeschichte hat, vor acht Jahren, Fritz Zorn unter dem Titel »Mars« veröffentlicht. Beredter noch als das gewählte Pseudonym war die Tatsache, daß der Autor überhaupt eins brauchte.

Wer Horst Karasek ist, soll dagegen jeder wissen. Sicher, es ist peinlich, wie da einer fast buchhalterisch nüchtern seine Nierenkrankheit protokolliert, es ist schmerzhaft.

Karasek beschämt seine Leser. Er macht ihnen klar, daß er sich ja letztlich auch vor ihnen versteckt hat, wenn er seine Krankheit jahrelang verleugnen mußte: »Niemand soll sehen, wie dreckig es mir in Wirklichkeit geht.« Die Camouflage hat ihn nicht geschützt, hat nur sein Leiden vermehrt, er fühlte »sich aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgestoßen«.

Ein Kranker stört - vor allem, weil er die mächtigen Lebenslügen der angeblich Gesunden bloßstellt. Wo Krankheit nicht als »eher lästige Staatsbürgerschaft«, sondern als »Metapher« (Susan Sontag) begriffen wird, gerät sie unversehens zum moralischen Prügel; die Reaktionen auf Aids sind der letzte und brutalste Beleg.

Ein Kranker stört - Horst Karasek, 1939 geboren, hatte sich eigentlich immer zugute gehalten, ein Störer zu sein, jedenfalls solange er als gesund durchging: Er war Aktivist und Chronist des Frankfurter Häuserkampfs und zuletzt des Widerstands gegen die Startbahn West im Flörsheimer Wald, hat voller Sympathie historische Arbeiten über den Anarchismus veröffentlicht, wurde als Terroristenhelfer denunziert.

Erst nachdem ihn seine Schrumpfnieren »zu einem geduldigen, geduldeten Bürger gemacht« hatten, mochte sich Karasek dazu durchringen, auch als Kranker zu stören. Er tut das mit einer manchmal erschreckenden Offenheit, vor allem gegenüber sich selbst, auch gegenüber Eltern und Geschwistern, die alle erdenkliche Hilfe anbieten, nur die eine wirkliche Hilfe nicht, die er doch gar nicht angenommen hätte.

Jeder Mensch hat zwei Nieren und braucht nur eine. Geschwisternieren sind relativ günstig zu verpflanzen, fast ebenso die von den Eltern. Horst Karasek ist froh, daß die Niere, die eine seiner Schwestern dann doch spenden wollte, aus medizinischen Gründen nicht in Frage kam, und hofft lieber auf eine passende »Kadaverniere« (so heißt das in der einfühlsamen Sprache dieser Branche). Trotzdem: »Aber anbieten könnten sie mir ihre Nieren doch!«

Das ist einer der ganz wenigen Sätze in diesem Buch, die Mitleid heischen. Denn darum geht es Karasek zuallerletzt. Es geht ihm auch nicht um eine Anklage des Gesundheitssystems. Kein Kunstfehler ist anzuprangern, Karaseks Ärzte sind korrekt, sehr korrekt ("Sie wissen selber, Herr Karasek, daß Sie zu spät zu uns kommen, in Ihrem Fall gibt es nichts mehr zu therapieren").

Im Vergleich zu Großbritannien zum Beispiel, wo Nierenkranken, die älter als 55 Jahre sind, die maschinelle Blutwäsche aus Kostengründen verweigert wird, ist die Versorgung der 20000 Patienten bei uns gesichert - noch.

»Blutwäsche« ist also weder Verständigungstext, larmoyante Betroffenheitsprosa noch politisches Pamphlet, sondern ganz einfach die »Chronik eines eingeschränkten Lebens«, wie es der Untertitel ankündigt. Karasek notiert und zitiert, aus Gesprächen, Patientenakten, Arztbriefen. Manchmal verfällt er gar in deren Jargon ("sein Hämatokrit, d. h. der Anteil seiner Erythrozyten am Blutvolumen ...").

Es soll Schriftsteller geben, bei deren Schilderung von Kälte es einen friert. Karasek gehört nicht dazu, jedenfalls nicht mehr. Seiner Phantasie, schreibt er, »sind die Flügel gestutzt«. Und es ist ihm wohl auch gleichgültig, ob ein Leser durstig wird, wenn er erfährt, wie Karasek zunächst monatelang mehr Wasser trinken muß, als er die Stiegen raufschleppen kann, um dann, mit der Dialyse, ein Tageslimit von einem halben Liter Flüssigkeit gesetzt zu bekommen.

Zu literarischen Höchstleistungen mögen, zumindest in der Legende, Tuberkulosekranke fähig sein; Karaseks Chronik verzichtet auf die originelle Formulierung. Er liefert die rohe Mitteilung,

und so genügen ihm auch abgegriffene Sprachmuster. Da ist beispielsweise seine Freundin »auf und davon« und hat die Wohnung wie verlassen? »Hals über Kopf.« Auf Schritt folgt Tritt, auf Ort Stelle und auf niet- nagelfest.

Störender als solche Nachlässigkeiten ("doppelt so groß als"), die eher dem Lektor als dem Autor anzulasten sind, ist Karaseks inflationärer Einsatz von Ausrufezeichen. Das ganze Buch ist doch ein Ausruf, eben auch durch seine nüchterne, fast emotionslose Schilderung. Akzeptiert eure Kranken, schreit es, akzeptiert ihre Schwäche!

Für Karasek, den gewesenen Springinsfeld, ist die zunehmende Schwäche im Treppenhaus ablesbar: »In der Nacht, wenn die Flurbeleuchtung nach einem bestimmten Zeittakt erlischt, laufe ich wie um mein Leben; letzte Woche waren es noch 97 Stufen, die ich bei Licht schaffte, heute sind es nur mehr 93.«

In lakonischem Berichtston erfahren wir von der physischen Tortur einer Fistel-Operation und der psychischen einer Diät, die außer Kartoffeln, die drei Tage lang gewässert wurden, kaum etwas erlaubt. Schon gar nicht beispielsweise Sina-Salz, das, wie Karasek schreibt, in Reformhäusern ausdrücklich für Nierenkranke angeboten wird. Es soll Kalium-Mengen enthalten, die für Dialysepatienten tödlich sein können.

So groß wird das Leiden mit den Jahren, daß Karasek schließlich als Wohltat schildert, wovor er so lange eine unbändige Angst hatte: Im Mai 1984 zwingen ihn seine Kreatininwerte an die Künstliche Niere, und plötzlich ist es ein Glück, an die Maschine gefesselt zu sein, die das Gift aus dem Körper wäscht.

»Die Krankheit«, erfährt Karasek, »ist nicht bloß ein Nesselhemd, sondern macht auch frei - nun kann mir keiner, ich aber kann jeden!« Und sie macht egozentrisch. Zehntausend Dialysepatienten in der Bundesrepublik warten darauf, daß ein ganz bestimmter fremder Mensch den Unfalltod stirbt und einen Organspenderausweis bei sich hat: »Ja, die Krankheit macht uns Menschen nicht besser, sie macht uns zu kleinen Monstern, die ausschließlich an sich selber denken.«

»Blutwäsche": Die Vokabel und der Vorgang, den sie beschreibt, provozieren geradezu die Metapher, die Krankheit dann wieder mit Schmutz und Schuld in Verbindung bringen würde. Karasek hatte seit den ersten Symptomen viele Jahre gewartet, bis er zum Arzt ging. Also doch alles seine Schuld? Das wäre die Reaktion derer, die Kranke ausgrenzen, die Kranke so lange ihre Krankheit leugnen machen, bis es zu spät ist.

Seinen Trotz hat Karasek, der kranke Störer, bei alldem nicht verloren, und das ist tröstlich. Auch seinen Humor nicht, wenngleich der, natürlich, bitter geworden ist: Gleich zu Beginn werden saure Nierchen gekocht.

Hartmut Schulze
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