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Ein Kratzer im Gedächtnis

aus DER SPIEGEL 31/1992

Die Revolte ging von einem Pappdeckel aus, ihre Parole klang weder neu noch originell, und ihre Hymnen waren nichts als lauter Rock'n' Roll, sehr schlicht und schnell und ziemlich falsch gespielt. Doch ihre Wirkungen dauern bis heute an, und von den Folgen wurden auch jene berührt, die den Pappdeckel niemals gesehen haben.

»Never Mind The Bollocks - Here's The Sex Pistols": So stand es auf dem Plattencover, in Schwarz und Gelb und einem grellen Pink, das fast so ätzend wie Säure war. Ein paar englische Punks hatten sich den Slogan ausgedacht, der Künstler Jamie Reid hatte den Schriftzug entworfen - die Botschaft hieß, behutsam übersetzt: »Vergeßt die Wichser! Hier sind die Sex-Pistolen.«

Manche lasen das als Verzweiflungsschrei, manche gar als Kriegserklärung, als Kampfansage an die herrschende Unverbindlichkeit - und was die Sex Pistols damals wirklich sagen wollten, war im Grunde ganz egal: Die Farben reizten die Augen der Käufer, die Platte sah neu aus und versprach neu zu klingen; das Publikum war bereit, den Musikern zu glauben.

Und so kam es, daß ziemlich viele junge Menschen ziemlich schnell dafür sorgten, daß eine Ära zu Ende ging und eine neue Epoche begann. Sie verhöhnten den dumpfen Gleichklang der faden Siebziger, sie erfanden das, was erst Punk und später New Wave hieß, sie brachten eine Bewegung in Gang, die noch heute das Lebensgefühl der westlichen Welt bestimmt.

Das war im Jahre 1977, in der alten Zeit, als das Vinyl noch geholfen hat. Heute hätten die Sex Pistols keine Chance mehr: Ihre Platte käme gleich als CD heraus, das Cover wäre ein Quadrat von 14 Zentimetern Kantenlänge - und die böse Botschaft, auf ein Fünftel ihrer Größe reduziert, bliebe bloß ein Echo, ein Zitat ihrer selbst: zu klein und schwach, als daß sie irgendwen verstören könnte. Vergeßt die Sex Pistols! Hier kommt die große Gleichgültigkeit.

45 Jahre nach der Einführung der Langspielplatte werden die schönen schwarzen Scheiben nun ausgemustert und abgeschafft: Schon heute verkauft der Handel viermal mehr Compact Discs, in vielen Kaufhäusern werden keine LP mehr angeboten, und in spätestens zwei Jahren wollen die meisten Hersteller nur noch CD produzieren - schwarze Scheiben allenfalls auf besonderen Wunsch.

Die Käufer mit ihrem Hang zum Pflegeleichten haben selber schuld - doch die Industrie forciert den Trend, so gut sie nur kann: Die CD wird billiger hergestellt und teurer verkauft, und wenn es demnächst überhaupt keine Langspielplatten mehr gibt, müssen auch jene Musikfans einen Compact-Disc-Player erwerben, die bislang gut darauf verzichten konnten.

Ob die CD wirklich reiner und schärfer klinge oder ob die LP mehr Transparenz biete, mehr Wärme und Dynamik - darüber wird viel spekuliert, doch beim Hörtest versagt jeder Theoretiker. Wenn die Langspielplatte verschwindet, dann geht nicht ein besonderes Klangerlebnis verloren - mit den altmodischen Scheiben stirbt eine ganze Kultur.

Denn die Schallplatte war stets mehr als ein »Tonträger« (wie das völlig unmusikalische Lieblingswort der Technokraten heißt) - sie gehörte zum Wesen von Pop und Jazz, sie war Schauplatz und Inszenierungsort, so wie die Bühne der Schauplatz der Oper ist. Hier verwandelten sich Töne in Aktion, hier wurde Musik zur Erzählung, zum Mythos, zur Heldensage: wie Miles Davis und John Coltrane, Iggy Pop und Prince ihren Stil zum Stilett formten und damit wider eine feindliche Welt voller Ignoranz und falscher Töne kämpften.

Als der Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman aufs Cover einer Platte »This Is Our Music« schrieb und darunter ein Foto setzte, auf welchem er und die Mitglieder seiner Band sehr stolz und herausfordernd in die Kamera guckten - da war das als Warnung gemeint und als Fortsetzung der Musik mit anderen Mitteln: Coleman würde es seinen Hörern nicht leichtmachen, und die erste Person Plural war durchaus nicht als Einladung für jedermann gedacht.

Als Andy Warhol ein Cover für Velvet Underground entwarf, war er so gut in Form wie selten zuvor: Der Künstler klebte eine gelbe Banane auf einen weißen Untergrund, und mit ein bißchen Geschick konnten die Käufer diese Banane schälen, was einerseits sehr kunstvoll wirkte und andererseits obszön - und exakt in diesem Spannungsfeld spielte auch die Musik der Band. Jimi Hendrix provozierte sein Publikum mit 19 nackten Frauen auf dem Cover des Albums »Electric Ladyland«. Frank Zappa erzählte gern absurde Comic-Geschichten, welche die absolute Verwirrung seiner Fans bezweckten. Und daß der Punk etwas Neues war (und nicht nur schlecht gespielter Rock'n'Roll) - das hätte womöglich niemand gemerkt, wenn die Cover es nicht so laut und grell behauptet hätten.

Die Plattenhülle war nicht bloß Verpackung für eine Scheibe voller Musik - sie diente als Gebrauchsanweisung zum Hören und Aufforderung zum Handeln; hier wurden die Zeichen der Popkultur erfunden und auf ihre Lesbarkeit hin getestet; hier äußerten sich die Helden des Pop optisch und verbal und machten schon dadurch deutlich, daß Anspruch und Utopie der Popkultur sich nicht auf eine neue, schönere und bessere Musik beschränkten, sondern auf dem ziemlich altmodischen Imperativ bestanden, daß Ethik und Ästhetik identisch seien.

An den Plattenhüllen konnte jeder erkennen, wie sich der Pop zum Rest der Welt verhielt: »Let It Be«, schrieben die Beatles, »Let It Bleed«, die Rolling Stones - und in der Zeit der Studentenrevolte wußte jeder Fan, welche Gruppe auf seiner Seite stand.

Natürlich hat auch die CD ein Cover, und solange es noch Langspielplatten gibt, werden diese Hüllen das gleiche zeigen - was durchaus nicht dasselbe ist: Die Größe des Covers war Teil seiner Botschaft, und wenn die Fläche auf ein Fünftel schrumpft, dann hat das einen ähnlichen Effekt, wie wenn man ein Halteverbotsschild fünfmal verkleinerte: Von der Wirksamkeit bleibt wenig übrig. Die Hülle der CD verhält sich zu ihrem größeren Pendant wie eine Fotografie zu ihrem Gegenstand: Sie bildet die Dinge ab, sie erinnert an die schöne Kunst des Plattencovers, sie ist ihr ähnlich, aber nicht mit ihr identisch: Und wenn es keine Langspielplatten mehr gibt und also auch keine Cover dafür, dann wird von dieser Kunst nichts übrigbleiben - so wie die Fotografie ohne die Existenz der Welt kaum vorstellbar ist.

Die Existenz der Popwelt aber ist gefährdet - und paradoxerweise wird wohl ausgerechnet die technisch perfekte Compact Disc die Weiterentwicklung der populären Musik verhindern: Solange die Läden voll von Langspielplatten waren, brauchte der Fan sich weder vom Radio noch von der Presse bevormunden zu lassen. Er studierte die Hüllen, die an seine Neugier appellierten; er konnte die Zeichen deuten, in Bildern lesen und dann selbst urteilen, ob er ein Cover als Warnung oder als Verheißung zu interpretieren hatte.

Die CD hingegen löst keine Neugier aus - ihre Cover bedeuten nichts, und der Konsument muß sich auf das verlassen, was er ohnehin schon kennt. So gerät die Innovation in Vergessenheit und stirbt schließlich völlig aus; auch den Radiostationen und Fernsehsendern fehlt der Mut, ihre Kunden mit neuen Klängen zu verstören: Es droht die Tyrannei des Easy listening.

Die Langspielplatte war niemals easy. Sie verlangte Geduld und Konzentration - und selbst der sorgfältigste Plattensammler konnte nicht verhindern, daß seine schwarzen Scheiben mit jedem Abspielen ein wenig von ihrer Qualität verloren: So wirkte die Liebe zur Musik immer auch zerstörerisch, der Genuß barg die Gewißheit des Verlusts, die Lust war nicht umsonst zu haben: Eben dadurch erfuhr der Hörer etwas vom wahren Wert der Musik.

Deshalb waren die scheinbaren Mängel der Langspielplatte zugleich deren größter Vorteil - der Fan zerstörte etwas und gewann etwas anderes dafür: Er überwand die Fremdheit und Distanz zum kalten Industrieprodukt, er eignete sich die Platte an, indem er sie gebrauchte - und wenn er die Scheibe ein paarmal abgespielt hatte, dann besaß er, was niemand außer ihm besaß. Jedes Rauschen, jedes Knistern zeugte von seiner ganz eigenen Beziehung zur Musik; ein Song, der besonders verkratzt und beschädigt war, erzählte womöglich eine Liebesgeschichte - und erinnerte den Hörer daran, daß auch die Musik in seinem Gedächtnis und seinen Gefühlen ein paar Kratzer hinterlassen hatte.

Diese Liebesgeschichte geht nun zu Ende, und nach ihr wird nichts Nennenswertes kommen. Einer CD merkt man nicht an, wer sie wie oft und wie intensiv gehört hat. Vermutlich merkt man auch ihren Hörern nichts an.

Claudius Seidl

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