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Ein Krieg kommt in die Wechseljahre

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Shakespeares »Troilus und Cressida« in München *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Shakespeares »Troilus und Cressida« handelt von einem Liebespaar mitten im Krieg, so wie »Romeo und Julia« von einem Paar mitten im Bürgerkrieg handelt.

»Romeo und Julia« ist auch deshalb ein so beliebtes, geliebtes Stück, weil es zeigt, daß Liebe den Krieg überwindet, wenn auch um den Preis des Todes. »Troilus und Cressida« ist deshalb ein ungeliebtes, ein zutiefst verstörendes (und daher relativ selten gespieltes) Stück, weil es zeigt, wie der Krieg die Liebe korrumpiert, besiegt, vernichtet.

Eine Komödie, weil es entlarvt, wie erbärmlich und lächerlich Menschen hinter ihren Schwüren und Ansprüchen zurückbleiben? Eine Tragödie, weil es vorführt, wie Ansätze zum Guten, Hoffnungen im Morast des Krieges ersaufen? Beides. Und beides nicht.

Das Stück spielt im Trojanischen Krieg. Nicht daß Krieg ist, gibt ihm seine unverwechselbare, zynische, ja nihilistische Perspektive. Sondern, daß schon so lange Krieg ist. Sieben Jahre.

Der Kammerspiet-Intendant Dieter Dorn, der den langen Krieg auch monatelang probierte (wobei seine griechischen und trojanischen Heerscharen auch noch von einer Grippe-Welle vorübergehend vom Felde gemäht wurden), hat dem Stück in Mühen den Stempel dieses lange währenden Dahinschleppens aufgedrückt.

Da ist nichts vom Hurra der ersten Schlachten, keine Langemarck-Euphorie; die Reihen sind vielmehr längst gelichtet, die Helden sind müde, in der Belagerung abgestumpft, der Krieg tritt auf der Stelle.

Schon das Bühnenbild (Jürgen Rose), das die zeitgenössische Kunst da bemüht, wo sie Rost und Schrott der Autofriedhöfe und Müllhalden, Graffiti-Kunst und die wild farbbeklecksten Wände verwahrloster Satellitenstädte oder U-Bahnhöfe zitiert, schon dieses Bühnenbild zeigt Verrohung, Verkommenheit.

Und die Griechen, die Troja belagern, sind längst grämliche und bekümmerte ältere Herrschaften - nicht nur Nestor (Otto Kurth), dessen Altersweisheit Shakespeare und Dorn als milde Form der Senilität definieren. Im Kriegsrat palavern die Könige eitel und verbittert, sie haben alles längst und oft gesagt, und sie haben das Reißen in den Gliedern.

Während man sonst an ehrwürdigen Theatern, traditionsreichen Häusern, oft auch das Gefühl hat, die Rollen würden zu ehrwürdig (auf deutsch: zu alt) besetzt, sind die großen Protagonisten der Kammerspiele wie Rolf Boysen (Ulysses) und der selbstironische, selbstkritische Thomas Holtzmann (Agamemnon) dem Zustand des Trojanischen Krieges entgegengereift: So ist das, alte Säcke führen einen alten Krieg, und nicht nur Menelaus ist längst lendenlahm.

Aber auch die eigentlichen Kampfmaschinen und Rammböcke der Schlacht wie Achilles und Ajax sind nicht mehr die frischesten. Ajax (Lambert Hamel) ist eher aus Dummheit als aus Kraft so aufgedunsen. Und Achilles (Claus Eberth), der wie ein angejahrter Catcher aussieht, steckt voll in der Midlife-Krise.

Nicht viel besser die andere Seite: Aus Paris, der durch seinen Raub der schönen Helena das ganze Schlamassel heraufbeschworen hat, macht Arnulf Schumacher einen rotgesichtigen, dringend diätbedürftigen Eheveteranen. Und die schöne Helena, die in der Öffentlichkeit nur mit goldverhülltem Haupt, wie ein kostbares Beutestück vorgeführt wird, ist ihrer sexuellen Wirkung längst überdrüssig; wenn Gisela Stein ihrem Partner die Brust bietet, tut sie es ebenso jäh wie routiniert: Was waren wir doch gleich noch? Ach ja, das von der Leidenschaft überwältigte Traumpaar!

Nur Troilus und Cressida sind jung. Und Hector (Manfred Zapatka). Aber vielleicht handelt das Stück ja auch davon, wie alt, korrupt, ehrlos Gewordene das Junge vernichten und kaputtmachen. In Dieter Dorns kunstvoll kalter und schlüssiger Inszenierung könnte das Fazit jedenfalls so lauten.

Denn das Stück enthält ja zwei Tragödien (Komödien): die des jungen Liebespaares, das die Trennung nicht übersteht. Und die des jungen Helden Hector, den der alternde Achilles nur noch _(Mit Tobias Moretti, Sunnyi Melles, ) _(Manfred Zapatka, Lambert Hamel. )

mit Heimtücke, nicht mehr im offenen Kampf abschlachten kann.

In München ist das zweite Thema (der moderne Krieg löst den Zweikampf ab; Achilles, eine Art Propaganda-Held, läßt töten, bedient sich einer Maschinerie, eines Personals) das weitaus interessantere, wichtigere.

Hier im Verknäulen und Aufdröseln männlicher Motivationen, im Aufspüren von müde gewordenen Eitelkeiten, schwul motivierten Hahnenkämpfen, sexuell besetzten Sadismen, entfaltet die Aufführung, entfaltet das Kammerspiel-Ensemble seine größte Überzeugungskraft, wird das Stück aufregend zeitgenössisch.

Dorn und sein Kostümbildner Rose haben Griechen und Trojaner jedes Sandalen- und Nachthemd-Elend und jegliches Ungemach unfreiwillig komisch scheppernder Rüstungen erspart.

Eher ähneln die Trojaner edlen Wilden, seltsamen Indianern, und die Griechen den Brechtschen Kampfkolossen aus dem Berliner Ensemble. Das mag über den Umweg Peter Brook oder Ariane Mnouchkine herbeizitiert sein - es wirkt frisch, unmittelbar, kraftvoll.

Schlechter als mit der Kriegstragödie ist es mit der aus ihr resultierenden Liebestragödie bestellt: Troilus und Cressida, die lange verkuppelt werden, müssen sich nach der ersten (heimlichen), Liebesnacht trennen, weil Cressida als Geisel ausgetauscht wird. Kaum im Griechenlager, wird die eben Erweckte zur sinnlichen Frau, der jeder recht ist, der ihr in den Weg kommt. Sie glüht, egal wer ihre Glut stillt.

Daß Troilus sie dabei auch noch heimlich beobachten darf, ist so ziemlich das Sadistischste, was sich das Theater je Gefühlen gegenüber ausgedacht hat.

In München spielt Sunnyi Melles die Cressida sehr jungmädchenhaft und sehr wohlproportioniert. Sie ist anfangs hinreichend schelmisch und witzig. Die Sinnlichkeit, die, einmal geweckt, keine Rücksicht mehr kennt, spielt sie nicht. Sie bleibt ein Seelchen, wo ein Kraftwerk vonnöten wäre.

Ihr Partner Troilus (Tobias Moretti) sieht gut und nett aus - das ist es, aber dann auch schon. Er, leider, ist eine Fehlfarbe an Harmlosigkeit in dieser Aufführung.

So paradox das klingt: die Schwäche immerhin der beiden Titelhelden schadet der Münchner 5-Stunden-Inszenierung kaum. Das liegt an einem weiteren großen Kunstkniff Shakespeares. Der nämlich »kommentiert« die Hector-Achilles-Geschichte, die Vorbereitung des widerlich verpatzten Duells, aus der Perspektive des schlimmsten Schandmauls der Theatergeschichte, aus der des Thersites. Und die Liebesgeschichte, das schrill verstimmte Duett zwischen Troilus und Cressida, »inszeniert« und »kommentiert« der schändlichste Kuppler des Theaters: Pandarus.

Diese beiden Parade-Fieslinge (die doch eigentlich eher Realisten als Miesmacher und Gelegenheitenmacher sind) spielen in München zwei eminent starke Schauspieler.

Peter Lühr, der große alte Mann der Kammerspiele, ist der Kuppler Pandarus. Daß Weisheit auch schmierig, Abgeklärtheit auch lüstern, Klugheit auch geschwätzig ist - das zeigt Lühr, der als Zutreiber zum König des Abends wird.

Helmut Griem als Thersites: eine Sprechmaschine, die dauernd Unrat und Unflat von sich gibt, spuckt und schleudert als Krüppel, in den Boden gebeugt, Haß und Ekel von sich, weil er sich nur so die Abscheulichkeit der Welt vom Halse halten kann.

»Troilus und Cressida«, etwa ein Jahr nach dem »Hamlet« entstanden, ist getränkt von höhnischer Misanthropie. _(Mit Lambert Hamel, Helmut Grien. )

Mit Tobias Moretti, Sunnyi Melles, Manfred Zapatka, Lambert Hamel.Mit Lambert Hamel, Helmut Grien.

Hellmuth Karasek
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