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Günter Herburger über Ulf Miehe: "Ich hab noch einen Toten in Berlin" Ein Krimi, fett und fröhlich

Günter Herburger, 40, schrieb Erzählungen, Gedichte, Romane ("Die Eroberung der Zitadelle") sowie Drehbücher. -- Ulf Miehe, 32, wurde vor allem durch seine Mitarbeit an Filmen bekannt ("Jaider, der einsame Jäger").
aus DER SPIEGEL 14/1973

Längst hat man in Deutschland die Hoffnung aufgegeben, hierzulande könnten Romane geschrieben werden, die unterhalten, Spannung erzeugen, jedem verständlich sind und ihre literarischen Mittel dazu ausstellen, einen genau gezielten Inhalt flüssig zu erzählen. Aber solche Ware verlangt das Publikum, das außer Information auch Vergnügen haben möchte, zu Recht: Wir beziehen sie seit je aus Frankreich, England, vor allem aus Amerika.

Nun ist, Gott sei Dank, das Buch eines deutschen Autors anzuzeigen, das ohne Imponiertöne auskommt, leicht zu lesen ist innerhalb zweier Nächte. Man vergißt darüber gern den Schlaf und bangt und hofft hinter den Helden her.

Ulf Miehe ist mit seinem ersten Kriminalroman ein sehr gutes Buch gelungen. Es ist weitaus besser als alle Produkte von Simmel, wenigstens so gut wie die Triumphbögen des seligen Remarque, kann sich, was Anschaulichkeit der Beschreibung betrifft, mit manchen Romanen des leider vergessenen Feuchtwanger messen. Ein seltenes Glück also in deutscher Sprache.

Es ist der Einfall, der diesen Roman fett und fröhlich macht. Gorski, ein geknechteter Fernsehregisseur, und Benjamin, ein junger, magerer Heftchen-Autor, fahren nach Berlin, um eine Eigentümlichkeit der Inselstadt auszubaldowern, die -- man braucht nur zuzugreifen noch heute unbeschädigt funktioniert:

Alle zwei Wochen landet in Tegel eine amerikanische Militärmaschine, die eine Million Dollar GI-Lohngelder bringt. Benjamin, der sich im miesen Milieu um den Stuttgarter Platz auskennt, bekam diesen Tip von einem seiner früheren Freunde, der sich inzwischen zu einem Edelgangster hochgearbeitet hat, ohne Hintergedanken Sparta heißt und sich wie ein guter, strenger Onkel gebärdet.

Gorski und Benjamin haben kein Geld, hängen herum, pumpen Sparta an. der ihnen gönnerhaft einen alten Opel Kapitän zur Verfügung stellt, ziehen schließlich in eine ärmliche Pension, In Briefen und Telephongesprächen versuchen sie Prott, einen Fernsehproduzenten in Westdeutschland, davon zu überzeugen, daß ihr Filmstoff ertragreich sei. Prott zögert, weicht aus, Vorschuß kommt jedenfalls keiner ins Haus. Doch je mehr die beiden verelenden, desto klarer wird ihre Übersicht, nehmen Grimm und Mut zu: angewandter Marxismus ohne Überbausprache. Im Fall der beiden Fernsehknechte heißt das: Wenn sich die Umstände nicht ändern, müssen sie zurechtgebogen werden.

Nicht nur aus Werktreue beginnen Gorski und Benjamin, sorgfältig zu recherchieren, stellen einen Zeitplan auf, erkunden, wo Pistolen zu kaufen sind, falsche Pässe, geraten dabei in manche Bredouille. Sie halten durch, kundschaften die Fahrtroute des Geldtransports vom Flugplatz Tegel in die Stadt aus und entdecken eine genial einfache Gelegenheit.

Mittels einer Bahnschranke, während ein Güterzug stets zur selben Zeit die Fahrt des amerikanischen Lasters kreuzt, läßt sich der begleitende Jeep vom Transporter trennen. Beim zweiten Mal, als es ernst wird, klappt der Coup aufgrund der stur eingehaltenen militärischen Fahrregel ebenso,

Regisseur und Schreiber entschließen sich danach nicht zu ihrem Film, obwohl der Stoff inzwischen genehmigt ist, auch Vorschüsse gezahlt werden. Sie verlassen die ungefährliche Fiktion und werden zu Tätern. Die Realität ist ihnen wichtiger, auch vergnüglicher als deren bloße Nachbildung.

Die bedeutsam selbstverständliche Wendung macht den Roman böse und schadenfroh zugleich. Anstelle der bequem sitzenden Leser schwingen sich die beiden Helden auf den bemoosten Rücken der Wirklichkeit, holen sich die Marie und dampfen per Flugzeug ab, kommen nicht um, wie es in Thrillern miesepetrig gern passiert. Sie verschwinden nach Südamerika, wo sie sich weder in Kuba noch in Chile niederlassen werden, wie der Flunkersozialist Gorski zugibt. Da Revolutionen immer Geld bräuchten, möchten sie ihres unbedingt behalten.

Diese Karl-May-Geschichte, die etwas von Lottoglück und raschem Filmglanz in sich hat, ist in einer ausgepicht halblauten Sprache erzählt, als sei Chandler Wahlberliner gewesen oder als habe Ulf Miehe ihn aus dem Amerikanischen in die heutige Gauner-, Drogen- und Diskothekensprache zurückübersetzt. Seine hinterhältig absichtslosen Beschreibungen Berliner Straßen, Kneipen, schäbiger Pensionszimmer sind phantasievoll und lustig in einem.

Genau wie Gorski, der Regisseur, und Benjamin, der Schreiber, die mehr Muskeln auf der Zunge als in den Armen haben, dröhnen auch die Tabletten-Omas, Kiffer, Zuhälter, Stricher, Zapfer und andere Abgefackte vor sich hin; dahinter aber werden Sehnsüchtige sichtbar, gutgläubig Zukurzgekommene, zu schnell Altgewordene.

Schön ist, daß Miehe aus seinem Fall kein politisch linkes Paradestück gemacht hat, das ihn leicht hätte ins Schleudern bringen können, sondern sich begnügt, der amerikanischen Besatzungsmacht eine einzige der vielen Millionen abzuzwacken. Desto einfacher lassen sich dann er selbst und sein Freund zur Flucht in die Höhe schicken.

Nach dem Roman von Ulf Miehe wünscht man sich auch den Film, den, wie der Klappentext verheißt, Volker Vogeler machen soll. Weder das Fernsehen, das sich durch den Stoff gelackmeiert dünkt, noch die Kinobranche haben ihm dafür bisher genügend Geld gegeben -- obwohl Gelegenheit wäre, für ein Massenpublikum einen spannungsreichen Krimi zu drehen, der zudem in Deutschland und gegen »Kommmissar«-Interessen spielte, rechtsradikale Serienware boshaft schnippisch hinter sich ließe sowie manch faden Kleister jugendlicher Sensibilisten.

Günter Herburger
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