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Ein Leben als Kunstwerk

aus DER SPIEGEL 22/1990

Giordano, 67, lebt als Schriftsteller in Köln. Er wurde vor allem durch seinen autobiographischen Roman »Die Bertinis« bekannt, der auch eine gleichnamige Fernsehserie inspirierte. - Peggy Parnass ist als Gerichtsreporterin ("Prozesse 1970-1978") und freie Autorin hervorgetreten.

Nach dieser Lektüre wird auch der abgehärtetste Leser scharf durchatmen müssen. Wann je ist auf noch nicht 200 Seiten erschöpfendere Auskunft gegeben worden als in dieser Ego-Anthologie über sich selbst? Denn es ist kein neues, es ist ein zusammengestelltes Buch von 20 bereits veröffentlichten und 3 unveröffentlichten Arbeiten der jüdischen Autorin Peggy Parnass, Blitzlichter, Momentaufnahmen einer langen Lebens-Odyssee.

Der Vater, eigentlich Simon, aber »Pudl« genannt, aus Tarnopol: »schwarzlockig, Tangofigur, schöne Hände, lachende Augen«. So die Tochter 1983 über ihn - garantiert ostjüdisch, tiefer Talmud, doch ohne religiösen Fanatismus. Als sie kamen, 1939, wie üblich gegen fünf Uhr morgens, um ihn nach Polen zurückzutransportieren, da zeigte Pudl den Gestapo-Häschern all seine Orden aus dem Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite: Sie waren, wenn auch nicht für solchen Fall, gut aufbewahrt. Genützt hat ihm seine Tapferkeit nichts. Die Mutter wird später deportiert. Beide landen im Warschauer Getto. Fünf Postkarten von dort, Biographien ganz im Stile unseres Jahrhunderts und des deutschen Sonderweges: »Beide sind in Auschwitz umgebracht worden.«

Das Kind kann, mit Bruder Gady (heute in einem israelischen Kibbuz), auf die Reise gehen, die lang ist, dunkel und ungewiß. Von Hamburg nach Schweden, zu verhaßten und geliebten Pflegeeltern, von dort - bereits im Kriege - nach Schottland, in einem kleinen Kurierflugzeug und in großer Höhe über Feindesland. Weiter nach London, dann, nach 1945, ins befreite Hamburg, wo sie in ihrer St. Georger »Wohnhöhle« haust, derzeit und länger schon.

»Süchtig nach Leben« ist die Geschichte der Peggy P., die im schwedischen Exil mal eben so den König besuchen geht, ihm von den Molesten des Lebens zu erzählen: die mit zwölf vor der ganzen Schulklasse für Abtreibung plädiert, dann selber aber rasch einen Sohn bekommt - Kim; die aufjauchzt, als der ihr mit sieben erklärt, er glaube nicht, was ihn da in der Sonntagsschule gelehrt werde: »Da dachte ich, dies ist mein Sohn!«

Es ist die Geschichte der gescheiterten Mutter, die erst von der Freundin des Sohnes über die wahre innere Beziehung des Sprößlings zu ihr erfährt: »Du, ich verstehe nicht, daß man jemanden wie dich so hassen kann«; der Mutter, die Schecks fälschte, nicht weil sie hungerte, sondern der Sohn sonst mit gehungert hätte. Um dann doch nur zu bekennen: »Er hat nichts als Chaos bei mir erlebt.« Wie denn auch anders? 13 Monate Entzug nicht zu vergessen. Und das Zusammenleben mit Marokkanern, Türken, Brasilianern, Japanern, Indonesiern, Transvestiten und Schwulen. Ein Wunder, daß sie auch die Zeit nach 1945 bis heute überlebt hat, dieses strikte Gegenbild aller deutschen Tugenden.

Nicht, daß ihre Biographie etwa chronologisch dargestellt würde, nicht, daß im Aufbau der Selbst-Anthologie etwa Ordnung waltete. Es geht darin so kunterbunt zu wie im Leben der Autorin. Aber Komposition ist dort auch gar nicht nötig, wo das Leben eines Menschen sozusagen das Kunstwerk ist, um das es geht. Zumal eine Klammer sichtbar wird, die alles hält, wenn auch bis zum Zerreißen gespannt, und das mit Sicherheit bis an das hoffentlich sehr ferne Ende der Peggy Parnass: jene verheerende Verwundbarkeit, die gespeist wird aus der Erinnerung an den Holocaust, den die Juden Schoah nennen.

Dem industriell betriebenen Völkermord an den Juden im deutsch besetzten Europa entkommen sind Onkel Rudi und Tante Flora. Seine KZ-Nummer ist 178121, ihre 74559. Beide sind Idole im Leben der Peggy P., in wenigen Strichen begreifbar skizziert, mit der Summe: »Sie sind glücklich, 55 Jahre Ehe, Liebe und sehr viel Hochachtung voreinander.« So wunderbar, so unglaublich kann Leben auch sein, trotz dem Triumph der Täter: Fünf Mark pro Hafttag gab es für Onkel Rudi und Tante Flora . . . Da hatten es die Blutrichter des Hakenkreuzes später leichter.

Die Verdrängung und Verleugnung der Hitler-Ära, die »zweite Schuld« der Deutschen, komprimiert die Autorin auf einer Länge von noch nicht zwei Seiten so bündig, daß die zur Pflichtlektüre an unseren Schulen werden sollten - um dann zu fragen: »Was wäre ein Hitler ohne Helfer und Helfershelfer gewesen? Ohne die Hilfe von Justiz, Wissenschaft, Industrie und anderen Ländern?« Ja, was? An dieser Stelle des Buches wird das System sichtbar, die Zustimmung der Gesellschaft zum »Großen Frieden« mit den Tätern, die untilgbare Schmach der zweiten deutschen Demokratie.

Freilich, es hakt bei mir, wenn das zugunsten der DDR ins Feld geführt wird, wie es im Buch geschieht. Richtig zwar: »Es ist zum Totlachen, was hier alles Entsetzen auslöst«, nämlich in der Bundesrepublik nach dem 9. November 1989 in Sachen Stasi. Dennoch vermisse ich Genugtuung über den Untergang des Stalinismus auf deutschem Boden und finde, hier werden falsche Meßmodelle aneinandergehalten - ein Übel hebt das zweite nicht auf. Zu dem wohlgesinnten Satz »Ich möchte, daß der Sozialismus, den es bis heute noch nirgends gegeben hat, endlich beginnt«, fällt mir, neben dem Schrecken, wer diesmal die Versuchskaninchen stellen soll, nur noch Max Frischs dialektischer Kernsatz ein: »Sozialismus? Das ist die menschenunmögliche Möglichkeit.«

Das große Crescendo kommt gegen Ende des Buches, unter »Passionen«, da ertappt sich der Leser schon mal dabei, daß der Mensch weiteratmen muß, um weiterzuleben - hinreißendere Geständnisse verfehlter Liebschaften hat es selten gegeben, ebenso selten sinnlichere Offenbarungen menschlicher Anziehung und Abstoßung. Peggy P., die Absolutistische, sie kommt sich selbst auf den Grund: »Wenn der Mann mit mir nicht zusammen atmet, soll er lieber aufhören zu atmen.« Bei dieser Aufzählung »elektrischer Schläge« und ihrer Folgen beginnt man, gegen den eigenen Willen, zu zählen: von Rune, aus Stockholm, und Derval, dem Brasilianer, über Josef, Bruno und Oyly bis zu Nikos auf Kreta, die »Nichtgenannten« mal ganz übersehen. Da tut sich uns ein wahres Schlachtfeld der Liebe auf, ein Fresko von Ekstasen und Enttäuschungshöllen. Alles zum Scheitern verdammt. Warum? Die Autorin: »Immer wieder will ich, was nicht zu haben ist - die Beständigkeit der Raserei.«

Dennoch gibt es Festes, Dauerhaftes im Leben der Nomadin, wider Erwarten eigentlich nach allem. Heimat? Da hat sie ihre Schwierigkeiten, in die sie uns übrigens mit wunderbarer Sensibilität Zutritt gestattet, über die Kapitel »Wo es schön war« und »Mein Hamburg«. Doch gleich die Einschränkung: »Wenn ich sage, ich lebe gern in Hamburg, meine ich in Wirklichkeit: Ich liebe das Leben mit meinen Freunden in St. Georg.« Und auch dort fühlt sie sich bedroht, denn: »Wenn es so weitergeht, wird Pöseldorf seine lackierte Kralle nach uns ausstrecken.« Schöner ist ein grauslicher Inhalt nie formuliert worden. *BUCHKOLUMNE **VERLAGSHINWEIS:

Peggy Parnass: »Süchtig nach Leben« Konkret Literatur Verlag, Hamburg; 176 Seiten; 20 Mark

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