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FERNSEHEN Ein Leben mit Löchern

aus DER SPIEGEL 51/2009

Am 11. März dieses Jahres erschoss ein Amokläufer an der Albertville- Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen, bevor er Selbstmord beging. Am Montag dieser Woche ist in der ARD (21 Uhr) eine eindrucksvolle Dokumentation von Stefan Maier über die Schrecknisse zu sehen. Sie verliert kein Bild und kein spekulatives Wort über den Täter. Diese bewusste Entscheidung stellt einen medialen Paradigmenwechsel dar: Der Autor will jeden publizistischen Nachruhm für den Täter verhindern. In der Dokumentation werden stattdessen die traumatischen Erlebnisse in den Statements von Eltern und Freunden der Opfer, von Rettern, Ärzten, einem Beerdigungsunternehmer und psychologischen Betreuern hautnah spürbar. Ihr Leben, sagt die Mutter einer erschossenen Schülerin, habe Löcher bekommen. Ein Notarzt berichtet, dass es auch den medizinischen Profis nicht möglich war, die Tränen zu unterdrücken. Den mit der Beerdigung beauftragten Unternehmer quälen noch heute die grausigen Bilder von den toten Schülern, die reglos und noch den Bleistift in der Hand auf den Schulstühlen lagen. Tröstlich sind die Beispiele dafür, wie Trauer Menschen auch zusammenbringt. In Foren prangern die Eltern der Winnenden-Opfer an, dass man in Deutschland privat Waffen und Munition besitzen darf, die elf Zentimeter dicke Backsteinmauern durchschlägt. Vor der Stuttgarter Oper haben Betroffene als Demonstration einen Container aufgestellt, in den Killerspiele entsorgt werden können - viele sind es nicht, wie der Film zeigt. Dafür protestiert in der Nähe die Piratenpartei im Namen medialer Freiheit gegen den Protest der Demonstranten aus Winnenden. 50 Schüler befinden sich dort noch heute in Therapie, 2 Lehrer sind aus dem Schuldienst ausgestiegen.

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