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FERNSEHEN Ein letzter Tusch für Küppersbusch

Friedrich Wilhelm Küppersbusch galt lange als ein »Kultmoderator«, der »erste öffentlichrechtliche Popstar«. Nun wird sein »Privatfernsehen« mangels Quote eingestellt. Was ist dran an dem Mann, der das »Ohrenfernsehen« erfunden hat? Von Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 43/1997

Bei Jürgen von der Lippe sind es die bunten Hemden, bei Verona Feldbusch die langen Beine und bei Wigald Boning die maßgeschneiderten Anzüge. Doch was in aller Welt ist es, das Friedrich Wilhelm Küppersbusch zu einer Kultfigur macht?

Er »sieht nicht unbedingt aus wie der Mann, dem man dringend eine Fernsehkarriere anempfehlen möchte«, heißt es sogar in einem PR-Flyer der Firma Motor Words, die eine CD »von und mit Küppersbusch« auf den Markt gebracht hat.

Friedrich Wilhelm Küppersbusch, 1961 in Velbert bei Dortmund geboren, verkörpert die aggressive Unauffälligkeit, wie sie auch Freizeitanimateuren eigen ist. Sein »Berufsmotto« heißt: »Presse, Hörfunk, Kamera - ich hab'' zu jedem Scheiß ''ne Meinung da!«

Normalerweise müßte ein solches Bekenntnis eine Anklage wegen chronischer Gschaftlhuberei nach sich ziehen. Im Falle von F. W. Küppersbusch dagegen nimmt der Beifall seiner Fan-Gemeinde Orkanstärke an. Die Medien liegen ihm zu Füßen wie hysterisierte Groupies den Backstreet Boys nach einem Konzert. Er ist »ein Märchenerzähler«, der über die Fähigkeit verfügt, Inhalte so zu modulieren, daß sie sinnlich erfahrbar werden«, jubelt »Die Welt«; »er hat die Moderation zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt«, schwärmt die »taz«; »der Mann ist gut, weil jeder seiner Sätze ein abgeschlossener Gedanke ist« und dazu noch »Deutschlands intelligentester, unverkrampftester und gleichzeitig engagiertester Polit-Moderator«, dröhnt die »Bunte«.

Küppersbusch, dem sein Redaktionsleiter »genialen Sprachwitz« bescheinigt, hat das mörderische Kompliment eingesteckt, ohne die »Bunte« auf Schmerzensgeld zu verklagen und dem verantwortlichen Redakteur einen Satz heißer Ohren anzudrohen. Deutschlands unverkrampftester Polit-Moderator beweist seine Unverkrampftheit vorzugsweise im Umgang mit Superlativen, die seinen Weg säumen - bis zu der unwidersprochenen Behauptung seiner Plattenfirma, Küppersbuschs Formulierungen seien »mitunter scharf und luzid wie Schopenhauers Aphorismen«.

Dabei verdankt Küppersbusch seinen Ruf vor allem dem Umstand, daß er schneller sprechen kann, als seine Hörer hören können. »Ich kann noch gut einen Zahn zulegen«, protzte er in einem Interview, »nur, dann wird den Zuschauern schwindelig«. Rasend schnell gesprochen, verwandeln sich treuherzige Kalauer und harmlose Wortspiele ("Stell dir vor, keiner geht hin und es ist trotzdem Krieg« - »Die Opposition bietet zur Zeit butterweiches Lafontainment") in rhetorische Raketen, die in Serie abgefeuert werden müssen, damit nicht jede für sich allein verpufft. Dabei, bekennt er, habe er nur seine »Krankheit zum Beruf gemacht«, »schon als Kind« habe er »immer Worte verdreht«, aus »Paket« etwa »Kapet« gemacht und statt der »Pantoffeln« die »Kartoffeln« angezogen, so daß seine Eltern schon Sorge hatten, »ob der Kleine nicht ein bißchen gaga ist«.

Zu sagen, der Legastheniker habe es als Moderator weit gebracht, läge auf derselben Ebene wie Küppersbuschs Vorschlag, Schäuble und Lambsdorff sollten gemeinsam joggen. Küppersbusch weist den Vorwurf, »ich würde mir da vor der Kamera nur einen runterholen », weit von sich. Sein Auftrag sei es, »ein politisches Magazin für Leute zu machen, die keine politischen Magazine schauen«. Dabei ginge es um eine »didaktische Idee«. Er sei »der Verkäufer, der mit ein paar Videokassetten an der Haustür klingelt und fragt: Wollt ihr mal reingucken?«

Die »didaktische Idee« hört also auf den Namen »Quote«. Ein Begriff, den er nicht in den Mund nimmt und wenn, dann nur, um sich von anderen abzusetzen. »Den meisten scheint zu reichen, daß sie bei diesem Unterhaltungsbetrieb Fernsehen irgendwie mitmachen können, ich hab'' für mich immer das Bedürfnis nach einem ,Sinn''«. Doch dann packt ihn der Weltschmerz: »Im Fernsehen mach'' ich Seifenblasen, und die sind am Montagmorgen geplatzt. Wir leisten hier keine Widerstandsarbeit, und ich bin nicht Robin Hood«, gesteht er in einem schwachen Augenblick und stellt die Frage nach dem Sinn des Moderatorenlebens: »Ich sende, also bin ich, aber was ist, wenn ich mal nicht mehr sende?«

Die rhetorisch gemeinte Frage wurde letzte Woche plötzlich akut. Die Programmdirektoren der ARD beschlossen, Küppersbuschs Vertrag, der Ende des Jahres ausläuft, nicht zu verlängern. Das Aus fürs »Privatfernsehen« kam nicht ganz überraschend, doch eher als erwartet. Für diesen didaktischen Supergau hat der Moderator bereits vorgesorgt. Ebenso wie ältere und erfahrenere Kollegen, die schon länger im Geschäft sind und die Vergänglichkeit drahtlos verbreiteter Botschaften kennen, hat auch Küppersbusch ein Verschenkbuch veröffentlicht, das eine Auswahl seiner Moderationen enthält. Doch was bei »Peep!« und bei »liebe sünde« im Sommerloch »Best of ...« heißt, das kommt bei Küppersbusch als literarische Verdichtung seiner selbst in den kulturellen Kreislauf, der bei Einwegflaschen schlicht als Recycling bezeichnet wird. Das Buch - mit 21 Küppersbusch-Fotos auf 160 Seiten - ist im Konkret Literatur Verlag erschienen, nachdem Küppersbusch »bereits 20 Angebote von Verlagen ausgeschlagen« hatte. Er wollte »sicher sein, daß das Buch die richtigen Leser findet« und »nicht bei Tchibo mit einem Pfund Kaffee verkauft« wird. Die kleine elitäre Koketterie unterscheidet ihn immerhin von Ulrich Wickert, dessen Worte zum Wetter möglichst nah an der Kasse liegen, egal in welchem Supermarkt.

Doch könnte Wickert noch einiges von Küppersbusch lernen. Der ist mit seinen gesammelten Moderationen auf Lesetournee gegangen und daraus ist wiederum die CD »Küppersbusch!« entstanden. Zur Vorstellung des Werks wurde von der WDR-Pressestelle und der Firma Motor Music gemeinsam eingeladen.

Küppersbusch wußte das duale System für sich zu nutzen. Von der CD wurde bisher zwar nur »eine vierstellige Stückzahl« (so die Plattenfirma) verkauft, doch werden Texte, die zum Sofortverzehr geschrieben waren, auf diese Weise über das Verfallsdatum hinaus als »Ohrenfernsehen« konserviert.

Würde Michael Schumacher eine CD mit den schönsten Brems- und Schaltgeräuschen seiner Formel-1-Einsätze auf den Markt bringen, wäre die Kategorie »Ohrenrennen« erfunden.

Küppersbusch war für alle da, »ein höflicher Halbstarker« ("Stern") und »ein wohlerzogener Rotzlöffel« ("Süddeutsche"), der »Comic-strip-Journalismus mit Tiefgang« ("Zeit-Magazin") betreibt.

Als würde das Fernsehen nicht nur gute Laune, sondern auch Lachgas verströmen, hatte sich das Küppersbusch-Patienten-Kollektiv darauf verständigt, den Mann, der eigentlich Deutschlehrer werden wollte, rundherum toll zu finden, denn, so der zuständige Abteilungsleiter beim WDR, »er kann sowohl mit Scharping als auch mit Roberto Blanco wunderbar umgehen«.

Und wenn ein Küppersbusch-Fan zugeben mußte, daß man »gelegentlich am Ende einer Moderation nicht mehr genau weiß, worum es eigentlich ging«, dann tröstete er sich damit, daß die »Einlagen stets eine eigene

* Mit Angela Marquardt (PDS) in der Sendung »ZAK« vom 12. Februar 1995.

Leuchtkraft« haben. Man mußte schon, wie eine junge Autorin der »Leipziger Volkszeitung«, weit im Osten Deutschlands groß geworden sein, um »nach der Sendung ein Gefühl wie nach 20 Runden Kettenkarussell« zu empfinden, ohne sich dessen zu genieren.

Gegen Ende war auch Küppersbusch ein wenig ruhiger geworden, hat das Kettenkarussell gegen eine mobile Gartenlaube eingetauscht. »Offensiv spießig zu sein ist eine Tugend der Zukunft«, bekannte er ohne Angst um sein Image, Autowaschen und Rasenmähen seien seine Leidenschaften. »Privatfernsehen«, meinte die »NZZ«, war »die öffentliche Antwort auf eine Herausforderung, die sich das Privatfernsehen bisher noch nicht zu entwickeln traute«. Mit anderen Worten: Wurde dem Zuschauer bei »ZAK« schwindelig, schliefen ihm beim »Privatfernsehen« die Füße ein, war ZAK schon eine Mogelpackung, deren Inhalt jedesmal neu durcheinandergeschüttelt wurde, lief im »Privatfernsehen« eine Art bewegtes Testbild, mit dem die Treue der Fans zu ihrem Guru gemessen wurde. Hätte »Privatfernsehen« wirklich im privaten Fernsehen stattgefunden, wäre die letzte Klappe viel eher geschlagen worden. Quotenmäßig lag die Sendung etwa auf gleicher Höhe mit dem »Wort zum Sonntag« und Talkmeister Jürgen Fliege.

Das freilich hielt den WDR nicht davon ab, den Moderator, der seine Sendung tatsächlich privat produzierte, stolz als den »ersten öffentlich-rechtlichen Popstar« zu präsentieren. Ein Etikett, dem Küppersbusch gerecht wurde, indem er sich eine gelbe Baseball-Mütze verkehrt herum aufsetzte und fiktive »Pop-News« vorlas, wobei er über seine eigenen Witze voreilig kicherte.

War ihm ein neues extrasupergeiles Wortspiel eingefallen ("Horst Seehofer heißt Gesundheitsminister, aber man weiß ja auch nicht, ob zum Beispiel Matthias Wissmann immer Verkehr hat"), dann machte der wohlerzogene Rotzlöffel eine kurze Pause, damit das Publikum ungestört ablachen konnte. Hier war man keck, hier durfte man''s sein, denn hier waren, so der WDR, »journalistische Überzeugungstäter am Werk«, die eine öffentlich-rechtliche Bierzeitung montierten - aus dem Abfalleimer von Monitor, Aktenzeichen: XY und dem Blauen Bock.

Mit Heide Simonis plauderte er über die Zukunft der SPD und mit dem Hobbythek-Moderator Jean Pütz über Blähungen und Probleme der Verdauung. Witziger wäre es gewesen, Jean Pütz über die SPD und Heide Simonis über Blähungen zu befragen. Doch der Überzeugungstäter mit dem »flegelhaften Charme« wußte, was sich gehört. Wenn es darauf ankam, hielt er kurz die Luft an und ließ eine Pointe fahren. Ein Gespräch mit Rudolf Scharping war so konstruktiv, daß es »Die Welt« nachdruckte.

Die Zurückhaltung machte sich nicht bezahlt. Als die Entscheidung der ARD-Programmkonferenz bekannt wurde, hielt nur WDR-Intendant Fritz Pleitgen zu seinem Moderator. »Küppersbusch steht für eine besondere Qualität in unserem Programm.« Und er drohte im Pluralis majestatis: »Wir kommen zurück.« Küppersbusch selbst ließ über die WDR-Pressestelle einen Satz verbreiten, mit dem er sein Schicksal in einen größeren Zusammenhang stellte: »Ich sehe die ARD jetzt optimal auf das Wahljahr vorbereitet.«

Und außerdem, so der Popstar zum SPIEGEL, sei es »wichtig, jemand zu sein, auch wenn die Kamera nicht an ist«.

* Mit Angela Marquardt (PDS) in der Sendung »ZAK"vom 12. Februar 1995.

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