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Ein Liebhaber, kein Profi

aus DER SPIEGEL 15/1991

Es muß ein Versehen sein oder eine Verwechslung, oder der altersschwache Fahrstuhl hat sich im Stockwerk geirrt. Diese Leute hier jedenfalls, in diesem engen, muffigen Büro, arbeiten ganz gewiß nicht im Filmgeschäft. Und dieser schmächtige Mann, der in ihrer Mitte sitzt, ist sicher kein großer Filmregisseur.

Sieben junge Menschen hocken im Kreis, trinken Cappuccino aus Plastikbechern und reden ernst und eifrig über irgendein Projekt. Meistens hört der Mann in der Mitte aufmerksam zu, manchmal korrigiert er die anderen auch, aber immer bleibt er so sanft und gelassen, als träfen sich hier ein paar Hobbyfilmer zum Erfahrungsaustausch.

Doch dann greift der Mann zum Telefon, wählt 213 für Los Angeles, und seine Stimme wird ein bißchen lauter und auch ein wenig energischer. Von Holly spricht er und dann von Laura, und nach ein paar Minuten ist klar, daß hier nicht von irgendwelchen Studentinnen die Rede ist, sondern von den Hollywoodstars Laura Dern und Holly Hunter. In einem kleinen Büro auf der New Yorker West Side bereiten Jonathan Demme und sein Team ihren nächsten Spielfilm vor.

Demme hat sich noch nicht daran gewöhnt, daß er auf einmal in der Branche als Gewinner gilt - sein Name ist heiß, und seine Arbeit bringt Geld ein, was in Amerika auch bei Künstlern das Wichtigste ist. Doch Demme tritt weiterhin wie ein später Student auf, in Turnschuhen, Schlabberhosen und Flanellhemd, und er benimmt sich wie einer, dem man jederzeit eine gebrauchte Schmalfilmkamera abkaufen würde - aber niemals die Rolle des knallharten Hollywoodprofis.

Er war nicht wild auf die große Karriere und die riesigen Budgets, er wollte immer nur Spaß an der Arbeit haben, wollte glauben an das, was er tat - und daß er überhaupt zum Regisseur geworden ist, das habe er, sagt er heute, nur dem Zufall und Roger Corman zu verdanken.

Corman war damals, in den frühen Siebzigern, Hollywoods schäbigster Tycoon; er produzierte Filme, die billig waren und gemein und ohne jeden Kunstanspruch, und er brauchte billige Arbeitskräfte dafür. Demme hatte ein paar Jahre lang Filmkritiken geschrieben und sich als Presseagent versucht, und er konnte einen neuen Job gut gebrauchen. So kamen die beiden miteinander ins Geschäft.

Demme durfte Drehbücher schreiben und den Produktionsleiter spielen, und als er für Corman seinen ersten Film inszenierte, da erfuhr er, daß er viel zu nett und sensibel war für den Job. »Caged Heat« hieß das Werk, sein Schauplatz war ein Zuchthaus für Frauen, und seine Handlung war spekulativ, zynisch und schonungslos brutal. Demme hatte Hemmungen beim Regieführen, er fühlte sich unsicher und zögerte, die Schauspielerinnen all den Torturen auszusetzen - bis eine Darstellerin die Geduld verlor: »Mensch Boß, stell dich nicht so an, es ist doch bloß ein Film!«

So ist Demme geblieben, ein Liebhaber, kein Professional - und er hat sich auch nicht geändert, als die Budgets größer und die Storys bedeutender wurden, als er die knallbunte Komödie »Melvin und Howard« drehte, den wilden Alptraum »Gefährliche Freundin« und die böse Gangsterfilm-Parodie »Die Mafiosi-Braut«. Er hat sich immer ferngehalten von Hollywood und den kalifornischen Wichtigtuern, hat lieber seine Freunde aus New York in die Filmteams geholt, und stets, das betont er laut, habe er solche Filme gemacht, die er selber im Kino sehen wollte.

»Ich bin noch immer ein zwölfjähriger Junge«, gesteht er, »ich gehe gern ins Kino, weil ich hungrig nach den Schocks und dem Schaudern bin. Und wenn ich drehe, stelle ich mir vor, daß das Publikum aus lauter solchen Halbwüchsigen besteht.«

Das heißt nicht, daß er Kino für Kinder machen will, naive, unreflektierte oder harmlose Filme - es weist nur darauf hin, daß auch Demme, der Außenseiter und Einzelgänger, ein durch und durch amerikanischer Regisseur ist, mit einer ganz und gar amerikanischen Konzeption: Das Kino ist kein Medium für ihn, sondern eine eigene Welt, die neben oder hinter der normalen Wirklichkeit beginnt. Diese Welt hat ihre eigenen Regeln und Gesetze, und ihre Existenzberechtigung gründet nicht auf der Ähnlichkeit, sondern auf der Distanz zur Realität: Im Kino geschieht, was nirgends sonst geschehen kann.

Demme ist zu Hause in dieser Kino-Welt - doch den Sinn für die Wirklichkeit hat er dabei nicht verloren. Er glaubt nicht daran, daß einer mit Spielfilmen die Gesellschaft verbessern könnte, und vom sozialkritischen Kino hält er nicht viel. Wenn Demme aber Zeit hat zwischen zwei großen Projekten, dreht er kleine, selbstfinanzierte Dokumentationen, die vom Elend in Haiti handeln oder von den Niederlagen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, und wenn es darum geht, sich gegen den Rassismus in Amerika oder anderswo zu engagieren, dann spendet Demme nicht bloß seine Unterschrift.

So hat er es bislang gehalten, so will er auch weitermachen und sich vom gewaltigen Kassenerfolg seines neuesten Films nicht irritieren lassen. Er wird bald Angebote bekommen, für Filme, die nur als Hits kalkuliert sind und keinen anderen Anspruch haben, als Geld einzubringen. Diese Angebote, beteuert Demme, werde er nicht annehmen. Der Mann ist bescheiden, er will bleiben, was er ist: der beste Hobbyfilmer Amerikas. Claudius Seidl

Claudius Seidl
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