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Nostalgie Ein Mädchen namens Nitribitt

aus DER SPIEGEL 6/1996

Ein platinblondes Mädchen (Nadja Tiller) stöckelt hochhackig in eine noble Hotelhalle. Es kommt durch die Drehtür, die rhythmisch faucht. Das Mädchen ist zwar sexy und auf Freier aus, aber offenkundig zu plebejisch für das feine Hotel.

Der Portier, der Herrenwelt schmierig mit einem Adreßbuch zu Diensten, wirft sie hinaus: Sie habe hier nichts zu suchen.

So beginnt der Rolf-Thiele-Film »Das Mädchen Rosemarie« von 1958, dessen Drehbuch Erich Kuby geschrieben hatte. Der Film wurde ein Glanzstück deutschen Filmschaffens der fünfziger Jahre. Daß er eine sozialkritische Botschaft hatte (die leider meist auch noch im Moritatenton gesungen wird), brachte ihm damals viel Anerkennung ein und macht ihn heute ziemlich unerträglich. Längst interessieren wir uns wieder mehr für Menschen als für Botschaften im Kino.

Das platinblonde Mädchen, einst die teuerste und am elegantesten gekleidete Hure Frankfurts, ist tot. Eine Hand, die man keinem identifizierbaren Mörder zuordnen kann, hat sie in ihrer Wohnung hinter einen Vorhang gezerrt, wo sie offenkundig erwürgt wird.

Eine andere junge Platinblondine (Karin Baal) stöckelt ärmlich, aber sexy in die Hotelhalle. Die Drehtür faucht immer noch rhythmisch: Der deutsche Film über die dämonischen fünfziger Jahre war selbst höchst dämonisch. Wieder wird sie, am Anfang ihrer Karriere, von dem Portier aus dem Hotel gewiesen. Wir lernen, das Leben ein Kreislauf, o ewige Wiederkehr des Gleichen! Oder Goethe, Faust, »sie ist die erste nicht«.

So endet der Rolf-Thiele-Film, indem er uns belehrt, daß Nutten kommen und gehen und immer wieder von der feinen Welt, den besseren Kreisen, erst ausgenutzt und dann vernichtet werden.

Ein Mädchen (Nina Hoss) in einer Erziehungsanstalt der fünfziger Jahre. Eine martialische Wärterin nimmt ihr allen Tand und Schmuck ab. Apathisch verdrossen gehorcht ihr das Mädchen. Als sie aber ihre goldenen hochhackigen Schuhe mit Pfennigabsätzen ausziehen und abgeben soll, schlägt sie um sich, beißt und kratzt und verpaßt dem helfenden Wärter ein blaues Auge.

Bald wird sie mit ihm schlafen, um ihn als Fluchthelfer erpressen zu können. Die goldenen Schuhe trägt sie, als sie auf der Straße per Anhalter in ihre Freiheit entflieht.

Das sind Eingangsszenen von Bernd Eichingers Fernsehfilm »Das Mädchen Rosemarie«, der voraussichtlich Ende dieses Jahres von Sat 1 ausgestrahlt wird. Der ein Remake des Thiele-Films ist und doch wieder keins. Der aber auf jeden Fall die erste Regiearbeit des Constantin-Verleihers und erfolgreichen Produzenten Eichinger seit seinem Filmstudium darstellt.

Die fünfziger Jahre steigen als Zeitgeist aus der Gruft. Die Vespas sind wieder da und die Filmthemen jener Jahre. Die Prostituierten waren nie weg.

Ein Mädchen geht von einer Party, auf die sie sich skandalöserweise eingeschlichen hatte und die sie wie einen Abschiedstanz von ihrem Leben zelebriert hatte, heraus in den winterlich weißen Garten, hinunter über die verschneite Terrasse.

Sie trägt ein Abendkleid und die gleichen goldenen Schuhe wie am Anfang. Zwischendurch, als sie von der kleinen Stricherin zur großen Kokotte und Lebedame avanciert war, hatte sie die goldenen High heels in den Mülleimer werfen müssen. Als Abschied von ihrem billigen Geschmack.

Eichingers Film nimmt die Schuhe als Zeichen. Als Zeichen eines Traums eines verwahrlosten Waisenmädchens, das nach oben, das zu Gold und Glanz will und es lange nicht versteht, Talmi von Gold zu unterscheiden.

Und als sie es kann, versteht sie schließlich, daß ihr Talmi das bessere Gold war.

Nachdem sie in den Schnee gegangen ist, wird uns in einem Abspann mitgeteilt, daß sie kurz darauf ermordet, erwürgt in ihrem Apartment in Frankfurt aufgefunden worden sei. Und daß der Mord nie aufgeklärt wurde.

Eichingers Film wird, soviel kann man an den eben abgedrehten Teilen schon sehen, ein gut gelungenes Melodram und erzählt, wovon das Kino immer erzählt, von Liebe und Tod.

Ist er sozialkritisch? Allenfalls wie Wedekinds Dramen aus dem Bestiarium des Geschlechterkriegs sozialkritisch sind. Man muß Angst vor der Kraft der Sexualität haben. Sie ist stärker als die sozialen Hierarchien, eine Binsenweisheit, wenn man das nicht mit der Genauigkeit des Zeitgeistes, des Zeitkolorits belegt.

Die fünfziger Jahre sind ein ideales Labor solcher Liebesgeschichten, so ideal wie das Fin de siecle Oscar Wildes und der Jahrhundertbeginn Wedekinds waren.

Und der Tod der 24jährigen platinblonden Hure, die mit einem Nylonstrumpf erwürgt in ihrem luxuriösen, aber kleinen Frankfurter Apartment aufgefunden wurde, ist in den fünfziger Jahren als so typisch, als so entlarvend empfunden worden, daß er die Riesenwellen eines Skandals verbreitete. Es war, als hätte die Ermordung der Prostituierten der Zeit jäh die Maske vom Gesicht gerissen. Das war nach dem 1. November 1957.

Kunstblond war sie, wenn sie auf Freierfang ging, und sie trug eine dunkle Brille. Sie hatte Pelze an und kurvenenge Kleider, mit Schlitzen im Schritt, sie trug Nylons und, natürlich, hochhackige Schuhe.

»Keineswegs besonders attraktiv« soll sie gewesen sein, befand damals der Kommentator der Süddeutschen Zeitung, Erich Kuby, der aus ihrem Fall, aus dem Kriminalfall Rosemarie Nitribitt, dann das Drehbuch für den Erfolgsfilm und später den Roman zum Film schrieb; außerordentlich erfolgreich, das Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt. Überall wollte man es beispielhaft lesen, wie es im Deutschland des Wirtschaftswunders zuging, in den Jahren des hemmungslosen, kaum gebremsten Aufstiegs.

Es gibt wenige Bilder von »der Nitribitt«, wie sie genannt wurde (übrigens nannte man ein Callgirl in den Folgejahren eine Nitribitt, so wie man einen Klebstoff Uhu nennt). Auf einem ist sie mit ihrem kleinen Hündchen. So ein Hündchen schien zur Berufsausstattung der Prostituierten zu gehören, getreu dem Motto, das in abgesägte Baumscheiben eingebrannt ist: »Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere!«

»Keineswegs besonders attraktiv« befand Kuby nach Foto-Augenschein die wohl immerhin für ihre Sexdienste und Liebesstunden hochbezahlte Prostituierte, die zu ihrer Laufkundschaft die sogenannten besseren Kreise aus Politik und Gesellschaft, aus Rhein-Main und Rhein-Ruhr zählte. Wer von einer solch hochgeschätzten jungen Frau sagt, sie sei »keineswegs besonders attraktiv« gewesen, muß sich entgegenhalten lassen, nun, er sei ja wohl nicht »dabei"gewesen.

Allerdings ist von irgendwelchen verwegenen, gar dämonischen Sexualpraktiken im Zusammenhang mit der Nitribitt nirgends die Rede. Vielleicht haben sich ja die Spitzen aus Politik und Gesellschaft bei ihr auch nur entspannt, sogar ausgeweint: Ein Herz braucht jeder.

Aber ihr wichtigstes erotisches Hilfsmittel, ihr wahres sexuelles Stimulans, war ein Mercedes. Ein 190 SL, der Traum jener Jahre, das Sinnbild von Luxus und Pferdekräften, von Erfolg, Solidität und Eleganz.

Das Auto war das Symbol des Wiederaufstiegs, Mercedes und sein Stern waren die Krönung dieses Symbols. Die Nitribitt fuhr ein schwarzes Cabrio mit roten Sitzen, bei schönem Wetter offen. So baggerte sie ihre Freier an, sie parkte ihren Luxusschlitten neben deren Luxuslimousinen.

Im Auto erlebte man damals den Hauch von Freiheit und Mobilität, freie Fahrt für freie Freier. Wahrscheinlich freute sich der betuchte Kunde, wenn seine Tüchtigkeit, gespiegelt im Auto, sich an ihrer Tüchtigkeit, gespiegelt in ihrem Auto, messen konnte. Und war nicht ihr Mercedes Ausdruck dafür, daß sich das seine Manneskraft leisten konnte und offenbar schon geleistet hatte? Gut ist teuer, können ist leisten können. Übrigens nannte der Volksmund auch das 190er Cabrio einen »Nitribitt«.

In beiden Filmen ist der Mercedes der Preis der Ablöse von der Liebe. Der Industrielle Hartog (1958 gespielt von Carl Raddatz, 1996 gespielt von Heiner Lauterbach) zahlt ihn, um sich von ihrer Liebe freizukaufen. Lauterbach gibt ihr den Schlüssel zu seinem, Raddatz das Bargeld zu ihrem, 18 000 Mark.

Wenn man sagt, daß das damals ein Vermögen war, dann tut man der heutigen Zeit Unrecht, es ist auch heute noch ein Vermögen. Ein Mercedes SL kostet heute mindestens 120 000 Mark. Wenn sie sich daraufhin, gekränkt in ihrer Liebe, räkelt und dem sie Verlassenden, den sie eigentlich heiraten will, höhnisch ihre Liebe anbietet ("Ich will einmal für 18 000 Mark schlafen"), so hat das Lulu-Qualitäten. Wer mich quält, den demütige ich.

Die Realität war sicher weniger romantisch, und Rosemarie Nitribitt wird sich öfter krummgelegt haben müssen, bis das Auto abgezahlt war. Aber die Realität hat auch die spitzeren Pointen. Bevor die Nitribitt ihr schwarzes Auto fuhr, hatte sie den gleichen Wagen in grau. Den aber hatte, in der gleichen Ausstattung und Farbe, auch eine Frankfurter Dame, die zum konsularischen Corps gehörte, also zur wirklich guten Gesellschaft.

Sie wurde mit männlicher Aufmerksamkeit im Verkehr überschüttet, protestierte: Der Wagen der Nitribitt mußte umgespritzt werden. Man sieht, Autos waren damals zwar keine Rarität mehr, aber nicht bloß gesichts- und konturenlose Verkehrsbehinderungen und Staubestandteile.

Die hohen Einkünfte der Nitribitt, ihr luxuriöser Lebenswandel machten der Welt klar, daß wir, »wir Deutschen«, wieder wer seien, uns wieder was leisten konnten. Beide Filme zeigen die polternden Wirtschaftskapitäne Deutschlands, Schlotbarone von derbem Zuschnitt und fetten Manieren, bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: beim Angeben.

Das ist natürlich eine Vereinfachung, aber niemand wird abstreiten, daß die Edelprostitution eine besonders laute und ängstliche Form der Angabe ist. Man kann mit etwas prahlen, was man nicht erfüllt.

Schade nur, daß das raffinierte Leben dieser Edel-Hetäre erst durch ihren Tod bekannt wurde. Sie soll andererseits Tag für Tag Milchreis gegessen haben und des Schreibens mit der Hand nicht gerade meisterlich kundig gewesen sein; sie war eben eine Mischung aus Sozialfall und Grande Dame.

Ihr Tod jedenfalls blamierte die Adenauer-Republik als doppelmoralische Anstalt. Und da der Mord an ihr nie aufgeklärt wurde, wucherten die Gerüchte: Wirtschaftsspionage sollte im Spiel gewesen sein, Erpressung von Bonner Politikern. Thiele (und auch Eichinger) läßt sie Tonbandaufnahmen ihrer schwitzenden und stöhnenden Prominenten machen. Sie wird gefährlich, eine potentielle Erpresserin. Tatsächlich soll man ein Notizbuch gefunden haben mit ersten Adressen aus einem erstaunlich großen Einzugsgebiet. Deutschland war mobil, Frankfurt war sein Zentrum, der sexuelle Trieb geht gern auf Reisen.

Unaufgeklärte Morde reizen die Phantasie von Mitwelt und Nachwelt. Ist da der große Deckel des Verschweigens über eine Verschwörung von Staat und Gesellschaft gestülpt worden? Es gibt bis heute dazu keinerlei neue Erkenntnisse, und auch eine ausgiebige TV-Recherche vor zehn Jahren brachte kein neues Licht in den Fall.

Daß der Film 1958 den realen Namen der Ermordeten Nitribitt für den Titel nicht benutzte, obwohl man sich kaum einen eigenartigeren Namen hätte ausdenken können, lag an einem anderen Skandal der Zeit, in der auch der Sputnik westliche Gemüter beunruhigte; dem Nitrit-Skandal: Metzger mischten damals unerlaubte Mengen Nitrit unter ihre Ware, die daraufhin zwar schönes Fleisch offenbarte, rot und rosig, aber gleichzeitig giftig war - sozusagen Hurenschminke für Nahrungsmittel. Mario Adorf, damals jung und stiernackig, verkündete es höhnisch als Volksweisheit im alten Film: »Nie tritt der Tod den Menschen an/ kauft er die Wurst bei Pökelmann.« Ham wir jelacht!

Der Reiz eines Films über eine große Verführerin liegt aber vor allem in ihrer Darstellerin: Nadja Tiller, das Beste, was damals in Deutschland auf dem Vamp- und Sex-Sektor zur Verfügung stand, spielt zu Recht mit ihren schlanken Beinen, ihren spöttisch vollen Lippen, darf aber sonst, mitten in den fünfziger Jahren, kaum loslegen. Sie ist kalt, ja synthetisch.

Bei einem Strip ihrer jüngeren Nachfolgerin Karin Baal fährt die Kamera erschrocken in ihr Gesicht hoch, wenn sie den BH ablegt, bloß kein Brustfleisch erwischen! Und die Luden, die erpresserischen Zuhälter der Tiller, sind fröhliche Straßenmusikanten. So waren sie, die Fünfziger!

Die 20jährige Nina Hoss in Eichingers Film kann man schon jetzt, da der Film noch nicht ganz fertig ist, eine Entdeckung nennen: eine Mischung aus Naivität, Hingabe, Kraft und Wildheit. Sie kann, anders als das in den verdrucksten Jahren der Nitribitt möglich war, zeigen, womit jene die Männer reizte, jenes Spiel aus Verhüllung und Nacktheit, das in prüden Zeiten funktioniert wie der Druck auf den Alarmknopf: die Herren der Schöpfung als Stehaufmännchen. Y

Hellmuth Karasek
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