Zur Ausgabe
Artikel 65 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ein Piefke läßt die Sau raus

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über ein Peymann-Interview und seine Wiener Folgen
aus DER SPIEGEL 23/1988

Ein Piefke ist für die Wiener das, was für die Münchner ein Saupreiß ist, nur noch viel, viel schlimmer.

Ein Piefke sagt »Scheiße« statt »Küß die Hand«, geht in kurzen Hosen, Sandalen und ohne Lodenjanker durchs Hotel Sacher. Er hüpfte in Bochum oder Potsdam noch halbnackt von Ast zu Ast, während es in Österreich schon Lipizzaner, Mozartkugeln und Wiener Sängerknaben gab.

Ein Piefke ist laut und weiß alles besser, aber Tafelspitz hält er für eine Hunderasse. Er ist taktlos und läßt die Sau raus. Er sagt, daß Hitler aus Österreich stammt.

Seit der Wiener Burgtheater-Intendant Claus Peymann in der »Zeit« in einem Interview vorletzte Woche sämtliche Säue rausgelassen hat, ist er ein Piefke. In dem Verdacht stand der aus Bochum vor knapp zwei Jahren an die Burg berufene Regisseur, Theaterleiter und maulende Held schon länger.

»Schafft den Narren fort!« tönte es aus Wien. »Rettet das Burgtheater!« schrieb die Wiener »Presse« und meinte damit, was die »Neue Kronen-Zeitung« unter die Forderung »Weg mit ihm!« schrieb, während Staberl, Wiens hemmungslosester Kommentator, in der gleichen Zeitung einfach verlangt: »Ab in die Klapsmühle!«

Es sind schon Gemütsmenschen, die da Piefke Peymann an Kopf und Kragen wollen. Österreichs renommiertester Alt-Kritiker, Hans Weigel, 80, dessen Hauptverdienst in den seligen fünfziger Jahren des Kalten Krieges es war, den Wienern den Bolschewiken Brecht vom Hals zu halten, sagte jetzt, als man ihm etwas für seine Verdienste um den Hals hängte (den Staatspreis für Verdienste um Österreichs Kultur im Ausland): »Wenn ein Burgtheater-Direktor statt Chance 'Schangse' sagt, gehört er zurück nach Bochum und hat hier nichts zu sagen.«

Was war geschehen? Was hatte der Burgtheater-Chef begangen, daß sich das österreichische Kabinett mit ihm beschäftigte, Bundeskanzler Vranitzky auf vorsichtige Distanz ging, andere Politiker seinen Kopf forderten und zahllose Leserbriefe in Wiener Zeitungen seine Exorzierung aus Wien nach Bochum (für Österreicher augenscheinlich der Vorhof der Hölle) forderten?

Peymann, dem oft der Mund übergeht (er selbst bescheinigte sich inzwischen bußfertig, daß er wieder einmal sehr schwatzhaft gewesen sei), hatte dem Münchner Journalisten und Prominenten-Interviewer André Müller, berühmtberüchtigt für die explosiven Folgen seiner Gespräche, ein langes Interview gegeben, das die »Zeit« auf zwei Seiten abdruckte.

Grundtenor: »Alles Scheiße« und »Alles blöde Idioten!« Diese pessimistische Generalsidee und Grundaussage, mit der man eigentlich nie ganz falsch liegen kann, sah im einzelnen so aus:

▷ Das Wiener Burgtheater. »Wenn Sie wüßten, was für eine Scheiße ich hier erlebe! Man müßte dieses Theater von Christo verhüllen und abreißen lassen.«

▷ Über den Kollegen und Regisseur George Tabori, der für Peymann inszeniert hatte: »Tabori ist eine absolute Sau in der Arbeit. Der gibt in nichts nach, ein Tyrann erster Güte.«

▷ Österreich: Ein Land, dessen »katholische Personalpolitik zum Himmel stinkt«, diese »Wenderepublik Österreich, wo unter dem Deckmantel des Katholizimus wirklich alles legalisiert« werde.

▷ Über Hochhuths »Stellvertreter«, den sein Theater gerade zeigt: »Grauenhaft, und ich würde es auch nie inszenieren.«

▷ Über Bernhard Minetti, mit dem er einige der schönsten Thomas-Bernhard-Aufführungen veranstaltete: »Den Größenwahn eines Bernhard Minetti kann ich kaum noch ertragen. Wenn ich ihn anrufe, redet er ununterbrochen.« (Minetti dazu befragt, reagierte eher einsilbig.)

▷ Über den Dramatiker Kroetz: »Kennen Sie sein letztes Stück, 'Der Dichter als Schwein', dieses Auskotzstück, wo er ganz exhibitionistisch und sentimental über sich selbst schreibt?«

▷ Über den Kollegen Peter Zadek, den scheidenden Hamburger Intendanten: »Für Zadek ist das Theater ein Amüsierbetrieb.«

▷ Über den Exkollegen Ivan Nagel, den geschiedenen Stuttgarter Intendanten: Der habe doch noch nicht mal die Proben disponieren können.

▷ Über den Kollegen Dieter Dorn, Chef der Münchner Kammerspiele, eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Theater: »... während Herr Dorn in München eine Inszenierung nach der anderen hinwichst, alles halbfertig, gefällig, und das Resultat ist eben eine Boutique.«

▷ Über den künftigen Hamburger Schauspielhaus-Intendanten Bogdanov: »Eine drittklassige Figur aus England, Bogdanov oder wie der heißt. Das ist das Ende des Hamburger Schauspielhauses.« Und Regisseur Grüber? Er sei nicht auszuhalten, weil er dauernd besoffen sei. Schließlich Peter Handke: zu ungeschickt zum Selbstmord, weil er »die Tabletten wieder ausgekotzt hat«.

In diesem Rundumschlag, in dem Peymann, wenn auch nicht frei von gerührter Koketterie, auch gegen sich selbst wütet und sich als grausigen Tyrannen seiner Schauspieler bezeichnet, die er zu ihrem eigenen Nutzen immer wieder vergewaltigen müsse, kommen nur zwei Lichtgestalten vor: Thomas Bernhard, der größte lebende Dichter, und Peter Stein, der (neben Peymann?) größte lebende Regisseur.

Im Grunde enthielt dieser verbale Amoklauf alles, was Theaterleute so von sich und anderen halten (natürlich hat Peymann die blöden Kritiker keineswegs ausgenommen) und was sie sich so in der Kantine über Abwesende beim vierten Wein zuraunzen.

Daß Peymann seinen Kropf leeren mußte, wird aus seiner Situation nur zu verständlich. Der Herr Burgtheater-Direktor hat mit seinem letzten Regieprojekt, dem »Sturm«, nicht so recht reüssiert ("Die Zeit": eine »Zauberflaute") und versucht jetzt den Wind zu machen, der auf seiner Bühne ausblieb.

Durch Umstrukturierungsmaßnahmen hat die Burg sowohl einen Besucher- wie einen Einnahme-Rückgang zu verzeichnen. Konservative Besucher dieser gewiß konservativsten deutschen Sprechbühne kehren dem Theater den Rücken, die Jungen, die an ihrer Stelle kommen (sollen), zahlen zumindest weniger.

Aber schon mit seiner Berufung an die Burg durch den damaligen Unterrichtsminister Zilk ist Peymann in ein schier unausweichliches persönliches Dilemma geraten. Denn der ewige Quer- und Brausekopf, der erst mit 50 die Jeans und seine Herkunft aus dem so produktiven Studententheater der sechziger Jahre Gott sei Dank nie ganz abgelegt hat, ist auch ein maßlos eitler Egomane, für einen Künstler nicht unbedingt eine negative Qualität, für einen Intendanten zumindest ein Handicap.

Burgtheater-Direktor und ewiges Enfant terrible - das sind zwei Berufszweige, die sich nur schwer in einen Sessel zwängen lassen -, so sehr läßt sich der Hintern nicht zusammenkneifen.

Bezeichnend in dem Peymann-Interview ist denn auch eine Passage, in der er schildert, wie sich Österreichs Präsident Waldheim an ihn herangeschlichen habe, um ihn für seine »Richard III.«-Inszenierung in den Nacken zu küssen. Natürlich waren Kuß und Nacken von Peymann metaphorisch gemeint, er fühlte sich von dem angeschlagenen Landesvater umarmt, vereinnahmt.

Die Wirklichkeit sieht so aus: Peymann sitzt mit dem deutschen Kritiker Peter Iden im Hotel Imperial beim Essen. Das pompöse Imperial, ein Kritiker am gleichen Tisch - schon das offenbart Peymanns Dilemma. Da steht in acht Metern Entfernung der im gleichen Lokal mit seiner Tochter speisende, joviale und vergeßliche Landesvater auf und schreitet auf des Burgtheater-Direktors Tisch zu. Der steht auf, nimmt submissest das Kompliment des Serenissimus für seinen Shakespeare entgegen und stellt den bundesdeutschen Kritiker als Vertreter der »linken 'Frankfurter Rundschau'« vor. Was muß er gelitten haben, daß er dem Gegenüber nicht mit einer Bernhardschen Suada haßerfüllter Invektiven antworten konnte: Der Burgtheater-Direktor Peymann, der sich artig bedankte, begann die Verachtung des impulsiven Künstlers Peymann zu spüren. An dieser Verachtung wäre er erstickt, hätte er sie nicht via Interview ausgekotzt.

Den Entrüstungssturm der Politiker und der Wiener Journalisten hat Peymann, so sieht es aus, erst mal überstanden. Die Belegschaft des Burgtheaters hat dies in einem offenen Brief an Peymann so formuliert: »Das einzige, was noch für Sie spricht, sind die Worte Jörg Haiders zu Ihrer Person.« Haider, der stramm rechte Vorsitzende der österreichischen Liberalen (die in Wahrheit rechte Konservative sind), hatte Peymanns Ablösung gefordert.

Und auch die prominenten Kollegen, die er angepinkelt hat, werden ihm verzeihen: Zadek, der sich in einem Brief vor seinen Nachfolger Bogdanov gestellt und Peymann deutschen Hochmut gegen den international renommierten britischen Kollegen vorgeworfen hat, wird natürlich ohne Probleme an Peymanns Burg den »Kaufmann von Venedig« inszenieren.

Schwerer wiegt und zählt die Verstimmung, die Peymann per Wortschwall in sein Ensemble hineininszeniert hat, indem er die Schauspieler als dumme, eitle, willfährige Werkzeuge seiner Regie-Genialität bezeichnet hat, die nur durch Peymannsche Tritte in den Hintern zu einiger Bedeutung hochgetreten würden. Nicht nur das Wiener Stamm-Ensemble, ohnehin von dem Piefke aus Bochum überrannt, ist vergrätzt. Auch die deutschen Peymann-Söldner, die in Wien für ihn an manchem Abend den Kopf herhalten müssen, zu seinem höheren Ruhm die Anfeindungen im Feindesland erdulden, fühlen sich verraten.

Hans-Michael Rehberg, als Gast-Protagonist für den Bernhardschen »Heldenplatz« (Premiere im Oktober) vorgesehen, hat abgesagt. Am Freitag mußte Peymann vor seinem Ensemble in die Knie. Pardon wurde ihm gerade noch gewährt. Der Konflikt schwelt weiter.

Sosehr sich Peymanns Ego an dem Sturm, den er entfachte, gelabt und erholt haben dürfte, so sehr hat sein Alter ego (der Herr Direktor) an der Attacke Schaden genommen. Das Schlimme ist: Das Interview wird er überleben, die nächste, vielleicht gerechtfertigte, weil notwendige Auseinandersetzung mit seinen Wiener Widersachern gewiß nicht.

Thomas Bernhards »Heldenplatz« soll, so ist zu hören (der Text wird streng geheimgehalten), den »Anschluß« 1938, also Waldheim-Österreichs schlimmste, kaum vernarbte Wunde zum Thema haben. Und das zum hundertjährigen Jubiläum der Burg, als vergiftete Geburtstagstorte. Spätestens dann wird Peymann die Worte Peymanns zum Teufel wünschen. Über Gott und die Theaterwelt wird er so schnell mit niemandem sprechen. Nicht einmal mit sich selbst.

Hellmuth Karasek
Zur Ausgabe
Artikel 65 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel