Zur Ausgabe
Artikel 57 / 76

EIN RISIKO FÜR ENGLAND

aus DER SPIEGEL 52/1970

Angriffe treffen ihn ungeschützter als früher er ist scheuer geworden, dünnhäutiger, und seine Aufmerksamkeit wirkt angestrengter. Rudi Dutschke registriert die erzwungene Distanz zur politischen Szenerie sehr genau -- nicht ohne Bedauern übrigens, wenn er davon hört, wie viele Genossen der DKP oder SEW beigetreten sind. Aber er kennt die Grenzen, die ihm das Attentat gesetzt hat.

So ist die Fortsetzung seines Studiums nicht etwa eine Flucht vor der Politik. Im Gegenteil: In der Aufarbeitung sozialistischer Theorie sieht er die politische Funktion, die ihm vorerst allein übriggeblieben ist.

Einst war das Inselreich Fluchtburg für Verfolgte. Karl Marx blieb von den englischen Bürgerregierungen seiner Epoche unbehelligt. Die Torys von heute hingegen, seit einem halben Jahr an der Macht. scheinen in der alten Toleranz eher ein Handikap zu sehen. Dutschke soll nicht länger erlaubt sein, was vor 100 Jahren bei Marx niemanden störte. So hatte sich Britanniens konservativer Innenminister Reginald Maudling im September geweigert, die Aufenthaltserlaubnis für die Dutschke-Familie zu verlängern. Dutschke legte Berufung ein.

Am Donnerstag letzter Woche bot die Regierung ihren Generalstaatsanwalt auf, einen Mann mit Ministerrang also, um vor dem »Immigration Appeal Tribunal«, einer erst 1969 von der damaligen Labour-Regierung eingerichteten Berufungsinstanz, gegen den Verbleib Dutschkes zu plädieren. Und das, obwohl sich niemand an die Empfehlung des Tribunals, die diese Woche erfolgt, halten muß; Maudling mag sie allenfalls als moralischen Stolperdraht empfinden.

Für Dutschke ist das Tribunal ein gebrechlicher Rechtsschutz. Da der Innenminister erklären ließ, Dutschkes Anwesenheit gefährde die nationale Sicherheit, kann die im Thanet House am Londoner »Strand ohnehin nur begrenzt zugelassene Öffentlichkeit gelegentlich ausgeschlossen werden, auch Dutschke, auch sein Verteidiger. Dutschke -- ein Sicherheitsrisiko für England?

Sir Peter Rawlinson, der Generalstaatsanwalt, wollte nur ein paar Andeutungen geben, warum das so sei. In Calais habe Dutschke im Sommer 1969 Bahman Nirumand treffen wollen, einen oppositionellen persischen Schriftsteller und angebliches Gründungsmitglied des Internationalen Aktionszentrums gegen die Nato. Außerdem seien die Dutschkes an die See, nach Swansea gefahren. Konnten sie nicht von dort aus die Stahlwerke von Port Talbot aufgesucht haben, wo zur gleichen Zeit ein Streik ausbrach? Gretchen Dutschke: »Ja, ich erinnere mich -- wir sind mit der Bahn daran vorbeigefahren.«

Offensichtlich will dem Staatsanwalt nicht der Verdacht kommen, hei solchen Schriftstellergründungen gegen die Nato könnte es sich um eine Variante der Bakuninschen Fabulier- und Gründungslust handeln. Statt dessen werden Freundesbesuche und Reisen zu »Kontakten mit subversiven Gruppen« erklärt. Wer denn, so fragt Dutschkes Verteidiger, sollte sich von einem Mann Rat holen, der sich erst mühsam wieder in der veränderten politischen Landschaft zurechtzufinden sucht? Aber Rawlinson, mit sozialistischen Theorien auf dem Kriegsfuß stehend, läßt nicht einmal das Klischee vom »Studentenführer« aus; auf seinem Tisch stapeln sich die Zeitungsausschnitte vergangener Berliner Tage, und selbst das Dutschke-Buch »Rebellion der Studenten« muß nun gegen Dutschke zeugen; der Staatsanwalt hat es übersetzen lassen.

Es ist eine Rückkehr in die Vergangenheit mit verteilten Rollen. Der königlich-britische Innenminister hat den Part der Springer-Zeitungen übernommen und einen Rudi Dutschke aus der Mottenkiste bürgerlicher Vorurteile wiederaufleben lassen -- den Bevoluzzer und Bürgerschreck. Was aber Dutschke vor den Gerichten West-Berlins und der Bundesrepublik erspart blieb, geschieht nun vor dem Londoner Tribunal: Er soll sich seiner revolutionären Gesinnung wegen verantwor-

* Mit Frau (l.) Und Freundin vor dem Gebäude des Tribunals.

ten. Ihm wird vorgehalten, den Umsturz gewollt zu haben.

Der Feuerkopf Rudi Dutschke hatte zwar von der Notwendigkeit der Revolution gesprochen, aber nicht von einer, wie auch immer, in absehbarer Zeit bevorstehenden. Er empfand ebenso wie Herbert Marcuse »existentiellen Ekel« angesichts der Glitzergesellschaft West-Berlins und der Bundesrepublik und sah sich allenfalls als Figur einer »kulturrevolutionären Übergangsperiode«, einer »vorrevolutionären Phase«. Gleichwohl ließ er sich nicht vom »langen Marsch« in den Zynismus leiten -- freilich auch nicht in den Kompromiß mit dem linken Flügel der SPD.

Im Bewußtsein, alles kaufen zu können, prägte die Gesellschaft damals schnell die passenden Münzen. Schon 1966 wurde der Autoritätsgegner und fanatische Diskutierer Dutschke zum » Führer der Berliner Provos«, für einige zum Mann mit den »stechenden Augen«. Andere teilten das Image aus und stellten den Roten Riesen zur öffentlichen Verwertung bereit. Josef Bachmann, der 1968 die drei Kugeln auf Rudi Dutschke abgeschossen hatte (und sich später selbst das Leben nahm), beriet sich auf »Bild«.

Paradoxerweise waren es die Schüsse des Attentäters, die Dutschkes Identität wiederherstellten. Hinter den Plakaten vom »Studentenführer« und »SDS-Häuptling« tauchte wieder ein Mensch auf, über den man nichts wußte -- so wie man im Grunde auch vorher schon nichts gewußt hatte. Aber man brauchte jetzt dies Manko nicht länger einzugestehen, denn Dutschke war krank und überdies außer Landes,

Jetzt hat ihn diese Vergangenheit wieder eingeholt -- vor einem britischen Tribunal. Und folgerichtig ruft Dutschkes Verteidiger Basil Wigoder am zweiten Tag auch die wirklichen Zeugen dieser Vergangenheit auf: den ehemaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Heinrich Albertz, und Helmut Gollwitzer, Theologie-Professor an der FU.

Albertz neuer Pastor in Berlin und aus dem Abgeordneten-Haus ausgeschieden, erklärt, Dutschke habe »in einer der gefährlichsten Situationen in unserer Stadt den Frieden bewahrt« -- gemeint ist die große Anti-Vietnam-Demonstration im Februar 1968. Und Gollwitzer, militanter Christ, hält dafür, daß »viele der Demonstrationen notwendig waren, um uns auf Schäden in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen«.

Rudi Dutschke, uneitel wie je, sucht dem Streß einer solchen Verhandlung nicht zu unterliegen; Freunde wie Erich Fried helfen ihm dabei. Zwei britische Ärzte haben ausgesagt, seine Gesundheit werde nie völlig ungefährdet sein.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.