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Ein Schatz- und ein Beinhaus unserer Sprache

Peter Wapnewski über die Neuausgabe des Deutschen Wörterbuchs der Brüder Grimm Der Germanist Peter Wapnewski, 62, Experte für mittelhochdeutsche Lyrik und Epik, ist Rektor des »Wissenschaftskollegs zu Berlin«. *
aus DER SPIEGEL 52/1984

Das Übel unsrer Verjagung aus Göttingen und der hartnäckigen Schwierigkeiten aller Wiederanstellungen trägt uns vielleicht eine gute Frucht.« So Jacob Grimm in einem Brief vom 20. Januar 1839. Und er meint damit den Plan des Wörterbuchs. »Frucht« aber heißt das letzte Stichwort, das er nicht erarbeitete vor seinem Tode 1864. Man braucht den Befund nicht zu mystifizieren, er bleibt auch ohne organische Metaphorik reizvoll genug in diesem an Wunderlichem und Wunderbarem überreichen Werk, zu dessen Charakterisierung immer wieder die Leistung von Zyklopen oder Titanen herbeizitiert wird. Was derzeit mit großer Lebhaftigkeit geschieht: Das macht, es hat der Deutsche Taschenbuch Verlag das monströse Unternehmen gewagt (und schon gewonnen), diese 32 (plus einen) Folianten nachzudrucken und uns zur Verfügung zu stellen.

Ich sage »uns«, denn das Werk war geplant als Gabe an das ganze Volk, und doch konnte selbst der Germanist vom Fach bisher schwerlich hoffen, es als Privatbesitz seinem Bücherschrank einzureihen, er hätte dafür zuletzt nahezu 6000 Mark ausgeben müssen (und an den unvollkommenen nachgedruckten Bänden nicht immer seine Freude gehabt).

Sechzig Pfund Taschenbuch, das mag man getrost eine Sensation nennen; und sie kosten (bis Jahresende 1984) 980 Mark. Die wird mancher zu opfern bereit sein, dem es ernst ist mit der deutschen Sprache, ihrer Geschichte, ihrer Anwendung, ihrer Aussagekraft. Worum aber handelt es sich?

Ein Wörterbuch ist ein Wörterbuch ist ein Wörterbuch: Das trifft, bei Lichte besehen, ein jedes Buch, wofern es aus Wörtern besteht. Die korrekte Definition aber, wie Jacob Grimm sie bringt, lautet: »Wörterbuch ist die alphabetische verzeichnung der wörter einer sprache.« Das klingt simpel, ist aber ein Programm, dessen Erfüllung sich ungeahnte Schwierigkeiten entgegenstemmen.

Wie war die Ausgangslage? Es war im Jahre 1837, daß der neue König von Hannover Ernst August die geltende Verfassung des Landes außer Kraft setzte und die Staatsdiener nötigte, nunmehr einen neuen Eid, und zwar auf die obsolete Verfassung von 1819, abzulegen. Das taten dann die meisten, aber sieben Professoren der Universität Göttingen weigerten sich. Sie sind zu Recht dafür berühmt bis auf den heutigen Tag. (Und die Frage, warum es nur sieben waren, sieben von 41, rührt an die Gesinnungsfestigkeit des deutschen Bildungsbürgertums und insbesondere des Professorenstandes - und damit auch an das Jahr 1933. Man lese die Schrift »Jacob Grimm über seine entlassung«, erschienen 1838 im zensurfreien Basel.)

Unter diesen sieben die beiden brüderlichen Philologen. Amtsenthoben also, und Jacob gar des Landes verwiesen. Da trugen, der Wissenschaft, dem patriotischen Bedürfnis und der sozialen Verpflichtung zu dienen, die Leipziger Verleger Reimann und Hirzel sowie der sie beratende Philologe Moriz Haupt den beiden schon damals berühmten (und am Beginn ihres sechsten Lebensjahrzehnts stehenden) Gelehrten die Verfertigung eines deutschen Wörterbuchs an. Aus dem Plan wurde nach langen und mühsamen Vorverhandlungen Realität. Jedenfalls in dem Sinne, als ab 1852 die ersten Lieferungen erscheinen konnten und 1854 der erste Band, begleitet von einer weitausholenden und programmatischen Vorrede Jacobs, die zu lesen für alle an Schrift, Schreibung, Sprechen und Sprache Interessierten auch heute noch von größtem Gewinn ist.

Er hatte sich im ersten Zugriff die Buchstaben A bis C und E und F vorgenommen, Wilhelm bearbeitete D. Was darüber hinausging, lag jenseits ihrer Lebenszeit. Denn der hochgemut-naive Plan, etwa sechs oder sieben »starke Bände« zu verfassen und das zu bewältigen, indem »wir beide 4 Jahre der Sache täglich 2 Stunden widmen, u. ich will gerne fleißig seyn« (so Wilhelm an Jacob am 16. 4. 1838), wuchs sich aus zu einem Unternehmen, das durchaus mit dem des Sisyphos vergleichbar wurde: ein Gebirge, ein Kosmos von Wörtern, deren jedes neue nach sich zog in grenzenloser Menge; wie von Schneeflocken eingeschneit fühlte Jacob sich durch die ohn'' Unterlaß auf ihn eindringenden Belege, das Werk wurde autonom und drohte, den Händen seiner Meister zu entgleiten.

Waren es anfangs 30, später an die 80 Helfer, die ihnen als »Exzerptoren« zur Hand gingen (und darunter hervorragende Gelehrte und Literaten der Zeit), so wucherte das Unternehmen unter der Regie der Nachfolger im Zeitalter Wilhelminischen Monumentalgebarens grenzenlos aus, wurde unübersehbar, litt unter dem Mangel an Konzept und Koordination, verlor jeden Sinn für Maß und Proportion, führte sich ad absurdum in positivistischem Sammelwahn, der schließlich dem berüchtigten Artikel »stehen« nicht weniger als 325 Spalten aufzwang (das machte, in unser gängiges Buchformat umgesetzt, gut und gerne 600 Seiten) - und kam schließlich doch zu einem Ende. Das man als »gut« bezeichnen kann, weil es eben ein Ende war.

Die einzelnen Phasen, Stufen, die Organisation und die Reorganisation in der Geschichte des Werks, das 1960 (also nach weit mehr als hundert Jahren) seinen Abschluß fand dank der Leistung der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften und der mit ihr zusammenarbeitenden Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuchs an der Göttinger Akademie, kann man jetzt klar verfolgen dank der Darstellung in Alan Kirkness'' kluger Dissertation (als Buch bei Hirzel in Stuttgart 1980). Einer Arbeit, der die meisten der gegenwärtig aus dem Boden schießenden Würdigungen des Wörterbuchs ihr Material verdanken, es geht auch mir nicht anders (aber ich vermerke es doch wenigstens).

Da lagen sie nun vor, 32 Bände (und 1971 kam noch der 33. hinzu, das aufschlußreiche Quellenverzeichnis), insgesamt rund 35 000 Seiten von »A« bis »Zypressenzweig«; in schätzungsweise 3000

Exemplaren - und nicht mehr - verbreitet über die wissenschaftliche Welt. Wer sollte das lesen, wollte es benutzen, konnte es gebrauchen? Solche Fragen zu beantworten, tut man gut, sich der Konzeption der beiden Verfasser zu erinnern. Es gab ja auch vor ihrer Zeit schon deutsche Wörterbücher, so etwa von Adelung (1786) und von Campe (1811). Aber sie waren nicht viel mehr als ein Synonymverzeichnis der Sprache der jeweiligen Gegenwart, das heißt, sie erklärten mit Hilfe anderer Wörter belehrend den »Sinn« eines Wortes.

Das aber war nicht die Sache der Grimm. Sie begriffen Sprache als vornehmsten Ausdruck der Natur eines, ihres Volkes; sahen in ihr dessen Geschichte sich niederschlagen; wollten im Werden der Wörter dem Werden des deutschen Geistes nachgehen, auf solche Weise beitragen zur Beflügelung und Festigung des patriotischen Sinnes. Eines Nationalgefühls, das in jener nachnapoleonischen Ära die deutschen Stämme auf ein einiges deutsches Reich hoffen ließ (und im südlichen und östlichen Europa waren vergleichbare Impulse mächtig).

Solchem geschichtlichen Ansatz wurden die gelehrten Brüder gerecht, indem sie im Schema der jeweiligen Stichwortbehandlung zuallererst dem deutschen Lemma (Stichwort) das lateinische Äquivalent zur Seite stellten; sodann der Entwicklung des Wortes von den erreichbaren Urgründen über die althochdeutschen und mittelhochdeutschen Sprachstufen nachgingen; um endlich, gewissermaßen im Hauptteil der Darstellung, der Wortbedeutung mit Hilfe des Wortgebrauchs auf den Grund zu kommen: was ausschließlich gelingen kann mit Hilfe von bezeichnenden Belegen. Und zwar, dies ein wichtiges Prinzip der Arbeit, mit Belegen aus »allen edeln schriftstellern« für die Zeit von Luther bis Goethe (oder, wie die Grimm konsequent schreiben, Göthe).

Das stellt sich dar als deskriptive Methode und will den normativ lehrenden Zeigefinger nicht vorweisen, will aber doch wirken, will Sprachgefühl verfeinern, Sprachgebrauch beleben in sinnhaft-plastischen Wendungen; will dem vaterländischen Geist stolz dienen und das volkstümliche Gemüt reich erweitern durch die beispielhafte Darbietung des ganzen gewaltigen Corpus der Muttersprache. So daß nicht die gelehrte Absicht im Vordergrund steht, sondern der »practische nutzen«, die populäre Wirkung, die Forderung der Bildung des Geistes, der Erziehung des Charakters.

Man kann es als rührend empfinden, was Jacobs Vorrede in idyllischer Vision behaglich ausmalt: »warum sollte«, fragt er rhetorisch, »sich nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit dem knaben durchgehend zugleich ihre sprachgabe prüfen und die eigne anfrischen? die mutter würde gern zuhören. frauen, mit ihrem gesunden mutterwitz und im gedächtnis gute sprüche bewahrend,

tragen oft wahre begierde ihr unverdorbnes sprachgefühl zu üben, vor die kisten und kasten zu treten, aus denen wie gefaltete leinwand lautere wörter ihnen entgegen quellen.«

Jacob Grimm, der Junggeselle, konnte nicht ahnen, daß der gesunde Mutterwitz der Frauen sich hundertfünfzig Jahre später nicht eigentlich um Kisten und Kasten und lautere Wörter scheren, sondern sich schneidig hervortun würde, den Männern im Szenen-Rotwelsch und Beziehungskisten-Argot über den ausgeplapperten Mund zu fahren.

Es sind also die einzelnen Artikel dieses Wörterbuchs, um es milde auszudrücken, von sehr unterschiedlichem Wert. Wer sich auf dem Niveau der heutigen Sprachwissenschaft mit ihm befassen und von ihm Auskunft haben will, tut gut, sich jeweils zuvor der Entstehungszeit und der Verfasser des befragten Buchstabens zu versichern. Was die noch von den Brüdern Grimm bearbeiteten Bände angeht, so steht da nahezu unvermittelt der Ertrag hochgelehrten Forschergeistes (man schlage den Artikel »Auge« auf) neben Kauzigem, Skurrilem, schlicht Falschem.

Die emotional-ästhetische Komponente des Verfahrens offenbart sich bereits in der ersten Zeile des ganzen Werks: da wird ein Buchstabe, ein Laut moralisiert, wird anthropomorph mit charakterlichen Eigenschaften begabt - und gerühmt: »A, der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht (!) die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen.«

Folgt bald die Verdopplung »AA«, »anständiger als die gemeinen Ausdrücke ''koth'' oder ''dreck''«; und in der Tat haben die Grimm den forscherischen Drang nie prüder Zimperlichkeit geopfert: »das wörterbuch, will es seines namens werth sein, ist nicht da um wörter zu verschweigen, sondern um sie vorzubringen«. Eine wackere Devise, der man sich freilich nur bekümmert erinnert, wenn man bucht, was fehlt. Das gilt zum Beispiel für ein so ganz und gar unersetzliches und längst von aller fremden Aura befreites Wort wie »Kultur«. Aber »Fremde Wörter« sind den Grimm unbehaglich, ihr organisches Sprachverständnis versteigt sich da zu bedenklichem Purismus, und wenn Sprache Geist ist, dann ist er wohl auch der einer Fremdfeindschaft, wie sie uns bis auf den heutigen Tag nur allzuvertraut ist: »Alle sprachen, solange sie gesund (!) sind, haben einen naturtrieb, das fremde von sich abzuhalten und wo sein eindrang erfolgte, es wieder auszustoszen ...« Da verläßt den großen Sprachforscher auch seine Kenntnis der Geschichte des Englischen; und man erinnert sich beunruhigt an Adornos Apercu, nach dem Fremdwörter die Juden der Sprache sind (der deutschen).

Was nun die nicht-fremden, die heimischen Wörter also angeht, so feiert bei deren Registrierung die oft belächelte Grimmsche »Andacht zum Unbedeutenden« ihre Feste. Wer die deutsche Sprache zu kennen glaubt, wird tausend und Abertausende von Wörtern finden, die er nicht nur nicht kennt, sondern deren Existenz er schlichtweg bestreiten würde, von »Albrigkeit« bis »Zungenziegel«, von »Biermörder« bis »Zückeschnur«. Vor allem aber wird er sich von den Brüdern staunend geleiten lassen in deren regionale, ja intim-familiäre Gefilde, zuweilen lesen sich die Beschreibungen wie Kommentare zu einem Heimat-Lesebuch, das Trauliche und Heimelige und Kauzige des Märchenerzähltons ist den Verfassern auch in der Wissenschaft ganz natürlich, es sind die »schichtenspezifischen Sprachbarrieren« noch niedrig. So in dem oft zitierten und glossierten Artikel »Amtmann« (alte Bezeichnung für »Beamter"), dem folgt: »Amtmännin ... unsere sel. mutter (der sel. vater war hessischer amtman zu Steinau an der strasze, + 10. jan. 1796) hiesz beim volk nur die framtmännin ...«. Oder die arglose Frivolität des Belegs unter »ansammeln«; _("eine zwölf monate nach des mannes tod ) _(kindes entbundene witwe meinte: das hat ) _(sich noch vom seligen manne her ) _(angesammelt, ist noch altes ) _(sammelsurium.« )

oder die fulminante Leistung, ein Stichwort mit Hilfe dreier Bestimmungen zu erläutern, deren jede

falsch ist: »Blindschleiche": eine blinde, giftige schlange ...

Wenn aber das Verbum »anschaffen« belegt wird durch die Beispielsätze: »die frau will sich alle wochen ein neues kleid anschaffen; er hat sich schöne bücher angeschaft«, dann ist klar, wie die Welt sich ordnet, der Mann ist das Prinzip Geist, die Frau das Prinzip Sinnlichkeit (Putz, Verschwendung), und solcher Vorstellung von unbezweifelbaren Hierarchien fügt sich das ganze große Werk über weite Strecken: Herr und Knecht und Jung und Alt und Groß und Klein, alles hat seinen unverrückbaren Platz, Wörterbücher verändern nicht, sie halten fest. Und dieses tut es in besonders zähem Maße.

Die Wörterbuchmacher - ein Ehrentitel - sind im übrigen bereits in Ost-Berlin wie Göttingen an der Arbeit, die ersten Buchstaben neu zu erarbeiten und auf das Niveau der Sprachwissenschaft unserer Tage zu heben. Aber sie haben für zwei Bände Arbeit von 24 Jahren gebraucht, die beiden nächsten hofft man in zehn Jahren vorlegen zu können: Eine lange Spanne - sie hat zumindest den Vorzug, die eilige Aufnahme von flüchtigen Modewörtern zu verhindern, wie sie manches aktualitätssüchtige Wörterbuch der Gegenwart- (oder Jugend- usw.) Sprache schick, flott und sinnlos füllen.

Im übrigen muß sich, wer nach einem Wort sucht, das »der Grimm« noch nicht kennt oder dessen geschichtliche Herleitung und Erklärung er nur unzulänglich leistet, begnügen mit den beiden sechsbändigen Wörterbüchern, die jüngst von zwei bundesdeutschen Verlagen hergestellt worden sind: dem »Duden« und dem »Brockhaus-Wahrig« (das erste 1981, das andere 1984 abgeschlossen). Deren Artikel zu vergleichen mit denen des ehrgeizigen gleichfalls sechsbändigen »Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache«, herausgegeben unter der Leitung von Ruth Klappenbach und Wolfgang Steinitz durch die Ost-Berliner Akademie (1961 bis 1977), ist ein Vorgang von nicht nur wissenschaftlichem, sondern auch von »deutschem« und also melancholischem Reiz.

Auch unter den Nachfolgern der Grimm blieb das Gesichtsfeld über Jahrzehnte hin gegen den linksintellektuellen Bereich abgeschirmt, also defizient - und doch zutreffend, denn es spiegelt die dominante Geisteshaltung der Entstehungsphase und -phasen wider. Insofern ist auch der Artikel »Jude« von schlimmer Richtigkeit oder besser Triftigkeit. Walter Jens beklagt zu Recht die niederträchtige Aura mancher Belege. Da heißt es denn: »von ihren schlimmen eigenschaften werden namentlich ihre unreinlichkeit, sowie ihre gewinnsucht und ihr wuchersinn in mannigfachen wendungen betont: schmierig wie ein alter jude; er stinkt wie ein jude; daran angelehnt, schmecken wie ein jude ...; wuchern, betrügen, leihen, borgen wie ein jude": bei solcher »einseitigen Quellenauswertung«, so Jens, »packt auch den tolerantesten Leser der Zorn«.

Aber der Zorn gegen wen? Wieder verrät die Sprache uns, ihre Sprecher: wem fällt wohl, aus redensartlicher Gewohnheit oder, sei er auch noch so belesen, aus der Literatur im Zusammenhang mit »Jude« ein »Beleg für den Edelmut, die Humanität eines Israeliten« ein, - und so gilt uns denn dieser Artikel aus dem Bande des Jahres 1877 als ein prägnantes Zeugnis für den latenten oder manifesten Antisemitismus des deutschen - nicht nur deutschen - Bürgertums jener Epoche, der sich zwei Generationen später tödlich entlud.

Aktuell also bleibt dieses Wörterbuch auch in seinen veralteten, besser: alten Partien. Das gilt nicht minder für den 19. Abschnitt der Vorrede, in der Jacob Grimm über Schreibung und Druck handelt. Man hat zu Recht seine Entscheidung für die klare Antiqua gelobt (deren Konturen im dtv-Nachdruck dank geringfügiger Verkleinerung des Satzspiegels noch klarer herauskommen), und es ist vergnüglich, seine zornigen Ausfälle zu lesen gegen die »ungestalte und und häszliche ..., verdorben und geschmacklose schrift«, die man leider »sogar eine deutsche« nenne. Es geht also gegen die Fraktur, und wer sie guten Grundes ablehnt, muß laut Grimm mit gleicher Konsequenz »den albernen gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva« ablehnen, wie er sich aus der

Verwilderung des Buchdrucks »im laufe des 16 jh.« als »misbrauch« eingeführt habe.

Wer immer sich heute gegen das Konzept der »gemäßigten Kleinschreibung« wendet und für die Majuskel plädiert als gliederndes und ein Verstehen des Geschriebenen begünstigendes Instrument, wird nicht umhin können, sich mit den Thesen dieses eminenten Kenners und großen Sprachgelehrten auseinanderzusetzen, der ein liberaler Bürger mit durch und durch konservativer Gesinnung und rückblickender Gemütshaltung war: »hat nur ein einziges geschlecht der neuen schreibweise sich bequemt, so wird im nachfolgenden kein hahn nach der alten krähen.«

Vielleicht aber dämmert ohnehin der Tag, an dem kein Hahn mehr kräht nach Schrift und Schreibung, sondern die Menschen sich verständigen oder einrichten mit Hilfe von Bildstummeln, Piktogramm-Signalen: Analphabetismus als Endresultat einer Erziehung des Menschengeschlechts. Und das Ende aller Poesie, deren »gewalt« gemäß dem hochherzigen Glauben der Grimm und der romantischen Wissenschaft »in jeder Sprache das meiste vermag«.

Gewalt der Poesie: Solches Bekenntnis zeigt, wie weit der historische Abstand zwischen den Begründern und den heutigen Benutzern des großen Wörterbuchs ist, und weiter noch wird die Kluft, bedenkt man dazu das nationalpatriotische Pathos der Begründung. Die »empfänglichkeit des volks für seine muttersprache« werde bewegt auch »durch erstarkte liebe zum vaterland und untilgbare begierde nach seiner festeren einigung. was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?« Das klingt brennend aktuell, aber bevor man es einbaut in wohlfeile Festsprüche gesamtdeutscher Rhetorik, möge man prüfen, was es hier und heute auf sich hat mit der politisch bewegenden Kraft dieser Gemeinsamkeit; mit der Kraft auch, die das Fundament solcher Gemeinsamkeit stetig aushöhlt.

Wer solchen Abstand vertuschen, wer diese Formulierungen einzwängen will in die Spruchhülsen einer gefügig sich anbiedernden Politsprache, mißbraucht Grimms Enthusiasmus und betreibt zumindest Augenwischerei (ein Wort, das Jacob noch nicht kannte).

»Was ist eines wörterbuchs zweck?« fragt der zweite Abschnitt der Vorrede. Entsakralisiert man Jacob Grimms Antwort und übersetzt sie aus dem hohen Ton ihrer Zeit in den nüchternen der unsren, wird man der Zweckbestimmung auch für unsere Tage beipflichten:

»Es soll ein heiligthum der sprache gründen, ihren ganzen schatz bewahren, allen zu ihm den eingang offen halten, das niedergelegte gut wächst wie die wabe und wird ein hehres denkmal des volks, dessen vergangenheit und gegenwart in ihm sich verknüpfen«. Das Heilige und Hehre und die organische Metaphorik einmal beiseite gelassen, erweist sich solche Bestimmung als brauchbar: Sprache in ihrer Gesamtheit als Zeugnis der Geschichte und Gegenwart, Zeugnis des »Geistes« als der Lebenswirklichkeit eines Volkes.

Das Wörterbuch als Lesebuch und Geschichtsbuch, man schlage es auf, wo immer man wolle, und man wird betroffen oder irritiert, gefesselt oder fasziniert sein von Leben, das sich niederschlägt im Wort, in Worten und Wörtern, die, aus welchen Zusammenhängen immer kommend, ihrerseits zu Geschichten gerinnen und von Geschichte sprechen. Von der Vorstellung einer »verführerischen und schrecklich-schönen Bibel der Deutschen« (Jens) konnte Jacob Grimm nun zwar nicht träumen, aber Pathos der Mission und Feuer der Verheißung fahren aus seinem Munde, wenn er die Vorrede schließt:

»Deutsche geliebte landsleute, welches reichs, welches glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane halle eurer angestammten, uralten sprache, lernet und heiliget sie und haltet an ihr, eure volkskraft und dauer hängt in ihr.«

Welches Reichs, welches Glaubens: das meint 1854 anderes als im Jahre 1984. Und doch ist wahr, daß all unser Räsonieren über Staat und Nation und Volk und die skrupulöse Bestimmung von Einzahl oder Zweizahl in all diesen Spekulationen zu tun hat mit unserer »angestammten, uralten sprache«.

»eine zwölf monate nach des mannes tod kindes entbundene witwemeinte: das hat sich noch vom seligen manne her angesammelt, istnoch altes sammelsurium.«

Peter Wapnewski
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