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Ein Schweizer Prinz in West-Berlin

Hartmut Schulze über Matthias Zschokke: »Max« und »Prinz Hans« *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Vor zwei Jahren hat Matthias Zschocke, der mal an Zadeks Bochumer Bühne engagiert war, den Max gegeben. Dafür bekam er den Robert-Walser-Preis. Der wird für literarische und nicht für schauspielerische Debüts vergeben. Eben für Zschokkes Buch »Max«. Da schwört der Held: »Das Theater ist ebenso schmutzig und verbrecherisch wie Krupp. Es ist kleiner und unbedeutender. Ja wahrscheinlich gehört es eh einem Krupp.«

Max ist Spiegelbild und Gegenspieler seines Autors, und der kommt vom Theater doch nicht los.

Zschokkes Erstling hat acht »letzte Kapitel«. In einem heißt es, in den zwanziger Jahren habe man in Deutschland um dreiundzwanzig Prozent mehr gelacht. »Damit macht man uns neidisch, wir kriegen ein schlechtes Gewissen, weil wir so schlechte Lacher sind, und wir fühlen uns wie Dreck.« Um der Nachwelt den Unfug von der lustigeren Vergangenheit zu ersparen, will sich Max »mit schlechter Laune zuschütten lassen, und meine Mundwinkel werden jede Lüge entblößen«. Zum Glück hat er das nicht wahr gemacht. Denn Max ist wieder da, Zschokke spielt weiter, und wir haben wieder was zu lachen.

Heute heißt er Hans, Prinz Hans. Wieder ist er Protagonist und Antagonist zugleich, wieder ist er so alt wie sein Autor (Jahrgang 1954), kommt wie er aus der Schweiz und lebt jetzt in West-Berlin. Hans und Matthias denken und reden ganz ähnlich, nämlich einigermaßen verquer.

Zum Beispiel so: »Zugegeben, Hans wollte bloß wissen, was ein Trocadero sei, denn ein solcher pfitzte über seinen Ladentisch ... Doch unüberwindbar mächtig schob sich ihm ein Wort in den Weg, und unausweichlich stellt sich ihm die Frage: 'Wer ist in Wahrheit mein Tritagonist?' Auf hinterrückige Weise schleichen sich diese an, und unverhofft kommt man nicht mehr um sie herum.«

Wir erfahren noch, daß Prinz Hans an seinem Tritagonisten, am dritten Schauspieler auf Zschokkes Bücher-Bühne, endgültig scheitert, daß er nicht gegen ihn anrennen kann. Aber Matthias schreibt schon wieder an einem neuen Buch. Wir können uns darauf freuen, diesen dritten Mann kennenzulernen. Und damit vielleicht wieder etwas mehr von unserer verrückten Wirklichkeit.

So willkürlich und doch zwangsläufig Hans auf seinen Tritagonisten stößt (man muß nur versuchen, in einem Lexikon das Wort Trocadero nachzuschlagen: Man findet statt dessen meist die Vokabel Tritagonist), so scheinbar zufällig erschließt sich ihm die ganze Welt: Splitter, Gedankensplitter.

»Prinz Hans« ist voll davon und hat natürlich keine Handlung. Hans schreibt auf (Zschokke schreibt auf), was er in der deutschen Großstadt sieht, was ihm in den Kopf kommt. Er schert sich nicht um literarische Formen, nicht um die Gesetze der Grammatik.

Ein Kapitel in diesem Buch heißt »Dem Roman zuliebe« (Hans und seine Geliebte Leta wollen sich umbringen, kommen aber zu dem Schluß, »es sei unmöglich in diesem Staat, sich zu entleiben auf chemischem Weg").

Roman? Alles andere. Nämlich: Reflexion, Monolog, Apercu, sogar ein - er kommt wirklich nicht davon los - veritables Schauspiel. Für dieses Drama riskierte Niels Höpfner mit seiner Rezension in der »Frankfurter Rundschau« einen »Offenbarungseid als Kritiker« und behauptet: »Matthias Zschokkes Theaterstück hat eine ähnliche literarische Qualität wie Georg Büchners 'Leonce und Lena'.«

Gut möglich, daß Zschokke solch apodiktisches Lob gar nicht so gerne hört. Er wehrt sich »gegen ein lackiertes, durchgeformtes, abgeschlossenes Produkt« und nennt die Hauptfigur in seinem kleinen absurden Welttheater Seume - so wie den Aphorismen-Dichter, der mit einem »Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802« berühmt wurde.

Hans spaziert nur in Berlin herum. Vier Tage in der Woche arbeitet er (wie Matthias) in einem Zeitungskiosk. »Aufgrund seines Dienstplans hat er oft zu den Zeiten der Arbeitslosen frei und sieht viele davon. Es gibt mehr als letztes Jahr, und sie lassen sich gehen. Ungeniert stehen sie manchmal zu dritt auf dem Trottoir, so daß er gezwungen ist, auf die Fahrbahn zu treten, der Herr.«

Überhaupt muß er andauernd ausweichen: Kindern und Hundehaufen und schließlich dem Wegelagerer, seinem Tritagonisten, der ihn zu Fall bringt und nur »Dummer« zu ihm sagt.

In Wahrheit hat Hans, der »Prinz«, natürlich überhaupt kein blaues Blut in den Adern. Höchstens in den Beinen - und das auch nur, weil er zu enge (angeblich seidene) Slips trägt. Eine verkrachte Existenz ist er, ein Verlierer, und ein naiver Hochmut ist vorläufig sein wichtigstes Überlebensmittel: »Nur Prinzen und Könige können die Welt so hochnäsig negligieren, weil sie ihnen gehört. Was einem gehört, das bemerkt man nicht. Ihm steht eben auch die Welt zu und deren Liebe, drum vergißt er sie.«

Und dann muß er doch wieder zur Ausländerbehörde, er, der Schweizer Prinz, der doch deutsch spricht, muß aufs »Daseinsberechtigungsamt«, wo die Plastikbänke angeschraubt sind, damit sie keiner wegträgt. Dort wird er kujoniert wie die degoutanten Türken und begreift immer noch nichts, weil er alles versteht.

Sprache ist ihm längst kein Mittel zur Erkenntnis mehr, sondern nur noch Machtinstument. Solange das »Wie«

wichtiger ist als das »Was«, schreibt Zschokke in »Max«, solange »muß ich jeden Tag einen falschen Satz sagen«.

Dabei kann »falsch« schon heißen, die Sprache beim Wort zu nehmen. Da wird er dann »vorwitzig«, vor-witzig: Weil es ja auch nicht Kartoffelsfeld heißt, spricht er vom Kriegfeld, und die valentinischen Semmelnknödeln kommen einem auch wieder in den Sinn, wenn sich im »Prinz Hans« Seume und Leta streiten: _____« »Heute abend mache ich mir Merillenknödel.« » _____« »Marillenknödel meinst du«. »Merillen, Aprikosen.« » _____« »Marillen. Pflaumen. Zwetschgen - das kann ich nie » _____« auseinanderhalten.« »Du meinst wahrscheinlich Morellen, » _____« und das sind Kirschen. Schattenmorellen.« » _____« »Schattenmoränen heißt das.« » _____« »Du Guter. Das nun sind Fische: Bachmoränen.« » _____« »Jetzt bist du aber ausgerutscht. Das nennt sich » _____« nämlich Muränen und hat mit Gletschern zu tun.« »Du » _____« wolltest sagen Forellen. Bachforellen.« » _____« »Nein, ehrlich, das heißt Morellen. Chateau Morelle, » _____« das ist Französisch, und die Deutschen konnten es nicht » _____« verstehen im Krieg, also sagten sie Schattenmorellen.« »

Dieser Zschokke nimmt nichts ernst. Weder den Klassenkampf (für Hans ist die Geschichte ein unaufhörliches Gerangel zwischen Rittern und Bauern, die heute halt Besitzer und Revoluzzer heißen) noch den Häuserkampf: _____« Es gibt Obere, die wollen eine Straße um einen Meter » _____« fünfzig verbreitern aus Schlechtigkeit. Wir melden an am » _____« Vierundzwanzigsten um elf Uhr dreißig eine » _____« vereint-fröhliche Ungehaltenheit über einen Meter fünfzig » _____« centimeter. Gleich im Anschluß daran findet eine Empörung » _____« statt bezüglich Vernichtung eines wohlerhaltenen » _____« Badezimmers. Auch Sie sind angesprochen! Halten Sie sich » _____« nicht für zu vornehm! »

Nicht einmal seine eigenen Geschichten nimmt er ernst und den Leser schon gar nicht. »Die hintere Neonröhre links muß flackern, weil sie erwähnt werden will.« Das heißt, als Partner begreift Zschokke seinen Leser durchaus. Er kokettiert ("Jetzt staunen Sie, wie ich mich frech wiederhole") und hat sogar lesepädagogische Ambitionen. Ein Drama ist für Zschokke zuerst ein Lesetext, und zwar einer, der Inhalte konziser vermitteln kann als andre Genres. Dumm nur, daß die Leute so ungern Theaterstücke lesen. Um sie doch dazu zu bringen, hat er seines (das auch separat als Bühnenmanuskript veröffentlicht wurde) in seine Erzählprosa verpackt.

Aber der Trick funktioniert nicht besonders gut. Die großen Theater wollen das Stück nicht spielen, und die Buchhändler sagen, »Prinz Hans« verkaufe sich so schlecht, weil das ja gar kein richtiges Lesebuch sei, mit so viel Theater drin.

Dabei weiß die Kundschaft nicht, was sie verpaßt: einen subversiven Spaß. Zschokke ist ein durchtriebener Kannitverstan, der jeden bei Blindheit und Gedankenlosigkeit ertappt.

Sein eingebildeter Prinz ist ein Mitläufer, der Mitläufer verachtet (und welcher Mitläufer tut das nicht?), denn er läuft immer aus anderen Gründen mit. Wenn Hans eine bestimmte Zigarette raucht, dann natürlich nicht, weil ihm die von der Werbung aufgeschwatzt wurde. Wenn sich Hans über das Silvesterprogramm des ZDF köstlich amüsiert, lacht er, »weil die nicht wissen, wie komisch sie sind«. Wenn Hans »Türken raus!« fordert, dann nicht aus Ausländerfeindlichkeit, sondern »weil das für die Türken und für die Deutschen besser ist so«.

Daß sich Zschokke bei aller Ironie da auch selber denunziert, ist für den Leser, der sich wiedererkennen muß, kein Trost. »Wir haben keinen Boden mehr unter den Füßen«, wird der Filmemacher Hellmuth Costard auf dem Buchumschlag zitiert. »Wenn man das weiß, kann man sich wieder nah sein.« Wenigstens das.

Immerhin, so charmant hat uns schon lange niemand mehr den Boden entzogen: »Wörter sind eine karge Möglichkeit. Sie zusammenzumischen ist eine undankbare Aufgabe, meistens ergibt es ein schmutziges Grau.« Meistens - ja, hier nicht.

Hartmut Schulze
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