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»Ein Stückchen Planet wie kein anderes«

Reiche Italienerinnen, die zu Hause ihren Ferrari verstekken, aber auch Allerweltstypen in Bermuda-Shorts bevölkern die Spielsäle Im Kasino von Monte Carlo. Landesvater Rainier ist allgegenwärtig und bietet Prominenten in seinem kleinen Fürstentum immer noch Einzigartiges: »Die eleganteste Steuer-Oase der Welt.«
aus DER SPIEGEL 31/1979

Es ist Frankreich -- aber auch wieder nicht, ist Wallstreet und Baden-Baden, Hollywood und Saint-Tropez in einem, ein »Operettenstaat« (so die linke Pariser »Libération") inmitten der verwalteten Welt: Monaco, Fürstentum an der Riviera, mit 1,9 Quadratkilometern etwas kleiner als Helgoland, mit 25 000 Menschen (darunter nur etwa 4000 Einheimische) so viele Einwohner wie Bad Harzburg.

Wozu taugt der Winzling? Für so etwas: In der Bar des Hotel de Paris zu Monaco sitzt der Ex-Beatle Ringo Starr, eben von einer Magenoperation genesen, mit dem Kollegen von den Rolling Stones, Mick Jagger, sowie einem deutschen Bekannten und erinnert sich düsterer Karrieretage auf St. Pauli: »Das war eine wichtige Epoche meines Lebens, my God, I tell you.«

Im Kasino gegenüber verliert ein Sohn des legendären Saudi-Herrschers Ibn Saud acht Millionen Mark. Im Sporting Club versteigert das Londoner Auktionshaus Sotheby 202 Kunstwerke und Möbelstücke aus dem Besitz des saudiarabischen Unternehmers Akram Ojjeh. Erlös: etwa 55 Millionen Franc.

Wer will, kann sich in Monaco noch den »Don Quixote« ansehen, bevor er sich am grünen Filz der Spieltische niederläßt: Glücksspiel und Oper werden in demselben Gebäude an der Place du Casino angeboten.

Bis zu 3360 Franc pro Monat zahlt der Jet-set im luxuriösen Old Beach Club für ein Plätzchen unterm Sonnendach. Prostituierte und Vagabunden sind in dieser Welt nicht gern gesehen, und wer im Stadtzentrum des Rainier-Reichs das Hemd ablegt, weil ihn die Hitze überkommt, riskiert zumindest eine Rüge der Polizei.

Ein wundersames Gebilde, »ein Stückchen Planet wie kein anderes« (so das Magazin »Vogue Hommes") ist Monaco gewiß. Kein Fremder kann in diesem Land erkennen, ob er seinen Wagen noch in Frankreich oder schon in Monaco parkt. Die Grenzen werden nur durch Hinweistafeln an den wichtigsten Zufahrtsstraßen ins Bewußtsein gerufen.

Allgegenwärtig aber ist Monacos Clan, die fürstliche Familie. Welcher Fremde Staatsbürger wird, entscheidet »Son Altesse Sérénissime (S.A.S.) le Prince Souverain« Rainier III, ein Angehöriger der Grimaldi-Dynastie, nunmehr seit 30 Jahren Landesvater.

Im Beach-Plaza-Hotel sagten ein Mädchen und ein Junge in Schwarzwaldtracht vor den Fernsehkameras für Télé Monte Carlo einen Geburtstagsspruch auf, als der Fürst am 31. Mai seinen 56. feierte. Stellvertretend für die in seinem Reich ansässigen internationalen Klubs sprachen ein Dutzend Kinder Huldigungen, die abends im Fernsehen übertragen wurden.

»Monsignore«, wie ihn die Einheimischen anreden, formuliert die Gesetze, die von den Monegassen gewählten Parlamentarier, 18 an der Zahl, segnen sie in der Regel lediglich ab. Monsignore überreicht die »Coupe Challenge de S.A.S. Rainier III Prince de Monaco« beim Internationalen Tennisturnier von Monte Carlo, Monsignore dreht vor dem Start des Autorennens »Großer Preis von Monaco« im neuen Mercedes-Geländewagen eine Ehrenrunde auf dem Rennkurs, spricht aber auch, immerhin, in unregelmäßigen Abständen mit dem Bürgermeister von Monte Carlo über die Stadtverwaltung.

Wenn Profis von Weltformat im Land verweilen, etwa Wimbledon-Finalist Roscoe Tanner, dann bittet der laufschwache, zur Fülle neigende Fürst die Meister zum Doppel. Aber Hoheit haben kaum Dünkel: Zuweilen spielt Rainier auch mit einem Schuhhändler aus dem niedersächsischen Celle. Wenn Tochter Caroline spielt, die von »Bild am Sonntag« im Oktober schwanger gemeldet wurde, sperrt der Tenniswart auch den Nachbarplatz. Läden und Restaurants schmücken sich mit dem Gruppenphoto der fürstlichen Familie. Die Straßennamen erinnern an die Ahnen: Alice, Charlotte, Albert, Antoinette. Ein Hospital trägt den Namen der fürstlichen Gemahlin, die ehedem als Grace Kelly für Hollywood lächelte.

Monaco besitzt eine rot-weiße Fahne, eine Nationalhymne und ist Mitglied in der Weltgesundheitsorganisation wie im Weltpostverein. In Paris unterhält das Land einen Botschafter, in der Bundesrepublik Konsulate. Der Staatsminister allerdings, sozusagen der Regierungschef, die Verantwortlichen für Polizei und Zoll, werden S. A. S. aus Paris zugeteilt, wie auch Elektrizität und Gas.

Von monegassischen Gerichten abgeurteilte Kriminelle sitzen ihre Strafen in französischen Zuchthäusern ab, Monaco unterhält lediglich ein Untersuchungsgefängnis. Die Mehrheit der Bevölkerung, 14 000 Menschen, sind französische Staatsbürger, die Steuern an ihr Vaterland zahlen wie die Einwohner von Lille oder Straßburg. Die Fußballmannschaft AS Monaco, vom Fürsten mit 6,7 Millionen Franc subventioniert, mit durchschnittlich 3200 Zuschauern pro Spiel, wurde voriges Jahr Französischer Meister.

Überhaupt scheint Monaco eine heile Welt, weil es manches nicht gibt: keine Arbeitslosen, kein Militär und, vor allem, keine persönliche Einkommensteuer: ein »kleiner Flecken der Vernunft in einer Welt, die zur gigantischen steuerlichen Tyrannei wird«, ju* Ehefrau Grace und Tochter Stephanie.

belte »A Clockwork Orange«-Autor und Monte-Carlo-Bewohner Anthony Burgess. »Monaco«, bestätigt Caroline Doggart in ihrem Buch »Tax Havens and their Uses«, ist »sicherlich die eleganteste Steuer-Oase der Welt«.

Längst ist der August-Urlaub, wenn nicht in, so doch nahe bei Saint-Tropez der erreichbare Luxus von Verkäuferinnen des Pariser Billig-Kaufhauses Prisunic geworden, sind Brigitte Bardot und der Jet-set ins Hinterland oder nach Sardinien abgewandert -- anders das 20 Kilometer von Nizza entfernte Monaco: Man findet noch reiches Publikum wie um die Jahrhundertwende, als Sarah Bernhardt in Monaco auftrat, Meisterkoch Escoffier in der Küche des Hotel de Paris seine Speisen zauberte und Caruso erste Triumphe feierte.

Italienische Industrielle samt Gemahlinnen, die in Mailand und Turin Rote Brigaden und Entführer fürchten, ihre Ferraris in den Garagen verstecken und Armut heucheln, verlieren in Monte Carlo jede Scheu. Zu Cocktail und Diner glitzern sie wie eh und je vor Brillanten. In den teuersten Hotels des Fürstentums steigen Italiener am häufigsten ab.

Fünf Ein-Sterne-Restaurants, drei mehr als in Samt-Tropez, hat der »Michelin« Monaco zuerkannt, aber nur ein Nachtklub ist wirklich in: »Jimmy'z«. Nach Mitternacht tanzen dort Sprößlinge der britischen Kaufhauskette Marks and Spencer, der Saudi Adnam Chaschuggi, der es sich leisten kann, zu seinem Privatvergnügen amerikanische Fernsehprogramme per Satellit an die Cote d'Azur zu überspielen, die Niarchos-Söhne Philippos und Spyros, zuweilen auch der König von Schweden oder Zuckerplantagen-Besitzer aus dem Senegal.

Die 580 Kabinen und Sonnenschirme im Monte Carlo Beach Club sind bis Mitte September ausgebucht. Zum Ball des Internationalen Roten Kreuzes am 10. August, dem schicksten Monaco-Fest der Saison, werden 1050 Gäste erwartet, die bereit sind, 1000 Franc pro Eintrittskarte zu bezahlen, Getränke nicht eingeschlossen. »Das ist zwar sehr viel Geld«, meint die Karlsruher Bauunternehmerin Christine Esswein, die »seit der Währungsreform« nach Monaco reist und Präsidentin des Internationalen Deutschen Clubs ist, »doch es erfüllt einen wirklich guten Zweck und ist deshalb jeden Pfennig wert.«

Rund 200 Mitglieder zählt der Verein, in dessen Vorstand so erlauchte Persönlichkeiten wie Max Grundig, Rudi Mehl, Ehemann der 4711-Miterbin Maria Mehl-Mülhens und Verleger Franz Burda sitzen. 1000 Franc kostet allein das ein Quadratzentimeter große Vereinsabzeichen beim Juwelier Cartier -- rot-weiß auf Emaille, in Gold gefaßt, mit einem Diamanten besetzt.

»Überhaupt nicht gern« hört die Präsidentin, »wenn man uns unterstellt, wir seien der Steuer wegen hier«. Frau Esswein' Dior-gekleidet, lebt in der Bundesrepublik »und kommt mit der Abendmaschine runter«, um sich zu erholen.

Fabrikant Grundig erwarb für seine Hotel-Kette oberhalb von Monaco die Luxus-Herberge Vistaero. Im Hochhaus Perigord residiert der Rennfahrer Jochen Mass, im Suntower Bestseller-Autor Johannes Simmel, im Chateau d'Azur Show-Star Michael Schanze ("Hätten Sie heut' Zeit für mich?"). Ein Pornoversender aus Nürnberg, ein Hüttenschuh-Importeur aus Düsseldorf, Wirtschaftsanwälte aus München, Ärzte aus Kassel kauften oder mieteten sich in Etagenwohnungen ein.

Denn liebliche Besitzungen, umgeben von Bäumen, Rosenhecken und Rasen gibt es kaum noch »am Ufer des lateinischen Meeres, wo die Künste im Schatten von Oliven-Bäumen leben können« (so der französische Dichter Marcel Pagnol).

14 Haustürme werden derzeit im Stadtzentrum Monte Carlos hochgezogen, das sich nunmehr »schnell zu einer Mischung aus Las Vegas und Hongkong entwickelt«, wie die Society-Reporterin Hebe Dorsey bemerkte.

Am sogenannten Carré d'Or, dem goldenen Viereck von Monte Carlo' einem der schönsten, Palmen-bepflanzten Plätze der Stadt, wird das von der amerikanischen Chase Manhattan Bank finanzierte Park-Palace-Hochhaus gebaut. Bevor auch nur der Abriß der alten Häuser begann, meldeten die Immobilien-Makler 75 Prozent der Wohnungen als verkauft.

Gleich den Holländern rangen die Monegassen dem Meer Land ab und bauten das amerikanische Hotel Loews, einen Appartementblock sowie das. angrenzende Kongreßzentrum teilweise auf Betonpfeiler ins Meer (die deutsche Neue Heimat International beteiligte sich an dem Komplex mit 200 Millionen Mark). »Aufs Wasser können wir uns nun nicht mehr ausdehnen«, bestätigte ein Stadtplaner, »wir müßten Tiefen von 50 bis 60 Metern überwinden.«

Die Folge sind Champs-Elysées-Preise um die 20 000 Franc pro Quadratmeter. Ein amerikanischer Ölhändler soll unlängst rund zehn Millionen Mark für ein 600 Quadratmeter großes Penthouse bezahlt haben.

»Hier hat es die Zeit noch nicht vermocht, die Spuren einer fast unendli· 1963 beim Besteigen der Onassis-Jacht »Christina« mit Sekretär Ed Murray.

chen Vergangenheit zu verwischen«, behaupten die fürstlichen Fremdenverkehrsmanager -- die Zeit nicht, wohl aber die Spitzhacke.

Spuren gibt es genug: Phönizier und Römer, Sarden und schließlich die Genuesen setzten sich auf dem Felsen fest. Die genuesischen Familien Doria, Spinola, Fieschi und Grimaldi stritten um die Herrschaft. 1297 marschierte Rainier 1. Grimaldi in Monaco ein, seitdem beherrscht die Familie das kleine Reich. Die Monegassen paktierten mal mit der Republik Florenz, mal mit Spanien, unterwarfen sich den Franzosen, dienten Ludwig XIV.

Frankreichs Revolutionäre köpften eine Schwiegertochter des Fürsten und integrierten Monaco in das Departement Alpes-Maritimes. Erst 1861 entließ Frankreich das Anhängsel wieder in die Unabhängigkeit.

Vier fundamentale Vertragswerke legen die Beziehungen zwischen Monte Carlo und Paris fest: Frankreich garantiert »die Verteidigung der Unabhängigkeit und der Souveränität«, Monaco verspricht eine Politik »in vollkommener Übereinstimmung« mit den politischen, militärischen und wirtschaftlichen Interessen des Nachbarn. Nur ein Monegasse oder Franzose darf das Fürstentum regieren, Frankreich im Notfall auch ohne fürstliche Genehmigung in Monaco einmarschieren.

Als 1856 in Monaco ein Kasino eröffnete, gingen die Geschäfte schlecht: Zwischen dem 15. und 20. März 1857 registrierte die Spielbank in der Villa Bellevue einen einzigen Spieler, der immerhin zwei Franc gewann.

Der damalige Fürst war in derartiger Finanznot, daß er daran dachte, Monaco an den Herrscher Rußlands zu verkaufen.

Erlösung und Erlös für Monaco kamen aus Deutschland: In Hessen-Homburg hatte der Franzose Francois Blanc sich und den bankrotten Landgrafen durch Kasino-Einnahmen saniert. Er erinnerte sich des darbenden Monaco, erwarb für 2,2 Millionen Franc auf 50 Jahre die Spielkonzession und gründete die heutige Kasino-Geselischaft »Société des bains de mer et du cercle des étrangers« (SBM). Madame Blanc, eine geborene Hensel, richtete 1863 das Hotel de Paris ein. In Homburg hatten die Gäste sie noch Marie gerufen -- da nämlich war sie Zimmermädchen gewesen.

Außer Blancs Marie half auch Bismarck mit, die Spielbank von Monaco aufblühen zu lassen: 1872 stoppte er im Deutschen Reich die Roulette-Kugeln. Baden-Baden, Wiesbaden, Kissingen und Homburg mußten, vorübergehend, wieder statt vom Glück von Gesundbrunnen existieren. Monaco wurde, wie Schriftsteller Anthony Burgess notierte, »zum Mekka der Aristokraten«.

Ordnung galt auch damals schon viel: Jene, die nach dem Ruin beim Roulette die silberne Pistole an die Schläfe setzten, ließ die Obrigkeit, so die Legende, heimlich auf die andere Seite des Boulevard des Moulins nach Frankreich tragen und damit den Skandal über die Grenze verlagern.

In Monaco wurde die später hingerichtete »orientalische Tänzerin« Mata Hari als Spionin enttarnt. Waffenhändler Sir Basil Zaharoff versuchte nach dem Ersten Weltkrieg, das Winzigtum für seine Geliebte zu kaufen. Statt Monacos Fürstin wurde sie die Frau des Waffenhändlers.

Im Zweiten Weltkrieg rettete womöglich ein deutscher Panzergeneral das Kasino, dessen Kupferdach der Buntmetall-armen deutschen Kriegsindustrie zukommen sollte. Der Panzeroffizier, im Hotel de Paris einquartiert, wehrte ab: »Das ist ein historisches und kulturelles Denkmal.« Vorsichtshalber mauerte Chefsommelier Etienne Brigasco die edelsten Weine im Keller ein.

Gegen den Griechen-Reeder Aristoteles Onassis, der, die Callas im Schlepptau, die Aktien-Mehrheit der Kasino-Gesellschaft SBM übernahm, für den Kleinstaat aber nichts tat, trat Fürst Rainier persönlich an: Er ließ 600 000 neue Aktien ausgeben. Onassis, über Nacht in der Minderheit, gestand: »Ich habe ihn unterschätzt.« Als der Tankerkönig starb, ließ Rainier Monacos Flaggen auf Halbmast setzen.

Klein ist sein Reich, aber einträglich. Der Country Club, dessen Gelände von Frankreich gepachtet wurde, und das Golfgelände, die Spielhallen und der Monte Carlo Sporting Club, das Hotel de Paris und L'Hermitage, die Oper und fünf Nachtklubs, nahezu alle Etablissements, die schön und teuer sind, werden von der Société des bains de mer kontrolliert, die der Herrscher von einem Vetter, dem Prinzen Louis de Polignac, beaufsichtigen läßt.

Im letzten Budget-Jahr setzte die SBM rund 470 Millionen Franc um. Aber: Glücksspielgewinne machen im Staatshaushalt nur drei Prozent aus. Viel mehr, 50 Prozent, bringt den Monegassen die Mehrwertsteuer (bis zu 33 Prozent, je nach Ware).

Denn das Kleingeld der Glücksspieler scheppert heute in Tausenden Automaten von Las Vegas bis London, die Roulette-Kugeln rollen in Hittfeld und Dürkheim -- Monte Carlo ist nur noch ein Name unter vielen.

Singapur und Liechtenstein, die Bahamas und Tonga, Macau und Bahrein, Panama, Liberia, rund 60 Staaten bieten sich heute als Steuerparadiese an -- Monaco ist nur noch ein Name unter vielen.

»Besonders interessant«, so Steuerspezialistin Caroline Doggart, ist das Fürstentum allein für Unternehmen, die von Monte Carlo aus nur managen wollen. Administrative Hauptquartiere dieser Art müssen lediglich 2,8 Prozent jener Summe entrichten, die sie jährlich für Verwaltungskosten veranschlagen -- beispielsweise bei einer Million Franc Unkosten lediglich 28 000 Franc.

35 Prozent Steuer fordert Monaco von Unternehmen, die mindestens 25 Prozent ihres Umsatzes im Ausland tätigen, sowie für Einnahmen aus Urheberrechten und Lizenzen. Dividenden, Mieteinnahmen oder Pensionen sind abgabenfrei. Bei Erbschaften sind höchstens 16 Prozent Steuer fällig.

Persönliche Einkommensteuer wird von den Monegassen nicht gefordert, aber amerikanische Staatsbürger, gleich welchen Wohnsitz sie melden, bleiben in den USA abgabenpflichtig, Deutsche müssen die ersten zehn Jahre nach der Umsiedlung in ein Steuerparadies noch mit dem Steuerbescheid ihres Finanzamtes rechnen.

Der schwedische Wimbledon-Sieger Björn Borg hingegen, der seinem Vater an der Avenue Princesse Grace einen Tennis-Shop eröffnete, der im Estoril einquartierte Ferrari-Rennfahrer Jody Scheckter aus Südafrika oder der im Mille Fiori lebende Schweizer Staatsbürger Clay Regazzoni genießen die fürstlichen Steuerprivilegien in vollen Zügen.

Der Schriftsteller Harold Robbins sieht trotz aller Prominenz »das Zeichen an der Wand«, daß sich die Cote d'Azur samt Monaco zu einem »teuren Spielplatz der Mittelklasse entwickelt«.

In den Kasinosälen hocken heute schon neben reichen Italienerinnen Männer im Tirolerhut, Schwangere in Bermuda-Shorts lassen unter den Kronleuchtern die Kugeln rollen. Vor allem die amerikanischen Gambler wollten Craps, Black Jack, Spielautomaten und Punto banco. SBM-Chef de Polignac: »Einem derart wichtigen und wachsenden Markt konnten wir uns nicht entziehen.«

Die Ölscheichs wiederum gaben sich nicht mit der Höchstsumme von 5000 Franc pro Roulette-Zahl zufrieden nach Vereinbarung mit dem Kasino-Management werden die Einsätze für sie erhöht. Folge: 1974 waren die zehn wichtigsten Kunden der Spielbank für 62 Prozent (1977: 33 Prozent) der Gesamtumsätze verantwortlich. Vorsorglich stockte die SBM die Risiko-Reserve des Kasinos um zwölf Millionen auf 52,8 Millionen Franc auf.

Nicht die Araber, behauptet jedoch Jacques Provence, einer der Manager des 1975 eröffneten amerikanischen Loews Hotels, haben den Monegassen »die Augen geöffnet: Das waren

Loews richtete im Hotel eine Spielhalle mit 50prozentiger SBM-Beteiligung ein, in der nur amerikanische Glücksspiele angeboten werden.

Und die Amerikaner verlangen nicht Krawatte wie im Kasino nebenan: Wer in T-Shirt, gelben Schuhen und roten Hosen an die Tische tritt, »God damit« oder »fuck« brüllt, wenn der Computer die Chips vom Tisch rakt, fällt nicht auf, dem klopfen die Leidensgenossen sogar auf die Schulter.

Ergebnis: Allein die Automaten schluckten in einem Jahr 17,2 Millionen Franc. Im zweiten Jahr nach der Eröffnung kassierte das Hotel-Kasino bereits 102 Millionen Franc, und der Verwaltungsrat der SBM staunte: »Ein beispielloser Erfolg.«

224 412 Gäste übernachteten im letzten Jahr in Monacos Hotels (darunter 63 337 Amerikaner), eine halbe Million Besucher drängen jährlich durch das Spielkasino. In dem 1978 eröffneten Kongreß-Zentrum tagen dieses Jahr mindestens 32 große Gesellschaften.

Im Loews-Kabarett »Folie russe« tanzen Mädchen, wie sie sich an Monacos Strand nicht zeigen dürfen -- nackt. Ein schwarzer Zauberer läßt eine Gans verschwinden, ein Taschendieb knöpft den Gästen auf der Bühne -- allesamt Amerikaner -- heimlich die Hosenträger ab und zieht ihnen das Unterhemd vom Leib. Ein Exhibitionist erschreckt in einer Tanzszene entblößte Mädchen. Das Orchester bläst Glenn-Miller-Melodien, Stehgeiger ziehen Wolga-Weisen für die Offiziere eines im Hafen vor Anker liegenden amerikanischen Kriegsschiffes ab.

Wenige hundert Meter entfernt, im Hotel de Paris, in dem Kaiser, Könige und große Politiker wie Sir Winston Churchill nächtigten, küssen sich die Gucci- und Chanel-umhüllten Damen der Gesellschaft auf die Wangen. Beim Konzert im Schloßhof sitzt der Hippie neben der Gesellschaftsdame mit Diamanten für 500 000 Dollar an den Ohren. Boxweltmeisterschaften und Backgammon-Championships werden hier ausgefochten, die schönsten Blumen und die edelsten Hunde gekürt.

»Zwei Stilarten prallen hier jetzt aufeinander«, erkannte Manager Provence, und Society-Kolumnistin Rebe Dorsey befand: »Rolls-Royce steht gegen Touristen-Bus.«

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