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ARCHITEKTEN Ein Teppich aus Licht

Der spanische Ingenieur Santiago Calatrava baut die vierte Brücke über Venedigs Canal Grande - als technisches Wahrzeichen des dritten Jahrtausends.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Angenommen, La Serenissima, weltberühmt für ihre Wasserstraßen und die Art, diese zu überwinden, sollte jetzt eine neue Brücke erhalten. Nicht irgendwo über einen von Venedigs violett schillernden Seitenkanälen, sondern ausgerechnet über den Canal Grande, der seit knapp 150 Jahren nur an drei Stellen zu Fuß zu queren ist. Wie müsste die Konkurrenz zu Rialto-, Accademia- und Scalzi-Brücke wohl aussehen?

Ein flacher Bogen aus elfenbeinfarbenem Stahl, 90 Meter überspannend, soll da über dem Wasser blitzen. Die Passanten werden auf Pflaster aus den beigefarbenen istrischen Steinen, die auch den Palazzi ihre Sockel geben, und aus feinen, übereinander geklebten Glaslamellen laufen. Auch die Brüstungen sind aus Glas.

»Wie ein Teppich aus Licht« werde seine Brücke »über dem Wasser schweben und sich darin spiegeln«, schwärmt der Mann, der die neue Konstruktion entworfen hat: Santiago Calatrava, 49, der spanische Architekt und Ingenieur mit Büros in Zürich, Paris und in seiner Heimat Valencia, hat es geschafft, den ehrwürdigen Rat der Lagunen-Stadt von seinem Projekt für eine vierte Brücke über den Canal Grande zu überzeugen. Schon in Kürze soll der Bau beginnen.

Die Pläne des Spaniers kämen einer »kleinen Revolution« gleich, schrieben die italienischen Zeitungen. Denn bislang war die Perle der Adria resistent geblieben gegen jeglichen Einbruch der modernen Baukunst. Berühmtheiten der Zunft wie die Amerikaner Frank Lloyd Wright und Louis Kahn sowie der Franzose Le Corbusier mussten hinnehmen, dass ihre Entwürfe reines Papier blieben.

Seit die Stadt vor knapp 300 Jahren ihre Vormacht im Mittelmeerraum eingebüßt hat, blieb sie weitgehend unverändert. Und nun bekommt sie ausgerechnet an der entscheidenden Nahtstelle zum Festland, zwischen dem Autoparkplatz am Piazzale Roma und dem Bahnhof Santa Lucia, ein Markenzeichen modernsten Designs. Denn genau dafür ist der Spanier Calatrava bekannt. Mit seinen unverwechselbaren weißen Techno-Teilen schmücken sich inzwischen an die 50 Städte, darunter Dallas, Bordeaux, Sevilla und Berlin.

Urbane Schwerpunkte zu markieren, gerade durch lange als schnöde Zweckbauten verachtete Anlagen wie Brücken, Bahnhöfe und Flughäfen, ist die Spezialität des Spaniers, seit der diplomierte Architekt und Städteplaner 1975 nach Zürich gegangen war, um auch noch Ingenieurwesen zu studieren. Seine Heimat hatte er verlassen, weil er sich von der Muffigkeit an den spanischen Hochschulen zur Zeit des Diktators Franco erstickt fühlte.

Zum Brückenbaumeister wurde Calatrava zufällig. Weil er in der Schweiz keine Privatkunden hatte, war er gezwungen, an Wettbewerben teilzunehmen und für öffentliche Auftraggeber zu arbeiten. Die wollten häufig nur das eine - Brücken. Eigentlich sei er sehr zufrieden mit seinem Los, sagt der Spanier mit jungenhaftem Lächeln. Brücken sieht er als »essenzielle Elemente unserer Kultur«.

Calatrava weiß, wie Bewegung abläuft - das prädestiniert ihn zum Spezialisten für Orte des Übergangs, an denen man auch verweilt. Er begreift sie nicht als bloß stabile Gebäude. »Statik hat mit Kraft zu tun, und die Kraft definiert sich physikalisch als Produkt aus Masse und Beschleunigung«, doziert der wuschelköpfige Ingenieur, »also haben die Kräfte eine dynamische Komponente.« Er versteht auch die Kräfte, die eine Brücke über einen Fluss gespannt halten, als potenzielle Bewegung. Und er baut sie als Kristallisierung von Mobilität. Die Kraftlinien der Konstruktion legt er durch Kabel, Drähte, Rohre offen wie bei einem Skelett.

Seine Bahnhöfe sind nichts anderes als erweiterte Brücken: die schon 1982 begonnene Station Zürich Stadelhofen, der Gare do Oriente am Expo-Gelände in Lissabon von 1998, auch seine Flughäfen wie der in Bilbao. Er habe das Vokabular der architektonischen Sprache einfach in einen größeren Kontext gezogen, so Calatrava.

Lichtdurchflutet, großzügig sollen diese Räume wirken, Entspannung und Ruhe ausstrahlen, wünscht sich ihr Schöpfer. Denn Brücken, Bahnhöfe und Flugplätze sind Visitenkarten, die den Eindruck vieler Millionen Besucher prägen.

Eine Brücke ist nicht billig, gibt Calatrava zu bedenken, zehn Millionen Mark soll die neue für Venedig kosten. Aber während etwa ein Museum jährlich oft eine Million Besucher verzeichnet, wird eine Brücke monatlich von bis zu fünfmal so vielen Menschen begangen. Brücken beanspruchen also mit Fug und Recht den Rang von Kulturobjekten.

»Für mich«, gesteht Santiago Calatrava ein, »kommt das Gefühl, über eine gelungene Brücke zu schreiten, der Emotion gleich, die mich erfüllt, wenn ich aus einer dunklen Gasse plötzlich auf den Markusplatz trete.«

HELENE ZUBER

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