Zur Ausgabe
Artikel 63 / 92

»Ein unsichtbarer Gast sitzt mit am Tisch«

Karl Otto Hondrich über Ulrich Becks »Risikogesellschaft« Hondrich, 49, ist Professor für Soziologie in Frankfurt und Verfasser einer »Theorie der Herrschaft«; Beck, 42, ist Soziologie-Ordinarius in Bamberg. *
aus DER SPIEGEL 21/1987

Eine Zeitlang begeistert, dann mit Stirnrunzeln, schließlich kopfschüttelnd habe ich die knapp 400 Seiten gelesen; Beck bringt den Zeitgeist zum Tanzen, so der erste Eindruck - und dann: er wiegt sich mit ihm im Tanze. Allerdings für einen Soziologen ungewöhnlich schwungvoll: ohne theoretische Konstruktionen und Ableitungen, ohne Kratzfüße vor den Gründervätern und ohne Anleihen bei den Autoritäten des Faches.

Der Autor springt mitten hinein in den Gärungsprozeß der Gegenwartsgesellschaft und taucht mit einem neuen Begriff auf: »Risikogesellschaft« - wieviel treffender als »postindustrielle« oder »nachbürgerliche«, Informations- oder Konsumgesellschaft; von der spätkapitalistischen oder der (fast schon vergessenen) nivellierten Mittelstandsgesellschaft zu schweigen.

Risikogesellschaft: das ist der Kampf der Interessen und Argumente, der uns wie im Theater, als dramatische Inszenierung, vorgeführt wird. Die Akteure und ihre Handlung: Wirtschaftliche Konzerne und wissenschaftliche Institute versuchen, von Eigeninteressen getrieben, die neuartigen Großgefahren, die sie über das Land gebracht haben, herunterzuspielen. Sachwalter des Allgemeininteresses wie Gerichte und öffentliche Meinung sind allein nicht in der Lage, ihnen Einhalt zu gebieten. Da bilden sich Bürgerwehren und bewaffnen sich argumentativ mit kritischen Stimmen, die aus Wissenschaft und Wirtschaft selbst laut werden.

Durch Stärkung dieser Selbstkritik gelingt es, die von den Risiko-Interessenten als unvorhersehbar erklärten Folgen ihres Tuns zu erkennen. So kann das Schlimmste - vielleicht - abgewendet werden. Und auch die offizielle Politik, faktisch längst entmachtet, bekommt noch eine (gleichsam dem tattrig gewordenen Theaterdirektor auf den Leib geschriebene) Rolle als begütigender Schlichter in den tobenden Interessenkämpfen mit.

Im Allegorienspiel der Risikogesellschaft können wir, die Zuschauer, zwar dann und wann eine soziale Bewegung auf die Bühne bringen. Aber im großen und ganzen bleiben wir unten, im Dunkeln. Sogar unser Risikobewußtsein bekommen wir von oben, von der Wissenschaft auf der Bühne, geliefert: als »Nichterfahrungen aus zweiter Hand ».

Die Risikogesellschaft wird uns regelrecht vorgesetzt, von einer Gesellschaft da oben, von der Politprominenz, den Meinungsführern, den fachlichen und amtlichen Autoritäten. Wir selbst erscheinen auf eigentümliche Weise von Verantwortung frei.

Kaum will man sich beschweren, aufbegehren gegen diese Sicht der Dinge, mehr und Genaueres wissen, da hat uns der Autor, gut 100 Seiten sind gespielt, bereits sitzenlassen, in einem fragwürdigen Theater, mit einem unfertigen Stück (auf das er erst am Ende des Buchs noch einmal zu sprechen kommt).

Die großartige Idee, Gesellschaft über ihre Risiken neu zu verstehen, verläuft in einem klassischen Soziologen-Thema: Individualisierung als Auflösung überkommener Klassen-, Milieu- und Familienbindungen. Materialreich und interessant geschrieben; aber Originalität und Engagement des ersten Teils sind dahin.

Vielleicht daß wir jetzt wenigstens etwas über das Publikum, über die andere Seite der Risikogesellschaft, erfahren? Gefehlt .

Zwar wird angedeutet, daß die Freisetzung der Menschen aus traditionalen Lebensbezügen auch Risiken birgt, zum Beispiel in der Arbeitslosigkeit. Größere als die der Arbeitslosen der dreißiger Jahre? Welche anderen Individualrisiken? Sind sie für die einzelnen wichtiger oder unwichtiger als die kollektiven Großrisiken, über die im Theater gestritten wird? Bestärken sich die Risiken gegenseitig, oder schwächen sie sich ab? - Befördert Individualisierung die Risikogesellschaft oder umgekehrt?

Solche Fragen werden nicht gestellt. Individualisierung und Risikogesellschaft haben scheinbar nichts miteinander zu tun, außer daß beide ungewollte Sprößlinge der alten Industriegesellschaft und jetzt als Geschwister, ohne voneinander zu wissen, »auf dem Weg in eine andere Moderne« sind.

Der wiederholte Hinweis auf Widersprüchlichkeiten und paradoxe Effekte sorgt in Becks Zeichnung dafür, daß Gradlinigkeiten auf diesem Weg gebrochen werden. Aber: Sein Bild ist, weil unpräzise gearbeitet (nicht einmal der Risikobegriff wird genauer geprüft) nicht widerspruchshaltig genug. Es fordert ein Gegenbild heraus: die alltägliche Risikogesellschaft.

Anders als im Theater haben wir im Alltag die Risikogesellschaft nicht vor, sondern in uns. Risiken werden nicht ohne und gegen, sondern für und mit uns produziert. Wir kaufen riskante Waren und votieren mehrheitlich für eine riskante Politik - und zwar oft in voller Kenntnis des Risikos und nicht als manipulierte Marionetten.

Die neuen Risikoqualitäten - Globalität, Belastung zukünftiger Generationen - werden auf einen gemeinsamen Nenner mit den altbekannten Risiken (Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung) zurückgestutzt. Wir können gar nicht anders. Etwas Schlimmeres als den eigenen Tod findet das aus allen fremdbestimmten Bezügen herausgelöste Individuum, die Krönung der Moderne, sowieso nicht mehr.

Je mehr Individualisierung, desto mehr wird die persönliche Lebensspanne zum Maß aller Dinge. »Nach mir die Sintflut« - das ist der innere Widerspruch zur moralischen Verpflichtung auf das Wohl der Nachgeborenen. Individualisierung vergrößert die Risiken der Risikogesellschaft - es sei denn, diese triebe auch, als Gegenteil, Verantwortlichkeit für das Kollektiv hervor. Aus solchen Widersprüchlichkeiten schöpft die Risikogesellschaft ihre Hoffnung.

Als riskant erleben wir Handlungen und Zustände, von denen wir wissen, daß sie schlimme Folgen haben können, aber nicht müssen. Im Risiko gehen

Gefahren-Wissen und doppeltes Unwissen eine eigenartige Verbindung ein: Ungewiß bleibt nämlich, wie schwer die unerwünschten Folgen des Handelns sind und ob und wann sie eintreten.

Diese doppelte Ungewißheit versuchen wir durch intuitives oder kalkuliertes Abschätzen zu überbrücken. Das so entstehende Risikobewußtsein kann Wahrscheinlichkeit und Folgenschwere des Risikofalls falsch einschätzen und muß sich deshalb immer um Selbstkorrektur bemühen, ohne auf »objektive« Bestätigung hoffen zu dürfen. »Es ist nie klar, ob sich die Risiken verschärft haben oder unser Blick für sie.«

Trotzdem ist sich das heute vorherrschende Risikobewußtsein, von dem sich auch Beck tragen läßt, seiner Diagnose sicher. Es konstatiert »eindeutig und klar eine Verelendung« (durch Risiken) im Vergleich zum 19. Jahrhundert und verweist auf Todeslisten (von Tier- und Pflanzenarten), Schadstoffbilanzen, Unfallstatistiken und Giftskandale.

Schlimm genug. Aber wie setzen wir uns dann mit den Risiko-Indikatoren vor und außerhalb der Risikogesellschaft auseinander, mit niedriger Lebenserwartung, Massenvernichtungen und Kriegen, von denen - seit 1945 - 214 an der Risikogesellschaft vorbei geführt wurden?

In pointiertem Gegensatz zu Beck könnte ein historischer Vergleich von Risikolagen und Risikobewußtsein zu dem Schluß kommen: Die Risikogesellschaft der Gegenwart ist eine Gesellschaft abnehmender Risiken bei wachsendem Risikobewußtsein (und steigenden Sicherheitsansprüchen).

Risiken verringern sich, historisch gesehen, in einem doppelten Sinn: Einige werden durch Verwissenschaftlichung reduziert, wie das Risiko, an Infektionskrankheiten zu sterben. Die neuen, wissenschaftlich produzierten Großrisiken dagegen drohen zwar mit schwersten Folgen, produzieren aber zugleich über ein geschärftes Gefährdungsbewußtsein ihre soziale Selbstkontrolle mit. Sie entsorgen sich selbst. Gesteigertes Risikobewußtsein hat also die Funktion, den Eintritt des Risikofalls unwahrscheinlicher zu machen.

Anders gesagt: Risikobewußtsein setzt die beiden Risikokomponenten »Schwere« und »Wahrscheinlichkeit« eines Schadens auf paradoxe Weise miteinander in Beziehung - je schwerer der mögliche Schaden, um so größer das Risikobewußtsein, das dagegen mobilmacht und so der Wahrscheinlichkeit entgegenwirkt, daß der Schadensfall eintritt. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Lassen wir uns von der Hölderlin-Annahme beruhigen, dann strafen wir sie allerdings Lügen.

Diejenigen, die vom Bewußtsein höchst brisanter Kriegs- und Umweltrisiken protestierend auf die Straße getrieben werden, sorgen mit dafür, daß die anderen (hoffentlich) recht behalten, die sich vom Schreibtisch aus mit kühlem Kopf eine »rationale« Risikoeinschätzung zugute halten: Diese sehen oft nicht, daß die von ihnen bekämpften »irrationalen Ängste der Straße« soziale Voraussetzung dafür sind, daß die eigene, selbstzugeschriebene Rationalität eingelöst werden kann.

Das Paradoxon der Risikoverringerung durch Risikosteigerung wird in der Abschreckungsdoktrin zum Postulat erhoben: Wir müssen die vernichtenden Folgen eines atomaren Krieges so groß machen, daß er ganz unwahrscheinlich wird.

Die Abschreckung und das ihr zugrunde liegende Paradoxon sind nicht falsch aber ihrerseits höchst riskant: Im Hinblick auf die Schwere des Schadens kann die niedrigste Eintrittswahrscheinlichkeit zu hoch sein; sie ist keine Garantie gegen den Risikofall.

Außerdem: Die sozialen Mechanismen, die den höchstmöglichen Schaden in die niedrigstmögliche Wahrscheinlichkeit umwandeln, können an vielen Stellen defekt sein. Bringt das Risikobewußtsein genug kämpferische Abwehrkräfte auf die Beine - in einer individualisierten Großgesellschaft, in der das Engagement des einzelnen nicht mehr zählt als der Tropfen im Ozean und er/sie sich darauf verläßt, daß die anderen aufpassen und die Autoritäten es schon richten

werden? Ist die Risikoabwehr machtvoll genug, um die Macht derjenigen zu brechen, die an großen Risiken interessiert sind?

Und schließlich: Hält das Risikobewußtstein überhaupt mit dem Ausmaß der Gefahren Schritt? Am besten würde kollektives Risikobewußtsein seine soziale Schutzfunktion erfüllen, wenn es sich vom Ausmaß der Gefahren unabhängig machen und als falsches Bewußtsein Risiken größer darstellen könnte als sie tatsächlich sind - nur dürfte die Falschheit, um heilsam zu bleiben, nicht entdeckt werden.

Leider können wir darauf nicht hoffen. Denn der Dramatisierung von Risiken sind Grenzen gesetzt: weniger durch die Beschwichtigungsversuche von Umweltministern, Sachverständigen und Industriebossen als dadurch, daß wir uns an Risiken gewöhnen und sie verdrängen.

Ältere Risiken werden, in unserem Bewußtsein, von neueren in den Hintergrund gedrängt. Den unheimlichsten Gefahren, gegen die weder Schutz- noch Vermeidungsmöglichkeiten in Sicht sind, gewähren wir zu unserem Bewußtsein erst gar keinen Zugang: wir müssen sie verdrängen.

Die erfolgreich gezähmten Risiken aber, die nicht oder lange Zeit nicht in Erscheinung treten, sinken in Vergessenheit. Auch Risikobewußtsein unterliegt einem Paradoxon des Erfolgs: Je besser es seine Funktion der Bändigung von Risiken erfüllt, desto mehr schwächt es sich ab - und desto größer werden deshalb wieder, auf lange Sicht, die Risiken. Wie tückische Krankheiten das Immunsystem des Körpers, so unterlaufen Risiken das kollektive Bewußtsein als soziales Immunsystem. Das Risiko des Atomkriegs wächst nicht so sehr mit der atomaren Aufrüstung als mit der Zeit, die seit Hiroschima verstreicht...

Der Teufelskreis, in dem sich Risiko und Risikobewußtsein bewegen, zwingt uns zu einer makabren Einsicht: Vor den Risikofällen der Zukunft bewahren uns weniger argumentative Inszenierungen von Risikobewußtsein, vielmehr: Katastrophen als Vorwarnungen größerer Katastrophen.

Jede Hoffnung auf die aufklärende und gefahrenmindernde Funktion von Risikobewußtsein muß sich auch am Widerspruch zwischen Risikobewußtsein und Risikobereitschaft brechen (der bei Beck nicht vorkommt).

Die Befürworter von Kernenergie sind, wie wir empirisch wissen, kaum weniger risikobewußt als die Gegner, aber sie sind bereit, die Risiken in Kauf zu nehmen. Warum? Profitdenken und vermutete Vorteile wie billiger Strom und neue Arbeitsplätze sind nicht die ganze Antwort.

Risikobereitschaft erklärt sich nicht allein durch »rationales Kosten-Nutzen-Kalkül. Sie bringt immer auch milieueigene Wertprägungen zum Ausdruck: Ein Technik- und staatsgläubiges ältlich-autoritäres Milieu, das atomare und Umweltrisiken eher hinnimmt, fordert im Hinblick auf das kollektive Aids-Risiko strengste Gebote und Verbote zur Risikoeindämmung - obgleich es doch wohl selbst von diesem Risiko am wenigsten betroffen ist.

Das jugendlich-liberale Milieu hingegen, das, repräsentiert durch die Grünen, Kernkraft- und Umweltrisiken mit einem hochgradigen Verbotsapparat ausräumen will, demonstriert angesichts der Ausbreitung von Aids eine bemerkenswerte risikobewußte Risikobereitschaft. Für den Wert persönlicher Freiheiten ist man in diesem Milieu eben eher bereit, unbestimmte Opfer in Kauf zu nehmen.

Risiken und unsere Reaktion darauf sind immer auch Symbole, über die wir uns bestimmten Wertgemeinschaften oder politischen Lagern zuordnen. Eine reine Interessenanalyse geht an dieser Dimension sozialer Realität ebenso vorbei wie an der untergründigen Faszination neuer Risiken.

In einer Hinsicht sind Befürworter der Kernenergie und Anhänger einer liberalen, minderheitenfreundlichen Aids-Politik in der gleichen Lage: In beiden Gruppierungen gibt es einen Widerspruch zwischen hohem Bewußtsein des jeweiligen Risikos und der Bereitschaft, es trotzdem einzugehen. Was wird geschehen,

wenn die Spannung zwischen Risikobereitschaft und Risikobewußtsein weiter steigt, weil es mehr Aids-Tote, mehr Kernkraftunfälle gibt? Eine Prognose fällt nicht schwer: Die Risikobereitschaft wird sinken - und mit ihr die Chance liberaler Regelungen.

Über Katastrophen und den autoritären Staat zum Ausstieg aus der Risikogesellschaft? Die Vorstellung ist zu optimistisch. Selbst wenn eine Gesellschaft sich frei entscheiden könnte: sie hätte nur die Wahl zwischen Großrisiken mit niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit und kleineren (?) Risiken mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit- dadurch unterscheiden sich Moderne und Vormoderne.

Wir sind zur Risikobereitschaft verdammt. Schwer zu sagen, für welche der beiden Risikogesellschaften wir heute votieren würden; mit Sicherheit wäre nur vorherzusehen, daß es darüber zu heftigen sozialen Konflikten käme.

Die Frage stellt sich nicht. Wir können nur noch fragen, was wir dagegen tun können, daß der Lauf der Risikogesellschaft, der ja ein Wettlauf von Risikogesellschaften ist, in blindem Taumel endet.

Becks Vorstellung, die Risikogesellschaft übel soziale Konflikte zu stabilisieren, verdient weiteres Nachdenken: etwa über Risikoschutzgremien, die, anders als Sicherheitsingenieure und Regierungskommissionen, mit der gleichen Unabhängigkeit wie Richter auszustatten wären.

Ihre Aufgabe wäre nicht, Konflikte auszubügeln, sondern im Gegenteil: Konflikte dadurch wachzuhalten, daß sie Folgenabschätzungen technischer und wissenschaftlicher Entwicklungen von vielen Seiten herausfordern. Ihre Warn- und Konfliktfunktionen sollten streng getrennt sein von Kompetenzen für amtliche Verbote und Auflagen, die andernorts ihren Platz haben.

Eine solche Neuerung im institutionellen Gefüge der Risikogesellschaft kann allerdings nicht dem Dilemma entgehen, daß Risikobewußtsein gleichsam an sie delegiert und dadurch ruhiggestellt wird, während ihre Aufgabe doch sein soll, es zu beleben.

Eine Politik der Risikoabschätzung, in welcher Form immer sie betrieben wird, muß sich von Illusionen freihalten: daß alle Folgen von Neuerungen vorhersehbar seien; daß man eine klare Trennlinie zwischen »schlechter« und »guter« Forschung ziehen könne und daß nur letztere statthaft sei; daß Forschungen, deren Ergebnisse auch schaden können, durch wissenschaftliche Selbstkontrolle im Keim zu ersticken seien.

Unvorhersehbare Nebenfolgen der Forschung sind eben nicht, wie Beck es darstellt, eine interessenpolitisch produzierte »Mär«, die es zu zerstören gilt. Sie stellen sich in allen Stadien von Forschung und Verwertung ein. Jede Art von Kontrolle, auch wissenschaftliche Selbstkontrolle, wie Beck sie im Auge hat, kann Risiken bestenfalls erkennen, wenn die Innovation da ist - zu spät.

Um Risiken vorzubeugen, müßte man Neuerungen einfach unterbinden - und liefe dann das Risiko, von den Risiken derjenigen abhängig und kontrolliert zu werden, die weniger Skrupel haben. Internationale Solidarität für einen Erfindungsstopp etwa in der Gentechnologie - ließe sich eine solche Lösung des Problems überhaupt vorstellen?

Trotzdem ist eine riskante technologische Entwicklung wie die der Kernenergie im Alleingang eines Landes zu stoppen - dadurch, daß neue Technologie durch noch neuere überholt wird. Ökologische Risiken lassen sich nicht durch Verzicht auf Innovation, sondern durch umweltschonende Neuerungen bekämpfen. Die Tretmühle der Risikogesellschaft läßt sich nur in einer Richtung bewegen: nach vorn.

Fortschritt, immer noch ins Reich der Freiheit und der Chancen, aber auch in das der Risiken und Ängste, ist uns zu einem ehernen Gehäuse geworden, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dabei ist die Risikogesellschaft, entgegen erstem Anschein, immer noch ein optimistischer, ein Fortschrittsentwurf! Befürworter und Gegner moderner Risiken sind vereint in dem Glauben, sie eindämmen, zähmen, zurücknehmen zu können - und treiben so das Machbarkeitsdenken, das doch die ganze Chose erst ins Rollen gebracht hat, weiter voran.

Mit Erfolg, wie zu hoffen ist: Die Risikogesellschaft mag ihrer Risiken, wenn auch unter großen Opfern, wohl Herr werden. Letztlich droht ihr Gefahr nicht so sehr von den erkennbaren und auf der Konfliktbühne umkämpften Risiken als von den Nicht-Risiken, von dem noch nicht und überhaupt nicht Absehbaren.

In jedem Erkenntniszuwachs wächst das Unerkannte mit. Ein stummer und unsichtbarer Gast sitzt immer am Tisch der Risikoabschätzer und Unheilspropheten dabei. Je voller sie den Mund nehmen, desto mehr fällt auch für ihn ab. Niemand wird es vorher gewußt haben, wenn er aufsteht und den Tisch umstößt.

Karl Otto Hondrich

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 92
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.