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SPIEGEL-Streitgespräch »Ein verdeckter Angriff«

Von Martin Doerry und Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 21/1995

SPIEGEL: Der Börsenverein, ein engagierter Anwalt Salman Rushdies, hat Ihnen, Frau Professor Schimmel, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Und noch am Tag der Bekanntgabe erklärten Sie in der ARD, Rushdie habe »auf eine sehr üble Art die Gefühle einer großen Menge von Gläubigen« verletzt.

Schimmel: Dazu stehe ich. Ich habe in diesem Interview aber auch gesagt, daß ich Chomeinis Todesurteil gegen Rushdie gräßlich finde.

Rotter: Schon diese Formulierung ist eine Verharmlosung und Verniedlichung der Morddrohung, denn »gräßlich« ist ein rein ästhetisches Urteil.

Schimmel: So meine ich es aber nicht, ich meine es im Sinne von entsetzlich.

Rotter: Gut, entscheidend ist: Mit Ihrer Kritik an der angeblichen Beleidigung der Moslems durch Rushdie relativieren Sie die Fatwa, das von Chomeini ausgesprochene Todesurteil. Hier gibt es zwischen Ihnen und mir eine unüberbrückbare Barriere. Im übrigen haben die meisten Moslems Rushdies »Satanische Verse« nicht gelesen; es wurde gar nicht in ihre Sprachen übersetzt. _(Das Streitgespräch moderierten die ) _(Redakteure Martin Doerry und Fritz ) _(Rumler. )

Schimmel: Herr Rotter, Sie wissen, daß ich absolut gegen Mord oder Morddrohungen bin. Da kann es gar keinen Zweifel geben. Die Fatwa hat dem Ansehen des Islam weltweit schweren Schaden zugefügt. Aber ich muß doch noch sagen dürfen, daß ich tatsächlich Moslems wegen dieses Buches weinen sah. Ich habe amerikanische Moslems vollkommen schockiert gesehen, ich habe das in Pakistan erlebt.

SPIEGEL: Inwiefern hat Rushdie die Gefühle der Moslems verletzt?

Schimmel: Nun, er hat zum Beispiel die Namen der Frauen des Propheten für solche Damen verwendet, die man nicht gerade als Vorbilder weiblicher Tugend bezeichnen würde . . .

Rotter: . . . Sie meinen die Bordellszenen, ich weiß, aber diese Szenen spielen bei Rushdie in der Zeit vor dem Islam, also noch in der heidnischen Epoche. Warum sollten sich die Moslems hier angegriffen fühlen?

Schimmel: Weil Rushdie nun einmal genau diese Namen verwendet hat. In der islamischen Kultur spielt die Verehrung Mohammeds immer noch eine sehr große Rolle. Seit dem 13. Jahrhundert wird darüber diskutiert, ob die Beleidigung eines Propheten mit der Todesstrafe bedroht werden solle.

Rotter: Wir können doch heute nicht mehr mit dem 13. Jahrhundert argumentieren.

Schimmel: Ich stelle nur fest, daß diese Dinge heute noch eine Rolle spielen. Es geht nicht um meine Meinung.

Rotter: Und ich bleibe dabei: Mohammed wird bei Rushdie nicht wirklich beleidigt. Hinter der ganzen Aufregung steckt etwas anderes: Sehr heftig angegriffen wird hier doch Chomeini, Rushdie nennt ihn »lebender Stein«. Deswegen vor allem wird der Dichter bis heute verfolgt.

Schimmel: Mag sein. Meine moslemischen Freunde haben mir das anders dargestellt.

SPIEGEL: Frau Schimmel, Sie sehen Ihre Aufgabe darin, im Westen Verständnis für die Kultur des Islam zu wecken, vor allem für die islamische Variante der Mystik, den Sufismus. Betreiben Sie dieses Versöhnungswerk auch in umgekehrter Richtung?

Schimmel: Selbstverständlich. Ob in der Türkei oder in Pakistan: Ich habe immer für ein besseres Verständnis unserer Kultur in den islamischen Ländern geworben. Erst kürzlich war ich auch an verschiedenen Universitäten im Iran, um Vorträge zu halten.

SPIEGEL: Konnten Sie die Gelegenheit nutzen, um zu erklären, daß es sich bei dem Buch Salman Rushdies nicht um eine politische Propagandaschrift handelt, sondern um Fiktion, um einen Roman?

Schimmel: Diese Unterscheidung wird von den Menschen dort nicht gemacht, die reagieren ganz anders. Für uns ist ein Roman etwas Fiktives. Die Moslems sehen darin einen verdeckten Angriff.

Rotter: Aber Sie müßten doch diese Unterscheidung machen, Sie sind in der westlichen Kultur aufgewachsen. Und dennoch sagen Sie: Rushdie habe die Gefühle der Moslems verletzt. Das ist inkonsequent.

Schimmel: Ich sage nur, daß ich verstehe, daß fromme Moslems verletzt sind. Ich als Nichtmoslemin und Religionshistorikerin war allerdings auch sehr schockiert, obwohl es sich um einen Roman handelt.

SPIEGEL: Wann ist ein Moslem fromm? Und war Chomeini fromm?

Schimmel: Ein gläubiger Moslem bekennt sich dazu, daß es keine Gottheit außer Gott gibt und daß Mohammed der Prophet Gottes ist. Was Chomeini betrifft: Viele Leute in Iran haben mir gesagt, daß er als Mystiker eine bedeutende Rolle spielte. Und er hat einen Diwan, also eine Sammlung persischer Gedichte, herausgegeben.

Rotter: Mystische Bruderschaften, sei es in Syrien oder Ägypten, vertreten religiöse Toleranz und Pazifismus. Wenn Sie jetzt auch noch behaupten, der Terrorist Chomeini sei ein Vertreter der islamischen Mystik gewesen, dreht sich mir der Magen um.

Schimmel: Herr Rotter, ich verstehe Sie. Chomeini hat aber viele Jahre, bevor er an die Macht kam, Ibn Arabi gelehrt - das war ein großer Mystiker, wie Sie wissen und wie auch der kritische Autor Bahman Nirumand geschrieben hat. Was Chomeini später als Politiker machte, ist eine andere Sache.

SPIEGEL: Salman Rushdie hat mit vielen anderen Intellektuellen des Westens zum Boykott Irans aufgerufen, der Börsenverein weigert sich nach wie vor, iranische Verlage zur Frankfurter Buchmesse zuzulassen. Ist diese Strategie mehr als sechs Jahre nach Veröffentlichung der Fatwa noch sinnvoll?

Rotter: Solange es dieses Regime gibt, bleibt uns gar keine Alternative. Solange in Iran Dichter, Professoren und Publizisten gefoltert und getötet werden, gibt es nur dieses Mittel.

Schimmel: Ich setze auf eine Politik der kleinen Schritte, um das Rushdie-Problem zu lösen. Bei meinen Vorträgen im Iran habe ich wieder gemerkt, wie dankbar die Menschen dort sind, wenn sie mit jemandem frei sprechen können. Wichtig ist auch, daß wir den Austausch von deutschen und persischen Studenten ausbauen, so etwas gibt es ja schon.

Rotter: Haben Sie denn in Teheran zum Fall Rushdie Stellung bezogen?

Schimmel: Ich hatte ein großes Programm; politische Fragen wurden überhaupt nicht angesprochen.

Rotter: Und warum?

Schimmel: Ich war dort, um Vorträge über die islamische Mystik zu halten. Ich habe mich auch sonst bei meinen Vorträgen in der islamischen Welt immer ganz bewußt zurückgehalten. Ich bin ein absolut unpolitischer Mensch und könnte und wollte dazu nichts sagen, weil ich etwas Falsches sagen könnte.

Rotter: Wir kommen an des Pudels Kern: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist ein politischer Preis. Er wird dafür vergeben, daß jemand im Felde von Literatur, Wissenschaft oder Kunst für das höchste Ziel der Politik, nämlich für den Frieden, gearbeitet hat.

Schimmel: In über 80 Büchern habe ich mich bemüht, dem europäischen Leser den Islam in seiner besten Form vorzustellen. Das halte ich auch für politische Aktivität.

Rotter: Nein, ihre Bücher sind unpolitisch. Ich vermisse darin, bei aller Liebe zum Orient, den Hinweis auf eklatante Auswüchse wie die Unterdrückung kritischer Intellektueller. Ich weiß wirklich nicht, wie diese Entscheidung des Börsenvereins zustande gekommen ist. Wenn man ein Zeichen setzen wollte, hätte man etwa Aziz Nesin auszeichnen können, den türkischen Schriftsteller, der von Islamisten verfolgt wird.

SPIEGEL: Für die Entscheidung der Jury des Börsenvereins können Sie Frau Schimmel nicht haftbar machen.

Rotter: Zugegeben, aber Frau Schimmel ist verantwortlich dafür, daß der Eindruck entsteht, die diesjährige Friedenspreisträgerin zeige Verständnis für die Fatwa. Ich weiß, Frau Schimmel, Sie mögen Salman Rushdie nicht . . .

Schimmel: . . . ich mag seine Bücher nicht. Mir ist absolut unklar, wie Sie daraus eine Billigung der Fatwa ableiten. Rushdies großes Problem ist, daß er als Emigrant aus Indien nach Großbritannien kam und sich niemals in dem einen oder anderen Land ganz heimisch fühlte. Das wirkt sich in seinen Büchern aus.

Rotter: Nun muß ich wohl befürchten, daß die Zeitungen schreiben werden: »Auch deutsche Orientalistin verurteilt ,Die Satanischen Verse'' von Salman Rushdie.«

Schimmel: Dagegen müssen wir etwas tun. Ich mag das Buch nicht, und ich habe gesagt, was ich mit meinen moslemischen Freunden erlebt habe. Niemand kann mir in den Mund legen, ich hätte gesagt, ich sei auf der Seite Chomeinis. Gott bewahre mich davor.

SPIEGEL: Haben Ihre moslemischen Freunde auch über das Buch »Scham« von Taslima Nasrin geweint, einem Opfer moslemischer Verfolgung in Bangladesch?

Schimmel: Taslima Nasrin ist keine große Schriftstellerin. Ich kenne zwar den Inhalt des Buches, habe es aber nicht gelesen. Sie hat mehr auf die politischen Aspekte angespielt, denn das Buch handelt von einer Hindufamilie in einem islamischen Staat. Ich bin sehr froh, daß die Bangladescher auf anständige Weise dafür gesorgt haben, daß sie aus dem Lande kam. Das ist ein völlig anders gelagerter Fall als der Fall Rushdie.

Rotter: Da ist er wieder, unser Dissens. Ihre Aussage, die Bangladescher hätten ihr doch die Möglichkeit zur Flucht gegeben, ist eine neue Verharmlosung. Auch auf Taslima Nasrin lastet der Todesfluch islamischer Fundamentalisten, sie ist doch nicht aus freien Stücken ins Exil gegangen. Konsequent wäre die Forderung an das Justizministerium von Bangladesch, gegen die Verfolger vorzugehen.

Schimmel: Ich hoffe, daß Taslima Nasrin nicht weiter unter diesen Drohungen zu leiden hat. Mein Prinzip Hoffnung ist, daß das Urteil gegen sie revidiert wird und sie dann wieder zurückkehren und ihrer Arbeit nachgehen kann.

SPIEGEL: Sollte die öffentliche Debatte um Sie, Frau Schimmel, weiter anhalten: Können Sie sich vorstellen, daß Sie auf den Friedenspreis verzichten?

Schimmel: Darauf möchte ich jetzt keine Antwort geben. Für mich kam der Preis ganz unerwartet. Aber natürlich habe ich mich sehr gefreut, nachdem ich über 50 Jahre lang mein Leben damit verbracht habe, ein besseres Verständnis für die orientalische Kultur zu schaffen.

SPIEGEL: Frau Schimmel, Herr Rotter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

Das Streitgespräch moderierten die Redakteure Martin Doerry undFritz Rumler.

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