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Schauspieler »Ein Volk von Jammerern«

aus DER SPIEGEL 21/1995

SPIEGEL: Mrs. Lange, Sie spielen häufig manisch-depressive, vom Leben gebeutelte Frauen. Leiden Sie gern?

Lange: Ich fühle mich wohl zur Tragik hingezogen, weil ich so schauspielerisch die Vielschichtigkeit einer Person besser ergründen kann. Ich liebe die Verrücktheit im Menschen. Im tiefsten Inneren meines Herzens, scheint mir, mag ich den Wahnsinn.

SPIEGEL: Weil Sie, wie Sie einmal gesagt haben, aus einer verrückten Familie stammen?

Lange: Nein, das ist wohl übertrieben. Exzentrisch ja, verrückt - so weit möchte ich in der Beurteilung meiner Familie nicht gehen.

SPIEGEL: In dem neuen Film »Rob Roy« werden Sie als Mary MacGregor nicht nur vergewaltigt, Sie tragen auch das Kind des Vergewaltigers aus. Ziemlich starker Tobak . . .

Lange: . . . Oberflächlichkeit ist eben nicht meine Sache. Mary ist eine Frau mit Würde, Beharrlichkeit und ungeheurer innerer Stärke. Sie gefällt mir, weil sie sich trotz schlimmster physischer und psychischer Verletzungen nicht zum Opfer machen läßt. Heute fühlen sich doch alle gern als Opfer.

SPIEGEL: Sie nicht?

Lange: Nein. Aber die Amerikaner, wohl mehr als andere in der Welt, sind zu einem Volk von Jammerern geworden, lauter Klagende und Opfer. Da kriegt jemand aus Versehen heißen Kaffee übers Knie geschüttet, und schon entsteht daraus eine gewaltige Schadensersatzklage. Das ist doch absurd.

SPIEGEL: Tragen Sie die Filmschicksale der geschlagenen Frauen auch nach den Dreharbeiten noch mit sich herum?

Lange: Nach »Frances« hatte ich mit der Verarbeitung eine ganze Zeit zu tun. Für mich war sie nie eine Irre, ich konnte mich mit ihr identifizieren. Die hysterische Blanche aus Tennessee Williams' Stück »Endstation Sehnsucht« hat mich auch ziemlich lange gequält. Dieser Autor versteht übrigens das Herz einer Frau besser als alle anderen amerikanischen Schriftsteller. Er empfindet die Zerbrechlichkeit und beschreibt die Sehnsucht der Frauen nach Schönheit wie kein anderer. Sein Stück hat mich wirklich sehr bewegt. Inzwischen fällt es mir leichter, mich von dem psychologischen Ballast einer Rolle zu befreien, denn ich habe Kinder. Die lassen nicht zu, daß man allzu tief im Sumpf der Emotionen versinkt.

SPIEGEL: Also fühlen Sie sich auch nicht mehr so einsam?

Lange: Na ja, mit drei Kindern im Haus sehnt man sich zuweilen nach Einsamkeit, zumindest nach zehn Minuten Ruhe. Aber im Ernst: Ich empfinde nicht mehr die bodenlose Einsamkeit, die ich früher kannte. Viele meiner Probleme - die Ängste, die Unruhe, die Sehnsüchte - habe ich inzwischen verarbeitet. Das hat wohl mit dem Alter und der Lebenserfahrung zu tun.

SPIEGEL: Kommt jetzt nicht das Problem des Älterwerdens?

Lange: Vielleicht haben andere ein Problem damit - ich nicht. An diesem Punkt meines Lebens angekommen zu sein betrachte ich als positiv. Ich bin glücklicher und innerlich ruhiger denn je zuvor.

SPIEGEL: Viele Ihrer Kolleginnen in Hollywood verbinden das Älterwerden nicht etwa mit Furcht vor dem Tod, sondern mit der Angst, in Vergessenheit zu geraten . . .

Lange: . . . unsichtbar zu werden, könnte man sagen. Diese Angst hat für Frauen eben mit physischer Schönheit zu tun und dem Ende davon. Sehen Sie sich dagegen die Männer an: Nicholson, Eastwood oder Redford werden nicht älter, sondern reifer. Den Begriff »Altwerden« wendet man bei ihnen nicht an. Sie werden attraktiver, männlicher.

SPIEGEL: Haben Sie trotz zunehmenden Alters immer noch diese mysteriöse Vorliebe für Friedhöfe?

Lange: Dahinter verbirgt sich nichts Gespenstisches und nichts Mysteriöses. Für mich sind Friedhöfe einfach Plätze natürlicher Schönheit.

SPIEGEL: Stimmt es, daß Colettes Roman »Cheri« Sie besonders fasziniert, diese Geschichte der 50jährigen Lea, die attraktiv genug ist, einem Mann, der halb so alt ist wie sie, die Liebe zu erschließen?

Lange: Der Bursche war weit jünger. Dieses Buch hat mich schon begeistert, als ich Anfang 20 war. Ich liebe Colette, ihre schriftstellerische Leidenschaft. Durch Zufall habe ich das Buch in Schottland wiederentdeckt. Mein Gott - was für eine ungewöhnliche Liebesaffäre, und so schön geschrieben. Das muß einfach auf die Leinwand, habe ich mir gesagt. So hat die Liebe noch niemand gesehen.

SPIEGEL: Mit Lea wären Sie wieder bei der von Ihnen geliebten Tragik - am Ende sitzt sie alt und einsam da.

Lange: Das Buch ist mir zum rechten Zeitpunkt in die Hände gefallen, jetzt bin ich perfekt in dem Alter, diese Rolle zu spielen. Wir versuchen zur Zeit, die Geschichte zum Film zu machen.

SPIEGEL: Ihr Filmdebüt 1976 in »King Kong« wurde heftig kritisiert. Hat das Ihre Karriere nachhaltig beeinträchtigt?

Lange: Es hat mir nicht gerade geholfen, aber da ich zuvor keine Karriere hatte, konnte es auch nicht viel zerstören.

SPIEGEL: Haben Sie schon mal gewagt, sich den Streifen auf Video anzusehen?

Lange: Ich sehe überhaupt keinen von meinen Filmen an, nicht einmal »Wenn der Postmann zweimal klingelt«. Ja, doch, eine Ausnahme gibt es: »Tootsie«, aber das nur, weil meine Kinder diese Komödie besonders schätzen.

SPIEGEL: Warum wohnen Sie nicht in Hollywood?

Lange: Ich will nicht in einer Stadt leben, in der alles, was gesagt, gedacht, getan wird, mit Film und Illusionen zu tun hat.

SPIEGEL: Vor zehn Jahren sind Sie vor dem amerikanischen Kongreß aufgetreten und haben sich für die Bauern eingesetzt, die wegen ihrer Schulden vom Land vertrieben wurden. Seither haben Sie sich kaum noch politisch engagiert. Ein Zeichen von Resignation?

Lange: Die Politiker vermitteln das Gefühl, daß die Stimme des einzelnen etwas bewegen kann. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Geld, die Wirtschaft und wer immer die Zügel der Macht in der Hand hält - sie bestimmen, was Sache ist. Ich denke heute: Nur kleine, praktische Schritte bewirken etwas.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Lange: Vor zwei Jahren ist es mir gelungen, zwei Kinder aus Rumänien nach Amerika zu bringen. Ich konnte einen direkten Einfluß auf die Entwicklung ihres Lebens nehmen. Die Kinder wären sonst vielleicht irgendwo verschwunden. Vor ein paar Monaten habe ich sie zuletzt gesehen. Sie führen ein ganz tolles Leben in den Hügeln Kaliforniens. Diese Art von Engagement bedeutet etwas für mich. Ich kann sehen, was sich entwickelt.

SPIEGEL: In »Rob Roy« spielen Sie die Rolle einer schottischen Hausfrau anno 1713. Sie erzieht die Kinder, wäscht, kocht und wartet darauf, daß ihr Mann aus seinem Privatkrieg gegen die Herrschenden zurückkehrt. Ist das etwa für Sie die ideale Frau?

Lange: Wichtig allein ist der gegenseitige Respekt und die Liebe, gleich, was man zu leisten hat. Rob treibt Kühe über das Land, eine sehr traditionelle Rolle für den Mann. Aber Tradition muß nicht negativ sein. Ich koche auch privat gern für meine Familie und betrachte das nicht als erniedrigend. Ich wasche sogar die Wäsche und hole meine Kinder von der Schule ab. Warum soll das so ungewöhnlich sein? Die Liebesbeziehung zwischen Rob und Mary ist sehr leidenschaftlich, intelligent und äußerst erotisch, obwohl sie wäscht und kocht - und das hat mich an dieser Rolle fasziniert.

SPIEGEL: Die Liebesszenen spielen Sie stets angezogen. Er trägt seinen Kilt, und Sie ziehen den Rock nicht aus.

Lange: Das gefällt mir eben - im Film geht man mit den Sexszenen oft zu weit. Alles ist zu extrem geworden.

SPIEGEL: Mary MacGregor erklärt in einer Szene: »Liebe ist niemals Sünde - nur der Mangel an Liebe«. Denkt Jessica Lange ebenso?

Lange: Das Wort Sünde würde ich in diesem Zusammenhang auf keinen Fall verwenden, aber Liebe scheint das Wesentliche zu sein, die Kraft des Lebens, die allem einen Sinn gibt.

SPIEGEL: Das entspricht Ihrer eigenen Lebenserfahrung?

Lange: Ja. Aber mit Kindern nimmt alles eine andere Dimension an. Die Liebe zu ihnen ist instinktiv und natürlich. Die Liebe zu einem Mann ist etwas ganz anderes, auch wenn er sich zuweilen so verhält, als habe man ein zusätzliches Kind im Haus. Y

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