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»Ein wahres Schloß am Meer«

Wird das Haus des Schriftstellers Lion Feuchtwanger in Kalifornien verkauft? Verschwindet damit, so ein Feuchtwanger-Biograph, »das letzte noch existente Kulturdenkmal der deutschen Exilliteratur«? Eine Feuchtwanger-Initiative versucht die Villa Aurora in eine »Villa Massimo« am Pazifik zu verwandeln. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Der Hilferuf ging an Politiker, Poeten und Publizisten.

Günter Graß erklärte sich sogleich bereit, mitzumachen, Willy Brandt wünschte Erfolg, sein Nachfolger, SPD-Vorsitzender Hans-Jochen Vogel, unterstützt die Initiative ebenfalls: »Sie können... in jeder Ihnen geeignet erscheinender Weise über mich verfügen.« Der Verband , deutscher Schriftsteller befaßte sich mit dem Thema - und hinter den Kulissen wirkte auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit; er forderte das Auswärtige Amt nachdrücklich auf, tätig zu werden.

Das Engagement gilt einem Haus in Kalifornien, der »Villa Aurora«, 520 Paseo Miramar, im Los-Angeles-Vorort Pacific Palisades. Hier fanden, 1943, der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884 bis 1958), einer der erfolgreichsten und auflagenstärksten deutschen Autoren, und seine Frau Marta Zuflucht im Exil. Heute ist dieser Ort, so der Journalist und Feuchtwanger-Biograph Volker Skierka, »das letzte noch existente Kulturdenkmal der deutschen Exilliteratur« - und in Gefahr, aufgelöst und veräußert zu werden. Skierka hat daher zur Rettung der Villa eine »Feuchtwanger-Initiative« gestartet.

Noch ist alles so wie in den vierziger und fünfziger Jahren, als das Haus der Feuchtwangers - neben dem Thomas Manns - zum Zentrum der deutschsprachigen Exilanten in Kalifornien wurde. Zu ihnen kamen regelmäßig Thomas und Heinrich Mann, sie waren befreundet mit Bert Brecht und Franz Werfel, Alfred Döblin besuchte sie und Bruno Frank, Ludwig Marcuse schaute vorbei und Hanns Eisler. Nicht nur Literaten und Musiker, auch Filmleute verkehrten hier - jene Emigranten eben, die damals das bildeten, was sich »Deutsch-Kalifornien« oder das »Weimar an der Westküste« nannte. Feuchtwangers Neffe Edgar spürt noch heute »ihren Hauch. Es kommt selten vor, daß sich der Geist einer ganzen Epoche so in einem Ort verdichtet«.

Diesen Geist nicht nur zu bewahren, sondern das Haus wieder zu einer lebendigen Stätte der Begegnung zu machen, dafür kämpfen der Direktor des »Feuchtwanger-Instituts für Exilstudien«,

Harold von Hofe, Skierka und der Leiter des Goethe-Instituts in Los Angeles, Reinhard Dinkelmeyer. Ihnen schwebt vor, in der Villa Aurora eine Arbeitsstätte für Literaten, Filmleute Philologen (noch ist der 18000 Dokumente umfassende Feuchtwanger-Nachlaß nicht ausgewertet) zu schaffen, mit Wohnungen für Stipendiaten - »eine Art ,Villa Massimo'' der Literatur« (Skierka).

Dazu benötigen sie Geld, politische Hilfe und die Unterstützung durch klangvolle Namen - nur so wird sich die Eigentümerin des Hauses, die University of Southern California (USC), beeindrucken lassen.

Ein Jahr nach Feuchtwangers Tod schenkte seine Witwe das Anwesen und vor allem die etwa 36000bändige Bibliothek der USC, mit der Auflage, nach ihrem, Martas, Ableben entweder Haus und Bibliothek in Pacific Palisades zu erhalten oder zumindest die Bücher als eigenständige »Feuchtwanger-Gedächtnisbibliothek« auf dem Gelände der USC auszustellen.

Am 25. Oktober dieses Jahres starb, 96jährig, Marta Feuchtwanger. Da das Testament erst im kommenden Februar endgültig rechtskräftig wird, ist es nach Ansicht des Rektors der USC, James H. Zumberge, »noch zu früh für eine Entscheidung«, allerdings sei bislang »aus Deutschland noch nichts Konkretes gekommen«. So gibt es starke Stimmen im Board der Universität, die für einen Verkauf plädieren.

Denn die Villa ist dringend renovierungsbedürftig; mindestens 650000 Dollar würde es kosten, Setzrisse, Verwitterungen und andere Schäden zu beheben - Geld, das die USC offensichtlich nicht hat. Ein Verkauf hingegen erbrächte etwa zwei Millionen Dollar - Geld, das die USC dringend benötigt für ein neues Bibliotheksgebäude, in dem es dann ein Feuchtwanger-Stockwerk gäbe.

Das würde zwar die Bedingungen des Testaments erfüllen, könnte aber nie die Atmosphäre der Villa Aurora vermitteln. »Ein großes deutsches Kulturdenkmal«, so von Hofe, »ginge dahin«; Skierka fürchtet gar »einen unwiederbringlichen Verlust für die deutsche Literaturgeschichte«.

Hoch über dem Stillen Ozean liegt das Feuchtwanger-Haus in den Bergen, es bietet eine traumhafte Aussicht auf die Bucht von Malibu und die Stadt Santa Monica. Von der Straße her wirkt das Anwesen (etwa 8000 Quadratmeter groß) allerdings eher unscheinbar. Eine kleine Pforte nur, von der eine Treppe hinabführt zu einem Patio mit Laubengang, ein Brunnen plätschert, überall wuchert die kalifornische Vegetation, hohe Eukalyptusbäume spenden Schatten.

Drinnen erst eröffnet sich dem Besucher die imposante Dimension dieser im spanischen Stil erbauten Villa, eine große Bibliothek im Erdgeschoß, darüber ein gewaltiges Arbeitszimmer mit vier in der Mitte zusammengestellten Schreibtischen und einem Stehpult, insgesamt 22 Räume, fast alle und die Flure obendrein vollgestellt mit Büchern, fast alle kostbarste Erstausgaben und etliche Inkunabeln.

Es ist die dritte Bibliothek, die der Büchernarr Feuchtwanger sich im Laufe seines Lebens zusammenstellte. Dreimal mußte der Sohn eines jüdischen Margarineproduzenten antijüdischer Hetze weichen. Als »intellektuellen Rebellen« sieht ihn sein Biograph Wilhelm von Sternburg, der sich anfangs gegen »das jüdisch-orthodoxe Elternhaus und die Konventionen des Bürgertums« auflehnte und sich später, »als der Kampf gegen den deutschen Faschismus fast hoffnungslos schien, den Ideen des Marxismus« näherte. Mitte der zwanziger Jahre verläßt der 40jährige - er steht bereits an der Schwelle zum Welterfolg - seine Geburtsstadt München, wo er »137 Begabte«, aber »122963 Voll-Antisemiten« gezählt hat und geht nach Berlin dort hofft er, freiere Luft zu atmen.

Aber auch in Berlin wird es zu eng. Feuchtwanger befindet sich auf einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten, als Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kommt. An jenem Abend ist der inzwischen international gefeierte Autor des Romans »Jud Süß«, aus dem Veit Harlan später einen üblen Nazi-Propagandafilm machen wird, gerade Ehrengast beim deutschen Botschafter in Washington. Feuchtwanger kehrt nicht nach Deutschland zurück, sein Exil wird bis zu seinem Lebensende dauern.

Propagandaminister Joseph Goebbels bezeichnet den Schriftsteller als »ärgsten Feind des deutschen Volkes«, Staatsbürgerschaft und Doktortitel werden ihm abgesprochen, sein Haus wird geplündert, der Besitz beschlagnahmt, ein Teil seiner - ersten - Bibliothek um den Preis von einer Mark pro Buch verkauft, ein anderer geht in Flammen auf.

Die Feuchtwangers lassen sich in Frankreich nieder, in Sanary-sur-Mer. Sein Roman über die Machtergreifung und die beginnende Unterdrückung »Die Geschwister Oppermann«, wird, so Klaus Mann, »die meistgelesene Darstellung der deutschen Kalamität«.

Doch auch in Frankreich kann er nicht bleiben, zum zweiten Mal muß er fliehen, seinen Besitz, seine geliebten Bücher zurücklassen. Unter abenteuerlichen Umständen und in Frauenkleidern kann er, unterstützt durch Marta, 1940 aus dem Internierungslager entkommen. Zu Fuß ziehen sie über die Pyrenäen, durch Spanien und Portugal .

Im Herbst 1940 kommt Feuchtwanger in New York an, wenig später trifft seine Frau ein. »Wegen des Klimas« ziehen sie nach Kalifornien, wo Marta 1943 die Villa Aurora entdeckt, sie ist günstig zu haben: Benzin ist rationiert und Pacific Palisades vielen Amerikanern einfach zu weit draußen. Für 4000 Dollar Anzahlung - Feuchtwanger hat gerade die Vorabdruckrechte für »Die Brüder Lautensack« verkauft - erwerben sie das Haus. Zur Einweihung spielt Hanns Eisler auf der in einer Nische untergebrachten Orgel - damals ein Statussymbol wie später der Swimmingpool - »Üb'' immer Treu und Redlichkeit«.

In »alter Weise« (Ludwig Marcuse) beginnt Feuchtwanger, erneut sich »Wände aus Büchern, ein drittes Mal«, zu bauen. »Wenn Geld da war« berichtet Hilde Waldo, seine Sekretärin seit 1940, die sich noch immer um die Bücher kümmert, »half er zuerst den anderen Exilanten« - Heinrich Mann zum Beispiel unterstützte er, ohne daß der davon wußte-,"danach besuchten wir die Antiquariate in Los Angeles; nach zwei Stunden wußte Feuchtwanger, was wo stand, außerdem beteiligten wir uns natürlich an allen großen internationalen Versteigerungen. _(1944 in Pacific Palisades. )

Manchmal konnte Feuchtwanger sogar Bücher wiedererwerben, die er schon einmal besessen hatte.«

So entsteht eine ganz auf seine Bedürfnisse und Neigungen zugeschnittene Bibliothek, die zeit, welche gründlichen Vorstudien er für seine historischen Romane treibt und wie belesen ihr Besitzer ist. »Feuchtwanger«, rühmt von Hofe, »konnte außer Deutsch Hebräisch, Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch.«

So entsteht ein eigenartiges Heim, »ein wahres Schloß am Meer«, wie es Thomas Mann nennt, der fasziniert ist von der Begabung Feuchtwangers, »seinem harten Fleiß ... die angenehmsten Bedingungen zu sichern«. Mann wohnt nicht weit entfernt. 1947 sendet er ein Exemplar seines »Doktor Faustus« in die Villa Aurora mit der Widmung: »Lion Feuchtwanger, der auch noch deutsch schreibt, von Burg zu Burg.«

Thomas Mann ist oft Ehrengast, wenn Burgherr Feuchtwanger mehrfach im Jahr etwa 30 bis 45 Leute einlädt und ihnen vorliest, was er in der letzten Zeit geschrieben hat. Er beginnt immer pünktlich um acht, aus Rücksicht auf Thomas Mann, dessen Frau Katia kategorisch erklärt: »Thommy muß um elf im Bett sein.« Niemand wagt, etwas zu dem Vorgetragenen zu sagen, ehe nicht Thomas Mann gesprochen hat, ohnehin ist die allgemeine Stimmung wohlwollend: »Im Hause Feuchtwanger«, erinnert sich Ludwig Marcuse, »wurde nie üble Nachrede gehalten.«

Jeweils zwei Wochen darauf veranstaltet Feuchtwanger einen weiteren Vortragsabend, diesmal für seine amerikanischen Freunde. Dann hat Charlie Chaplin, mit dem er ebenfalls befreundet ist das erste Wort. Anders als die meisten seiner Leidgenossen pflegt Feuchtwanger nicht nur Kontakte zu Emigranten. Der Hollywood-Star Edward G. Robinson verkehrt bei ihm, Ingrid Bergman besucht die Villa Aurora, Charles Laughton deklamiert Shakespeare für ihn.

Das Leben des 60jährigen wird äußerlich langsam ruhiger - er liest und schreibt Bücher -, aber nicht frei von politischen Spannungen. Die Kommunistenjagd des Senators Joseph Mc-Carthy überschattet seinen Alltag. Das FBI legt eine Akte über den Sozialisten Feuchtwanger an, der in seinem Reisebericht »Moskau 1937« Stalin gepriesen hatte.

Seit Feuchtwanger die amerikanische Staatsangehörigkeit beantragt hat, muß er sich einer Serie von Verhören unterziehen, deren letztes einen Monat vor seinem Tod stattfindet. Im Sommer 1958 stellt sich heraus, daß er an Krebs leidet; am 20. Dezember wird er ins Krankenhaus von Santa Monica eingeliefert, Magenblutungen. Einen Tag darauf stirbt er.

Er hat 15 Romane, 29 Theaterstücke, 20 Kurzgeschichten, zwei Erlebnisberichte und Hunderte von Essays geschrieben, seine Bücher sind in mehr als 20 Sprachen erschienen, er gilt, so von Sternburg, »in Osteuropa und in den angelsächsischen Ländern als einer der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache«.

In der Bundesrepublik aber sind nur wenige seiner Bücher erhältlich. Sternburg: »Die geistig restaurative Adenauer-Ära hatte ihn politisch verfemt.« Daß der Sozialist, gemeinsam mit Heinrich Mann, zur Gründung der DDR ein Grußtelegramm an deren ersten Präsidenten, Wilhelm Pieck, schickte, ist in Bonn nicht gut aufgenommen worden. Feuchtwanger gerät zwischen die Fronten des kalten Krieges. Die DDR ehrt den antifaschistischen Widerstandskämpfer, die Bundesrepublik nimmt ihm seine linke Gesinnung übel.

Er hat die 70 schon überschritten, als sich seine Vaterstadt herbeiläßt, ihn auszuzeichnen. Feuchtwanger bekommt den »Kultur- und Literaturpreis der Stadt München«, allerdings hält der Stadtrat fest, daß er »nur die künstlerische Leistung, nicht die politische Haltung des Geehrten anerkennt, von der er sich ausdrücklich distanziert«.

Ein bißchen von dieser Gesinnung scheint immer noch nachzuwirken. Als die SPD-Bundestagsabgeordnete Anke Martiny während eines Kalifornien-Aufenthalts von der Initiative zur Rettung des Feuchtwanger-Hauses erfuhr, wandte sie sich, vielleicht etwas naiv, um Hilfe an die bayrische Staatsregierung. Minister Hans Zehetmair teilte ihr lapidar mit, es sei »die Universität für die Erhaltung des Anwesens zuständig": »Im übrigen haben sich weder die vor kurzem verstorbene Marta Feuchtwanger noch die Universität wegen einer eventuellen Renovierung des Hauses an den Freistaat Bayern gewandt.«

Hilflos reagierte anfangs das Auswärtige Amt auf die Bemühungen, das Feuchtwanger Haus zu erhalten. Zurückhaltend informiert von einem bornierten Generalkonsul, mochten die Beamten vom Kulturreferat nicht von sich aus ein Engagement des Außenministeriums empfehlen. Und erst auf Drängen der Initiative und dann auch der Bonner Zentrale entschloß sich Jürgen Ruhfus, Botschafter in Washington, an einer Gedenkfeier für Marta Feuchtwanger am vergangenen Sonntag in Los Angeles teilzunehmen.

Die allgemeine Zurückhaltung nimmt sich um so erstaunlicher aus, als Kanzler Helmut Kohl den Deutschen Geschichtsbewußtsein geradezu einbleuen will und der Republik gleich zwei Historische Museen verordnet hat. »Da wird«, zürnt Anke Martiny, »so viel von unserer Historie gequakelt - und hier gibt es ein konkretes Objekt, für das wir uns engagieren könnten.«

Gelingt es der Feuchtwanger-Initiative, Mittel zu sammeln und Stiftungen für Stipendien zu gewinnen, kann also das Konzept einer »lebendigen Erinnerungsstätte« (Willy Brandt) verwirklicht werden, dann würde, davon ist von Hofe überzeugt, die Universität mitziehen: »Es kommt auf die Deutschen an.« _(In der Bibliothek. )

1944 in Pacific Palisades.In der Bibliothek.

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