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Verkehr Ein Wunder

Der Einsturz der Kufsteiner Autobahnbrücke wurde von Experten seit langem prophezeit.
aus DER SPIEGEL 30/1990

Unter Fachleuten gilt Hermann Knoflacher von der Technischen Universität Wien als höchst umstritten. Schon lange vertritt der Verkehrsexperte die These, daß »Hochleistungsstraßen« wie etwa Autobahnen »zusätzlichen Verkehr produzieren«, weil sie immer mehr Autofahrer anlocken und deshalb die Verkehrsströme zentralisieren.

Umkehrschluß: Fallen solche Hauptverkehrsadern aus, würde sich der Verkehrsfluß wieder verteilen.

Es sieht so aus, als ob die skeptischen Kollegen demnächst bei Knoflacher Abbitte leisten müssen. Denn seit der Sperrung der Inntal-Autobahnbrücke bei Kufstein und damit, just zu Beginn der Urlaubszeit, der Totalblockade einer der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsadern Europas, hat sich seine These bewahrheitet. Die befürchtete »Verkehrskatastrophe« (ein Tiroler Gendarmeriesprecher) ist ausgeblieben, die Autofahrer haben auf ihrer Reise in den sonnigen Süden die Baustelle ebenso konsequent wie diszipliniert »weiträumig umfahren«.

Der Verkehr, vor allem durch das Fahrverbot für Lkw in Kufstein, hat derart nachgelassen, daß sich der Sprecher der Innsbrucker Landesregierung, Rainer Gerzabek, schon fragte: »Wo sind die ganzen Deutschen geblieben?« Die haben, wie auch ihre reiselustigen Brüder und Schwestern aus dem Osten, offenbar unproblematisch neue Routen entdeckt, um über die Alpen zu kommen: durch die Schweiz etwa. Gerzabek über die ausbleibende Verkehrswelle: »Ein Wunder.« Ein Wunder war freilich schon, daß beim Absacken des Brückenpfeilers am Mittwoch vorletzter Woche niemand zu Schaden kam.

Ein österreichischer Zollbeamter vom Grenzübergang Kiefersfelden hatte, auf dem Heimweg von der Spätschicht, das Malheur als erster entdeckt. Hieß es anfangs noch unter Technikern, die aufgetretenen Schäden seien ein »normaler Vorgang« und somit »höhere Gewalt«, zeigte sich Ende vergangener Woche, daß eher Achtlosigkeit und Behördenschlamperei beim Teileinsturz mitgespielt haben. Die Ursache für das tiefe Absacken des Brückenpfeilers in den hochwasserführenden Inn ist ein sogenannter Sohldurchschlag, ein unter Flußwasserbauern gefürchteter Vorgang. Dabei bildet sich hinter dem Pfeiler eine Wasserwalze, die sich immer tiefer eingräbt, bis der kräftige Strudel schließlich sogar die Schotterschicht des Flußbodens durchdringt. Fazit: Der Pfeiler verliert seinen Halt und sinkt, oft metertief, ab - die Brückenkonstruktion bricht.

Genau vor so einem Sohldurchschlag bei der Inntalbrücke haben in den vergangenen Jahren österreichische wie deutsche Experten mehrfach gewarnt.

Zweifel an der Festigkeit des Autobahnbrücken-Bauwerks waren im Zuge des Genehmigungsverfahrens des Innkraftwerkes Oberaudorf-Ebbs aufgekommen, das seit einem Jahr acht Kilometer flußabwärts von der Kufsteiner Brücke errichtet wird. Von 1981 bis 1988 war der Kraftwerkbau blockiert: Umweltschützer argumentierten, das geplante Projekt würde das Inntal noch weiter verschandeln.

Die E-Wirtschaft hingegen konterte, eine Stauung des Inns sei schon aus wasserbaulichen Gründen dringend notwendig. Denn der vielbesungene Fluß, der beim bayerischen Passau in die Donau mündet, habe durch diverse Begradigungen mittlerweile eine so hohe Strömungsgeschwindigkeit erreicht, daß er sich Jahr für Jahr tiefer ins Flußbett eingrabe. Folge: Die Kiesüberdeckung sei mittlerweile so gering, daß durch Sohldurchschläge Bauwerke und Uferverbauungen gefährlich ins Rutschen kommen könnten.

Unabhängig von den wirtschaftlichen Interessen des Betreibers ÖBK (Österreichisch-Bayerische-Kraftwerke AG) schlossen sich auch industrieferne Fachleute, wie der mittlerweile verstorbene Münchner TU-Professor Hans Blind, schon vor über zwei Jahren dieser Argumentation an: Es bestehe die unmittelbare Gefahr von »Sohldurchschlägen« und die »Gefährdung der Brückenpfeiler«.

Schon Monate zuvor hatte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (Geschäftszahl M2 S 87.6361) festgehalten, daß »bei einem Hochwasser, mit dem am Inn etwa ab Mitte Mai bis September zu rechnen ist, ein Sohldurchschlag zu befürchten ist«. Neben den Autobahnbrücken sei auch »die auf dem Hochufer verlaufende Bahnlinie Rosenheim-Kufstein latent gefährdet«.

Auch österreichische Behörden erkannten die Gefahr. In einem Brief des Verkehrsministeriums an die Wasserbaubehörde vom 20. Februar 1988 wurde die aufziehende Bedrohung exakt geortet: »Im Bereich Kufstein« bestünde »eine akute Gefährdung des gesamten Flußbereichs und damit verbunden eine konkrete Gefahr für die Standfestigkeit der Bauwerke (z.B. Brückenpfeiler)«.

Die für die Autobahnbrücke zuständige Behörde in Innsbruck habe, so das Wiener Magazin Profil, von den Warnungen angeblich »nichts gewußt«. Immerhin räumte der verantwortliche Hofrat Wolfgang Kittinger ein, daß die Unterlagen »theoretisch zugänglich« gewesen wären.

Nun ist im heiligen Land Tirol die Suche nach einem Sündenbock für das Brückendebakel voll in Gang gekommen. Kufsteins Vizebürgermeister Franz Kirchmair will vorsorglich einen Staatsanwalt einschalten. Die von der üblichen Blechlawine befreiten Inntaler freuen sich unterdessen diebisch über den praktischen Beweis der Knoflacher-Theorie. o

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