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LITERATUR Ein Zaun macht »king«

Rund 20 Arno-Schmidt-Forscher reisten in das Heidedorf Bargfeld, den Wohnsitz ihres Meisters, um gemeinsam Schmidts Riesenwerk »Zettels Traum« zu deuten.
aus DER SPIEGEL 43/1971

Ana moo-moo!« muhten verwundert die Kühe am Wegrand, und biereinschenkend hinterm Tresen im Dorfkrug zu Bargfeld, Kreis Celle (186 Seelen), wiegte Wilhelm Bangemann, Gast- und Landwirt sowie Posthalter, Briefträger und Bürgermeister dortselbst, bedenklich den Kopf. »Dübel«, knurrte er, »seih deck vör, Willem!«

Vielerlei Stadtvolk hatte er nun schon erlebt; und manch einsamer Wanderer, manch pilgerndes Paar und Grüppchen war bei ihm eingekehrt, um die Adresse des ortsansässigen Schriftstellers Arno Schmidt, 57, zu erfragen und ganz nebenbei des Dichters Lebensgewohnheiten auszuspionieren.

Erst im letzten Jahr hatten sich etliche Städter für ein paar Tage bei ihm einquartiert; sie hatten in Schmidts großem dickem Rätsel-Buch, in »Zettels Traum«, herumgelesen und einen Verein gegründet, den sie, wohl eher Juxes halber, »Arno Schmidt-Dechiffrier-Syndikat« nannten.

Diesmal aber, am vorletzten Wochenende, passierte nun wirklich nie Dagewesenes. Diesmal kamen sie in ganzen Scharen, die Dechiffrier-Brüder, und brachten auch gleich noch einige Ehefrauen und Freundinnen mit.

Aus München, Düsseldorf und Zürich kamen sie, aus Berlin und Siegen, Hamburg und Mannheim. Und es kamen zuhauf Germanistik-Studenten und Feuilletonisten, ein Verlagslektor und ein kaufmännischer Angestellter, ein Gymnasiallehrer. ein Slawist, ein Architekt, ein Bibliothekar, ein Assistent für Amerikanistik. ein Lexikon- Redakteur, ein Veterinär-Mediziner.

Und als sie endlich alle im Hinterzimmer von Bangemanns Gasthaus beisammensaßen, da waren es 23 an der Zahl. und der Münchner Journalist Jörg Drews, 33, der das Ganze angezettelt hatte, nahm einen tüchtigen Schluck Wittinger Bier und sah, daß es gut war.

Drews hatte eines sehr wohl begriffen: Ein so ungewöhnlicher Autor wie Arno Schmidt und ein so außergewöhnliches Werk wie das 17 Pfund schwere, 1330 Seiten dicke, rund 10 Millionen Buchstaben umfassende Din-A3-Buch mit dem Titel »Zettels Traum« erfordert exzeptionelle Forschungsmethoden.

Er wußte: Allzu zahlreich sind in diesem Riesenroman die »versteckten und offenen literarischen, mythologischen und historischen Zitate«, allzu verzwickt die von Schmidt »Etyms« genannten Schachtelwörter, Sprachabwandlungen. Verballhornungen, Kalauer und multilingualen Wortspiele, als daß sie selbst der versierte Schmidt-Leser in ihrer Fülle und Vieldeutigkeit aufschlüsseln könnte. Hier sei, so meinte Drews, ein individuell-isoliertes Forschen einfach nicht mehr zureichend; hier sei »literaturanalytische Teamarbeit« nötig.

Drews schlug vor: »Wir machen keine Eigenwirtschaft mehr, sondern teilen uns freizügig mit. Jeder sagt dem anderen, was er gefunden hat:«

So hockten denn Schmidts Jünger, ganze 150 Meter vom Haus des Meisters entfernt, in Bangemanns Stübchen und übten sich, gebeugt über Notizhefte und Meßtischblätter, über Adelung ("Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart") und Partridge ("Dictionary of Slang and Unconventional English"), über einen Original-»Zettel« in Din A3 und mehrere raubgedruckte in Din A4, drei Tage lang in »Zettels Traum-Deutung. (Dabei hatten nur drei der Versammelten ihre erste Passage durch den ganzen Schmidtschen Wörterkosmos geschafft.)

Sie verglichen »Zettels Traum« mit Joycens »Finnegans Wake« und früheren Schmidt-Werken. Sie prüften die Tragfähigkeit der »Etym«-Theorie. Sie verifizierten Fundstellen, nahmen Schachtelwörter auseinander, entlarvten Schmidtsche Wortlibido. analysierten die Abwehrreaktionen Schmidtscher Helden, suchten nach Zitat- und Denkfehlern und rügten die individualpsychologische Beschränktheit des Schmidtschen Weltbilds.

Inwieweit, so etwa überlegten sie im gemeinsamen »Brainstorming«, ist der »Zettel«-Held Dän Pagenstecher mit seinem Autor identisch? Wer, so tüftelten sie, träumt eigentlich »Zettels Traum«? Und an welchem »lag, so rätselten sie, wird er geträumt? Der Student Dieter Stündel, Verfasser eines hektographierten 49-Seiten- »Registers zu Zettels Traum«, wußte die Antwort: Das Buch, so hatte er aufgrund astronomischer Daten (Sonnenuntergang, Mondaufgang. Sternenkonstellation) errechnet, spielt am 11. Juli 1968.

Und der »Boppi« auf Seite 531. auch dies wurde ermittelt, ist der tote Hund der Bargfelder Gemischtwarenhändlerin Elfriede Bokelmann. Und der Schriftsteller, der ohne Namensnennung auf den Seiten 725/26 so sarkastisch porträtiert wird, das ist Schmidts alter Freund Alfred Andersch. Und der 26. August 1937, an dem Pagenstecher -- seine Rekordleistung! -- fünfmal koitierte, war der Hochzeitstag von Arno Schmidt und Frau Alice.

Schmidt-Fans sind keine ehrfürchtigen George-Adepten, Schmidt-Fans sind -- ob er sie nun gerufen hat oder nicht -- Geister von Schmidtschem Geist: gründlich, pedantisch, kritisch. eigensinnig, kaustisch, zynisch. zum Skurrilen, Kuriosen und Ausgefallenen neigend. Wie anders wären sonst die Bargfelder Schmidt-Tage zustande gekommen? Und wie anders hätte wohl jene Flurbegehung stattfinden können. zu der Drews dann auch noch aufrief?

Da wanderten doch diese Dechiffrierer zum »Schauerfeld« weit außerhalb der Ortschaft, einem Grundstück von zehn Metern Breite und 500 Metern Länge. das Schmidt vor Jahren für 1000 Mark erstanden hatte und das den Schauplatz des ersten Buches von »Zettels Traum« abgibt -- sie wollten verifizieren, ob der verrostete Stacheldrahtzaun. wenn man ihn schwirren läßt, auch wirklich »king« macht, wie Schmidt behauptet. Er machte »king«.

Da folgten sie, gleich den Helden der Schmidt-Erzählung »Die Wasserstraße«, dem 20 Kilometer langen Flüßchen namens Schmalwasser und maßen Fließgeschwindigkeiten (30 cm/sec). Sie stolperten über Rübenäcker, platschten durch Sumpf und Moor und brachen durchs Unterholz, bis sie sich im Hochwald gänzlich verlaufen hatten und ein Jagdpächter aus Peine das exotische Rudel aus seinem Revier vertrieb.

Nach vierstündiger Wanderschaft saßen sie wieder vor »Zettels Traum«, und Drews schlug vor: »Warum nicht eine Vierteljahres-Zeitschrift gründen, mit dem Titel .Bargfelder Bote« etwa, in dem verifizierte Zitate und Anspielungen im Werk Arno Schmidts den Interessierten kundgetan werden?« Da nickten alle mit den Köpfen und kippten darauf noch einen Malteserkreuz.

Derweil saß Schmidt wohlverbarrikadiert in seinem Holzhaus. Gerade hatte er seinen neuen Roman »Die Schule der Atheisten« abgeschlossen, er ruhte sich aus. Bei seinen Jüngern hat er sich nicht blicken lassen.

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