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EINANDER IMMER ÄHNLICHER?

aus DER SPIEGEL 34/1966

Professor Walter Laqueur, 45, emigrierte 1938 aus Deutschland und ist heute Direktor des Instituts für Zeitgeschichte »The Wiener Library« in London sowie Herausgeber der englischen Ostkunde-Zeitschrift »Survey«. Er hält regelmäßig Vorlesungen in Amerika und besuchte die Sowjet-Union in den letzten Jahren viermal. 1965 erschien seine historische Untersuchung das deutsch-russischen Verhältnisses »Deutschland und Rußland« (SPIEGEL 48/1965). - Professor Zbigniew Brzezinski, 38, emigrierte 1938 aus Polen nach Kanada und ist heute Direktor des Instituts zur Erforschung des Kommunismus an der Columbia-Universität New York sowie Berater von US-Außenminister Rusk. Professor Samuel P. Huntington, 39, lehrt Staatswissenschaften an der Harvard-Universität.

Die vergleichende Methode ist keine Erfindung der modernen Politwissenschaftler; die Geschichtsschreibung des neunzehnten Jahrhunderts basiert im wesentlichen darauf. Als Kipling um die Jahrhundertwende schrieb: »What should they know of England who only England know?«, sprach er natürlich nur eine Binsenwahrheit aus.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat die vergleichende Methode (comparativism), besonders in den Sozialwissenschaften, einen neuen großen Aufschwung genommen; man verdankt ihr gewisse Einsichten in das historische und politische Geschehen. Ob es sich um Faschismus oder Kommunismus, um moderne Militärdiktaturen oder unterentwickelte Länder handelt, all diese Phänomene lassen sich zweifellos in einem internationalen Rahmen besser und gründlicher betrachten, als wenn man sich auf ein einzelnes Land beschränkt.

Es ist aber auch viel Unfug mit dieser Methode getrieben worden, vor allem wenn man, wie es nicht selten geschah, historische Größen verglichen hat, die nicht vergleichbar sind und in keinem Zusammenhang stehen. Es ist nicht ohne weiteres ersichtlich, wozu etwa ein Vergleich des Geburtenzuwachses in Norwegen mit der Anzahl der Störche in diesem Land gut sein soll. Dies Beispiel ist ein wenig übertrieben, aber leider nicht sehr.

Die Professoren Brzezinski und Huntington gehören zu den begabtesten Politwissenschaftlern der jüngeren Generation in den Vereinigten Staaten, und sie betrachten in ihrem Buch, wie der Verleger mit Recht bemerkt, die USA und die UdSSR von einem ganz neuen Gesichtspunkt aus. Sie vergleichen die Machtstrukturen der beiden Systeme, die Zusammensetzung der Eliten, die Rolle der Ideologie in der Politik, die Art und Weise, wie politische Entscheidungen gefällt werden und wie Interessengruppen die Politik beeinflussen.

Das sind alles zweifellos wichtige Fragestellungen, und die Schlußfolgerungen sind durchweg sehr vernünftig. Nur sind die Ergebnisse dieser Fragestellung keineswegs neu, und ich vermute, wenn Professor Brzezinski ein kleines Buch über die Sowjet-Union und Huntington eines über die Vereinigten Staaten geschrieben hätten, so wären sie zu den gleichen vernünftigen Ergebnissen gelangt: daß nämlich beide Regierungssysteme auf ihre Weise erfolgreich sind, stabil und autoritativ, daß sie dynamisch sind, daß ihnen Legitimität durch bestimmte politische Ideen verliehen worden ist, daß sie ihre Führerschaft aus den breiten Schichten des Volkes rekrutieren und so weiter.

In diesen Dingen herrscht heute mehr oder weniger Einstimmigkeit zwischen allen denjenigen, die sich mit den Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union näher befaßt haben. Um das zu beweisen, braucht man heute nicht mehr unbedingt einen größeren wissenschaftlichen Apparat; man muß auch nicht auf die Anzahl der Staubsauger und den Konsum von Schweinefleisch in den beiden Ländern eingehen, und auch vergleichende Untersuchungen über die Landwirtschaftspolitik der beiden Regime oder über Krisen zwischen Zivil- und Militärgewalt (MacArthur und Schukow) tragen nichts Wesentliches zu unserem Verständnis bei.

Der Gesichtspunkt dieser Untersuchung, die Fragestellung ist also neu; die Ergebnisse jedoch keineswegs. Es scheint also, daß, wie nicht selten in der modernen Politwissenschaft, ein großer Aufwand von Systematik, Methodik und Scharfsinn vertan wurde. Dieses negative Urteil sei jedoch in einem und sehr wesentlichen Punkte sofort korrigiert, Die Autoren gehen nämlich in ihrem Vor- und Schlußwort und auch anderswo in ihrem Buch auf die Konvergenztheorie ein, und was sie darüber auszusagen haben, ist von solcher Wichtigkeit, daß allein deswegen die Lektüre dieses Buches sehr zu empfehlen ist.

Bei dieser Theorie handelt es sich in aller Kürze und Einfachheit darum, daß die Sowjet-Union und die Vereinigten Staaten einander immer ähnlicher werden, und sie basiert auf der Annahme, daß die fortschreitende Industrialisierung der Sowjet-Union (und damit der wachsende Wohlstand) mehr oder weniger zwangsläufig zu einer Liberalisierung führt. Dieses sind auf weitere Sicht jedenfalls die Kardinalfragen der heutigen Welt, jeder, der irgendwie mit Weltpolitik zu tun hat, muß sich mit dieser These befassen. Merkwürdigerweise hat es aber nur wenige ernsthafte Diskussionen über dieses Thema in Amerika gegeben und in Europa noch weniger; entweder wird die Theorie stillschweigend akzeptiert oder abgelehnt. Es ist das große Verdienst von Brzezinski und Huntington, daß sie versucht haben, die Diskussion einmal etwas weiter zu verfolgen, als sonst üblich Ist.

Die Konvergenztheorie beruht auf der Annahme, daß Industrialisierung und Verstädterung zu einer Kultur führen, die allen modernen Gesellschaften gemeinsam ist. Und am Ende muß diese Kultur nicht nur zu gemeinsamen Betriebsorganisationen, sondern auch zu ähnlichen politischen Institutionen führen. Weiter beruht sie auf der Annahme, daß die Industrialisierung zu einer zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft führt. Die Interessengruppen werden zahlreicher, eine Art pluralistische Gesellschaft entsteht; die Rolle des Staates (und der Partei) ist es dann, Vermittler zwischen diesen Gruppen zu spielen - ganz so wie im Westen, fühlt man sich versucht zu sagen.

Schließlich der wachsende Wohlstand: Die Industrialisierung Rußlands war die historische Aufgabe der Kommunistischen Partei. Mit dem wachsenden Wohlstand schwindet nicht nur der revolutionäre Elan, auch die Partei verliert die Berechtigung auf Ihr Monopol der Macht, ja, auf längere Sicht ihre Existenzberechtigung überhaupt. Wohlhabende Länder, so erläutern Brzezinski/ Huntington die Konvergenztheorie, sind oder werden jedenfalls demokratisch: Wenn es der Sowjetführung wirklich gelingen sollte, den Lebensstandard der Sowjet-Union über den der Vereinigten Staaten hinauszuheben, so werde sie damit den Kommunismus nicht erreichen, sondern begraben.

Diese Konvergenztheorie ist in vielem bestechend, und sie Ist in manchen Kreisen im Westen mit Begeisterung aufgenommen worden. Brzezinski und Huntington dagegen sind bedeutend skeptischer. Sie bezweifeln, daß es eine direkte Kausalität zwischen wirtschaftlichem Entwicklungsstadium und Politik gibt: »In wirtschaftlicher, technischer und kultureller Hinsicht hatte Essen zur Zeit des Nationalsozialismus große Ähnlichkeit mit Detroit, und doch hat diese Ähnlichkeit die Nationalsozialisten nicht daran gehindert, dieser Stadt ein politisches System aufzuerlegen, das dem in Detroit bestehenden alles andere als ähnlich war.«

Die Autoren sagen mit Recht, daß es nicht nur auf die Modernisierung ankommt, sondern auch, und vielmehr, auf die Art des wirtschaftlichen Wachstums. Die wirtschaftliche Expansion der Sowjet-Union wurde von oben dirigiert, die sowjetische Gesellschaft wurde durch das sowjetische politische System geschaffen - im Gegensatz zu Amerika, wo die politischen Verhältnisse am besten von der Gesellschaft her zu verstehen sind. Komplizierte elektronische Rechenmaschinen, so sagen die Autoren, können auch mit Vorteil in einer Diktatur benutzt werden, und ein vielfältiges Spezialistentum ist nicht dasselbe wie eine pluralistische Gesellschaft. Der große Wohlstand wird so schnell in der Sowjet-Union nicht erreicht werden, und woher will man wissen, daß Wohlstand nun unbedingt zu Demokratie führt? Hatten nicht die Aufklärer des 18. Jahrhunderts angenommen, daß demokratische Republiken nur in einem armen ländlichen Milieu existieren könnten?

Auf die weitere Argumentation von Brzezinski und Huntington kann hier nicht im einzelnen weiter eingegangen werden. Auch beabsichtige ich nicht, meine eigenen Anschauungen über diesen Gegenstand zu entwickeln - einmal, weil das der Rezensent nicht unbedingt tun soll, zum anderen, weil jeder, der sich mit Geschichte befaßt, von Haus aus noch vorsichtiger mit Prophezeiungen ist als ein Politwissenschaftler. Der Historiker ist immer geneigt, die Wichtigkeit der historischen Wurzeln zu betonen; er weiß, daß Staaten und politische Regime sich nach dem Gesetz entwickeln, nach dem sie angetreten, daß die Geschichte wie die Natur zwar Sprünge machen, aber seltener, als man gemeinhin annimmt. Andererseits weiß er, daß immer neue Entwicklungen einsetzen, daß in der Geschichte grundsätzlich alles möglich ist. Die Konvergenztheorie in ihrer ursprünglichen, etwas naiven Form stimmt wahrscheinlich nicht, die Kausalbeziehungen zwischen Politik und wirtschaftlichen Faktoren sind kompliziert. Der Totalitarismus ist in der Sowjet-Union seit Stalins Tod teilweise abgebaut worden; nur Unbelehrbare und Fanatiker mögen daran zweifeln. Inwieweit aber diese Wandlungen struktureller Natur sind, wie sich ein totalitäres Regime überhaupt friedlich ändern kann, darüber läßt sich heute lediglich spekulieren; es gibt dafür keinen Präzedenzfall in der Weltgeschichte.

Vielleicht sind Brzezinski und Huntington etwas zu pessimistisch; die Modernisierung in der Sowjet-Union ist in manchem frappierend, und auf sehr lange Sicht werden diese Tendenzen wahrscheinlich nicht nur äußerlich wirken, sondern einen kumulativen Effekt haben. Selbst Hitler war nur ein Zwischenspiel; das Beispiel von Detroit und Essen trifft nicht mehr zu.

Ich muß aber mit zwei Einschränkungen enden: Derartige Entwicklungen dauern gewöhnlich länger, als man annimmt. Und selbst wenn es zu einer Art Konvergenz zwischen USA und UdSSR kommen sollte, so bedeutet das nicht, daß der Weltfriede eingezogen ist. Die beiden Weltkriege sind nicht ausgebrochen, weil die europäischen Mächte verschiedene soziale Systeme hatten. Die Feindschaften zwischen engsten Verwandten sind häufig die schlimmsten, und mit Staaten verhält es sich nicht viel anders.

Brzezinski/

Huntington:

»Politische Macht.

USA/UdSSR«

Kiepenheuer

& Witsch

496 Seiten

34 Mark

Laqueur

Walter Laqueur
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