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PHILOSOPHIE SPENGLER Eine Art Messias

aus DER SPIEGEL 43/1968

Derselbe Oswald Spengler, der in seinen Schriften den »Typus Mensch« als »ein Raubtier« beschrieb, gestand im stillen, daß er »Angst vor Weihern« habe, »sobald sie sich ausziehen. Das Bekenntnis seiner Weiberfurcht legte der Prophet des »Untergang des Abendlandes« und Oberlehrer außer Diensten im Alter von 35 Jahren nieder, in einer Notiz für eine geplante Selbstbiographie.

Doch erst jetzt, rund 32 Jahre nach seinem Tod, wird das Geständnis publiziert. Gestützt auf Spengler-Notizen und Fragmente, auf Tagebuchaufzeichnungen von dessen Schwester Hilde Kornhardt und Aussagen von Spengler-Zeitgenossen, verfaßte der Münchner Philosoph und Verwalter des Spengler-Nachlasses Anton Koktanek, 48, die erste »kritische Biographie« des zwielichtigen Denkers*.

Spengler hatte dem Deutschland der zwanziger Jahre mit seinem düsteren Buchtitel das Stichwort eines heroischen Pessimismus geliefert, dessen Wirkungen bis in die Götterdämmerungs-Szene 1945 im »Führer-Bunker« der Berliner Reichskanzlei reichten. Er gab aber auch der Kulturphilosophie des 20. Jahrhunderts Impulse, deren »Genialität« der britische Historiker Arnold Toynbee bis heute bewundert.

Einerseits grübelnder Pessimist, Menschenverächter und introvertierter Intellektueller, andererseits ein von überspanntem Tatendurst erfüllter Traum-Cäsar mit Walhall-Visio-

* Anton Mirko Koktanek: »Oswald Spengler jr. seiner Zeit«. Verlag C. H. Beck, München; 552 Seiten; 38 Mark.

nen, wurde Spengler zum Protagonisten des rechten Flügels einer gespaltenen Generation, welche die unheilvolle geistige, gesellschaftliche und politische Polarisation des Staates von Weimar zu verantworten hat.

Spengler war konservativ und reaktionär, nationalistisch und autoritär. In der Weimarer Republik sah er einen Staat »von Flöhen«. Bereits während des Ersten Weltkriegs hatte er in einer Denkschrift für Wilhelm II. den Monarchen angefleht: »Majestät, der Parlamentarismus ist ein Unglück für jedes Volk geworden ... kein Volk achtet im Grunde seines Herzens diese banale Staatsform weniger als das deutsche.«

Als Jüngling hatte der 1880 geborene Postsekretärssohn aus Blankenburg geträumt, er »müßte eine Art Messias werden«. Als Dreißigjähriger rühmte er sich, er sei »immer Aristokrat gewesen«, und am Ende seines Lebens, 1936, bat er, enttäuscht über die »Tröpfe, Lumpen oder Narren« Deutschlands, in »schmerzlichem Narzißmus« (Koktanek), man solle seine »Asche ins Wasser werfen«.

»Ein Mensch ohne Liebe«, so schauderte die Dichterin Ricarda Huch nach einer Begegnung mit dem Denker. Tatsächlich war Spenglers Lehen lieblos. Der strenge, auf Ordnung bedachte Beamten-Vater, die kränkelnde Mutter, »unfähig zur Liebe« (Spengler), die Beschränktheit des kleinbürgerlichen Elternhauses und seine »schreckliche Angst vor allem Weiblichen« hatten schon den Gymnasiasten in ein Traumreich entfliehen lassen.

Als Sechzehnjähriger entwarf er sein Reich -- Afrikasien: ein gewaltiges Imperium, das Asien und Afrika beherrschte, in 85 Jahren nicht weniger als 20 Kriege führen sollte, in dem das Christentum verboten und die Lynchjustiz straffrei waren.

Europa aber sollte von »Großdeutschland« beherrscht werden. Belgien, Holland und Luxemburg, die Schweiz, Deutsch-Österreich, Böhmen und Mähren sind dem Reich angegliedert. Die östlichen Departements Frankreichs und die russischen West-Gouvernements sind annektiert und germanisiert.

Noch 20 Jahre später -- im Ersten Weltkrieg -- berauschte sich der nun 35jährige Spengler an seinem »Imperium Germanicum der Zukunft«. Das theoretische Fundament seines großgermanischen Wahns errichtete Spengler in seinem Hauptwerk »Der Untergang des Abendlandes«, dessen erster Band 1918 erschien.

Im Mittelpunkt der Spenglerschen Weltgeschichte stehen nicht die Menschen, sondern die Kulturen. Sie sind »Lebewesen höchsten Ranges, sie wachsen in erhabener Zwecklosigkeit auf wie die Blumen auf dem Felde«, und wie diese sterben sie, wenn sie sich verwirklicht haben.

Auch das Abendland ist, wie einst die Antike, zum Sterben verurteilt. Signalisiert wird sein Tod durch Demokratie, Frauen-Emanzipation, »Erlahmen der vitalen Fruchtbarkeit« ("Statt der Kinder haben die Frauen seelische Konflikte") und die »Diktatur des Geldes über die Macht«.

Während das Abendland dahinsiecht, tritt für Spengler eine neue Kultur in die Weltgeschichte ein, die russische. Jahrhundertelang ist sie unterdrückt, durch den Zarismus in »westliche Formen umgefälscht« worden. Nun aber zeichnet sich durch den Bolschewismus der Übergang zu einer eigenständigen, russischen Kultur ab. Freilich, der Bolschewismus ist, laut Spengler, auch nur eine Übergangslösung. Nicht dem Bolschewismus, so orakelte er, sondern »dem Christentum Dostojewskis gehört das nächste Jahrtausend«.

Wenngleich Spengler dem Abendland die Totenglocken läutete, so glaubte er doch an eine, freilich befristete, Rettung, nach welcher die sterbende Kultur sich noch einmal zu imperialer Macht aufbäumt. Dieses Rettungswerk, so hoffte er, könnten die Deutschen übernehmen. Nüchternheit und Zucht im Denken, für Spengler hervorragende Merkmale des Preußentums, befähigten gerade die Deutschen, jene soziale, cäsarische Zivilisation zu schaffen, die laut Spengler das Endstadium aller Kulturen bildet.

Die Revolution im November 1918 riß Spengler nur vorübergehend aus seinen Träumen vom Imperium Germanicum. Wie der Gefreite Adolf Hitler im Lazarett zu Pasewalk, weinte auch Spengler bei der deutschen Kapitulation, und wie Hitler beschloß auch er, Politiker zu werden.

Der in teure Homespun-Anzüge gekleidete Ästhet des Untergangs sah sich als »allmächtiger Günstling eines tüchtigen Herrschers. Er malte sich den Hof aus, an dem er dienen wollte: »fähige Truppenführer, eine Hauptstadt, in welcher der Geist der Zeit am Werke ist, und ein paar Menschen leben, die unsterblich sein werden«. Er, der laut Koktanek wahrscheinlich impotent war, bevölkerte seine Traumgärten mit verführerischen Damen

Wie ein »mit Römergeste auf das Forum hinausschreitender Cäsarist« (Koktanek) wünschte sich Spengler, die politische Bühne zu betreten. Er vergötzte die Tat, am liebsten die brutale: »Ideale soll man in Scherben schlagen ... Härte, römische Härte ist es, was jetzt in der Welt beginnt.«

Wieder einmal, so glaubte er, bestand wie »nach dem Siebenjährigen Kriege und Jena die Notwendigkeit, von vorn anzufangen, ohne Verständnis und ohne Dank ein Volk, das hoffnungslos unpolitisch ist, seiner Bestimmung zuzuführen«. Und ähnlich wie Hitler sah auch Spengler im Friedensvertrag von Versailles die große Chance für die nationale Bewegung: »Ich sehe mit stillem Behagen, wie die Entente den Deutschen zur Vergeltung erzieht ... wir brauchen bei unserem Naturelle diese Katastrophen auf dem Wege zum Ziel.

Bald war Spengler, so Koktanek, »beliebter Tafelaufsatz bei Zusammenkünften von Politikern, Generalen, Geheimräten und Direktoren« Im Kreis der Industriellen und Ruhr-Direktoren wie Hugo Stinnes, Albert Vögler, Paul Reusch und konservativer Intellektueller wie Arthur Moeller van den Bruck und Heinrich von Gleichen hoffte Spengler, die einflußreichen Männer für seine »Art nationale Loge« (Koktanek) zu finden.

Als Apostel eines autoritären Konservativismus reiste Spengler durch Deutschland und entfaltete eine rege konspirative Tätigkeit. In primitiv verschlüsselten Briefen (die Reichswehr hieß darin schlicht »die Firma«, die Wehrkreiskommandos wurden als »Filialen« bezeichnet) verfolgte er den Umsturz der verhaßten Weimarer Republik. Nach einem Plan, der dem damaligen Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, zugeschrieben wurde, sollte das parlamentarische System durch ein mit diktatorischen Vollmachten ausgestattetes Direktorium abgelöst werden, mit Spengler als Kulturminister oder Pressechef. In einer kleinen Schrift, »Neubau des Deutschen Reiches«, die freilich erst 1924 erschien, hatte Spengler sogar ein Regierungsprogramm entworfen.

Doch hei einer Aussprache mit Seeckt im Herbst 1923 konnten sich der Philosoph und der General nicht einigen. In einem Brief an Reusch klagte Spengler: »Er (Seeckt) hat sich nun doch als ausgesprochener Opportunist enthüllt.«

Unterdessen trieb die Weimarer Republik in die Staatskrise. Französische Truppen hatten das Ruhrgebiet besetzt, in Sachsen und Thüringen revoltierten die Landesregierungen aus linken Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die Reichsregierung, und in Bayern sammelten Hitler und Ludendorff Helfer für einen Putsch.

Nach der Enttäuschung mit Seeckt setzte Spengler nun seine Hoffnungen auf eine von Bayern ausgehende Revolte. Freilich, weder in Hitler noch in Ludendorff sah er die Führer der nationalen Bewegung, sondern in dem Generalstaatskommissar Gustav von Kahr oder dem Forstrat Georg Escherich, dem Gründer der bayrischen Selbstschutzorganisation »Orgesch«. »Es wird Zeit«, schrieb Spengler am 30. Oktober 1923, »daß der rechte Flügel sich zu einer Tat aufrafft.«

Zehn Tage später erlebte Spengler im Bürgerbräukeller den Zusammenbruch seiner Hoffnungen. Hitlers hysterische Ausbrüche, das Versagen derer, auf die er seine Erwartungen gesetzt hatte, ließen Spengler resignieren. Enttäuscht verließ er die politische Bühne.

Rund sieben Jahre enthielt er sich der aktiven Politik. Freilich, auch während dieser Zeit hoffte er immer wieder, »einen Mann erscheinen zu sehen, dem man das Schicksal des Landes in die Hände legen darf«,

Die Weltwirtschaftskrise, der Bankrott des Parlamentarismus in Deutschland und der Erfolg Hitlers rissen Spengler wieder in den Strudel der Politik. Schwankend zwischen Kritik an Hitler, dem bloßen »Trommler und Pfeifer«, und Beifall für die »Bewegung«, zwischen Haß auf die Weimarer Republik und Freude darüber, daß seine These vom »heraufsteigenden Cäsarismus« bestätigt wurde, entschied sich Spengler, obwohl zweifelnd, für die Nazis.

Am 25. Juli 1933 traf er mit Hitler in Bayreuth zusammen. Eineinhalb Stunden dauerte ·die Unterredung zwischen dem Diktator und dem Denker. Spengler war beeindruckt: Hitler »will was und er tut was und man kann ihm was sagen«. Freilich, Spenglers femininer Ästhetizismus und sein Flair für menschliche Physiognomien hielten die ursprüngliche Kritik wach: »... wenn man ihm gegenübersitzt, hat man nicht ein einziges Mal das Gefühl, daß er bedeutend ist.«

Trotzdem schöpfte Spengler neue Hoffnung. Die Zusage Hitlers, »daß auch künftighin in München alle paar Wochen solche Zusammenkünfte stattfinden sollten«, habe in ihm, so vermutet Koktanek, den alten Jugendtraum wieder anklingen lassen, »allmächtiger Günstling eines tüchtigen Herrschers« zu werden. Doch Hitler erfüllte sein Versprechen nie.

Die Niederschlagung des angeblichen Röhm-Putsches am 30. Juni 1934, bei dem Gregor Strasser, der ehemalige Reichsorganisationsleiter der Hitler-Partei, ermordet wurde, den Spengler für den geeignetsten Führer der nationalen Bewegung gehalten hatte, zerstörte endgültig die politischen Träumereien des Philosophen. Hitler war für ihn fortan nur der »Prolet-Arier«, die Partei »die Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen« und der »Untergang des Abendlandes« »das Buch, von dem der Führer den ganzen Titel gelesen hatte«.

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