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Zeitkritik Eine deutsche Hysterie

Von Cora Stephan
aus DER SPIEGEL 4/1995

Die Zeiten sind düster, die Nachrichten schlecht. In Deutschland herrscht alltägliche Barbarei. Auf den Straßen der Bürgerkrieg, molekular oder voll entbrannt: Skins jagen Ausländer, Jugo-Gangs und Drogendealer einander und uns Danebenstehende gleich noch dazu. Jeden kann es jederzeit treffen, und wenn sie nicht das »Bosnien en miniature« in der U-Bahn ereilt hat, dann geht es Frauen und Kindern spätestens daheim an den Kragen.

Nirgendwo Sicherheit: Auch dort lauert Gewalt in Gestalt von prügelnden Ehemännern, den Vergewaltigern ihrer Töchter. Die Söhne werden spätestens auf dem Schulhof Opfer ihresgleichen, der »Jugend«, die, wir wissen es, zunehmend brutaler und gewalttätiger wird. Und wer von alledem nicht betroffen ist, dem blüht der Verkehrstod auf Deutschlands Straßen. Die Nachrichten sind düster, die Zeiten sind schlecht.

Das ist, natürlich, die rhetorische Übertreibung rhetorischer Übertreibungen. So schlimm ist es noch nicht. Ganz so schlimm noch nicht. Aber fast so schlimm, tendenziell irgendwie. Das jedenfalls glauben nicht nur konservative Innenpolitiker, die immer schon mit der zunehmend gewalttätigen Gesellschaft begründet haben, warum man die Polizei aufrüsten muß. Auch Intellektuelle wissen sich heute im Einklang mit einer verängstigten Bevölkerung, wenn sie mit besten Absichten vor den deutschen Zuständen warnen.

Daß diese Gesellschaft eine »Gesellschaft der Gewalt« sei (Konrad Weiß), daß der Bürgerkrieg zum »Alltag der großen Städte« (Hans Magnus Enzensberger) gehört; daß die »Denaturierung der Gesellschaft durch Gewalt« ein »unerträgliches Maß« erreicht hat (Weiß) und wir mit einem »Rückfall in archaische Gewalt« und der »Wiederkehr des Bösen« (Focus) zu tun hätten, beherrscht nicht nur Medien, deren täglich Brot die »alarmierenden« Zahlen der Kriminalitätsstatistiken sind.

Das beschwörende Warnen vor einer zunehmend gewaltgeschüttelten Gesellschaft wird spätestens seit den rechtsextremistischen Gewaltausfällen gegen Asylbewerber und Ausländer auch von kritischen Geistern gern geübt. Viele halten heute jene Horrorszenarien für plausibel, denen zufolge Gewalt und Totschlag an jeder Straßenecke drohen und Vergewaltigung und Mißbrauch zum Schicksal fast jeder Frau gehören.

Die stets wiederkehrenden Medienberichte von einem erneuten »Rekordwert« des Verbrechens, von der »Gewaltwelle« und der »Kriminalitätsexplosion«, die Hitlisten mit den Spitzenreitern unter deutschen Städten, was Totschlag und Vergewaltigung betrifft, die »Kriminalitätsuhren«, bei deren Anblick jede Bürgerin sich fragen muß, warum sie eigentlich noch nicht »dran« gewesen ist, werden von nüchternen Zeitgenossen vielleicht noch als Panikmache abgetan. In ihrem Gehalt aber werden solcherlei Meldungen selten bezweifelt: Es wird immer schlimmer, jeden kann es treffen, überall, jederzeit.

Genau diese Behauptung vom »alltäglichen Bürgerkrieg«, von der »Normalität« von Mord & Totschlag, Vergewaltigung und Mißbrauch ist indes insbesondere aus den Kriminalitätsstatistiken nicht herauszulesen, wie kritische Kriminologen etwa in der Zeitschrift Neue Kriminalpolitik unermüdlich, aber weitgehend ungehört betonen.

Sie sind Tätigkeitsberichte der Polizei, nicht der Verbrecher; in ihnen bildet sich ab, wie oft polizeiliche Ermittlungen eingeleitet wurden, nicht die nachgewiesenen und abgeurteilten Straftaten. Vor allem aber hat das, was Bürger und Bürgerin am meisten schreckt und was die Rede vom alltäglichen Bürgerkrieg überhaupt nur plausibel machen könnte, Mord, Totschlag, Vergewaltigung und andere Gewaltverbrechen, einen nur geringen Anteil an den durch Bagatelldelikte aufgeblähten Zahlen: etwa zwei bis drei Prozent.

Tatsächlich gab es 1993 relativ weniger Tötungsdelikte als im Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte: 4,6 pro 100 000 Einwohner nennt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer: »Das Risiko, ermordet zu werden, ist in der Bundesrepublik nicht größer, sondern geringer geworden. Das Jahr des Verbrechens war 1975.« Auch das statistische Risiko, vergewaltigt zu werden, hat abgenommen - und das, obwohl weit mehr Frauen als früher bereit sein dürften, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung auch anzuzeigen.

Wer so etwas sagt, gilt als Abwiegler. Denn was ist los mit den rechtsextremistischen Gewaltexzessen? Und was ist los an unseren Schulen, an denen, wie man hört, immer »brutaler« und »enthemmter« zugeschlagen werde? Bildet sich nicht gerade dort ab, was unsere Gesellschaft insgesamt auszeichnet? Viele Wissenschaftler, die mit dieser Hypothese im Hinterkopf ins Feld gezogen sind, die Gewalt an Deutschlands Schulen zu erforschen, melden mittlerweile Fehlanzeige. Nicht nur die Gewaltkommission der Bundesregierung kommt 1990 zu dem Schluß, daß es für den von den Medien behaupteten »generellen Gewaltanstieg« an den Schulen »keine empirischen Belege« gebe.

Auch seither tut man sich mit dem Nachweis schwer. Eine 1994 erschienene Untersuchung der Gewalt an Magdeburgs Schulen nach der deutschen Einheit verwirft die Hypothese »von der höheren Gewaltbereitschaft der heutigen Jugend gegenüber früheren Jugendgenerationen sowie anderen Altersgruppen der Gesellschaft«.

Und auch eine vom staatlichen Schulamt in Auftrag gegebene Studie zur Gewalt »in und um Schulen Kassels« kann eine generelle Gewaltzunahme nicht nachweisen. Eine Analyse der Unfallmeldungen der Schulen an die Versicherung legt keine Steigerung körperlicher Angriffe, gar noch mit immer schlimmeren Folgen, sondern eher das Gegenteil nahe - der Anteil der an Schulen verletzten Schüler, der auf vorsätzliche Aggression zurückgeht, liegt danach relativ konstant bei einem guten halben Prozent, der Anteil schwerer Verletzungen daran ist zurückgegangen.

Harald Euler, wissenschaftlicher Begleiter der Untersuchung und Psychologieprofessor an der Gesamthochschule Kassel, stellt indes zwei andere signifikante Trends fest: einen Trend zur Selbstbewaffnung der Schüler und die mit der entsprechenden Medienberichterstattung zunehmende Neigung der Lehrer, an die Eskalation schulischer Gewalt zu glauben. Das spricht für zunehmende Angst - eine zwiespältige Angelegenheit. Denn Dramatisierung, warnt Harald Euler, »kann sensibilisieren und engagieren, um Gewalt zu mindern. Eine alltägliche Thematisierung von Gewalt kann aber auch Gewaltbereitschaft nähren«.

Pädagogikprofessor Franz Hamburger aus Mainz sieht in der Debatte um Gewalt an den Schulen vor allem zwei Mechanismen am Werk: den »Steigerungsdiskurs« und die »Generalisierungsbehauptung« - mit anderen Worten: den Hang zu Sätzen wie »alles wird immer schlimmer« und zu allgemeinen Schlüssen a la »alle Männer sind potentielle Vergewaltiger« oder »die Jugend wird immer brutaler«, Sätze, die in ihrer Tendenz mindestens so diskriminierend sind wie Kollektivbildungen a la »Juden sind schlau, Neger beschränkt und Frauen können nicht Auto fahren«.

Was viele für plausibel halten, ist deshalb noch lange nicht wahr. Beständige Wiederholung aber hat das bloß Plausible längst zu einer Glaubenstatsache werden lassen, der man nicht widersprechen darf. Denn wer will schon als »Verharmloser« gelten, und wer möchte sich den Vorwurf einhandeln, vorschnell »Entwarnung« zu geben? Also: Auch hier soll nicht verharmlost und entwarnt werden, zumal man sich unschwer auch von dieser Botschaft besorgt fühlen kann: Denn was ist eigentlich mit einer Gesellschaft los, die in ihr zweifellos vorhandene Konflikte gleich als »Bosnien en miniature« diskutieren muß (und was um Himmels willen hat den klugen und geschätzten Hans Magnus Enzensberger zu einer so vermessenen Formulierung getrieben)?

Lassen wir mal die simple Tatsache weg, daß es zur pflichtbewußten Berufsausübung der Intellektuellen und Meinungsmacher gehört, zu mahnen und zu warnen, und daß es der eigenen Grandiosität hilft, wenn das Übel möglichst gigantisch ist.

Zugegeben sei auch: Der Ruf nach dem Positiven verfängt nicht; und wir mögen es zwar bemerkenswert finden, daß es immer weniger Todesopfer auf deutschen Straßen trotz immens gestiegener Verkehrsdichte gibt, trotzdem dürfen wir keine weitere Ausweitung des Autoverkehrs propagieren. Lassen wir auch außer acht, daß unentwegt das Reden über einen Tatbestand mit der Sache selbst verwechselt wird. Daß verstärkt über sexuellen Mißbrauch an Kindern gesprochen wird, beweist nicht, daß dieses Verbrechen zugenommen hat. Es hat höchstens dazu geführt, daß einem Verdacht darauf eher nachgegangen wird und er eher angezeigt wird.

Lassen wir schließlich auch weg, daß hinter der ja schon notorischen »German Angst« immer wieder schlechtes Gewissen spürbar wird: Es geht uns zu gut - das kann ja nicht gutgehen. Was wahrscheinlich richtig ist.

Ziehen wir das alles ab, dann bleibt eine ernst zu nehmende Information über das Zusammenleben in diesem Land übrig - nämlich daß wir einander das Allerschlimmste zutrauen. Denn auffällig häufig ist im Gewaltdiskurs die Rede vom »ganz normalen Täter«, von der »alltäglichen Gewalt«, von den ganz »normalen Strukturen«, die das Schreckliche gebären. »Das Böse« lauert überall, ist die Botschaft - Vertrauen ist nicht möglich, lautet der für etwas so Zerbrechliches wie »Gesellschaft« einigermaßen riskante Befund.

Zugespitzt sagt die These, die Gefahr gehe nicht von den Extremen aus, von den Ausnahmen, von kleinen radikalen Minderheiten, sondern entstehe in der »Mitte der Gesellschaft«. In der These vom »Extremismus der Mitte« (Hans-Martin Lohmann) bündelt sich die Auffassung, alle Erscheinungen von Gewalt seien die winzige Spitze eines riesigen Eisbergs. Das ist dann in der Tat der Bürgerkrieg - »noch« molekular.

Die furchterregende Erkenntnis, daß deutsche Gewalttaten unter den Nazis nicht von außergewöhnlichen Bestien, sondern von »ganz normalen Männern« verübt wurden, ist die historische Lehre, die solchen Szenarien Fundament gibt. Da das eine unbestreitbar ist, scheint das andere zu folgen: Jederzeit kann der fragile Konsens aufbrechen, vielleicht ist er längst explodiert.

Eine solche These ist nicht nur bestreitbar, sie ist auch in vieler Hinsicht gefährlich. Daß die äußere Barbarei stets menschenmöglich ist, kann unmöglich davon absehen lassen, welcher Rahmenbedingungen sie bedarf. Die Bundesrepublik Deutschland ist keine Nazi-Diktatur. Und das gesellschaftliche »Klima«? Ein Klima mordet nicht, und daß »die Gesellschaft« Mordtaten billige, rechtsextremistischen Gewalttaten applaudiere, die Politik des »Wegguckens« vor alltäglicher Gewalt pflege, ist ebenso »plausibel« wie bestreitbar.

Als der Hessische Rundfunk jüngst Schauspieler in der Straßenbahn das Stück »Skinheads bedrohen Schwarzen« aufführen ließ, gefilmt von versteckter Kamera, wurde in fast allen Fällen von Mitreisenden schützend eingegriffen.

Sogar in den vielverrufenen Berliner U-Bahnen geht es moderater zu, als man glaubt: Ein vom Politologen Peter Grottian geleitetes Studentenexperiment Anfang 1993 ergab, daß dort Mitreisende ausländerfeindliche Pöbeleien keineswegs zu billigen, geschweige denn zu beklatschen bereit waren.

Die Süddeutsche Zeitung schloß aus dem hessischen Experiment, die Medienappelle zum Einmischen hätten wohl doch etwas genützt. Vielleicht. Vielleicht war ja auch die These von der deutschen »Wegguckmentalität« in ihrer Verallgemeinerung falsch. Es gibt erschreckende Fälle von unterlassener Hilfeleistung. Aber es gibt auch die gegenteilige Botschaft.

Die generalisierte Behauptung von der »Wegguckmentalität« gehört zur deutschen Verdachtskultur, der man ja durchaus zugute halten könnte, sie wolle mit der Behauptung, die »ganz alltägliche Gewalt« gehe vom »ganz normalen Mann« aus, lediglich Ausgrenzung verhindern, also die selbstgerechte Ohnemichel-Attitüde angreifen, wonach immer nur »die anderen« schuld sind.

Schön gedacht. Doch scheint das lediglich eine moralische Grundverunsicherung zu erzeugen, die in falschen Identifikationen mündet und Vertrauen nachhaltig zerstört. »Es« passiert nicht jedem jederzeit - und es ist auch nicht jeder zu allem allezeit bereit und fähig.

Das sagt nichts über die Charaktereigenschaften der Täter und Opfer aus - höchstens über die unterschiedliche Chancen- und Risikoverteilung in dieser Gesellschaft und über jenen Rest Schicksal, über den Menschen noch nicht verfügen können. Man nennt es auch Lebensrisiko.

Vielleicht ist es just das, was angst macht: daß das Gleichheitsversprechen der Demokratie nicht aufgeht und »das Böse« keineswegs wiederkehrt, sondern immer schon da war. Nicht überall. Nicht jederzeit. Aber nachhaltig genug - und störend, was die verbreitete Hoffnung auf einen Endzustand des Friedens und der Konfliktlosigkeit betrifft.

Woher die deutsche Angst? Liegt es an dem verbreiteten Gefühl, alle Gewißheiten hätten sich seit dem Fall der Mauer verflüchtigt? An übertriebenen Harmonievorstellungen? Oder handelt es sich, ganz schlicht, um die laufende Inszenierung martialischer »Wandersagen« durch Medien, die mit Gewaltszenen Einschaltquoten und Einnahmen anheben? Dies würde erklären, warum so häufig für wirklich gehalten wird, was in Wahrheit bloß (mediale) Wahrnehmung ist.

Gewiß ziehen wir wohl auch allesamt falsche Schlüsse aus der durchschnittlichen Rüpelhaftigkeit allgemeinmenschlicher Begegnungen in der Öffentlichkeit, die ja in Wirklichkeit nicht anzeigt, wie gewalttätig wir sind, sondern vielmehr, wieviel Unhöflichkeit wir uns miteinander leisten können, ohne daß es zum Äußersten kommt.

Das Niederträchtige an der volkspädagogischen Angstmache und dem Bürgerkriegsgerede ist vielleicht, daß die Vorstellung, es sei schon so schlimm, jene dringend benötigte Lebenslust zu lähmen droht, die es braucht, um zu verhindern, daß es jemals so schlimm kommt. Denn wer glaubt, er habe nichts mehr zu verlieren, wird auch nichts mehr retten wollen. Y _(* Polizist (mit Waffe) beim Einsatz ) _(gegen Geiselnehmer in Hessen 1994. )

W. M. WEBER

Medienspektakel Verbrecherjagd*: Ein Klima mordet nicht

AP

Bürgerkriegsprophet Enzensberger »Bosnien en miniature«?

I. OHLBAUM

In ihrem Gehalt werden solche Meldungen selten bezweifelt

Was viele für plausibel halten, ist deshalb nicht wahr
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Cora Stephan *

gehört - spätestens seit dem Erscheinen ihrer Streitschrift »Der Betroffenheitskult« (1993) - zu jenen Intellektuellen, die lustvoll die Denkgewohnheiten der 68er Generation zerrupfen, gerade weil sie selbst davon geprägt wurden. Wenn die Frankfurter Publizistin altlinke Entrüstungsrituale oder feministische Sprechblasen verhöhnt, übt sie damit stets auch Selbstkritik - im Namen rationaler Skepsis und ziviler Gelassenheit. Stephan, 43, deren Buch »Neue deutsche Etikette« im März erscheinen wird, wendet sich hier gegen die aufgeregten Gewalt-Thesen prominenter Moralisten.

* Polizist (mit Waffe) beim Einsatz gegen Geiselnehmer in Hessen1994.

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