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Literatur Eine Dose ist eine Dose

aus DER SPIEGEL 22/1996

Harris leidet unter Schwindelanfällen, und als George davon hört, geht es ihm auch ganz schlecht. Jerome hat ein Problem mit der Leber, jedenfalls glaubt er das, seitdem er eine Werbebroschüre für Leberpillen gelesen hat, in der die scheußlichsten Symptome aufgeschrieben waren: drei junge Männer, denen nur frische Luft und Entspannung das Leben retten können. Sie packen ihre Taschen und gehen auf eine Bootstour: Zwei Wochen lang rudern und schleppen sie ein Boot die Themse hinauf. 1889 veröffentlichte der Brite Jerome K. Jerome diesen Klassiker des englischen Humors, der sich seitdem immer gut verkauft hat. Kein Wunder, daß nun, kaum 100 Jahre nach der Erstauflage, ein Remake erscheint: Der englische Satiriker Nigel Williams schickt in der Neufassung seine Männer auf die gleiche Reise, läßt sie aber mit modernen Hindernissen kämpfen. Alan, der BBC-Manager, hat keine Zeit zum Rudern, weil er ständig mit seinem Mobiltelefon beschäftigt ist, Konferenzen plant, und weil Salman Rushdie auf den Anrufbeantworter spricht. J. P., der schon auf dem Amazonas Filme gedreht hat, läßt das Ruderboot lieber regelwidrig von einer Motorjacht den Fluß hochschleppen, als sich weitere Blasen an den Händen zu holen. Williams' Roman ist nicht nur amüsant, er ist auch Sekundärliteratur: Wo Jerome in alter »Tristram Shandy«-Tradition den Handlungsstrang mit Anekdoten absichtlich zerfasert, tyrannisiert Nigel Williams den Leser mit Fußnoten - über das Kritikerecho auf Jeromes Buch oder mit einer seitenlangen Anmerkung über die Zubereitung eines Picknicks. Nur die private Nummer von Salman Rushdie, die behält Williams für sich.

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