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»Eine Frau, die sich wehrt, ist 'ne Zicke«

SPIEGEL-Redakteur Karl Heinz Krüger über die Aufbruchsstimmung bei den Architektinnen *
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 8/1988

Die Damen wurden deutlich. »Zum Kotzen« sei die jüngste Ausgabe gewesen, hieß es in Zuschriften an die Redaktion, »saublöd« und »reaktionär«. Das Heft mit den »geilen Weibern« gehöre den Redakteuren »um die Ohren geschlagen« - so »extrem frauenverachtend«, so »geballt frauenfeindlich« sei es. Und die Werbung dafür, in Faltblättern und Annoncen verbreitet, sei gleichfalls eine »dicke Sauerei": »sexistisch«.

Der Zorn der Frauen galt der Fachzeitschrift »Bauwelt«; das traditionsreiche Wochenblatt hatte sich den Spaß erlaubt, einen Bericht über schräge Innenarchitektur am Wiener Börseplatz mit einem albernen Photoroman und zwei mollerten Miezen in nicht ganz fachbezogener Garderobe aufzupeppen (Dollarnoten in Dekollete und Strumpfband). Die beanstandeten Annoncen zeigten noch weniger: Knie und Wade flotter Geschäftsfrauen, dazu die Empfehlung: »bauweltlesen«.

Daß die »Bauwelt«-Leserinnen dermaßen sauer reagierten, ist ein Symptom für die angespannte Lage und die gereizte Grundstimmung im Lager der entwerfenden Frauen. Wohl in keinem anderen Berufsstand herrscht gegenwärtig so viel Knies zwischen den Geschlechtern wie bei den Leuten vom Bau.

Die Damen sind seit Jahren im Aufbruch - sie verfassen Pamphlete, veranstalten Ausstellungen, treffen sich zu Diskussionen, organisieren sich überregional; doch es geht schleppend voran, die Fraktionen der Bewegung sind uneins wie Fundis und Realos - und die Herren halten stur fast alle Stellungen.

Zudem gibt es immer mehr Architekten, neuerdings auch weiblichen Geschlechts, und immer weniger zu tun. In keinem Land, auch nicht in den USA und der Sowjet-Union, sind so viele Vertreter dieses Berufsstandes registriert wie in der Bundesrepublik: 67 900 Architekten verzeichnen die Kammern der Bundesländer gegenwärtig. Rund sechs Prozent davon sind Frauen.

Mit mehr als 22 Prozent sind die Frauen bei der Arbeitslosigkeit unter Architekten und Bauingenieuren (im Durchschnitt: 11 Prozent) deutlich überrepräsentiert. Doch die Zahlen täuschen noch. Viele Architektinnen haben resigniert und aufgegeben, sind in Ehen, Büros und Behörden untergetaucht oder in andere Tätigkeiten abgewandert. Unterdes wächst an den Hochschulen ein wahres Frauenheer heran: Von den 42 500 Architekturstudenten sind über 40 Prozent Frauen.

Der hohe Frauenanteil bei den Studierenden ist ein deutlicher Bruch mit Traditionen. Noch in der ersten Jahrhunderthälfte waren weibliche Architekten rar. Und auch in den Bauboom-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Frauen, die Architektur studierten, von den Kollegen nicht recht ernst genommen. Ludwig Mies van der Rohe, auf Frauen im Fach angesprochen, pflegte zu erwidern: »Oh, wir finden sie sehr nett.« Der Berliner Professor Peter Poelzig hatte für die Entwurfszeichnungen seiner

Studentinnen eine Standardwertung parat: »Sehr reizvoll.«

Ähnlich nachsichtige Behandlung, als seien sie zwar niedlich, doch nun mal ein bißchen bekloppt, erfahren junge Frauen immer noch in den Architekturbüros. Die Düsseldorfer Erfolgsarchitektin Brigitte Parade erinnert sich an die betonte Jovialität ihres ersten Chefs ("Na, was kannste, Mädchen? Kannste Perspektive, kannste Modell?") und an die fröhliche Stimmung im Büro ("''ne Frau? Is'' ja toll!").

Doch immer wieder erlebt sie, wie rasch das Wohlwollen in Aggressivität umschlägt, sobald eine Frau eine eigene, womöglich unbequeme Meinung zu äußern wagt: »Eine Frau, die sich wehrt, ist sofort ''ne Zicke.«

Dieser maskuline Abwehrmechanismus reagiert noch heftiger, wenn Frauen in ernsthafte Konkurrenz zu den Männern treten, Aufträge an Land ziehen, große Wettbewerbe gewinnen - sich den Herren in guten und in weniger guten Eigenschaften als ebenbürtig oder gar überlegen erweisen. Aber auch beim eigenen Geschlecht stoßen Karrierefrauen keineswegs nur auf Sympathie.

Voller Genugtuung verfolgten Berliner beiderlei Geschlechts anfangs der siebziger Jahre den Absturz der West-Berliner Architektin Sigrid Kressmann-Zschach, die sich während des Booms in den sechziger Jahren ein wahres Imperium aufgebaut hatte - mit einem Bauvolumen von einer Milliarde Mark und 100 Zeichenknechten unter ihrer Fuchtel.

»SKZ«, so ihr Kürzel, hatte nichts anderes getan als männliche Unternehmer auch, nur gründlicher: Sie hatte geschickt im Dschungel der West-Berliner Steuerpräferenzen taktiert, hatte hart beim Erwerb gewinnträchtiger Liegenschaften zugepackt - und sich am Ende mit den Pleite-Objekten »Steglitzer Kreisel« und »Kurfürstendamm-Karree« übernommen.

Den Konkurs erläuterte sie mit ihrem Lieblingsargument: »Ich bin eine Frau, das ist mein Handikap.« Das war aber auch eine Vorgabe. Kressmanns Credo lautete: »Häuser, Geld und Männer kann man nie genug haben.« Heute, mit 58, unterhält die Frau, die ein Jahrzehnt lang dem Berliner Publikum ein Erfolgsstück a la »Dallas« und »Denver« bot, ein kleines Architekturbüro, nimmt sich mehr Zeit zum Leben und beteuert, »eigentlich« sei sie »glücklicher so«.

Doch nicht nur derlei Unternehmerinnen-Karrieren wecken Argwohn und Schadenfreude bei der männlichen Konkurrenz. Der Neid der Männer wird auch virulent, wenn unter den Tausenden von weiblichen Kollegen, die an den Zeichenbrettern großer Architekturbüros Frondienst leisten, sich welche mit eigener Kreativität und persönlicher Handschrift mausig machen.

Zu welcher Kraftentfaltung Frauen als Entwerferinnen fähig sind, beweist die - überschaubare - Liste von weiblichen Big shots in der Architektur. Zu den Welt-Stars zählen gegenwärtig *___die aus Bagdad stammende, in London lebende Designerin ____und Architektin Zaha Hadid, 37, die 1983 bei ihrem ____ersten gewonnenen Wettbewerb in Hongkong 538 ____Konkurrenten aus dem Feld schlug, darunter männliche ____Prominenz aus aller Welt; *___die Japanerin Itsuko Hasegawa, 46, die eine ____aufsehenerregende High-Tech-Variante in die ____fernöstliche Architektur einbrachte; *___die Mailänder Architektin Gae Aulenti, 60, Expertin für ____Museumsbauten und das 19. Jahrhundert - sie hat in ____Paris die Gare d''Orsay zum vielbestaunten Musee d''Orsay ____umgewandelt, in Venedig den Palazzo Grassi renoviert.

»Wer ist Hadid?« hatten die Leute noch gefragt, als die Orientalin den Hongkong-Wettbewerb gewann; ein reicher Chinese hatte die Konkurrenz für einen feudalen Country-Club auf einem Berg ausgelobt. Hadids Entwürfe erinnerten die einen an Kandinsky, andere an Malewitsch und alle an den frühen russischen Konstruktivismus. Zaha hatte, wie sie sagte, nichts Geringeres versucht,

als »den Begriff der Explosion in die Architektur einzuführen«.

Bisher ist noch keiner der von ihr gezeichneten Entwürfe ausgeführt, auch Zahas fliegender Country-Club wird wohl nie gebaut. Viele Fachleute meinen, ihre hinreißend dynamischen, gläsern klaren, arroganten und jegliche Statik ignorierenden Zeichnungen seien möglicherweise nur in der Schwerelosigkeit des Weltalls zu realisieren.

Doch die Künstlerin ist felsenfest von der Baubarkeit ihrer Entwürfe überzeugt. Von Tokio bis New York hält sie flammende Plädoyers für eine »neue Moderne« und vermag dabei auch kühle Köpfe zu begeistern.

Das stocksolide US-Fachblatt »Architectural Record« widmete der Irakerin eine Titelgeschichte und schrieb: Viele junge Architekten, die nach Alternativen zur tutigen Postmoderne gieperten, sehnten sich nach einem Helden - sie könnten jetzt »auf eine Heldin blicken«.

Mit so einer Frau mag sich auch eine Stadt wie Berlin gern schmücken - sie bekam gleich zwei Einladungen aus der ehemaligen Hauptstadt. Die eine von dem Bauunternehmer Peter Schiansky, der ein ausgefallen schmales Bürogebäude am Kurfürstendamm von ihr wollte; sie entwarf eine kühn geschwungene, turmähnliche Glasfassade - und verschreckte den Auftraggeber, der Kosten und das bautechnische Abenteuer scheute. Schiansky hat, wie er erleichtert bekennt, die Hadid »rausgeschmissen« und durch den Spät-Macho Helmut Jahn aus Chicago ersetzt.

Die andere Aufforderung erging von höchster Berliner Bauetage: Für die Internationale Bauausstellung (IBA) sollte Hadid an einem Block »emanzipatorischer Häuser« mitwirken. Zaha machte kein Hehl daraus, daß ihr die ganze IBA nicht paßt, mit ihren provinziellen Bauten, den gönnerhaften Zurechtweisungen, den ständigen Forderungen nach Änderungen - und schon gar nicht die Absonderung ihres Geschlechts in einen »Weiberblock": »Wir haben doch nicht die Lepra!«

IBA-Chef Josef Paul Kleihues reagierte wie ein Mann: eingeschnappt. Er legte ihr nahe, den Auftrag zurückzugeben.

Gleichfalls gegen eine Welt von Männern und ebenso mit unkonventionellen Ideen hat sich Itsuko Hasegawa in Japan durchgeboxt. Sie hat eine moderne Version der traditionellen japanischen Papierwand entwickelt und daraus eine Kunst und eine Philosophie gemacht: perforiertes, hauchdünnes Aluminiumpaneel. Das Blech gilt ihr nicht als Werkstoff, sondern als Medium: weil es das Licht filtert und reflektiert, im Wind leise singt - für die Architektin eine urbane, zeitgemäße Laubwaldvariante, mitten im Tokioter Stadtbrei.

Vom Universum ließ sich Hasegawa für einen Vorschlag inspirieren, den sie letztes Jahr beim Wettbewerb für ein geplantes Kulturzentrum nahe Tokio einreichte: Über einer steinernen Landschaft erheben sich die Großbauten, kugelrund wie Planeten. Das Preisgericht entschied sich für ihren Entwurf - gegen die Arbeiten von 214 Männern.

Wie eine Frau am sichersten Männer aussticht, weiß Gae Aulenti in Mailand: »Nur nicht dran denken!« Frauen, sagt sie, sollten sich nie vergegenwärtigen, daß sie in ihrem Beruf eine Minderheit sind. »Sobald sie es tun, sind sie verloren.« Aulenti steht im Zenit ihrer Karriere, zur Zeit baut sie in Barcelona den Palacio Nacional um - sie ist die erste, die als Architektin in der Hauptstadt der Katalanen verantwortlich arbeitet. Und sie war auch die erste Architektin, die (von Frankreichs Staatspräsident _(Für den Trafalgar Square in London, für ) _(einen Wohnblock in West-Berlin (r.). )

Francois Mitterrand) zum »Ritter der Ehrenlegion« geschlagen wurde.

Ihr Geschlecht war nie ihr Problem, Feminismus ist für sie kein Thema. Gae Aulenti sei eine »so starke Persönlichkeit«, sagt Barcelonas Stadtplaner Josep Acebillo, stark »wie Napoleon«.

Solche Power ist wohl vonnöten, auch für jene, die sich - beneidet und beargwöhnt - in der deutschen Szene als Architektinnen durchsetzen wollen. Ein Beispiel gibt die Düsseldorferin Brigitte Parade, 52, die in 25 Bürojahren, zusammen mit ihrem Mann Christoph, 130 Wettbewerbspreise gewonnen und zahlreiche Aufträge akquiriert hat. Das Ehepaar baute überwiegend Schulen in Nordrhein-Westfalen, aber auch kommerzielle Zentren wie einen Bank- und Hotelkomplex in Hamm mit Glasdächern und künstlicher Wasserlandschaft.

Als Frau Parade 1985 Präsidiumsmitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA) wurde, einer berufsständischen Vereinigung von rund 4000 freischaffenden Architekten (96,6 Prozent Männer), bekam sie prompt zu hören: »Klar, muß sie nun auch noch haben!«

Dabei macht sie sich kaum Freunde im BDA, denn sie liest den Herren »mit den Hirschgeweihen« gern öffentlich die Leviten - weil die sich »als Verkünder höherer Einsichten aufspielen«, gern »Monumente eitler Selbstdarstellung« errichten und dabei »Formen wie in der Modebranche verschleißen«.

Um sich solche Töne erlauben zu können, brauchte Brigitte Parade den Erfolg. Und den zu erlangen, ging sie einen »knüppelharten Weg": Arbeit Tag und Nacht und an jedem Wochenende. Sie erinnert sich an »Zeiten größter Atemnot«, an einen »zehnjährigen Erstickungsprozeß«, und sie wird nie vergessen, wie sie nachts, als die Wehen einsetzten, vom Reißbrett weg im Taxi ins Krankenhaus fuhr, während Ehemann Christoph weiterzeichnete. Drei Söhne sind unter solchen Umständen zur Welt gekommen und groß geworden. Die Parade-Ehe ging darüber in die Brüche.

Auf derlei Konflikte hat sich die Münchnerin und Wahlberlinerin Ingeborg Kuhler, 44, gar nicht erst eingelassen; Privatleben gibt es für sie nicht. Sie reklamiert »radikale Unabhängigkeit«, ist Alleininhaberin ihres Büros, außerdem Professorin an der Hochschule der Künste in West-Berlin, Preisrichterin beim Wettbewerb für das »Deutsche Historische Museum«, und sie errichtet gerade ihren ersten Bau, ein Mammutunternehmen: Für 130 Millionen Mark entsteht unter ihrer Aufsicht in Mannheim das Landesmuseum für Technik und Arbeit samt einem Studio für den Süddeutschen Rundfunk - 170 000 Kubikmeter Bauvolumen, das Hauptgebäude ist 200 Meter lang und bis zu 32 Meter hoch.

Beim Wettbewerb vor fünf Jahren hatte Ingeborg Kuhler 104 Konkurrenten abgehängt, darunter so prominente wie Günter Behnisch und Gustav Peichl. Das Preisgericht würdigte das Resultat als »revolutionäres Ereignis«, der »Mannheimer Morgen« feierte beim Richtfest im November schon den Rohbau: »Rassig wie ein Ozeanliner.«

Und Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth war bereits angesichts des Modells ganz aus dem Häuschen: »Gefällt mir saumäßig gut.«

Für so etwas arbeitet Kuhler wie ein Tier, »500 Stunden im Monat, fast kostenlos, und das seit 20 Jahren oft bis nachts um drei oder vier«. Sie sei dem »Wahnsinn des Bauens« verfallen, und da gelte nun mal die Regel: »Entwerfen kann nur der, der hart ist zu sich selbst.«

Karrieren solchen Zuschnitts werden von Feministinnen mit nicht geringem Abscheu zur Kenntnis genommen. Wer so, als »Mackerfrau«, erfolgreich am Patriarchat partizipiert, ist für die Bewegung verloren und betreibt Kollaboration mit dem Feind. Frauen, die in dieser Gesellschaft bauen, deren Bauregeln allein männlichen Prinzipien gehorchen, sind überangepaßte »weibliche Architekten« - eine Zumutung für Frauen.

Die Feministinnen wollen es nun packen. Zuallererst wollen sie frauenfeindliche Studiengänge, diskriminierende Prüfungsmethoden, patriarchalische Strukturen an Universitäten und in der Ministerialbürokratie beseitigt sehen. Dann wollen sie »anderes« schaffen und »anders« zu Werke gehen. Nur wie?

Die Kölner Architektin und Feministin Verena Dietrich will »erst bauen, dann diskutieren«, doch die Diskussion hat längst begonnen und ermüdet Mann _(Auf dem Titelblatt einer ) _(Wochenendbeilage der »New York Times«. )

und Weib mit einem Wust von Banalitäten und Biologismen.

Bauen Frauen eher rund und räumlich, Männer dagegen eher eckig und steif? Errichten bereits Knaben aus Bauklötzern lieber Türme, kleine Mädchen aber Einfriedungen und Tore? Bauen Frauen, naturgegeben, anders?

Gewiß wäre zu fragen, ob Mies und Le Corbusier auch Frauen hätten sein können. Andererseits wäre zu erörtern, ob es noch weiblicher geht als beim Märchenbau des Wieners Friedensreich Hundertwasser oder männlicher als bei Kressmann-Zschach.

Doch bei den Feministinnen wabert Mystisches - da wird von Höhlen und Nestern in Blüten- und Blattform geträumt, von Rundlingen und uterusähnlichen unterirdischen Gemeinschaftsräumen (Männererfindungen wie Öko-Bau und Plumpsklo werden als »frauengemäß« vereinnahmt).

Unterschiede sehen auch gestandene Frauen wie Kassels Stadtbaurätin Christiane Thalgott, 45: »Für Männer zählt der große Wurf, für Frauen die Benutzbarkeit.« Ähnlich die Hamburger Architektin Hille von Seggern, 42: »Frauen würden kleinschrittiger vorgehen. Sich weniger selbst darstellen. Vorhandenes ändernd weiterentwickeln.«

Das bleibt ohnehin fürs erste wohl ihr Los: Flick- und Kleinarbeiten sind immer noch das vornehmliche Betätigungsfeld für Architektinnen. Exemplarisch für solch unspektakuläre Plackerei mit Kleinkram - und für das mühevolle Lavieren zwischen Privat- und Berufsleben - ist die Arbeit der Architektinnengemeinschaft »Planschok(o)« im West-Berliner Bezirk Kreuzberg.

Dort galt es, eine Schokoladenfabrik aus dem 19. Jahrhundert vor dem Abriß zu bewahren. Frauen hatten die Gebäude besetzt und ihren Ausbau zu einem Frauenstadtteilzentrum gefordert, mit Wohnungen und Kindertagesstätte, Cafe, Karate-Saal und Türkischem Bad, alles »off limits« für Männer.

Die Aufgabe reizte vier Diplomingenieurinnen, die bis dahin in verschiedenen Büros arbeiteten: Eva-Maria Jockeit-Spitzner, Antje Zimdars-Weigelt, Margot Gerke und Waltraud von Demandowsky-Parow schlossen sich zusammen und hatten Mühe, zwischen den Auftraggebern zu jonglieren: dem Frauenverein (für das Programm) und dem Sanierungsträger (für den Bau).

Der Verein wünschte sich Humustoiletten, der Sanierungsträger bestand auf Wasserklosetts. Der Verein forderte die Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte; die Männer, die von den Firmen dann doch geschickt werden mußten, sahen sich nicht gerade liebevoller Behandlung ausgesetzt. Die vier von Planschok(o) haben es geschafft. Das Zentrum ist fertig, die Kosten (3,8 Millionen Mark Staatsknete) wurden eingehalten. Die vier Frauen sind erholungsreif.

Vier Kinder haben sie während der vierjährigen Bauzeit zur Welt gebracht. Sie arbeiteten in Schichten, jeweils halbtags - für den Lohn eines Sozialarbeiters.

Sie konnten es sich leisten, weil sie sich mit dem Vorhandenen arrangiert haben: Sie sind verheiratet. Waltraud von Demandowsky-Parow: »Wir lassen uns von unseren Männern aushalten.« _(Eva-Maria Jockeit-Spitzner, Antje ) _(Zimdars-Weigelt, Waltraud von ) _(Demandowsky-Parow auf dem Dach des ) _(Frauenstadtteilzentrums ) _(Berlin-Kreuzberg. )

Für den Trafalgar Square in London, für einen Wohnblock inWest-Berlin (r.).Auf dem Titelblatt einer Wochenendbeilage der »New York Times«.Eva-Maria Jockeit-Spitzner, Antje Zimdars-Weigelt, Waltraud vonDemandowsky-Parow auf dem Dach des FrauenstadtteilzentrumsBerlin-Kreuzberg.

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