Samira El Ouassil

Countrysängerin Dolly Parton Eine für alle

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Wir haben in der Coronakrise Smudo, die USA haben: Dolly Parton! Ein konservativer Christ kann mit ihr etwas anfangen, aber auch eine Dragqueen aus New York. Woran liegt das?
Dolly Parton 2014 bei einem Konzert: »Ich sage immer, dass viele Leute nicht kommen, um mich zu sehen, wie ich bin«

Dolly Parton 2014 bei einem Konzert: »Ich sage immer, dass viele Leute nicht kommen, um mich zu sehen, wie ich bin«

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Shirlaine Forrest / WireImage / Getty Images

Vaccine, vaccine, vaccine, vaccine
I'm begging of you, please don't hesitate
Vaccine, vaccine, vaccine, vaccine
Because once you're dead, then that's a bit too late

Diese Zeilen sang Dolly Parton auf die Melodie ihres Songs »Jolene«, nachdem ihr eine Impfung verabreicht wurde. Es handelt sich um ihre eigene Medizin, die bedeutendste Country-Sängerin der Welt hatte den Pharmakonzern Moderna mit einer Millionenspende für die Impfstoffforschung unterstützt. Ein hinreißendes popkulturelles Momentum, das etwas über die politische Misere des deutschen Missmanagements hinwegtröstet. Parton, 75, rettete die USA. Und das nicht zum ersten Mal: Der erfolgreiche Podcast »Dolly Parton's America« von Jad Abumrad sieht in ihr die große Einigerin einer fragmentierten Nation, das kürzlich erschienene Buch »She come by it natural« der Autorin Sarah Smarsh beleuchtet die feministische Bedeutung ihrer Songs.

Parton ist vielleicht eine der Popkultur-Ikonen, die unsere Zeit am emblematischsten verkörpert: Als hyperfeminisierte Stilisierung einer Südstaaten-Amerikanerin, die sich aus armen Lebensumständen durch enormes Talent und gegen patriarchale Strukturen hocharbeiten konnte, vereint sie sozialpolitische Widersprüche und Brüche.

Die Ästhetik ihrer Überweiblichkeit bezeichnet sie selbstbewusst als »trashig«. Susan Sontag würde vermutlich sagen, dass Partons Camp etwas aufrichtig »Naives« hat. Die Naivität überführt die Verlogenheit eines männlichen Blicks: der möchte, dass sich die Frau für den Mann begehrlich zeigt, sie darf dabei aber nicht »billig« aussehen. »Sie wären überrascht, wie viel es kostet, so billig auszusehen«, setzt dem Parton lässig entgegen.

In ihrer Persona vereint sie Sehnsüchte und Projektionen eines konservativen und modernen Amerikas, Ärmel-hochkrempelnde Emanzipation und optimistische Robustheit. Ein konservativer Christ aus einer Kleinstadt im Süden kann mit ihr genauso eine Beziehung aufbauen wie eine Dragqueen aus New York, wie es in dem Podcast über sie heißt.

In ihren »Dollitics« – ein Begriff, der ihre kunstvolle Art bezeichnet, auf apolitische Weise politisch zu sein – verhält sie sich inkludierend, auch wenn sie selbst so ein Label nicht verwenden würde. Die Ironie: ihr Wunsch, nicht mit Kategorien etikettiert zu werden, macht sie noch mehr zur Ikone eines progressiven Pluralismus.

Bekennt sie sich beispielsweise solidarisch mit der LGBTQI-Community, macht sie das, indem sie im Podcast erklärt, »dass Gott uns so gemacht hat, wie wir sind, egal ob man schwul oder hetero ist.« Und auf die Frage zu ihrer Meinung zur Black-Lives-Matter-Bewegung sagte sie 2020 dem »Billboard Magazin«: »Natürlich sind Schwarze Leben wichtig. Denken wir, dass unsere kleinen weißen Ärsche die einzigen sind, die zählen? Nein!«.

Politisch ist sie aber natürlich auch in ihren Songs. »9 to 5« ist eine radikal klassenbewusste Ode an berufstätige Frauen und eine Hommage an die working class, 1980 sang sie das Lied »Deportee« des linken Sängers Woody Guthrie über mexikanische Farmarbeiter, die 1948 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. In der Berichterstattung wurden diese nur als »deportees« bezeichnet, als Abzuschiebende – in seinem Song nennt der Sänger Guthrie ihre Namen. Das zu covern, ist ein Statement.

»Ich sage immer, dass viele Leute nicht kommen, um mich zu sehen, wie ich bin«, erzählte sie in einem Interview . »Sie kommen, um zu sehen, wie ich sie bin oder der Teil von ihnen, der sie gerne sein würden.« Für einige sei sie die bescheidene Christin, die »zu gut ist, um wirklich schlecht zu sein und zu schlecht, um wirklich gut zu sein« erklärt sie dem Journalisten. Für andere eine gewiefte Geschäftsfrau, die Arbeitsplätze für ihre Gemeinde schafft.

Sie ist in jedem Fall Königin der Selbstnarrativisierung und damit sowohl Ikone der Selbstermächtigung als auch Muse der Ambiguitätstoleranz. Vollkommen eins mit ihrer dialektischen Persona.

Sie schafft damit etwas, was der Journalist Jad Abumrad mit einem Begriff aus der Psychotherapie als »das Dritte« bezeichnete. Er meint, dass man sich Partons Konzerte als eine Art kulturellen dritten Raum vorstellen könne: »Die Art und Weise, wie sie all die verschiedenen Teile ihres Publikums sieht, die Art und Weise, wie diese sie sehen, schafft die spirituelle Architektur dieses Raumes. Diesen Ort, an dem sich die Dinge, die wir für unterschiedlich halten, zu etwas Neuem auflösen.«

Ich würde die Saite dieser philosophischen Country-Gitarre gerne noch etwas fester spannen und dieses Dritte mit dem weiterdenken, was der französische Philosoph Alain Badiou die »Bühne der Zwei« nannte. Auf der Bühne, dieser »Konstruktion«, wie Badiou betont, begreifen zwei Menschen, die in liebevoller Beziehung zueinanderstehen, »was es bedeutet, zu zweit und nicht einer zu sein«.

Durch die Perspektiven der beiden entstünde eine neue Realität, die von zwei Individuen erschaffen wird, in der sie gemeinsam, aber trotzdem unterscheidbar, wie zwei unterschiedliche Instrumente in Harmonie klingen, aber trotzdem mit individuellem Klang. Es sind zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, die zusammen einen neuen Sound hervorbringen. Danach sollten wir in der Kakofonie aktueller gesellschaftspolitischer Diskurse rund um Identität unbedingt lauschen.

Diese »Bühne der Zwei«, die Dolly Parton mit ihrem heterogenen Publikum erschafft, wird sichtbar, wenn man sich das virale YouTube-Video von Tim und Fred Williams aus Gary, Indiana ansieht. Die beiden jungen Schwarzen Männer filmten ihre Reaktionen, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben »Jolene« hörten. Ihre überraschte Begeisterung für diesen Countrysong aus dem Jahr 1973 ist wahnsinnig ansteckend .

Ich wünschte, wir hätten mehr Dolly Parton in der deutschen Politik. Ich würde der Songwriterin die pandemische Rettung Deutschlands im Alleingang zutrauen. Na, wir haben immerhin Smudo.

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