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AUTOREN Eine Katze namens Bach

Der Norweger Lars Saabye Christensen wäre fast ein Fußballheld geworden und fast ein Pianist. Nun präsentiert er einen fast perfekten Musiker-Roman.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Musiker, die dir irgendwas von Musik erzählen, sind die Pest«, hat Charlie Watts gesagt, »das Reden über Musik sollte man den Dichtern überlassen.«

Vermutlich hat Lars Saabye Christensen nie etwas von diesem Verdikt des Rolling-Stones-Drummers gehört. Denn Christensen, Jahrgang 1953, war Beatles-Fan in einer Zeit, in der sich ein ordentlicher Beatles-Fan nicht für die Konkurrenz interessierte.

Und so hat der Norweger Christensen vor 13 Jahren mit dem Herz eines Musikers einen Generationsroman über seine Teenagerzeit geschrieben. Das Buch nervt nicht nur durch dämlichen Musikantenjargon, sondern zudem durch Kapitelüberschriften, die aus Beatles-Titeln bestehen. Im Original hieß das Werk auch noch »Beatles«, 1989 erschien es im kleinen Münchner Popa-Verlag als »Yesterday«. In Skandinavien galt es als großer Erfolg; Schrott war es trotzdem.

Mittlerweile aber hat sich Christensen, der in seiner Jugend ein eher lausiger Klavierspieler war und »deshalb leider nie in einer Band mitspielen durfte«, wie er einmal bekannte, darauf besonnen, daß er doch mehr zum Dichter taugte. Das Resultat ist ein feiner, charmant chaotischer Roman - über einen Jungen, der ein ziemlich mieser Klavierspieler ist und nie in einer Band mitmachen durfte.

»Der Alleinunterhalter« erzählt das, was man im Kino ein Last-Summer-Movie nennt: eine Geschichte über jene Sommertage, in denen ein junger Mensch den Abschied von der Kindheit durchlebt; voller Trauer über die verlorene Unschuld und voller Hoffnung auf das, was folgt; eine Geschichte über die Verwirrungen der Liebe und über die Entwirrung des Lügengestrüpps, das die Erwachsenenwelt zusammenhält*.

Christensens Held heißt Jonatan Griff. Es ist Ende Juni, die Zeit der Mittsommernacht, als der junge Mann seinen Job als One-Man-Band in einem Kaff im Norden Norwegens antritt. Die Einheimischen scheinen einem groben, wortkargen Menschenschlag anzugehören; und wenn Griff allabends im einzigen Hotel weit und breit auf seinem Keyboard aufspielt, dann hören nur einige muffige Biertrinker zu und ein lächerliches deutsches Touristenehepaar, das dank seines defekten Wohnmobils hier gestrandet ist.

Doch was soll''s, der Entertainer hat ohnehin andere Sorgen: Seine Neugier gilt den Mädchen an diesem wunderschönen, verlassenen Ort am Ende der Welt - den Rezeptionistinnen Solveig und Sara zum Beispiel, die ihm geheimnisvoll zugetan sind; vor allem aber interessiert ihn Louise, die Tochter des Hotelchefs, die nicht bloß die Kirchenorgel spielt, sondern auch eine Katze namens Bach besitzt.

Nach und nach kommt Griff auch dem (musikalischen) Streit auf die Spur, der die Einheimischen entzweit. Zudem holt ihn seine eigene Vergangenheit ein, als eines Tages seine Mutter auftaucht, um endlich den Klaviervirtuosen aus ihm zu machen, den sie sich immer wünschte.

Christensen berichtet von diesen Turbulenzen in einer klaren, melodischen Sprache. »Der Alleinunterhalter« ist ein Pop-Roman, der nicht von Drogen und Rock''n''Roll handelt, sondern vom Sommerlicht und von der Ratlosigkeit, was mit dem Leben anzufangen sei. Der Held war einmal ein Versprechen - vom eigenen Ehrgeiz und dem der anderen dazu verdammt, daß er es zu großem Ruhm bringen würde. Und nun spielt er zum Broterwerb den »Ententanz«.

Dieses Thema vom Drama des letztlich leider unbegabten Kindes variiert Christensens Roman gleich mehrfach: Der Held mag sein Herz auf der rechten Brustseite tragen und also anatomisch »spiegelverkehrt« zu den anderen Menschen sein, wie er einmal behauptet - vor der bitteren Erkenntnis der eigenen Mittelmäßigkeit schützt es ihn nicht.

Offenbar quält sich der Autor, der nebenbei als Drehbuchschreiber arbeitet, mit ähnlichen Gedanken: Christensen, der als Kind ein Fußballheld werden wollte und auf dem Spielfeld nie besonders auffiel, betont gern, daß er sich nur für einen mittelbrillanten Dichter hält. Immerhin tritt er mittlerweile mit einer Band namens »Norsk Utflukt« auf, was wohl so etwas wie »Norwegens Notausgang« meint - und wenn er, vermutlich im Mai, mit seinen Musikerkumpanen in Deutschland auf »Alleinunterhalter«-Lesereise geht, wird er einen neuen Anlauf nehmen, um doch noch ein echter Popstar zu werden.

* Lars Saabye Christensen: »Der Alleinunterhalter«. Aus demNorwegischen von Christel Hildebrandt. Albrecht Knaus Verlag,München; 320 Seiten; 39,80 Mark.

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