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Eine Kelle Mauerwerk fürs Gemüt

SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über den Wiederaufbau des Nikolaiviertels in Ost-Berlin *
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 13/1986

Erich Honecker hat es schon immer gesagt: »Eine Reise in die Hauptstadt muß immer mehr ein schönes Erlebnis sein.« Nun hat Ost-Berlin wieder eine neue Attraktion: Die Hauptstadt der DDR baut sich eine Altstadt.

Noch ist das Karree im Zentrum Großbaustelle. Doch wo schon ein Dach drauf ist, hängen auch Gardinen an den Fenstern; wo schon Strom ist, kehren Besucher ein. Mit seinem Auftrag, den historischen Stadtkern Berlins, das Nikolaiviertel, von Grund auf neu zu bauen, hat der Staatsratsvorsitzende nicht nur in der DDR Aufsehen erregt.

Zwar runzeln Denkmalpfleger, Historiker und Architekturtheoretiker in Ost und West die Stirn angesichts der antiquiert anmutenden Stadtidylle; zu »romanhaft scheint ihnen der Umgang mit historischen Sujets, zu verwegen die Ausgestaltung der »Milieu-Insel«. Die Bürger der Hauptstadt schert das nicht.

Ein Jahr vor der Fertigstellung, anderthalb Jahre vor dem Festakt zur 750-Jahr-Feier Berlins, ist das Nikolaiviertel die große Zugnummer: bewohnt, besichtigt, bestürmt, nicht zuletzt wegen der Restaurants und Kneipen. Was da gleich rechts hinter den Linden, auf 40000 Quadratmetern zwischen Marx-Engels-Forum und Mühlendamm, Spree und Rotem Rathaus Gestalt annimmt, ist schon jetzt ein Knüller in der Stadt.

Dabei bleibt dem Besucher der real existierende Sozialismus stets in Sichtweite - ob beim Mokka im Cafe »Flair« oder zur Heringsstulle in der Kneipe »Zur Rippe«, ob bei feinem Gedeck im »Schwalbennest« oder zu Löffelerbsen beim »Paddenwirt« in der Eiergasse: Die geduckten Häuser und verwinkelten Straßen rund um die rekonstruierte Nikolaikirche sind von den Gebäuden für Staats- und Ministerrat, vom Palast der Republik und vom Fernsehturm umstellt. Daneben stehen, nun schon wie selbstverständlich, der Dom, die Marienkirche, der Marstall.

Die SED-Strategen, die anderswo weiterhin ganze Wohnviertel vom Fließband auf die Wiese stellen, wissen längst, wie wichtig historische Gebäude, Ensembles, Quartiere für ein Stadtbild sind; sie prägen, wie es ein DDR-Stadtplaner formulierte, »Stadtbewußtsein, Geschichtsverständnis. Nationalgefühl«, vermitteln Heimat und bilden gleichsam das Wurzelwerk für den jungen Staat.

So bekam Berlin wieder das Lindenforum und den Gendarmenmarkt mit Schinkels Schauspielhaus - und so bekommt es nun eine gehörige Kelle Mauerwerk fürs Gemüt.

Dabei ergibt sich ein städtebauliches Kuriosum, denn der Restaurierungsplan wird übererfüllt: Im Nikolaiviertel entstehen auch einige historische Gebäude neu, die dort nie standen; mit ihnen wird der Kiez um die Kirche zu einer Art Berliner Freilichtmuseum angereichert. Das hat den Verantwortlichen prompt den Vorwurf eingetragen. »mehr Geschichte haben

zu wollen, als die Geschichte hinterlassen hat« ("FAZ").

Berlin, schon vor den Kriegsverwüstungen mit architektonischen Kostbarkeiten nicht gerade reich gesegnet, kann es vertragen, das Nikolaiviertel verkraftet ein paar putzige Zutaten mühelos.

Kunsthistoriker hatten schon immer die architektonische Armseligkeit der alten Hauptstadt bemängelt. So klagte der Berliner Kunstkritiker Karl Scheffler schon in den 20er Jahren über »Monumente der Lieblosigkeit« und »phantasielose Kahlheit«. Das Nikolaiviertel war ihm nur wenige Zeilen wert: »Ein paar alte Höfe und Gassen, in denen die Schatten der Jahrhunderte brüten - mehr eng, schmutzig und rumpelig als charakteristisch und malerisch.«

Was Scheffler noch beklagt hatte - »die Gleichgültigkeit, die das Übliche tut, ohne mit dem Herzen dabei zu sein« -, ist nun ins Gegenteil umgeschlagen: Der verantwortliche Architekt Günter Stahn, 46, tut Unübliches und ist voll mit dem Herzen dabei.

Stahn gehört zur dritten Generation der DDR-Architekten, die - nach den Männern der ersten Stunde (Stalinallee) und den Pragmatikern des Aufbaus (Industrialisierung) - nun nicht mehr ökonomischem und sozialpolitischem Druck ausgesetzt ist.

Stahn ist kein Kahlschläger, aber auch kein Restaurator. Er hat Respekt vor den Gestaltungsgesetzen vergangener Epochen, akzeptiert aber auch die industrielle Bauweise. Er will »lebendige Baukunst« und »reiche Wahrnehmungserlebnisse« vermitteln. Was dabei herauskommt, zeigt sein Balanceakt zwischen rekonstruiertem Mittelalter und gebauter Gegenwart im Nikolaiviertel.

Für Stahn ist der Krieg »ein unnatürlicher Eingriff ins Geschichtsleben einer Stadt«. Er will sich »auch bei völliger Zerstörung nicht mit dem Verlust historischer Bauwerke abfinden«. Aber er stellt auch nicht die »Frage der Authentizität so ausschließlich und unerbittlich« wie ein gestrenger Denkmalpfleger.

Stahn verwendet »ortstypische« Häuser, zumal mit »hohem Erinnerungswert«, sofern sie ausreichend dokumentiert sind - auch wenn sie einst ein paar Hundert Meter weiter entfernt standen. Er hält das für »kulturpolitisch legitim«.

Er gestattet sich auch die Freiheit den historischen Grundriß, den gewachsenen Stadtraum nach seinem Verständnis zu korrigieren und fortzuschreiben - etwa Grobiane aus den Gründerjahren zu entfernen, das Viertel zur Spree hin mit einer Uferpromenade zu öffnen und Blickbeziehungen zu den umliegenden Neubauten herzustellen. Dabei kennt Stahn nur ein Dogma: »Steine muß man mit Verantwortungsgefühl anfassen.«

Das hat er schon als Kind begriffen. Er spielte auf den Trümmerbergen Magdeburgs, lernte Maurer, arbeitete als Geselle auf dem Bau, ließ sich als Ingenieur ausbilden, diente als Zeichenknecht, besuchte die Hochschule und promovierte schließlich an der Berliner Bauakademie mit einer Studie über »Entwicklungsprobleme städtischer Zentrumsbereiche«.

Gleich sein erstes Werk der Pionierpalast »Ernst Thälmann« in Berlin, trug ihm 1977 den Nationalpreis ein. Das Freizeit- und Fortbildungszentrum für den DDR-Nachwuchs, ein lichter Bau aus Lärchenholz und Kalksandstein, gilt der Fachwelt als »eines der schönsten Bauwerke der DDR-Architektur«.

Daneben entwickelte Stahn das Konzept für die Wiederherstellung des Berliner Doms; er befreite den krötenhaften

Sakralbau von Schnörkeln, machte ihn schlichter und klarer in seiner Konstruktion.

Nachdem Staatsführung, Parteigremien und Stadtverwaltung beschlossen hatten, »zur Freude der Bürger« Berlins ältestes Bauwerk, die Nikolaikirche, und bis zum Stadtjubiläum auch den umliegenden ältesten Teil Berlins, das Nikolaiviertel, in ursprünglicher Dichte wiederaufzubauen, veranstaltete der Ost-Berliner Magistrat im Jahre 1979 einen Wettbewerb für alle DDR-Architekten. Stahns,Projektvorschlag« gewann den ersten Preis.

Stahn schien eine »sklavische Restaurierung des alten Zustandes« ebenso undenkbar wie eine »radikale Neufassung«. Er wollte »gutes Altes« und »gutes Neues«. So plante er, bei freier Verfügung über Grund und Boden, einen »lebendigen Zentrumsbereich mit hohem Erlebniswert«.

Zutaten: 780 Wohnungen, 20 Gaststätten, 33 Ladengeschäfte und ein paar »historische Leitbauten« - und mittendrin das Gotteshaus, fortan als Außenstelle des Märkischen Museums genutzt.

Für diesen »Versuch einer zeitgenössischen Architekturschöpfung« hat Stahn sich ein Etikett geschrieben: »Ein vielschichtiges und charakteristisches Stück Stadtbaukunst aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts«, mit »historisch bestimmten Strukturen und erhaltener beziehungsweise

überlieferter Bausubstanz«. Hergestellt werden sollte das Ganze in einer anpassungsfähigen, »baukünstlerisch beherrschten« industriellen Bauweise, »in Verbindung mit einem vertretbaren Umfang traditioneller Technologien«.

Im Klartext: Dicht an der Kirche beginnt es mit Stein auf Stein gemauerten Bürgerhäusern und endet am äußersten Rand, vor allem zum weiten Marx-Engels-Forum hin, mit größeren Wohngebäuden aus vorgefertigten Platten in Betonwerkstein (Stahn: »Die Platte ist nun mal der Stein unserer Zeit").

Die Bürgerhäuser haben Raumhöhen bis zu 3,80 Meter, während die Zimmerdecken bei den Plattenbauten durch die Systemhöhe von 2,80 Meter vorgegeben sind. Die Wohnungen haben 36 bis 82 Quadratmeter; vergeben werden sie nach den Wartelisten beim Wohnungsamt. Die Mieten entsprechen der Ost-Berliner Neubaunorm: 1,20 Mark pro Quadratmeter.

Paradestück unter den historischen Bauten ist das Ephraim-Palais, ein prachtvoller Rokoko-Bau aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, der einst als »die schönste Ecke von Berlin« galt und sogar dem kritischen Scheffler als »anspruchsloses Denkmal einer ganz reifen Kultur« gefiel. Bauherr war der Hofjuwelier und Münzpächter Friedrichs II., der Jude Veitel Ephraim, der dem König den Siebenjährigen Krieg finanzierte und zur Belohnung die Baugenehmigung bekam.

1935, bei Straßenumbauten im Berliner Zentrum wurde das Gebäude abgetragen; alle schmückenden Bauteile aus Naturstein und Schmiedeeisen wurden, im Westen der Stadt, deponiert. 1983 gab der Weizsäcker-Senat die 2493 numerierten Säulen und Quader an Ost-Berlin zurück. Wie die Nikolaikirche, soll auch das Palais ein Teil des Märkischen Museums sein.

Zu einer Dokumentationsstätte über die Berliner Aufklärung wird das Knoblauch-Haus ausgebaut, das einzige erhaltene historische Gebäude im Viertel. Die Knoblauchs zählten im 18. und 19. Jahrhundert zu den angesehensten Bürgern der Stadt; ihr Haus, ein Stück bester bürgerlicher Baukunst, diente über lange Zeit als ein geistiges und kulturelles Zentrum Berlins.

Einige der insgesamt 30 Bürgerhäuser aus drei Jahrhunderten sollen an bedeutende Literaten erinnern, so die Theodor-Fontane-Apotheke und ein schmales Gebäude am Nikolaikirchplatz, in dem Lessing gewohnt hat.

Bei zwei Importen ist der Publikumserfolg programmiert. Die Gerichtslaube, ein gotischer Arkadenbau mit Renaissance-Giebel, wird als »Zeichen frühbürgerlicher Rechtssprechung« rekonstruiert und als historische Gaststätte ausgebaut. Zilles Stammkneipe »Zum Nußbaum«, _(Montage des Betonreliefs »Kampf ) _(progressiver Kräfte im Werden der ) _(Stadt«. )

1943 auf der benachbarten Fischerinsel abgebrannt, entsteht als typisches zweigeschossiges Giebelhaus aus dem 16. Jahrhundert und als ein »Stück Berliner Gastlichkeit« neu.

Beim Straßenschmuck bediente Stahn sich aus den Depots der Staatlichen Museen. Auf einem Platz an der Spree wird der »Drachentöter« aufgestellt, das Reiterstandbild des heiligen Georg von August Kiss - eine Bronze, die einst im ersten Hof des Stadtschlosses stand.

Entlang der Spree werden gußeiserne Geländer gezogen und historische Leuchten angebracht; geschmiedete Ausleger zeigen Geschäfte und Gaststätten an. Über allem bimmelt ein Glockenspiel. Nachts gibt''s Illumination.

Zeitgenössisches?

Wenn im April die Delegierten zum XI. Parteitag der SED im Palast der Republik anrücken, werden sie nicht nur, über den Arkaden, einen Fries vorfinden, dessen Betonrelief den »Kampf progressiver Kräfte im Werden der Stadt« darstellt - vom Berliner Unwillen gegen die Hohenzollern über die Novemberrevolution bis zur Ankunft der Roten Armee und den Umwälzungen durch die SED.

Wer dann aus dem Bacchus-Keller stolpert, im »Flair« sitzt oder aus dem »Schwalbennest« blickt, wird immer die Überväter im Auge haben, in Bronze und in doppelter Lebensgröße - ein Denkmal, das laut Honecker »vom Sieg ihrer Ideen auf deutschem Boden künden« soll: Marx sitzend, Engels stehend.

[Grafiktext]

NIKOLAIVIERTEL IN OST-BERLIN (Planungszeichnung von Günther Stahn) »Der Nußbaum« Knoblauchhaus Gerichtslaube Berlin-Fries »Schwalbennest« NIKOLAI-VIERTEL

[GrafiktextEnde]

Montage des Betonreliefs »Kampf progressiver Kräfte im Werden derStadt«.

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