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Eine Stadt aus dem Stabilbaukasten

Wenn sie so weiterbauen wie nun schon seit dem Mittelalter -- Stein auf Stein und Haus neben Haus -, werden die Architekten und Städtebauer über kurz oder lang »verschwinden wie Holzschuhmacher und Laternenanzünder«, so hatte schon vor Jahren der französische Soziologe Michel Ragon prophezeit. Zum erstenmal wurde jetzt ein Konstruktionssystem zur Baureife entwickelt, das modernen Städtebau realisierbar und bewußt von den Möglichkeiten Gebrauch macht, die fortgeschrittene Technik und Massenfertigung bieten.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Hinter einem schmuddeligen, mit Plakaten vollgepappten Bretterzaun, auf dem Gelände der Technischen Universität München, ist eine Zukunftschance des Bauens aufgetürmt -- anzusehen wie ein Stück vorweggenommener Utopie, wie die Kulisse für ein TV-Spiel aus dem 21. Jahrhundert.

Das Bauwerk, elf mal acht Meter im Grundriß, zwölf Meter hoch, berührt den Boden nur mit drei Stützen. Die knapp eisenbahnschwellenstarken Stahlpfähle tragen sieben gleich große würfelförmige Raumelemente: eine Art Kartenhaus aus Stahl. Glas. Aluminium und Kunststoff.

Sonderbares geschah während der letzten Monate in und an dem Haus, das keine Mauern hat. Über eine Seilbahn wurden sechs Tonnen schwere Betonkloben auf das Tragwerk gewuchtet. Aus Lautsprechern drangen Heulgeräusche, die von Mikrophonen aufgefangen und in einem Meßwagen registriert wurden. Heißluft und Kaltluft, trocken und feucht, wurde über Wände und Fenster geblasen, Meßgeräte verfolgten die Temperaturschwankungen.

Es war die Zerreiß- und Belastungsprobe am ersten Prototyp eines neuartigen Bausystems, das nach den Vorstellungen seines Erfinders endlich auch den Wohnungs- und Städtebau in das industrielle Zeitalter überführen soll: ein vom Fließband lieferbares, gleichwohl vielfältig variables Stadtbau-System, das mit herkömmlicher Architektur nichts mehr gemein hat.

Sechs Jahre lang arbeiteten der Münchner Architekt Richard J. Dietrich, 33, und sein Team an der Entwicklung dieses »Metastadt«-Bausystems, von dem die ersten Test-Baugruppen Ende letzten Jahres in München zusammengeschraubt wurden.

Der Versuchsbau wurde möglich. weil ein zahlungskräftiger Industriepartner, das Fertighaus-Unternehmen »Okal«, sich zur Finanzierung bereit erklärt hatte. Drei Jahre konkreter Zeichen- und Rechenarbeit waren vorausgegangen. in denen Architekten, Stadtplaner, Soziologen, Juristen, Volkswirtschaftler und Psychologen, die dem Dietrich-Team angehören, technische Realisierbarkeit und Wirtschaftlichkeit des »Metastadt« -Systems erkundet hatten.

Die Experimente an dem Münchner Versuchsbau bestätigten die günstigen Ergebnisse der Laborversuche, etwa hinsichtlich der Statik, Schall- und Wärmedämmung. So ist zum erstenmal ein Tragwerk-Baukastensystem, wie es fortschrittliche Architekten schon seit langem für die Erneuerung der Städte anvisieren, bis zur Baureife gediehen.

Schon in einem Jahr. so hoffen die Planer. werden nun erstmals einige Dutzend Familien in den Wohnkuben und Gitterstrukturen leben können. Mitte nächsten Jahres werden in Nordrhein-Westfalen. in der Versuchs-Siedlung Neue Stadt Wulfen, die ersten 60 bis 70 »Metastadt«-Wohneinheiten montiert werden. In einem zweiten Bauabschnitt soll die Anlage auf 420 Wohneinheiten erweitert werden -- acht Geschosse hoch, terrassenförmig angelegt, eine Straße überspannend. Und wenigstens ein Teil der Wohnwürfel von Dietrich soll zu Kostensätzen des sozialen Wohnungsbaus vermietet werden.

»Wir sind sehr interessiert daran. Wer so was bis zur Baureife entwickelt, wird auch gefördert«, mit diesen Worten umschrieb Erhard Weiß, Ministerialdirigent im Wohnungsbauministerium, die Bedeutung, die Bonn dem Vorhaben beimißt. Das Wulfener Projekt soll als sogenanntes »Demonstrativ-Bauvorhaben der Bundesregierung« finanziell unterstützt werden.

Gleichfalls noch 1972 möchten Dietrich und seine »Entwicklungsgruppe für Urbanik« in einer westdeutschen Großstadt verwirklichen, was ihnen als städtebauliches Konzept beim »Metastadt«-System vorschwebt. Zwischen und über die noch brauchbaren Althäuser eines Sanierungsgebiets wollen sie ihre Gitterstrukturen schichten: Ladenstraßen und Büros, Wohnungen und Freizeit-Zentren können in den straßenüberspannenden Terrassenhügeln und Gitterkaskaden wieder zusammenwachsen.

»Zwar nicht gleich bis zur Rakete«, so formulierte die »Entwicklungsgesellschaft Wulfen«, die das Pilot-Projekt betreibt, würde der Wohnungsbau mit diesem Baukastensystem voranschreiten, wohl aber »über die Fertigungsweise in der Automobilherstellung hinaus«. Und die Hersteller hoffen, bei genügend großen Bauserien die Kubikmeterpreise aller bislang gängigen Wohnungsbau-Verfahren unterbieten zu können.

Schon seit Jahrzehnten hatten Kritiker »die steckengebliebene Industrialisierung der Bauwirtschaft« beklagt (so der Göttinger Soziologe Hans Paul Bahrdt). »Wir bauen immer noch wie im Mittelalter«, hatte der Schweizer Publizist Gody Suter konstatiert -- daran haben auch die unhandlichen. monotonen und transportaufwendigen Halbfertigteile der sogenannten Tafelbauweise nichts geändert, aus denen in den letzten Jahren ganze Stadtteile zu öden Betonbergen getürmt wurden.

Futuristische Modelle für Gitter- und Brückenstädte« für gewaltige Raumtragwerke, die etwa die Seine oder gar den Ärmelkanal überspannen sollten, waren in der letzten Dekade von mehreren Architekten skizziert worden, so von dem Deutschen Eckhard Schulze-Fielitz und dem Franzosen Yona Friedman. Doch stets hatten sich die Utopisten an der Frage nach der technischen und wirtschaftlichen Realisierbarkeit vorbeigedrückt. »Irgendwie«, so erklärten sie, werde das schon zu machen sein.

Die neue Architekten-Formel von der »Verdichtung der Städte« und die Klagen der Städtebauer über Mietwucher und Bodenspekulation standen auch bei Dietrich am Anfang seiner Überlegungen. Aber der Münchner Urbaniker erkannte auch, daß ein Architekt. auf sich gestellt. nicht gesellschaftliche Strukturen durchbrechen oder gar Besitzverhältnisse verändern kann: Die Rettung der Städte, so meint Dietrich. sei »einerseits ein gesellschaftliches, andererseits ein technisches Problem«.

Das Konzept der »Metastadt«, meint er, erlaube es nun, Städte wieder zusammenwachsen zu lassen, wo sie durch Bahn- und Straßenanlagen oder durch verfehlte Sanierungsmaßnahmen auseinandergerissen wurden.

Kernstücke der »Metastadt« von Dietrich sind gleichsam schwerelose Kuben (Seitenlange: 4.20 Meter), Hohlwürfel, von denen nicht einmal mehr die Flächen, sondern nur die Kanten übrig sind -- sie funktionieren als Tragfachwerke, die nach Art des Stabilbaukastens in nahezu beliebig großer Zahl aneinandergeschraubt und übereinandergestapelt werden können.

Auf diese Weise entstehen großräumige Gitterskelette mit einem genormten Raster. in die der Benutzer sodann ganz nach Belieben und in großer Vielfalt Fassaden, Fenster, Terrassenelemente, Geschoßdecken und Trennwände montieren kann.

Spannweiten bis zu 30 Metern lassen sich dabei freitragend überbrücken, und nur einige vertikale Erschließungstürme berühren den Boden. Sie bergen zugleich Fahrstühle und Treppen, Kabel und Kanäle -- die gesamte Ver- und Entsorgung für einen Wohn-, Büro- und Laden komplex.

Auf der untersten Ebene, so die Vorstellung der Planer, rollt der Verkehr, im

* Oben: Architekt Dietrich (M.); unten links: Innenansicht, Mitte: Tragwerkknoten, rechts: Fassadenmontage.

Geschoß darüber sind Parkplätze und Laderampen vorgesehen. Dann folgen Büros und Cafés, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen. Erst darüber, etwa vom sechsten Stockwerk an, sind in den Terrassenhügeln die Wohneinheiten installiert.

In diesen Wohnhügeln« aber auch in den Geschäftsbereichen ist eine unendliche Vielzahl von verschiedenen Grundrissen denkbar. Und jeder Bewohner oder Benutzer, jeder Geschäftsinhaber oder Kneipenwirt wird, wie Dietrich sagt, »die Möglichkeit haben, seine Räume selbst in Größe, Anordnung und Ausstattung gestalten zu können. völlig frei, mit versetzbaren Trennwand- und Deckenelementen, innerhalb der Raumeinheiten des tragenden Gerüstes, die er gekauft oder gemietet hat«.

Monteure oder auch die Mieter oder Besitzer selbst können die Zubehörteile anbringen und wieder verändern; sie werden nur angeschraubt oder angeknöpft.

Für Trennwände im Innern ist außer dem 4,20-Meter-Grundmaß noch ein Raster von 60 mal 60 Zentimetern vorgesehen; er gilt auch für die Bodenplatten aus Gasbeton. Sämtliche Installationen Heizung, elektrische Leitungen, Wasserzu- und -abfuhr sind in den Deckenhohlräumen verlegt und mithin leicht zugänglich. Steckdosen befinden sich im Fußboden. Auch die Warmluft strömt aus Gittern am Boden. Badezimmer und WC können an beliebigem Ort installiert werden -- die Wanne kann mitten ins Zimmer.

Dabei wird nirgends mehr gemauert oder verschmiert, nur noch geschraubt und montiert: Von der Einzimmer-Wohnung mit Kochnische und Mini-WC bis hin zum Luxus-Appartement mit Wohnhalle, Wohnbad und begrünten Terrassen sind alle Stufen des Raum- und Ausstattungskomforts möglich. Und als »gewissermaßen kostenloses Nebenprodukt« fallen in Dietrichs Wohnhügeln noch wettergeschützte urbane Freiräume ab -- »sozusagen öffentliche Wohnzimmer«, in denen städtisches Leben sich entfalten kann.

Billig sind die verwendeten Materialien nicht -- von den Stahlprofilen für die biegesteifen Knoten- und Gitterkonstruktionen bis zu den Aluminiumelementen und Kunststoffen für Decken und Zwischenwände.

Dennoch ist das System, wie Dietrich vorrechnet, auch schon bei der jetzt in Auftrag gegebenen Kleinserie »gegenüber konventionellen Bauweisen durchaus konkurrenzfähig«.

Den Hauptvorsprung, was die Wirtschaftlichkeit anlangt, sieht Dietrich in dem Umstand, daß »wir schneller planen, schneller finanzieren und schneller bauen« können als Architekten und Bauherren, die noch an Beton- und Ziegelbauweise gefesselt sind.

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