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Autoren »Eine üble Vorstellung«

aus DER SPIEGEL 23/1995

Der Österreicher Jandl, 69, lebt in Wien. Zuletzt veröffentlichte er die Anthologie »lechts und rinks« (Luchterhand Literaturverlag, München). Am Mittwoch dieser Woche erhält er in Bad Homburg den Friedrich-Hölderlin-Preis.

SPIEGEL: »Des Vaters Strahl« will Hölderlin »mit eigner Hand« erfassen und dem Volk »ins Lied gehüllt die himmlische Gabe« reichen. Nicht ganz Ihre Welt, Herr Jandl, nicht wahr?

Jandl: Es handelt sich eher um zwei ganz verschiedene Auffassungen von Welt.

SPIEGEL: Sie schrieben, ein Gedicht werde »gelegt«, wie ein Ei sozusagen. Ist der Dichter eine Leihmutter für die Sprache?

Jandl: Ja, ich schrieb einmal von einem »gelegten Gedicht«, über dem ein Dichter brütet. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand darin meine Definition des Gedichts erblicken kann.

SPIEGEL: Spricht oder spielt die Sprache mit sich selbst?

Jandl: Der Mensch spricht mittels der Sprache. Er kann mit ihr auch Sprach-Spiele veranstalten. Die Sprache allein kann überhaupt nichts tun.

SPIEGEL: Kann man die Sprache beherrschen, oder beherrscht einen die Sprache?

Jandl: Man beherrscht eine Sprache, indem man sie korrekt verwendet. Je mehr man im eigenen Denken und Sprechen von sprachlichen Klischees erfüllt ist, um so eher könnte man sagen, man sei von der Sprache, seiner eigenen, beherrscht.

SPIEGEL: Gedichts-Tag ist Gerichts-Tag: Stimmt das für Sie?

Jandl: Das ist ein Wortspiel ohne jede Gültigkeit.

SPIEGEL: Gedicht und Gericht - lockt der Reim vielleicht magnetisch das Richtige aus dem Unbewußten?

Jandl: Nichts lockt magnetisch das Richtige aus dem Unbewußten, das ist eine üble, völlig abzulehnende Vorstellung.

SPIEGEL: Berühmt wurde vor allem der Dichter Jandl, der auf der Kalauer liegt: »lechts und rinks«, »Laut und Luise": die Welt als Irrsinn oder als »illtum« betrachtet?

Jandl: Ich sehe mich nicht als berühmt und die Welt weder als Irrsinn noch als »illtum«.

SPIEGEL: Sie zählen zu den Sonderlingen der deutschsprachigen Literatur, zu den profunden Pessimisten. Kränkt oder krönt Sie das?

Jandl: Ich zähle mich weder zu dem einen noch dem anderen. Sie sollten sich vielleicht einmal eine Lesung von mir anhören, vor fünf- oder sechshundert jungen Menschen. Das könnte Ihr Urteil ändern.

SPIEGEL: Ihre Gedichte sind Aphorismen zum Lebensüberdruß. Macht es Ihnen wenigstens Spaß, sie zu schreiben?

Jandl: Fein, daß Sie wissen, was meine Gedichte sind. Sie dürften nicht allzu viele davon gelesen haben. Vielen macht es Spaß, sie anzuhören - das weiß ich aus Erfahrung. Aber warum in aller Welt sollte es mir Spaß machen, sie zu schreiben?

SPIEGEL: Irgendeiner scheint in Ihrem dunklen, götterlosen Kosmos das Steuer zu führen: »Wir waren hier/ haben die erd verdreckt/ was hat man mit/ uns andres denn bezweckt.« Wer ist »man«?

Jandl: »Man«, das sind wir am ehesten selber, mit unserer defekten Steuerung.

SPIEGEL: Noch eine Jandl-Klage: »Je müder ich bin/ um so lieber/ bin ich in wien": Wie wär's mit einem Ortswechsel?

Jandl: Diese Aussage betrifft doch weniger mich als die Stadt Wien - oder wäre ich der einzige, der so reden könnte? Überhaupt sehe ich in vielen meiner Gedichte die Möglichkeit, daß andere sich damit identifizieren.

SPIEGEL: Hölderlin, der Pathetiker des Scheiterns, und Jandl, der Mathematiker des Scheiterns. Ein Jandl-Gedicht könnte da eine Brücke schlagen: »Unsere ansichten/ gehen als freunde/ auseinander.«

Jandl: Es sind in diesem Fall nicht so sehr andere Ansichten als der enorm große Zeitraum, der zwischen Hölderlin und mir liegt. Ich sehe Hölderlin als den Beginn unserer modernen deutschen Dichtung und fühle mich ihm, dem dereinst Lebenden, in meinem eigenen noch gegenwärtigen Leben verbunden. Y

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