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Film Eine wilde Gruselwelt

aus DER SPIEGEL 35/1996

»Kondom des Grauens«. Spielfilm von Martin Walz. Deutschland 1996.

Ja! Jaa!! Ah! O Gott!! Oh!!! Ja!!« So ekstatisch kann sich ein Orgasmus im Comic strip gestalten. Wenn der schwule Kommissar Luigi seinen Lederknaben Billy in die Seligkeit treibt, sind die Ausrufezeichen vor lauter Begeisterung kaum zu halten. Schließlich besitzt Luigi ein Gemächte von formidablen Ausmaßen und enormer Schubkraft - und das, obwohl Luigi der rechte Hoden fehlt: Der wurde abgebissen von einem der Killerpräservative, die die Stadt unsicher machen.

Das »Kondom des Grauens« war zuallererst ein bizarrer Comic strip. Und als solcher ein Hit in deutschen Schwulenkreisen. Das mitreißende, wenngleich nicht gerade jugendfreie Werk, 1989 vom westfälischen Szene-Strichler Ralf König publiziert, schilderte den schwersten und zugleich intimsten Fall des dreitagebärtigen, kettenrauchenden Italo-Kommissars Luigi Mackeroni in Manhattan. Er muß beißfreudige Pariser jagen, die im schmierigen Stundenhotel »Quickie« bereits diverse Freier mitten im Geschlechtsakt ihres kostbarsten Weichteils beraubt haben.

Luigi selbst, ebenfalls ein Stammgast des zweifelhaften Etablissements, ist knapp der Kastration durch das Kondom entgangen. Bei ihm zielte der verfressene Pariser, der aussieht wie eine Vagina mit Zähnen, ein paar Zentimeter daneben - und amputierte so besagten Samenspender.

Das Schlimmste aber: Luigis Kollegen wollen partout nicht an seine Geschichte vom zähnefletschenden Gummi glauben. Seine Nachforschungen muß Luigi daher mutig und einsam anstellen: »Ein Mann gegen ein Gummi«, spottet sein skeptischer Kollege Sam.

Wie läßt sich aus dieser absurd witzigen Comic-Story, samt all ihrer Ausrufezeichen und samt ihrer anschaulichen Lautmalerei ("Plätscher, plitsch! Schnauf! Schmatz!"), eine angemessene Verfilmung destillieren? Wie lassen sich echte Schauspieler an die Stelle der knubbelnasigen, schrumpligen Zeichenfiguren setzen? Wie reale Schauplätze an die Stelle der Comic-Welt? Und was tun mit dem drastischen Sexual-Vokabular der schwulen Subkultur?

Bei einem anderen Werk desselben Comic-Autors, bei »Der bewegte Mann«, hat die deutsche Filmwirtschaft bereits bewiesen, daß sie in der Lage ist, beherzt alle Schrägheiten und kleinen, feinen Perversitäten auszumerzen: mit dem Ziel einer Mainstream-Tauglichkeit um jeden Preis. Beim »Bewegten Mann« war von der schrillen Comic-Ästhetik der Vorlage nichts mehr zu sehen. Daß er dennoch - oder gerade deswegen? - mit 6,5 Millionen Zuschauern zum deutschen Filmhit des Jahrzehnts aufstieg, ist kein gutes Omen für den Film, auch wenn er jetzt mit großem Werbeaufwand und 500 Kopien gleichzeitig in Deutschland an den Start geht. Dazu hat er sich viel zu sehr dem abseitigen Charme seiner Vorlagen - das Drehbuch ist ein Kondensat aus dem Comic »Kondom des Grauens« und dessen Fortsetzung »Bis auf die Knochen« - verschrieben.

Das Werk von Martin Walz zeigt Mut zu Aberwitz und Albernheit, auch zur zielsicheren Geschmacksverirrung, zu Nonsens, Chaos und Schwanz-Ab-Splatter: zu Sachen also, die den braven neugermanischen Erfolgsfilmen so fehlen. Gelegentlich schimmert bei dieser wilden Mixtur der angestrengte Wille durch, so richtig laut und frech und eklig zu sein. Darum sieht das »Kondom des Grauens« am Ende aus, als hätte sich Oberinspektor Derrick in ein Christoph-Schlingensief-Machwerk verirrt.

Auf Realismus verzichtet der Film gescheiterweise. Warum soll eine Comic-Verfilmung aussehen wie das wahre Leben? So tummelt sich ungestraft eine Truppe hinreißend chargierender deutscher Schauspieler - angefangen bei Udo Samel (Luigi) bis zu Iris Berben, Ralf Wolter, Peter Lohmeyer und Meret Becker - in einer Handlung mitten in Manhattan, die eigentlich nach einer amerikanischen Besetzung verlangt.

Und was als Krimi beginnt, verwandelt sich unversehens in einen Gruselfilm: In einem unterirdischen Geheimlaboratorium treten ein irrer Killerkondom-Erfinder (Wolter), eine durchgedrehte katholische Weltverbesserin (Berben) und ein schweigsamer Chinese (Weijian Liu) auf, die auch in einer Edgar-Wallace-Adaption nicht fehl am Platze wären. Mit ihrer Hilfe steigert sich das »Kondom des Grauens« in ein Trash-Finale hinein, in dem es vor schleimigen, glitschigen Latexkreaturen und anderen Widerwärtigkeiten nur so wimmelt.

Bloß einen nahezu unentschuldbar schamhaften Kompromiß geht der Film (anders als der Comic) ein: In den zwei Stunden bekommen die Zuschauer keinen einzigen echten Penis zu sehen.

* Mit Leonard Lansink, Udo Samel, Marc Richter.

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