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Einer für alle, alle auf einer

Kurt Bartsch über Stefan Schütz' monumentalen DDR-Roman »Medusa« Stefan Schütz, 41, war Regieassistent am Berliner Ensemble in Ost-Berlin, hat Theaterstücke ("Sappa. Die Schweine") geschrieben und lebt seit 1980 in der Bundesrepublik. Für »Medusa«, seine erste Prosa-Arbeit, erhielt er den Alfred-Döblin-Preis; ein »Zeit«-Kritiker lobte den Roman als »ein Wunder an Phantasie«. - Der Lyriker und Parodist Kurt Bartsch, 48 ("Die Hölderlinie"), wurde 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und lebt seit 1980 in West-Berlin. *
aus DER SPIEGEL 14/1986

Zur Literatur gehören zwei. Einer, der sie fabriziert, und einer, der ihm das Produkt gegebenenfalls um die Ohren haut. Manchmal, wenn der Literat Glück hat, gesellt sich ein dritter hinzu: der Leser. Stefan Schütz, Stückeschreiber, Schauspieler a.D., wird eine gehörige Portion Glück, zu deutsch: Public Relations, nötig haben. Sein Buch »Medusa« ist 870 Seiten dick, wiegt ein rundes Kilo und ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Rowohlt: Deutschlands größte Schuhfabrik - oder werden dort Bücher gemacht? Eins, das oben erwähnte, habe ich kürzlich gelesen. Als es auf meinen Tisch flog - krachte, müßte es richtiger heißen -, ging ich sofort in die Küche, um meine sämtlichen Messer zu schleifen. Das soll, habe ich gelernt, in diesem Land, diesem verkappten Supermarkt, in dem man alles kaufen kann - neben Politikern auch Bücher-, so üblich sein.

Ich war also gewappnet, setzte mich, messerklirrend, an meinen Schreibtisch und las: Medusa, deren Haupt seine Betrachter zu Stein werden ließ, bis es ihr ein Mann, Perseus, mit dem Schwert kappte, heißt im Buch Marie Flaam, ist Theaterfrau, Regisseurin in der Hauptstadt der DDR.

So einfach, ich weiß, kann man es sich nicht machen. Das Buch, die 870 Seiten, sind ein Traum, ein Abbild, Vexierbild des surreal existierenden Sozialismus. Eine Bilderflut gleichermaßen. Sprachgemisch, Wörtergewirr: Babylon war ein Dreck dagegen.

»Mich hat die Bewegung interessiert«, sagt Schütz, »die Strahlungen, die von der Materie eines Hirns ausgehen und empfangen werden. Energien, die sich treffen, spalten, wandeln, eine Welt voll eiliger Elementarteilchen, die uns Richtung geben, Abweichungen aufzwingen und Gedanken produzieren.«

In der »Kathedrale des Ichs«, dem ersten Teil dieser Prosa, steigt Marie Flaam, die Träumende, gleichsam aus sich heraus, verläßt das Zimmer, in dem ihr anderes Ich und Naphtan, ihr Mann, im Schlaf zurückbleiben. Marie taucht in eine unwirkliche, von Blitzen erhellte, von scharfkantigen Metallen geformte Landschaft ein: »Jeder Schritt, so glaubt sie zu wissen, schnitte ihr Löcher ins Fleisch und ließe sie auslaufen, wie eine mit Blut gefüllte Plastiktüte.«

Der Traum, zum Alptraum geworden, füllt sich mit wüsten Gestalten, die, männlichen Geschlechts, den Höllengesang dieses Buches anstimmen: Wer uns nicht folgt, dem geschieht Schreckliches, schlimmer als der Tod. Auch Lenin, ein aufgeblasener Zwerg, mischt sich in diesen Traum, singt, sabbert desgleichen.

Wohin folgen?, fragt Marie Flaam. In den Anus, das Arschloch also, dessen Eingang in Ost-Berlin, nahe dem Bahnhof Friedrichstraße, klafft. In diesen, die Anuspforte, marschiert heiter und fähnchenschwingend, das Staatsvolk der DDR.

Marie Flaam, die Traumfrau, weigert sich; wehrt sich von Seite 13 bis Seite 126 gegen den Abstieg, der, wie Funktionäre und falsche Freunde ihr flüstern, in die »lichte Zukunft« führe. Sie will kein Mitläufer, schon gar kein Arschkriecher sein. (Die Emanzen in diesem, unserem Lande können beruhigt weiterstricken. Ich habe mit Absicht nicht »Arschkriecherin« gesagt. Arschkriechen ist, seit altersher, Männersache. Davon handelt unter anderem dieses Buch.)

Zurück zum Anus, zurück zu Marie, die sich weder becircen noch provozieren läßt, in das »Gehäuse des Sozialismus« zu stiefeln. Als gar zwei Zombies der Staatssicherheit, die nur aus »Sakko mit Bonbon« (Parteiabzeichen) bestehen, bei ihr abblitzen, macht sich in mir, dem Leser, Enttäuschung Luft. Wer, wenn die Stasi es nicht vermag, Genossin Medusa ins Loch, ins Arschloch zu dirigieren, wer vermag es dann?

Gorga Sappho, ein Wesen aus ferner Zeit, vermag es. Gorga ist die personifizierte Neugier der Marie Flaam; von ihr läßt sie sich an die Hand nehmen und leiten: hinab ins stinkende, staatliche Gedärm. Hier unten, wo Geist und Seele gleichermaßen verwaltet und vergewaltigt werden, geht es bisweilen zu wie in einer Kantine für Kannibalen. Während die einen Schlange stehn, sitzen die anderen beim Mahl, bestehend aus: Augen, die zuviel gesehen, Ohren, die zuviel gehört, Zungen, die zuviel geredet haben. »Staatsgefährdende Organe« also, die man den auf- und abweichlerischen Genossen amputiert, wegrationalisiert hat.

Marie Flaam wandelt von Raum zu Raum, begegnet Gestalten, Gespenstern ihrer Vergangenheit. Theaterleute, ein Philosoph, Schauspieler sind versammelt, deren Namen - wie alles in dieser Prosa: Sprache, Raum, Zeit - verfremdet, der Realität entrückt sind. (Prof. Dr. Manfred Wekwerth, Intendant des Berliner Ensembles und Präsident der Akademie der Künste der DDR, heißt »Wankelmuth«; Hilmar Thate heißt »Thute«, Ekkehard Schall heißt »Rauch« usw.)

Als man Marie, der verdienten Genossin, einen Orden verleihen will, ist sie entsetzt, angewidert: »Wieso ich, warum ich, zerrt es durch ihren Kopf, während ihr Körper wie auf einer Schnur gezogen nach vorne eilt. Ich bin es nicht, nicht mehr«, sagt sie und läßt sich - da der Traum ihre Vergangenheit reflektiert - das Blech ein zweites Mal verpassen.

Dann hebt sie zu sprechen an. Eine Bilderflut, Sprachflut entströmt ihrem Medusenhaupt, die, der Interpunktion entledigt, von Seite 245 bis Seite 303 ihre unbewältigte Vergangenheit als Frau und Genossin bewältigen soll. Mann ist Mann: »Wer keinen Kniefall macht, bekommt einen Arschtritt, und wer in die Knie geht, wird in den Hintern gebumst.«

Vom Ende des paradiesischen Zeitalters - des Matriarchats - bis zur Mitte des pornographischen Zeitalters - des unsrigen also - taumeln, laut Schütz, Männer als Schlächter durch die Geschichte, lassen kein Schlafzimmer, kein

Parteibüro aus. Letztere haben es dem Autor besonders angetan.

Ich kenne Stefan Schütz nicht, kenne flüchtig nur seine Frau, Uta Birnbaum, der das Buch gewidmet und deren Biographie dieser Prosa einverleibt wurde. Sie - alias Medusa, alias Marie Flaam - muß dem Sozialismus derart verzückt und gläubig ins Netz gegangen sein, daß der Autor ersichtliche Mühe hat, sie (sich?) aus dieser Verstrickung zu lösen.

Schütz fühlt Marie, seiner »Schwester Innerlich«, auf die verschiedensten Zähne, läßt sie ihr Leben wie einen Koffer auspacken, Stück für Stück, Politisches und Privates. Dabei zieht er sich keinen Augenblick in die aus Beziehungskisten gezimmerte Verkaufsbude zurück, um - wie weiland Botho Strauß- Psyche am Stiel feilzubieten. Außer Herz, das sich auf Bauchweh reimt, sind bei Schütz noch andere Organe vorhanden. Hand und Fuß, vom Kopf ganz zu schweigen. Hinzu kommen die Staatsorgane, die in dieser Prosa eine besonders große Rolle spielen.

Politik und weißer Käse also. Der linken Schickeria, die sich im West-Berliner Schauhaus am Lehniner Platz an der Frau ohne Unterleib delektiert, kann man dieses Buch wohl kaum als Betthupferl schmackhaft machen.

Der lange Traum in der langen Nacht der Marie Flaam geht in Weimar, im Sterbehaus Goethes am Frauenplan, weiter. Während der Greis über seine Darmtätigkeit räsoniert, regnet es draußen Blut. Krieg, Nachkrieg. Auf dem bombenzerstörten Markt, der zum Schwarzmarkt wird, ist die Bevölkerung angetreten, um, wie von der US-Armee befohlen, das KZ Buchenwald auf dem Ettersberg zu besichtigen.

Unter den Wartenden die 12jährige Marie Flaam und - man staune - der Vater aller Werktätigen J. W. Stalin, der die Genossin Flaam agitiert, sie vor schädlichen Einflüssen bewahren will. Schütz hat - auch dies ein Beweis seiner Sprachkraft - Stalin die beste Rede geschrieben, die dieser jemals gehalten hat. Wäre ich religiös oder sonstwie schwächlich veranlagt, ich hätte nach der Lektüre sofort um Aufnahme in die DKP nachgesucht.

Zurück ins KZ, das sich inzwischen - Traum ist Traum - in ein stalinistisches Lager verwandelt hat, in dem Kinder (unter ihnen Marie) die Erwachsenen das Fürchten lehren. Hier werden alle Köpfe über einen Kamm geschoren. Daß dabei hin und wieder eine Schädeldecke am Kamm hängen bleibt, was soll's: Das Ich muß beschnitten, die Individuen müssen auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht werden.

Schütz macht sich über die ernsthaftesten Sachen lustig. Aber noch nicht genug. Manchmal gerät er ins Eifern, schlägt Schaum, was er besser seinem Friseur oder anderen politischen Größen überlassen sollte.

»Free Play of Love«, der dritte Teil des Buches, wartet mit Utopien auf, die das Zusammenleben von Mann und Frau oder deren endgültige Zerfleischung zum Thema haben. Das reicht vom guten alten Liebesstreik bis zur schwachstrombetriebenen Fickmaschine, die den Geschlechtspartner ersetzt. Die Maschine, drei Meter siebzig hoch, ist Männern und Frauen gleichermaßen von Nutzen: Während der Mann seinen Samen in eine künstliche Vagina spritzt, empfängt ihn die Frau - so sie will - auf der anderen Seite der Maschine durch einen künstlichen Penis. Für den Fortbestand der Welt ist gesorgt, der Kampf der Geschlechter wird abgebrochen: technisches Know-how in der letzten Runde.

Ich weiß, daß es vermessen ist, diesem Buch mit einem Waschzettel beikommen zu wollen. Man kommt ihm nur bei, indem man es drei-, viermal liest. Oder - da das unzumutbar ist - wenigstens Teile daraus. Hier eine Kostprobe, den Fenstersturz eines Mannes schildernd, der den Liebesentzug nicht verwand: _____« Nur Fleisch fällt so und klatscht derart zufrieden » _____« auf den Asphalt. Im Nu ist der Laden leer, und man drängt » _____« auf die Straße, auf der wahrhaftig eine Leiche liegt. Wie » _____« eine rote Nylonschnur, deren Angelhaken tief im Innern » _____« des Mannes steckt, so fein rinnt das Blut aus der Biege » _____« seines linken Mundwinkels, ihm hinters Ohr und von » _____« dort auf das steinplattene Pflaster. Na und, ein Mann » _____« weniger. In den Gulli mit ihm, oder ist jemand hier, der » _____« sich als seine Witwe fühlt, die Stille ist unüberhörbar, » _____« und das einzige Geräusch, wie das hungrige Knurren eines » _____« Magens, vollführen die Frauen beim Öffnen des gußeisernen » _____« Deckels zur Kanalisation, und schon ist der Abfall » _____« beseitigt, und die Straße wieder blind begehbar... einer, » _____« der Fallobst sein will, den soll man nicht aufhalten. » _____« Bald kommt ein Hund und leckt den Rest Männerblut vom » _____« Bürgersteig. »

Diese Prosa - nicht Fisch nicht Fleisch, sondern beides -, in der sich die antike Tragödie neben dem Schmierentheater, der Essay neben dem Schauerroman, die Groteske neben dem Pamphlet austobt, ist eine Zumutung; zähe, zuweilen unverdauliche Kost.

Sie ist überdies ein männermordendes Buch, das nur von einem Mann geschrieben werden konnte. Eine Frau würde man der Hysterie zeihen und sie - nach allen Regeln des Feuilletons - in der Luft zerreißen.

Vielleicht zerreißt man auch Stefan Schütz in der Luft. Ich bin mir dessen sogar sicher. Er ist viel zu talentiert, um von der zeitgenössischen Kritik verschont oder gar gehätschelt zu werden.

Und die Leser? Wer es bislang gewohnt war, sich an einem Handlungsfaden entlang durch Romane oder Erzählungen zu bewegen - anderthalb Stunden Spannung, man spuckt aus, das Buch hat seine Schuldigkeit getan -, der sei gewarnt. In dieser Prosa wandelt man nicht auf einer sanften, syntaxbewehrten Sprachebene, um links und rechts Kulissen aus Pappmache zu bestaunen. Hier herrscht die Unvernunft des Traums; die Schwerkraft und andere physikalische Gesetze sind aufgehoben. Wir bewegen uns in schwindelnder Höhe über der Realität - und werden ihrer in aller Deutlichkeit, aller Schrecklichkeit ansichtig.

Wäre nicht der Humor, der dieser Prosa innewohnt, wir griffen wohl lieber zu Dante, in dessen Hölle es vergleichsweise gemütlich zugeht. Die Welt ist - allen Unkenrufen zum Trotz - eben ein Stück vorangekommen. Jetzt verstauben beide, Dante und Schütz, in den Regalen. Und damit will ich mich aus dem Staub machen.

Kurt Bartsch
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