Filme der Woche Showdown im Lehrerzimmer

Eine Bande träger Lehrer, ein abgebrannter Pornostar, Sophie Marceau in einem Drama über Sterbehilfe, mörderische Kinder und ein einschläfernder Erotikthriller. Hier sind unsere Filme der Woche.
Szene aus »Eingeschlossene Gesellschaft«: Diesmal nerven die Lehrer

Szene aus »Eingeschlossene Gesellschaft«: Diesmal nerven die Lehrer

Foto: Wolfgang Ennenbach / Sony Pictures

Ab 14. April im Kino:

»Eingeschlossene Gesellschaft«

Irgendwann platzt der jungen Lehrerin der Kragen. »Das Letzte, um das es in dieser Schule geht, sind die Schülerinnen und Schüler«, herrscht Sara Schuster (Nilam Farooq) ihre Kollegenschaft im Lehrerzimmer an. Schusters Augen sind geweitet, die Stirn ist vor Zorn gefurcht angesichts von eigentlich vernünftigen Menschen, die sich aus schierer Bequemlichkeit allen neuen Ideen verweigern. »Was für ein armseliges, unwürdiges Spektakel!«, ächzt sie über das Gerede ihrer Kollegen.

Sönke Wortmanns Komödie »Eingeschlossene Gesellschaft« nimmt sich wie schon sein Film »Frau Müller muss weg« (2015) den Schulbetrieb vor. Doch diesmal nerven nicht die Eltern, sondern die Lehrer. Ein Vater (Thorsten Merten) stürmt an einem Freitagnachmittag mit vorgehaltener Waffe in die Schule, die sein Sohn besucht. Der Geiselnehmer will den versammelten Lehrkräften den einen Punkt abhandeln, der seinem Sohn zum Abitur fehlt. Die Pädagogen aber beharren, mit Ausnahme der Junglehrerin Schuster, stur auf den nur scheinbar alternativlosen Pauker-Werten des Drillens, Prüfens, Aussiebens.

Die Trägheit der Mächtigen in einer deutschen Vorzeigeinstitution, dem Gymnasialbetrieb, wird hier nach einem Drehbuch von Jan Weiler mit Mut zur Drastik und ziemlich vergnüglich vorgeführt. Weil das System es angeblich nicht erlaubt, weigern sich eigentlich kluge Leute, den Wandel der Welt anzuerkennen – zum Beispiel digitale Lehrmethoden, an psychologische Erkenntnisse angepasste Unterrichtszeiten, Ideen für eine stärkere Integration von Kindern aus bildungsfernen Schichten. Mit der großartigen Nilam Farooq und etablierten Komödiendarstellern wie Anke Engelke, Florian David Fitz, Justus von Dohnanyi macht Wortmann daraus eine routinierte Farce. Manche Wendungen des Geiselnehmerdramas sind großer Quatsch, viele von Deutschlands Lehrkräften werden trotzdem über die Botschaft des Films streiten. Wolfgang Höbel

»Eingeschlossene Gesellschaft«, Deutschland 2022. Regie: Sönke Wortmann. Drehbuch: Jan Weiler. Mit Nilam Farooq, Anke Engelke, Justus von Dohnanyi, Florian David Fitz. 97 Minuten.

»Red Rocket«

Donald Trump ist einer, Fran Lebovitz ebenso, auch der QAnon-Schamane sowie Will Smith und seine Familie: Sie sind Hustler, harte Verkäufer in eigener Sache. Immer unter Hochdruck, immer optimistisch, dass sich mit etwas Hindrehen und Zurechtbiegen das Leben schon bewältigen lässt.

Hauptdarsteller Rex in »Red Rocket«: Abgebrannter Pornostar mit großen Plänen

Hauptdarsteller Rex in »Red Rocket«: Abgebrannter Pornostar mit großen Plänen

Foto: Drew Daniels / Universal Pictures

Im Kino musste der Hustler als ameri­kanischer Archetyp meist dem Gangster den Vortritt lassen, aber das ändert sich in dem Maße, in dem die Hegemonie der USA abnimmt. Und für genau diese Zeit des Übergangs, dieses Interregnum, sind die Filme des US-Independent-Reg­isseurs Sean Baker (»Tangerine L.A.«, »The Florida Project«) perfekt.

Sie sind bevölkert von Prostituierten, Obdachlosen und Drogendealern, von Menschen, die selten mehr als ihren eigenen Körper in die Waagschale zu werfen haben und genau das in größter Not auch tun. Es schien deshalb auch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Baker einen Porno­darsteller zur Hauptfigur wählt: In »Red Rocket« versucht Mikey (Simon Rex) nach 17 Jahren im »adult film business« den Neustart, allerdings in dem texanischen Kaff, wo er seine drogensüchtige Ehefrau einst verlassen hat und wo er nun mit der blutjungen Verkäuferin eines Donut-Shops anbandelt.

Was Mikey an Plänen ausheckt, läuft natürlich grandios schief, denn auf einen abgebrannten Pornostar hat niemand gewartet. Aber beim Hustling kommt es auch nicht darauf an, dass das aktuelle Geschäft zustande kommt – sondern dass man nie den Glauben an das nächste mögliche Geschäft verliert. Wahrscheinlich gibt es derzeit keinen amerikanischeren Helden als Mikey und keinen amerikanischeren Film als »Red Rocket«. Hannah Pilarczyk

»Red Rocket«, USA 2021. Regie: Sean Baker. Drehbuch: Baker, Chris Bergoch. Mit Simon Rex, Suzanna Son, Bree Elizabeth Elrod. 131 Minuten.

»Alles ist gutgegangen«

Die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellers von Emmanuèle Bernheim erzählt die Geschichte von Emmanuèles Vater (André Dussollier), der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Der gerade eben noch umtriebige Kunsthändler bittet seine ältere Tochter (Sophie Marceau) darum, ihm Sterbehilfe zukommen zu lassen.

Marceau in »Alles ist gutgegangen«: Erstaunliche Nonchalance

Marceau in »Alles ist gutgegangen«: Erstaunliche Nonchalance

Foto: Wildbunch

Sie kontaktiert ein Schweizer Institut, dessen Repräsentantin von Hanna Schygulla mit eigenartig leuchtender Würde gespielt wird. Eine andere starke Nebenrolle, die von Emmanuèles kranker Mutter, hat Regisseur François Ozon mit Charlotte Rampling besetzt.

»Alles ist gutgegangen« behandelt das existenzielle Thema mit erstaunlicher Nonchalance, ohne unernst zu sein. Immer wieder kontrastiert Ozon den Tod mit dem Alltag seiner Hauptfigur Emmanuèle, einer mitten im Leben stehenden Frau. Felix Bayer

»Alles ist gutgegangen«, Frankreich 2021. Regie, Drehbuch: François Ozon. Mit Sophie Marceau, André Dussollier, Hanna Schygulla. 113 Minuten.

Hier lesen Sie ein Interview mit Sophie Marceau über den Film.

»The Innocents«

Neue Arbeit, neuer Wohnort, aber noch Schulferien: Die Eltern der neunjährigen Ida (Rakel Lenora Fløttum) und ihrer älteren, autistischen Schwester Anna (Alva Brynsmo Ramstad) sind wie erlöst, als die Mädchen sofort Anschluss finden und mit ihren neuen Freunden auf dem Hof der großen Hochhauswohnanlage spielen oder das nahegelegene Wäldchen erkunden. Genauer hinsehen tun sie nicht, was die Kinder dort treiben. Das muss das Publikum übernehmen, und dem wird im Gegenzug grandios Fieses geboten: So viel Angst vor Kindern hat seit Veronika Franz’ und Severein Fialas’ »Ich seh, ich seh« kein Film mehr gemacht.

Nicht mehr lang allein: Ida (Rakel Lenora Fløttum) gerät in einen Freundeskreis mit übernatürlichen Fähigkeiten

Nicht mehr lang allein: Ida (Rakel Lenora Fløttum) gerät in einen Freundeskreis mit übernatürlichen Fähigkeiten

Foto: Capelight Pictures

Ida, Anna und ihre Freunde Ben (Sam Ashraf) und Aisha (Mina Yasmin Bremseth Asheiment) entdecken, dass sie telepathisch miteinander verbunden sind, zwei von ihnen sogar telekinetische Kräfte haben. Diese Kräfte probieren sie erst im Wald an Ästen aus, die knirschend brechen. Als einer aus der Runde dazu übergeht, auch menschliche Knochen zu brechen, kommt es zum Machtkampf: Wie viel Grausamkeit gestehen sich die Kinder gegenseitig zu?

Der Norweger Eskil Vogt ist vor allem für seine Drehbücher für die gemeinsamen Filme mit seinem Landsmann Joachim Trier bekannt, gerade waren sie für ihre Liebeskomödie »Der schlimmste Mensch der Welt« (deutscher Start: 2. Juni) für zwei Oscars nominiert. In seiner zweiten Regiearbeit übersetzt er sein genaues Gespür für zwischenmenschliche Spannungen nun mithilfe von Kameramann Stura Brandth Grøvlen und einem herausragenden Kinderensemble in Suspense-geladene Szenen, deren Schrecken durch die warme Spätsommersonne und die hübschen Kindergesichter nur noch schlimmer wird.

Dass zwei der Kinder arabisch-afrikanische Wurzeln haben und ein Kind Vitiligo hat, spielt interessanterweise keine Rolle in der Geschichte: Vielleicht ist »The Innocents« Vorreiter eines post-diversen Kinos, das bestimmte identitäre Marker lässig ignoriert. Hannah Pilarczyk
»The Innocents« NOR 2021. Buch und Regie: Eskil Vogt. Mit Rakel Lenora Fløttum, Alva Brynsmo Ramstad, Sam Ashraf, Mina Yasmin Bremseth Asheiment. 117 Minuten

Im Streaming:

»Tiefe Wasser«, Amazon Prime Video

Der britische Regisseur Adrian Lyne machte sich in den Achtzigerjahren mit drei Erotikfilmen einen Namen: »Flashdance«, über den der SPIEGEL 1983 schrieb, der Film sei das absolute Nichts; »9 1/2 Wochen«, unvergessen für die Szene, in der Kim Basinger und Mickey Rourke vor dem offenen Kühlschrank mit Essen spielen; und »Eine verhängnisvolle Affäre«, ein bemerkenswert frauenfeindlicher Thriller mit reaktionärem Familienbild.

Szene aus »Stille Wasser«: Ben Affleck wirkt, als würde er noch vor dem nächsten Dialogsatz einnicken

Szene aus »Stille Wasser«: Ben Affleck wirkt, als würde er noch vor dem nächsten Dialogsatz einnicken

Warum Lyne nach 20 Jahren Pause mit 81 Jahren noch einmal einen Film machen wollte, ist nicht überliefert. »Tiefe Wasser« wirkt jedenfalls so, als habe man ihn aus einem tiefen Schlaf geweckt und er habe ansatzlos weitergemacht wie damals. Eine Sexszene leuchtet er sogar mit Neonlicht aus wie in den seligen Achtzigern.

In »Tiefe Wasser« geht es um eine unheilvolle Ehe, in der eine leicht reizbare Frau ihren kreuzlangweiligen Angetrauten mit anderen Männern eifersüchtig macht. Oder so. Jedenfalls hängen die beiden ständig auf nicht enden wollenden Partys in riesigen Villen herum und belauern sich. Wobei Ben Affleck, der den Mann spielt, dabei so wirkt, als würde er noch vor dem nächsten Dialogsatz einnicken. Obwohl seine Film-Frau von Ana de Armas dargestellt wird, mit der er auch im echten Leben eine Affäre hatte. Dennoch ist der Film ungefähr so spannend wie eine endlose Achtsamkeitsübung, von Erotik gar nicht zu sprechen. Anschauen sollte man »Tiefe Wasser« unbedingt für Partygespräche, wenn man über einen wirklich schlechten Film lästern will. Oliver Kaever

»Deep Water«, USA 2022. Regie: Adrian Lyne. Drehbuch: Zach Heim, Sam Levinson. Mit Ben Affleck, Ana de Armas. 115 Minuten.

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