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Bücherspiegel Einsame Jäger

aus DER SPIEGEL 24/1994

Nichts tröstet die Unglücklichen mehr, als vom Unglück derer zu hören, die sie für glücklich halten. Die Erzählerin in Sibylle Mulots Roman, des Trostes offenbar bedürftig, bekennt gleich zu Beginn diese segensreiche Charakterschwäche - sie ist der Motor ihrer Erzählung. Ein bekehrter Don Juan spielt der nach Leidensgenossinnen Ausschau haltendenden Erzählerin die erste Adresse in die Hand. Die Recherche beginnt: Ist jene abgelegte Geliebte ein Opfer?

Von wegen. Die Gejagte ist selbst eine Sammlerin gebrochener Herzen. Unverkennbar ist »Liebeserklärungen« der Roman einer Journalistin. Er verwirklicht den Traum vom Finderglück. Die Objekte ihrer Forschungen - ein geschlossener Reigen von Personen, die alle im Leben der anderen irgendwann einmal eine Rolle spielten - geben nur zu gern Auskunft, und ihre Geschichten liefern reichlich Anschauungsmaterial: für das Glück der Besiegten und das Unglück der Sieger, für die Erkenntnis also, daß nicht jede Zweisamkeit jedem Alleinsein vorzuziehen ist - oder daß es eine Sehnsucht gibt, die nichts anderes begehrt als Sehnsucht.

Der Roman von Mulot, 44, bietet eine Fülle tragikomischer Beispiele für den inneren Zwang einsamer Liebender, Zeichen zu mißdeuten, um Himmels willen nicht klar sehen zu müssen. Beispiele auch dafür, daß mit den »wahnsinnig Verliebten« die Gunst der Stunde paktiere - ein vorübergehender Trost für diese Armen. Am Ende bleibt das Fazit: Das Herz - ein einsamer Jäger. Und als Losung gibt die Autorin dem Leser mit auf den Weg: »Für jedes gelöste Rätsel kommen zwei neue hinzu.«

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