Theaterpremiere in Berlin Feuchtgebiete am Müggelsee

Die Regisseurin Daniela Löffner inszeniert am Berliner Deutschen Theater Gerhart Hauptmanns Ehebruchsdrama »Einsame Menschen« – als Triebstau-Boulevardstück von heute, mit einem bisexuellen Helden.
Egomanischer Mann im Gefühlstaumel: Marcel Kohler mit Enno Trebs in »Einsame Menschen«, Regie Daniela Löffner

Egomanischer Mann im Gefühlstaumel: Marcel Kohler mit Enno Trebs in »Einsame Menschen«, Regie Daniela Löffner

Foto: Arno Declair / Deutsches Theater Berlin

Wenn das Liebespaar endlich nackt ist, nieselt warmer Regen vom Bühnenhimmel – und die Welt wird stumm. Die Schauspieler Marcel Kohler und Enno Trebs knutschen in den männlichen Hauptrollen des Stücks »Einsame Menschen« minutenlang in einem schwarzen Schlauchboot, das ihnen als Liebeslager dient, und schmiegen seufzend ihre Körper aneinander. Nach dem Sex spaziert einer der beiden zum unweit vom Boot aufgestellten Plattenspieler und legt den Schmalzschlager »Lonesome Town« auf. Dann hat der Kerl endlich seine Sprache wiedergefunden und sagt stolz: »Ich habe mich selbst gefunden.«

Es wäre ziemlich leicht, sich lustig zu machen über den Selbstsucher und Künstlermenschen Johannes Vockerat, den der Schriftsteller Gerhart Hauptmann vor 130 Jahren zum Helden seines Dramas »Einsame Menschen« gemacht hat: Ein egomanischer Mann verklärt sich da zum Genie und fängt vor den Augen seiner jungen Frau, die gerade Mutter geworden ist, rücksichtslos eine Liebschaft an. Im Deutschen Theater in Berlin hat die Regisseurin Daniela Löffner das Stück gründlich umgeschrieben und daraus ein radikal gegenwärtiges Beziehungsdrama gemacht – und nimmt sowohl die Frauen als auch die Männer auf der Bühne erfreulich ernst.

Studium abgebrochen, keinen Job, keine neue Idee

Im schönen Haus am Müggelsee, in dem Vockerat (Kohler) und seine Frau Käthe (Linn Reusse) mit Baby wohnen, wird mit Computer und Mobiltelefon hantiert. Vockerat ist kein verblasener Privatgelehrter wie bei Hauptmann, sondern ein Bestsellerautor vom Schlag Benjamin von Stuckrad-Barres. Vockerats Roman »Wir schlafen nicht« wird gerade verfilmt. Und statt in eine andere junge Frau namens Anna (wie im Originalstück) verliebt er sich in einen männlichen Zufallsbesucher im Haus am See, den aus Stanford angereisten Professor Arno (Trebs). Der Fremde aus Amerika lehrt, da wird im Theaterpublikum gelacht, ein Hipsterstudienfach, feministische »Future Studies«.

Der Autor Vockerat (Marcel Kohler, stehend) verliebt sich in den hippen Professor (Enno Trebs)

Der Autor Vockerat (Marcel Kohler, stehend) verliebt sich in den hippen Professor (Enno Trebs)

Foto: Arno Declair / Deutsches Theater Berlin

Die 41-jährige Theatermacherin Löffner ist eine hochinteressante Regisseurin, weil sie Intellekt und Literaturbegeisterung mit einer seltenen Begabung für Entertainment verbindet. Mit Iwan Turgenjews »Väter und Söhne« und Maxim Gorkis »Sommergäste« hatte sie in den vergangenen Jahren in Berlin zwei schöne Bühnenhits. Nun knöpft sie sich Gerhart Hauptmanns »Einsame Menschen« von 1891 vor, in dessen triebgesteuerter Hauptfigur sich der nicht uneitle Dramatiker (1862 bis 1946) auch ein bisschen selbst porträtierte.

Im Programmheft macht Löffner klar, welche Fragen sie interessieren. »Wer nimmt Elternzeit?« zum Beispiel, die Antwort darauf sei eine »elementare« Entscheidung. »Käthe Vockerat wurde schwanger, als sie in einer Orientierungsphase war: Studium abgebrochen, keinen Job, keine neue Idee«, doziert die Regisseurin. »Johannes ist Alleinverdiener, wobei er mit dieser Rolle hadert. Die Situation ist für beide problematisch.«

Auf der Bühne ist dieses Modern-Family-Problemstück zunächst wie eine elegante Salonkomödie angerichtet. In einem von mal rosa, mal violett schimmernden Vorhängen begrenzten Raum führen zwei steile schwarze Treppen zu einem Klavier und zu einem Waschbecken in die Höhe (Bühnenbild: Wolfgang Menardi). Zu Beginn singt das junge Elternpaar gemeinsam mit der zur Kindstaufe angereisten Schwiegermutter (Judith Hofmann) ein Kirchenlied. Es heißt »Ich bete an die Macht der Liebe« und enthält die sinnigen Zeilen: »Ich geb’ mich hin dem freien Triebe/ Wodurch ich Wurm geliebet ward/ Ich will, anstatt an mich zu denken/ Ins Meer der Liebe mich versenken.«

Niete in der Lebenslotterie gezogen

Tatsächlich ist es erst mal amüsant, wie sich die Ehepaar-Darsteller Reusse und Kohler nach der Ankunft des wieselig-weltläufigen Supernerds Arno in kleine Kämpfe um Eifersucht und Kinderbetreuung verstricken. Den Dichter Vockerat spielt Kohler als weichen, oft rührend selbstmitleidigen Träumer, Reusses Käthe eine lange lässig vertrauensvolle und dann zunehmend verzweiflungsstarre moderne Frau – gezeichnet vom Schock, dass ausgerechnet sie eine Niete in der Lebenslotterie gezogen hat.

Damit der Ehekrieg nicht zu banal wird, lässt die Regisseurin Löffner in surrealistischen Zwischenspielen süßliche Musik (Matthias Erhard) zu bizarren Gruselszenen erklingen. Mal darf die offenbar plötzlich unsichtbar gewordene Darstellerin Reusse einen Geistertanz aufführen, mal ihr rotes Haar in einem überlaufenden Waschbecken versenken.

Es wird ein bisschen viel mit Wasser-Metaphern herumgepritschelt in diesem dreinhalbstündigen Ausflug in die Feuchtgebiete einer verhängnisvollen Liebe zu dritt. Und natürlich sind auch nicht alle neuen Sätze, die hier den Hauptmann-Figuren in den Mund gelegt werden, große Theaterpoesie. Trotzdem folgt das Publikum bis zuletzt gebannt dem Showdown im Hause Vockerat. Das Kunststück dieses Theaterabends besteht darin, dass Löffners Aktualisierung nie in die Soap abgleitet, sondern dass hier ein paar Menschen bis zuletzt ganz ernsthaft eine Antwort auf die Frage suchen: Welche Leidenschaften haben uns bloß so ruiniert?

»Einsame Menschen« , Deutsches Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 3., 11. und 25. November.

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