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Musik Einspruch der Faschisten

Die Musik des Italieners Luciano Berio wird bei den Festivals dieses Sommers besonders häufig aufgeführt. Der einst so konsequente Komponist macht dem Publikum Zugeständnisse.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Er ist heimgekehrt aus dem Gelobten Land der Neuen Musik, aus Amerika.

Zehn Jahre lang hat der italienische Komponist Luciano Berio, 46, dort gelebt und gelehrt, hat die große Freiheit und die großzügigen Spenden genossen, die der Kunst in den Vereinigten Staaten zuteil werden. Doch als er befürchten mußte, ein Amerikaner zu werden und ein gesicherter, angesehener, amerikanischer Künstler obendrein, lief er davon. Am »Triumph« -Sportwagen, der vor seiner römischen Villen-Wohnung parkt, ist zwar immer noch das US-Nummernschild angebracht, doch Berio versichert: »Ich gehe nicht zurück.« Europa ist dafür dankbar und feiert den Heimkehrer mit Musik -- mit Musik von Berio. In Lissabon und Stuttgart, in London, Venedig und Berlin wurden und werden Berios Werke aufgeführt: das Holland-Festival hat dem Komponisten sogar einen ganzen Konzertzyklus für hervorragende alte und weniger gute neue Werke reserviert. Auf das angekündigte Musiktheater-Stück mit dem Titel »Amores« mußte Amsterdam allerdings verzichten -- es gab Terminschwierigkeiten.

Zu sehr nämlich war Berio in den letzten Monaten von einer anderen Sache in Anspruch genommen, die, weil sie neu für ihn war, seine ganze Energie erforderte: Für die italienische Radio- und Fernsehgesellschaft RAI drehte und kommentierte er eine zwölfteilige TV-Serie über Musik-Darbietung und Musik-Erziehung, über wirtschaftliche und soziale Probleme der Musiker, über Tradition und Funktion der Musik.

Berio hat für diese soeben ausgestrahlte kritische und unterhaltsame Sendereihe, die er selbst »eine Art Revue« nennt, unter anderem 80 Komponisten interviewt, in Europa und Amerika; er hat die Ausbildung von Dirigenten und Instrumentalisten beobachtet, er hat das Volkslied und die Werke Beethovens analysiert, und er hat den Belcanto, die Stimme Italiens, karikiert -- was den wütenden Einspruch von Tenören und Faschisten hervorrief.

Doch bei diesem Protest fühlt sich Berio wohl. Denn er bestätigt schließlich seine schlechte Meinung vom »politisch und kulturell gelähmten« Vaterland, dem er eine »tiefgreifende Umwälzung« wünscht. Berio erhofft diese »neue Situation« von den Kommunisten, der »einzigen Partei Italiens, die noch Schwung hat und Veränderungen bewirken kann«.

Der KP-Wäbler Berio. kämpferisch und redegewandt, hat in Pamphleten und Diskussionen immer wieder seine politische Überzeugung bekundet; doch er war nie versucht, musikalisch zu agitieren. »Immer wenn ein Komponist die Musik als politische Waffe benutzt«. sagt Berio, »verrät er, daß sein Verhältnis zur Musik neurotisch gestört ist.«

Zu dieser Sorte von Neurotikern zählt Berio den Komponisten Hanns Eisler (1898 bis 1962), den Italiener Luigi Nono, Mitglied der KPI, und den Wahlitaliener Hans Werner Henze, auch ein Genosse. Ihnen wirft er »Naivität und Dummheit« vor. Denn »es ist dumm zu glauben, mit Hilfe der Musik könne man den Brotpreis senken, Kriege verhindern oder die Slums beseitigen«.

Weltbeglückung und Dogmatismus -das sind Dinge, die dem rational denkenden und von ideologischen Hemmnissen freien Berio nicht liegen.

Früh schon hat sich Berio, der aus einer Musikerfamilie stammt und unter anderen beim Landsmann Luigi Dallapiccola studierte, von der »formalistischen und weltfremden Haltung« der Zwölftonkomposition distanziert. Berio, immer nüchtern und sachnahe, aber auch immer ein wenig die Autorität des Überlegenen hervorkehrend, theoretisierte: »Wenn ein Komponist sich in der Manipulation von einem Dutzend Noten verliert, läuft er Gefahr zu vergessen, daß diese Noten einfach nur Symbole der Wirklichkeit sind ... daß er vergißt, was Klang überhaupt ist.«

Daß es klingt, daß es manchmal sogar schön klingt -- darauf hat Benn immer geachtet: Als er sich noch zum spröden punktuellen Serialismus bekannte und in dem von ihm. Boulez« Stockhausen und Nono geprägten Einheitsstil der Nachkriegsjahre schrieb. komponierte Berio, wie er selbst sagt. »eines der ersten Beispiele serieller Musik, die ein wenig lächelt": die überaus virtuose »Serenata I« für Flöte und 14 Instrumente.

Ein Jahr später, 1958, trieb Berio, der selbst selten lacht und nie laut spricht, diese in der Neuen Musik damals so verpönte Virtuosität mit seiner »Sequenza I« für Soloflöte noch ein Stück weiter. Das bedeutete Abfall vom Punktualismus, das provozierte boshafte Kommentare. Doch Berio kümmerte sich nicht darum. Er schrieb eine Reihe weiterer Sequenzen für berühmte Solisten. darunter eine für die amerikanische Sopranistin Cathy Berberian.

Dank ihres Geschicks, dem Gesang mit unkonventionellen Lautbildungen zwischen Sprache, Geräusch und Ton neue Bereiche zu erschließen, wurde diese Primadonna der zeitgenössischen Musik für seine Tonkunst, die stets nach neuen Klangeffekten sucht, das ideale Medium:

Berio, der 1953 in Mailand das elektronische »Studio di Fonologia« gegründet hatte, schrieb für Cathy Berberian das halbelektronische »Tema -- Ommagio a Joyce« das auf dem Sirenen-Kapitel des Joyce-Romans »Ulyssses« beruht. Er heiratete sie auch, zeugte mit ihr eine Tochter, verließ sie wieder, doch ihre Stimme hat er nie vergessen.

Als er längst nach Amerika übergesiedelt war, um in Tanglewood, an der Harvard University und an der New Yorker Juilliard School of Music zu unterrichten, schrieb er ihr immer noch nach dem Munde; unter anderem die »Circles« -- eines der besten Beispiele für die avantgardistische Vokalkomposition, die mit der jahrhundertealten Tradition der Stimm-Stilisierung zugunsten freier Sing-Möglichkeiten gebrochen hat.

Berio vertont keine Worte mehr, er will keine Textausdeutungen, die Sprache wird vielmehr phonetisch zerhackt und zerfasert und zu absonderlichen Klangkombinationen genutzt. »Berio«, sagt Cathy Berberian, »fordert der menschlichen Stimme Ausdrucksnuancen ab, die zunächst als unrealisierbar erscheinen.«

In der 1965 komponierten »Sequenza III« muß die Berberian beispielsweise Worte in höchstem Tempo dahersagen, und zwar:

vorwurfsvoll, ängstlich, furchtsam, verwirrt, ruhig, schüchtern, entfernt, entfernt und verträumt, verträumt, verträumt und gespannt, wie ein Echo, ekstatisch, äußerst intensiv, verklingend, matt, wild, wildes Gelächter, keuchen, leichtsinnig, teilnahmslos, immer verzweifelter, intensiv, freudig, schlaff murmelnd, nervös, mit nervösem Gelächter, nobel, mit offenem Gelächter, entspannt, heiter, sehr laut, nachlassend, zart, gespannt, mit überspanntem Gelächter, angespannt murmelnd, drängend, sehr aufgeregt und wild, sehr gespannt, wimmernd, winselnd, sehnsüchtig und witzig.

Die Sängerin muß außerdem folgende Aktionen vorführen:

Gelächter; Lachsalven; schnalzen mit dem Mund; husten; ein dezentes Schnalzen mit den Fingern; mit geschlossenem Mund; gehaucht; fast geflüstert; einalmen keuchen; Tremolo; Zähneklappern; Zungentriller gegen die Oberlippe; trommeln auf den Mund, mit einer Hand oder den Fingern; Hand vor dem Mund; die hohle Hand wird vor den Mund gehalten, um den Klang zu dämpfen.

Bei dieser Vorliebe fürs Vokale. bei so viel Vertrautheit mit dem Literarischen ist nicht verwunderlich, daß Berio sich auch der Mittel des Theaters bedienen wollte, »ohne jemals an eine Oper zu denken. Denn die ist erledigt«.

So schrieb er denn, Mauricio Kagels »instrumentalem Theater« verwandt, »Musik zwischen Sprache und Aktion": jüngst eine »Opera« (Berio: »Das hat nichts mit Oper zu tun, das heißt nur 'Werke'"), früher die Ballettpantomime »Allez Hop« (1959) beispielsweise, das Bühnenstück »Passaggio« (1963), in dem zwei Chöre und eine Frauenstimme »Konformismus, die Verteidigung von Tabus. Selbstsucht und Geistesträgheit kommentieren. Er schrieb 1964 »eine

* Mit Cathy Berberian diegend).

Art Oratorium« mit dem Titel »Traces«, das wegen seines »starken antirassistischen Charakters« (Berio) in Amerika nicht aufgeführt wurde.

Berio nahm die Affäre nicht übermäßig ernst. er brachte das Stück in Paris heraus und zierte sich dann ein wenig. wie gemunkelt wird, als die amerikanischste aller amerikanischen Musikinstitutionen, die New Yorker Philharmoniker, 1968 seine »Sinfonia« zur Uraufführung wünschten. Sie bekamen sie. Ein Eklat war sowieso ausgeschlossen.

Denn dieses üppige Werk ist friedlich und auch musikalisch nicht sonderlich erregend. Der Musiker Berio, der neuerdings seine Aufgabe darin sieht, »zugleich auf die Gegensätze aufmerksam zu machen und sie miteinander zu versöhnen«. hat da ein wenig zuviel versöhnt, Er versöhnt schlechterdings alles mit allem:

Die Swingle Singers summen brasilianische Mythen, hauchen den Namen des ermordeten Negerführers Martin Luther King. flüstern Parolen vom Pariser Mai, rezitieren Beckett und Joyce. Die New Yorker Philharmoniker skandieren die Textmontage mit emphatiscben Blechsignalen. betten die Vokalklänge in irisierende Orchesterfarben. ehe sie für zwölf Minuten das Scherzo aus Mahlers Auferstehungs-Symphonie intonieren und dazu in einem Wust von Zitaten die Notabeln der Musikgeschichte beschwören.

Über 100mal wurde die »Sinfonia«, die auf die neuesten Produktionen Berios ("Chemins II c«, »Bewegung II«,

»Recital") bedrohlich abgefärbt hat, mittlerweile aufgeführt -- zuletzt mit Groß-Applaus beim Holland-Festival, das den aus den USA heimgekehrten Berio so überschwenglich feierte.

Der Applaus galt jedoch auch jenem Berio, der sich anschickt, das musikalische Engagement dem artistischen Kommerz zu opfern.

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