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BÜCHER Einstieg ins Totenhaus

Tilman Jens: »Unterwegs an den Ort, wo die Toten sind. Auf der Suche nach Uwe Johnson in Sheerness«. Verlag Piper, München; 80 Seiten; 9,80 Mark. *
Von Rolf Becker
aus DER SPIEGEL 3/1985

Auf dem Küchentisch fanden sich Reste seines letzten Frühstücks: Ei, Apfel, Tee. In der Wohnung verstreut lagen Schachteln mit starken Schlafmitteln: Rohypnol und Mogadan. Es fand sich ein an Max Frisch adressierter, leerer Briefumschlag, und auf dem Wohnzimmertisch lag ein Sammelband des SPIEGEL-Jahrgangs 1963, aufgeschlagen war ein Artikel über den Kalten Krieg. Daneben standen, »als habe sich der Hausherr nur für kurze Zeit entfernt, eine geöffnete Flasche Wein und ein Glas mit roten Rändern«.

Tilman Jens hat seine »Stern«-Reportage über den einsamen, erst nach 19 Tagen entdeckten Tod des 49jährigen Uwe Johnson in Sheerness, England, zu einem kleinen Buch verarbeitet und erweitert. Um dieses Buch gab es, wie schon um jene Reportage, einigen Streit.

Weil herauskam, daß er, um Informationen zu sammeln, in das versperrte

Haus des toten Schriftstellers eingestiegen war, verlor der junge Reporter seinen Job. Weil er in seiner Reportage von einem Brief berichtete, in dem Johnson den »Zeit«-Feuilletonisten Fritz J. Raddatz einer Indiskretion über Johnsons zerrüttete Ehe bezichtigt hatte, wurde Jens von Raddatz in der »Zeit« als Gossenjournalist geschmäht. Weil er das Jens-Buch veröffentlichte, wurde der Verleger Piper (und Johnson-Verleger Unseld, der die Veröffentlichung nicht verhindert habe) vom deutschen Oberschriftsteller Günter Graß öffentlich der Unmoral beschuldigt.

Soviel Entrüstung und soviel Literaturbetriebslärm kommen einem schon jetzt, knapp ein Jahr nach Johnsons Tod am 22. Februar 1984, ziemlich unangemessen vor. Das Büchlein von Tilman Jens jedenfalls rechtfertigt die Graßsche Moraltrompete nicht.

Jens ergänzt seine Reporterfunde um eine biographische Spurensuche in Johnsons Werken, vor allem im letzten und bedeutendsten, dem vierbändigen Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl«, den er treffend ein episches »Totenhaus« nennt.

Er schildert, was er herausfand über das Fremdlingsleben des Schriftstellers aus Mecklenburg in Sheerness, dem tristen Nest auf der Insel Sheppey. Johnsons Nachbarn kommen zu Wort, die Leute aus dem Pub erzählen vom Umgang mit dem Trinkkumpan (acht Gläser Bier pro Abend, zum Abschluß ein doppelter Wodka mit Tomatensaft, Eis und Zitrone) und Gauloises-Raucher (zwei Stangen pro Woche) Johnson, dem spröde-freundwilligen Einzelgänger, der sich von ihnen »Charles« nennen und zu Weihnachten ein Gläschen Whisky über den Kahlkopf gießen ließ. Photos aus Sheerness und aus Johnsons Haus, Marine Parade Nummer 26, illustrieren den Text. Unstatthafte Indiskretionen?

Auch daß und wie Jens die Ehe-Katastrophe Johnsons behandelt, verdient keinen Vorwurf. 1975 hatte der Schriftsteller erfahren, daß seine Frau ihn einst mit einem Mann betrogen hatte, der (wie sich erst nach Beendigung dieser Affäre herausstellte) Mitarbeiter des tschechoslowakischen Geheimdienstes war.

Johnson, »der - obwohl Atheist - seine Ehe als sakrosankt begriff« (Jens), sich auch manchmal auf wunderliche Weise hintergangen oder verfolgt fühlte, kam über den Treubruch nicht hinweg. Er erlitt eine Erkrankung der Herzkranzgefäße und eine Schreibhemmung, die jahrelang seine Weiterarbeit an den »Jahrestagen« blockierte.

Seit 1977 lebten Uwe und Elisabeth Johnson (mit ihrer Tochter) getrennt, sprachen nicht mehr miteinander und vermieden sogar Begegnungen auf der Straße - in Sheerness, wenige Straßen voneinander entfernt.

Johnson selbst hat sein Unglück 1980 in dem Buch »Begleitumstände« publik gemacht, 1981 in der »Skizze eines Verunglückten« literarisch verschlüsselt. Jens zitiert aus diesen Schriften und interpretiert sie. Wie er sich als »Stern«-Reporter Kenntnis davon verschaffte, daß Johnson seine Frau gezwungen hatte, die Geschichte ihres »Verrats« in einem »braunen Buch« aufzuschreiben und so Abbitte zu leisten, ist gewiß tadelnswert. Daß Jens diese Kenntnis weitergab, die Information veröffentlichte, sollte ihm keiner verübeln, der den schwierigen Menschen Johnson und Johnsons Werk besser verstehen will.

Ein paarmal verfehlt Jens das richtige Wort. »Zynisch«, so schreibt er zum Beispiel, habe Johnson in den »Jahrestagen« mit Enzensbergers »modischem Kuba-Engagement abgerechnet« - gemeint ist wohl: sarkastisch. Von der »süßlichen Verklärung einer vermeintlich besseren Vergangenheit« sei im vierten Band nichts mehr zu finden - wo wäre denn in den anderen Bänden etwas, auf das eine solche Bezeichnung zuträfe?

Die Formulierung, in den »Jahrestagen« werde beschrieben, wie die USA im Vietnamkrieg »ihr wahres Gesicht enthüllten«, wäre dem gerade in Sachen Wahrheit so skrupulösen Formulierer Johnson wohl etwas zu markig gewesen. Und die »Buddenbrooks« ein »aristokratisches Gegenstück zur Saga der Handwerksfamilie Cresspahl« zu nennen, haut auch ein bißchen daneben.

Insgesamt aber zeigt Jens in seiner von Sympathie für Johnson getragenen Studie eine respektable Einfühlung in dessen Werk. Sie kann, sie sollte neue Leser zum Einstieg in dieses sperrige OEuvre ermuntern. Rolf Becker

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