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Gesang Einstimmig revanchiert

Was halten Barzel und Scheel vom Singen? Ein Buch gibt Auskunft.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Singen«, so schreibt Walter Scheel, »ist eine sehr schöne Art, der eigenen Lebensfreude Ausdruck zu geben.«

»Chorsingen«, so erkennt Helmut Schmidt, trage für den Sänger »sehr entscheidend zu seiner »Lebensqualität« hei«.

»Es ist sicherlich schon kein Zufall«, so sinniert Rainer Barzel, »wenn es heißt »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder..."«

Barzel, Schmidt und Scheel gehören zu den »über 100 Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik«, die dem Kölner Chormusiker Professor Hermannjosef Rübben, 44, einen Beitrag »zu Fragen der Chormusik« geliefert haben -- für ein Buch, das noch gefehlt hatte: »Chor im Gespräch"*.

Chorsingen, klagt Herausgeber Rübben, sei »für manchen heute mit dem Geruch der Weltfremdheit« der Antiquiertheit, ja gar der Regressivität verbunden«. Daß dem nicht so sein muß, haben ihm alle seine namhaften »Gespräch«-Partner gern bescheinigt.

Zwar: »Vieles, was Chöre singen. ist Kitsch«, so weiß zum Beispiel SPD-Professor Carlo Schmid; doch »Chorsingen ist gut. wenn es in der Realität unseres Daseins sauber gesehen wird«.

Auch Udo Jürgens tritt für eine -- »gestatten Sie mir den Ausdruck« -- »Entstaubung« des Chorsingens ein. Dem FDP-Minister Hans-Dietrich Genscher ist das »Brauchtum des volkstümlichen Liedes« einfach »unverzichtbar für den Selbstwert unseres Volkes«. Felicia Weathers sieht Chöre »heute sogar als eine Art Rettung für die Menschheit: Hier kann man sogar Familien zusammenführen«.

* Hermann Josef Rübben: »Chor im Gespräch. Verlag J. F. Ziegler KG. Remscheid; 224 Seiten: 24,80 Mark

Auch CDU-Ministerpräsident Helmut Kohl hebt hervor, daß »gerade die Chore so etwas wie eine Klebe- und Fermentfunktion« haben. Der Industrielle Kurt Hansen (Bayer) freut sich, weil sie »in der Lage sind, die Jugend von der Straße zu holen«. Ex-Kanzler Kiesinger: »Chorgesang schafft Demokratie!«

Und im übrigen und überhaupt: »Mit dem Kirchenchor muß man sich gut halten. Wenn man ihn gegen sich hat« ist man verloren« -- so Kardinal Frings.

Neben derlei Prinzipiellem fällt in diesem gemischten Prominenten-Chor aber auch manches Private ab. Carlo Schmid war einst »besessen beispielsweise von der Okarina«. Helmut Kohl schätzt außer allerhand E-Musik auch »die Piaf und ausgesprochen Hans Albers«. Hans Katzer erzählt« wie Kanzler Erhard »einmal eine Kabinettsitzung vor Weihnachten unterbrechen ließ. um uns Gelegenheit zu geben, den Regensburger Domspatzen zu lauschen«.

Auch Vizekanzler Scheel, Protektor des Düsseldorfer Männergesangvereins« plaudert im Rübben-Buch aus dem Kabinett: »Beim jüngsten Besuch des Präsidenten von Sambia forderte er nach seiner Rede seine Reisebegleitung auf zu singen. Und dann dirigierte er selbst einen beachtlichen gemischten Chor,.. Nach dem Essen haben wir uns dann mit einem bescheidenen deutschen Volkslied -- einstimmig -- revanchiert.«

Das, zumindest« würde in einem Kabinett Barzel auf gewisse Schwierigkeiten stoßen. Denn« so gesteht der Kandidat Rainer: »Ich singe ausgesprochen gern. Aber leider furchtbar falsch ... schon in meiner Pennälerzeit wurde ich als permanenter Falschsänger aus dem Schulchor eliminiert.«

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