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Wolf Wondratschek über Ror Wolf: "Punkt ist Punkt. Fußball-Spiele" EINTRACHT ERWACHE!

Der Frankfurter Schriftsteller Wolf Wondratschek, 27, ist Anhänger der Offenbacher Kickers. -- Ror Wolf, 38, wie Wondratschek ein Autor experimenteller Prosa ("Fortsetzung des Berichts"), ist Anhänger von Eintracht Frankfurt.
aus DER SPIEGEL 12/1971

Kritiker hatten herausgefunden, daß es Ror Wolf gelingt, »den Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu amüsieren, ohne auch nur für eine Zeile das anspruchsvolle Niveau zu verlassen«. Das klang wie eine Drohung. Die derart aufs Höhere verwiesenen Leser ließen erst recht die Finger davon. Ich nehme an, die Kritik versuchte zu liebevoll, seine Literatur auf Beckett (oder daneben) zu abonnieren. Absurd war zumindest der Erfolg. Wolf amüsierte vor leeren Rängen.

Er wehrte sich, mit Recht. Er ignorierte den ihm aufgeredeten Schatten. Für mehr als nur eine Zeile verließ er das oben genannte Niveau. »Alles gleitet jetzt aus dem normalen Rahmen heraus«, behauptet er fröhlich. Zum erstenmal bietet sich Wolf selbst die Chance, als Schriftsteller so etwas wie einen gerechten Auswärtserfolg zu erringen. Er schrieb sein viertes Prosabuch -- über Fußball.

Im Genre der umfassenden Berichterstattung über Fußball läßt er diesen Massensport noch einmal antreten, auf direktestem Weg: in seiner Sprache, diesem abstrakten Geschwulst. »Versuche im Erweitern nackter Worte« nennt Wolf den ersten Text. Von da ab wuchert alles weiter, stückweise und bis zuletzt systematisiert. Die Spielregeln seiner »Fußball-Spiele« sind einfach. Stammtisch und Schreibtisch; Angriff und Verteidigung; »Alles auf einen Blick«. Hallo Köln, hallo Leser. Ich würde sagen, Wolf hat sich die goldene Schiedsrichterregel zu eigen gemacht: das Spiel erst mal laufen lassen. Manches Mai hätte ich mir allerdings einen Pfiff gewünscht. Es gibt keine Verweise, keine Ermahnungen, gibt"s das? Ein Wort zum Boden: Der Autor schürft nur so tief, wie es der Rasen zuläßt.

Wolf ist ein Anhänger der Frankfurter Eintracht; ihr hat er seine Prosa gewidmet. Vereinstreu wie er ist, spricht er im Titel allen, die gegenwärtig um den Klassenerhalt der Ribbeck-Schützlinge bangen, die Reporterlogik aus der Seele: »Punkt ist Punkt.« Das versteht auch ein Publikum auf der Gegengerade.

Überhaupt, Kenner der Materie sind bevorzugt. Und wer wäre kein Fachmann? Bloß genügt dieses Mal literarische Vorbildung wenig. Um das Tempo gehen zu können, muß man schon etwas »Kicker« gelesen haben. Ich meine, wer sich Grabowski nicht als »Chef im Schnee« vorstellen kann, hat es nicht so leicht wie jene, denen alles ein Begriff ist: »Dogge Dausmann, die Wühlmaus Stiller, Moskito Vogts ...«

»Eintracht erwache!« stöhnt der Autor. Andererseits gibt er bereitwillig jedem Auskunft. »Wenn die Bayern auf große Fahrt gehen, geht Frau Beckenbauer mit Frau Maier in die Oper.« Er will nicht widerlegen, wie komisch die Sätze sich beim (Wieder-)Lesen anhören, wie vieles permanent umschlägt in baren Unsinn, daß also nicht wenig dasteht, wie aus der Faschingsfibel zitiert.

Er wollte nichts vertuschen. Der runde Ball auf dem Buchumschlag scheint zu versprechen, daß nichts in literarische Rechtecke gehauen wird. Ror Wolf beschränkt seine Kunst (taktisch klug) auf das Spiel mit ihr. Obwohl er die Sprache des Fußballs herzeigt als eine Sprache jener Massen, denen auch anderswo und zu anderen Anlässen einiges leichter von den Lippen geht, ist es töricht, die literarische Unterhaltung dieses Buches einrasten zu lassen in dem Ressort kritischer Analyse. Allgemeinverständlicher gesagt: Allen Spielen legt der Autor eine publikumswirksame Regelauslegung zugrunde. Er führt die Blicke parteiisch vom Zeigefinger zur Vereinsfahne.

Etwas zum Lesen. Zum Erinnern etwas. Für alle Fans, die wissen, was gespielt wird. Zum Beispiel: »Nach dem groben Schnitzer des knallharten Ausputzers hob der fleißige Aufbauer den harmlosen Abpraller über die wankende Mauer in die geöffnete Gasse, wo der gefährliche Aufreißer mit dem linken Hammer plötzlich am Drücker war.«

Wer je den Chef auf Schallplatte erzählen hörte, weiß, wo der Spaß aufhört. Nur kündigt Wolf das vorher nicht an. Wenn er den Kommentatoren von Fernsehen und Funk ihre Metaphern um die Ohren schlägt und, ohne zu erfinden, die Beschreibung beschreibt, werden die ideologischen Verstecke Satz für Satz zwar aufgespürt, nicht aber untersucht. Sein Faschismusverdacht steckt sich Grenzen.

Für den Leser hat das angenehme Folgen: Er merkt rasch, daß er lachen darf ohne die obligate Befürchtung, es bliebe einem etwas im Hals hängen. Das heißt nicht, daß ich hinsichtlich Fußball für die Harmlosigkeit oder die Ignoranz plädieren will. Daß die Toten von Glasgow beispielsweise in so einem Buch nicht auf ihre Todesursache zurückanalysiert werden und daß in diesen Fußballspielen keiner von Polizeihunden gebissen wird« möchte ich dem Autor nicht ankreiden« auch nicht, daß ihm »die heiße Luft der Spiele« kühle Gedanken schwerer macht.

Das Spielgeschehen ist für Rar Wolf nicht in erster Linie ein Zeitgeschehen. »Wir grüßen die England-Killer« bleibt für ihn ein Satz der Freude. Wenn die Nationalspieler volkstümlich in MARS beißen und versichern, das bringe Energie zurück, läßt er unnötigerweise den Verdacht aufkommen, er glaube das.

Aber zurück zum Spiel. »Keiner wußte eine Erklärung dafür, warum Gecks diesmal hinten stand und Koch an der Stelle, wo man eigentlich Kraft erwartet hatte.« Das frage ich mich als Anhänger der Offenbacher Kickers öfters nach dem Schlußpfiff. Soweit der Überblick.

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