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KARL RICHTER Einzig genial

aus DER SPIEGEL 48/1965

Den Ruf aus Amerika bewertet der Münchner Musikprofessor Karl Richter, 39, als »allerhöchste Ehre«. Er folgt ihm diese Woche: Am 22. November, genau zwei Jahre nach der Ermordung John F. Kennedys, orgelt Richter in der New Yorker Philharmonie Hall das offizielle Kennedy-Gedächtnis-Konzert.'Er spielt ein Bach-Programm mit Präludien und Partiten, Fugen und Phantasien.

»Mit der Musik keines anderen Komponisten«, sagt Richter, »könnte ich meine Verehrung für Kennedy besser ausdrücken; Bachs Orgelwerke sind die tiefsten und monumentalsten Stücke der gesamten Musik-Literatur.«

Mit Bachs Monumental-Musik beeindruckt Richter als Solist an der Orgel und als Dirigent seines Münchner Bach-Ensembles (150 Sänger und Instrumentalisten) das Kirchen- und Konzertpublikum in aller Welt bereits seit zehn Jahren: »Richter, sein Bach-Chor und sein Bach-Orchester«, befand Kritiker Ulrich Dibelius, »sind zur Institution geworden.«

Ehe der blonde, blauäugige Sachse Richter zum »bedeutendsten Bach -Interpreten unseres Jahrzehnts« (so Kritiker Karl Schumann) wurde, spielte er von 1949 bis 1951 in der Leipziger Thomaskirche die Orgel. Dann stieg der DDR-Nationalpreisträger vom Orgelbock, auf dem schon Bach gesessen hatte, herunter und trat das Kantorenamt an der Münchner Markuskirche an.

Dort erkannte der Komponist Werner Egk ("Abraxas") den unbekannten Organisten »als einzig geniale Begabung unter den jungen deutschen Musikern«.

Das Jung-Genie in der Markuskirche, auch von der Kritik kräftig hochgelobt, hatte in der Wagner- und Strauss-Stadt München bald einen Zulauf wie bislang nur die Münchner Oper. Richter: »Bachs naive und absolute Musik spricht vor allem die Jugend an.«

Seit 1951 unterrichtete der Kantor am Münchner Konservatorium jährlich mehr Studenten in evangelischer Kirchenmusik; 1956 rückte der Dozent zum jüngsten Professor (30 Jahre) Bayerns auf; die wenigen »hochbegabten Privatschüler« (Richter) - sie werden am Wochenende an Orgel und Cembalo gebeten - unterwies er von da an unentgeltlich. »Mein Lehrer, der Thomaskantor Straube«, erzählt Richter, »hat von mir auch kein Geld verlangt. Ich zahlte siebzehn Pfennig Stromzins pro-Orgelstunde.«

Als der mittlerweile auch als Dirigent des selbstorganisierten Bach-Chors und Bach-Orchesters gut verdienende Richter 1957 sein Repertoire um die monströse Achte Symphonie von Anton Bruckner erweiterte, versagten ihm die Kritiker die Anerkennung. Erbost lud Richter die Kritiker aus. Spottete die Münchner »Abendzeitung": »Macht der Umgang mit Bach kugelsicher?«

Auch ins wuchernde Lob für Richters Bach-Deutungen mischten sich fortan kritische Töne: Die Experten bemängelten Richters gelegentlich romantisierende Bach-Interpretation als stilwidrig. Unbeeindruckt von Kritiker-Verdikten und esoterischen Stilfragen, variiert der Markuskantor Tempo und- Tonfluß von Konzert zu Konzert - mal lyrisch, mal sachlich. Die Neudeutung einer viertelstündigen Kantate kostet ihn allerdings acht Wochen Studium.

Solche Gründlichkeit wurde, unter anderem, durch Bestseller-Schallplatten (Auflage der Matthäus-Passion bei der »Archiv«-Produktion seit 1958: 50 000 Stück) belohnt. Trotzdem gehört Richter zu den wenigen Münchner Kulturprominenten ohne Eigenheim; er wohnt mit seiner schweizerischen Frau und seinen zwei Kindern zur Miete. Die wenigen Heimabende, die der neuerdings auch zweimal wöchentlich in Wien probende und konzertierende Richter übrig hat, verbringt er mit Whisky, Roman-Lektüre und Kabarett-Platten.

Weder die neue Wiener Verpflichtung noch schweizerische oder amerikanische Angebote vermochten Richter, dessen Spielplan für die nächsten zwei Jahre ausgebucht ist, von München zu trennen - nicht einmal die »einmalige Offerte« (Richter), die ihm zwei DDR -Kulturfunktionäre schon - vor Jahren machten: Dem 30jährigen Richter wurde angetragen, was erst der 38jährige Johann Sebastian Bach erhalten hatte - das Amt des Leipziger Thomaskantors. »Es wäre«, sagt Richter, »die Krönung meiner Karriere gewesen. Aber ich habe in München etwas aufgebaut, was ich nicht mehr aufgeben kann.«

Demnächst krönt er sein Aufbauwerk selber: Im Juli 1966 veranstaltet Richter das erste Münchner Bach-Fest.

Bach-Interpret Richter

Konzert für Kennedy

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