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THEATERBAU Eiswürfel in Stanniol

aus DER SPIEGEL 20/1965

Der Prominenten-Lift blieb unbenutzt. Bundespräsident Heinrich Lübke und Frau Wilhelmine, Bundeskanzler Erhard und sechs Bundesminister mit ihren Damen mischten sich unters Volk: Sie betraten das neue Bonner Theater zur feierlichen Eröffnung am vergangenen Mittwoch durch den Haupteingang, statt in jenen Aufzug zu steigen, der auf Wunsch des Protokolls für 150 000 Mark eingebaut worden war, um hochgestellte Gäste ohne Tuchfühlung mit der Masse direkt zur »Fürstenloge« befördern zu können.

Die Bonner Bürger belohnten die demokratische Geste des Staatsoberhaupts und seines Gefolges mit Applaus. Dann hob sich der eiserne Vorhang im 23 -Millionen-Mark-Musentempel am Rhein zur Premiere. Es gab die »Orestie« von Äschylos - in einer Nachdichtung des Tübinger Literatur-Professors Walter Jens und inszeniert von dem jüngst zum Generalintendanten beförderten Herrn im neuen Haus, Dr. Karl Pempelfort.

Die perfektionierte technische Ausstattung, der Prunk und Glanz der Innenräume sowie die ungewöhnliche äußere Form des neuen Bauwerks, das wie ein »gigantischer Eiswürfel in Stanniol« über den Rhein aufragt (so die »Neue Zürcher Zeitung"), beeindruckten die Premieren-Prominenz freilich mehr als die Darbietungen des Bonner Ensembles. Hatte Pempelfort gehofft, mit der Trilogie des altgriechischen Tragikers ein würdevolles Weihe-Festspiel in Szene zu setzen, sein Ensemble ließ ihn

- wie der Düsseldorfer »Mittag« notierte - »bei der Verwirklichung dieser Idee im Stich«.

Damit deutete sich an, was Kulturauguren dem Riesen-Bauvorhaben prophezeit hatten: Das kleine Bonn, das an kulturellen Attraktionen wenig mehr zu bieten hat als die Gebeine des Neandertalers, jenes Urmenschen, der im Düssel-Tal zwischen Düsseldorf und Elberfeld ausgegraben wurde, hat sich ein zu großes Theater geschneidert.

Doch nicht allein der Ehrgeiz der Bonner Stadtväter, aus ihrer Stadt - die nach der Formulierung eines amerikanischen Besuchers »halb so groß ist wie der Zentralfriedhof von Chicago, aber doppelt so tot« - ein kulturelles Zentrum zu machen, war für den Bau der fünfeckigen Theaterburg (Volksmund: »Pempel-Fort") bestimmend. Auch das Bonner Protokoll war interessiert, ausländischen Staatsgästen deutsches Kulturleben in würdigem Rahmen in der Hauptstadt vorführen zu können.

Denn bis dahin gebot die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland nicht über einen repräsentativen Musentempel. 1943 war das alte Bonner Stadttheater ausgebombt worden; 1949 zogen die Städtischen Bühnen in das oberste Stockwerk des Bonner Gesellschaftshauses.

Für Staatsbesuche hätte man im Ausweichquartier kein festliches Gepränge entfalten können. Ein Stockwerk tiefer hatte sich eine Studentenkneipe etabliert, deren Lärm die Schauspieler übertönen mußten. So waren die Fremdenführer des Bonner Protokolls bei hohen und höchsten Staatsbesuchen gezwungen, die Gäste nach Köln oder Düsseldorf zu komplimentieren, wenn nicht zufällig im etwas näher gelegenen Stadttheater von Bad Godesberg ein Gastspiel auf dem Spielplan stand.

Als die Stadt Bonn Anfang 1959 einen Wettbewerb für einen Theaterneubau ausschrieb, erklärten sich deshalb der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen bereit, je ein Drittel der Kosten zu tragen.

Die jungen Stuttgarter Architekten Klaus Gessler (Jahrgang 1926) und Wilfried Beck-Erlang (Jahrgang 1924) erhielten, unter 85 Konkurrenten, den Ersten Preis und den Auftrag zum Bau.

Die Stuttgarter hatten sich im Vergleich zu anderen modernen Theaterarchitekten, wie den Entwerfern der Doppelpyramide des Opernhauses in Köln oder des (noch in Bau befindlichen) vielfach gerundeten Schauspielhauses in Düsseldorf - für einen eher konservativ anmutenden Entwurf entschieden. Sie gruppierten Foyers, Restaurants, Garderoben, Probebühnen und Verwaltungstrakt flach um einen 32 Meter hohen Bühnenturm und den

- durch ein Schrägdach harmonisch damit verbundenen - Zuschauerraum. Der massive Bühnenturm sollte, wie Architekt Gessler erläuterte, mit Aluminium verkleidet »optisch schwerelos« erscheinen und so verhindern, daß die schlanken Türme der Stadt-Silhouette von dem Betonklotz »erdrückt« würden.

Nur wenige hundert Meter von der Beethovenhalle, unmittelbar südlich der Kennedy-Brücke, wuchs das Bauwerk empor - mit 182 Betonsäulen im Kulturschutt vergangener Jahrhunderte verankert.

Bei den Gründungsarbeiten stießen die Bagger auf Mauerreste aus dem 13., zwei Gefäße mit 10 000 Silbermünzen aus dem 15. und einen Mühlstein aus dem 16. Jahrhundert. Zum vorgesehenen Termin wurde das im Dunst der Rheinlandschaft gläsern und metallen schimmernde »technisch perfekte und ästhetisch geglückte neue Haus« (so die Theaterzeitschrift »Die Deutsche Bühne") fertiggestellt.

Die Baukosten freilich - ehemals auf zwölf Millionen Mark veranschlagt - hatten sich auf fast das Doppelte erhöht. Die Bonner hatten eingebaut, was gut und teuer ist:

- Zu jedem der insgesamt 901 nachtblau bezogenen Sessel führt ein Rohr der Klimaanlage, durch das gefilterte und je nach Jahreszeit gekühlte oder geheizte und befeuchtete Luft zugeführt wird. Pro Stunde werden 43 000 Kubikmeter Frischluft in den Zuschauerraum geblasen, und dieselbe Menge verbrauchter Luft wird unter der Decke wieder abgesaugt.

- Die Bühne ist als Dreh- und Versenkbühne ausgebaut. Die einstellbaren Bühnenrahmen ermöglichen alle Variationen der Bühnenbegrenzung, von der Guckkastenbühne bis zum Einraumtheater.

- Die Beleuchtungsanlage wird elektronisch gesteuert: Bei der letzten Beleuchtungsprobe zu einem Stück können alle Einstellungen auf eine Lochkarte gestanzt und während der Aufführungen dann vollautomatisch vom Stellwerk geschaltet werden.

- Wände und Säulen in der Eingangshalle sind mit weißem, griechischem Marmor verkleidet; die Zebranoholz -Vertäfelung des Zuschauerraums kommt aus Afrika; der Rasen vor dem Theater wurde als fertige Grasnarbe in großen Rollen aus Holland importiert; Stühle und Tische für das Foyer lieferte der Welt exklusivste Möbelfirma: Knoll International.

- Eine »Lichtplastik« aus 1500 Lampen ersetzt den Kronleuchter und die Decke früherer Theater. Es sind zwei Lichtbänder, die zwischen den beiden Beleuchterbrücken hängen und, während das Licht verlischt, langsam hochgezogen werden und dabei die Beleuchterbrücken freigeben. (Architekt Gessler: »Wenn das Stück beginnt, ist es wie eine Milchstraße, die

im Hochfahren verglimmt.")

- Die »Fürstenloge« kann durch einen Seiteneingang mit vorgezogenem Regendach über den Sonderfahrstuhl und zwei abgeschlossene Nebenräume (Garderobe und Audienz-Zimmer) erreicht werden. »Das Publikum«, so verkündete das Bonner Presseamt, »sieht den Ehrengast erst, wenn er die Loge betritt.«

Die Bonner Kultur-Abonnenten, die mit solch technischer Perfektion während der letzten 15 Jahre im Dachstubentheater des Bonner Gesellschaftshauses nicht verwöhnt worden waren, müssen sich erst mit dem idealen Hören und Sehen im neuen Haus vertraut machen: Nirgendwo beträgt der Abstand zwischen Schauspieler und Zuschauer mehr als 25 Meter, keine Säulen oder Vorsprünge wirken sichtversperrend.

Als besonderen Pfiff loben die Bonner Bauherren jedoch den asymmetrischen Zuschauerraum: Der sich einseitig bis auf das Parkett herunterziehende Rang, so deuteten sie den architektonischen Gag, »beseitige sozusagen optisch die sozialen Unterschiede« und mache den Zuschauerraum »kulturdemokratisch«.

Premieren-Gast Erhard, Frau, Tochter*: Fürstenloge für Staatsgäste

Zuschauerraum im neuen Bonner Theater: Lochkarten für Scheinwerfer

Bonner Theater-Neubau, Ostfront: Betonsäulen im Kulturschutt

Intendant Pempelfort, Ehrengast Lübke

Die Milchstraße verglimmt

* Links: Carlo Schmid.

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