Zur Ausgabe
Artikel 74 / 103

Ekel Manfred

»Neuner«. Spielfilm von Werner Masten. Deutschland 1990. 93 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 45/1990

Es ist Morgen, ein Mann steht auf und will heimlich aus dem Haus. Weil er seine Frau doch geweckt hat, wird er nervös und tunkt seine schwarze Krawatte in die Kaffeetasse. Auf der Beerdigung seiner Freundin taucht er dann mit einem fröhlich bunten Schlips auf.

Der Mann ist Manfred Krug und heißt im Film Theo Neuner. Der Film »Neuner« ist die Fortsetzung der deutschen Lieblings-TV-Serie »Liebling - Kreuzberg« mit anderen Mitteln. Das Kernteam ist identisch: der Autor Jurek Becker, der Regisseur Werner Masten und der Produzent Otto Meissner.

Der Unterschied ist, daß Manfred Krug als Neuner keinen Rechtsanwalt spielt, sondern eher einen braucht. Der Unterschied ist auch, daß »Liebling - Kreuzberg« eine Serie fürs Fernsehen und »Neuner« ein Film fürs Kino ist. Das Kreuz ist, daß offenbar keiner der Beteiligten sich an diesem Unterschied gestoßen hat.

Wenn Manfred Krug nicht als Rechtsanwalt Liebling den Armen und Entrechteten, den Ausgeflippten und Unangepaßten, den schmalen Gaunern und Kreuzberg-Stenzen helfen kann, bleibt nur der ruppige Grobian übrig - Ekel Manfred, der seine Frau, seinen Freund, seinen Sohn und diverse Beschäftigte aus dem Dienstleistungsgewerbe mit bulligem Charme beleidigt.

Als Neuner ist Krug ein Bauunternehmer, der nach Berlin fährt, um einer alten Bekannten ihren Teil am gemeinsamen Haus abzuzocken, die Schwester der verstorbenen Freundin rumzukriegen und sich mit seiner Frau zu zanken: Der zerbrochene Krug, kein Freund und kein Helfer. Der Berlin-Ausflug bleibt eine Episode aus vielen Episoden, die sich als Filmstory aufspielen.

Natürlich ist es ein Bombenspaß, Krug zuzusehen, auch wenn er nur noch ein halber Liebling ist. Natürlich hört man Jurek Beckers witzigen TV-Dialogen auch dann noch zu, wenn sie sich ins Kino verirrt haben, wo sie nicht wissen, ob sie eine Boulevardkomödie oder ein Ehemelodram begleiten sollen.

Der Film spielt in Gesamtberlin. Aber das Berlin sieht im Film aus wie Kreuzberg im Fernsehen: die Welt als wiedervereinigter Tatort.

Krug als »Neuner« Bunte Krawatte am Grab

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 74 / 103
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.