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ZEITGESCHICHTE Ekelhafter Vergleich

Wer verleumdet wen? Wer zitiert falsch? Der SPIEGEL dokumentiert einen heftigen Streit zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki über die Bewertung der NS-Verbrechen.
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 49/2000

Es ist eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher des letzten Jahrzehnts: »Mein Leben«, die im August 1999 erschienene Autobiografie des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Unter dem Titel »Welch ein Leben« hat kürzlich »FAZ«-Redakteur Hubert Spiegel einen Sammelband herausgegeben, der die eindrucksvolle Vielfalt der Reaktionen auf Reich-Ranickis nicht minder eindrucksvolles Bekenntnisbuch dokumentiert, darunter ein SPIEGEL-Gespräch vom 22. Mai dieses Jahres, in dem der Chef-Dompteur des »Literarischen Quartetts« seinen gelungenen Wechsel auf die Seite der Erzähler kommentiert.

Ein einziger Nebensatz dieses Gesprächs hat eine Kontroverse ausgelöst, die bis heute andauert - einen Streit zwischen Reich-Ranicki, 80, und dem Berliner Historiker Ernst Nolte, 77, der sich durch den Literaturkritiker in einer Weise »verleumdet« fühlt, die - so Nolte nun in einem Brief an den SPIEGEL - »den Staatsanwalt auf den Plan rufen müsste, wenn seinen Ausführungen Glauben geschenkt würde«.

Worum geht es? Reich-Ranicki erläutert in dem besagten SPIEGEL-Gespräch, warum die langjährige Freundschaft zwischen ihm und dem ehemaligen »FAZ«-Mitherausgeber Joachim Fest zerbrochen ist:

Der Hauptgrund des Zerwürfnisses sind die Thesen des Historikers Ernst Nolte, der in der »FAZ« die Schuld der Nazis bagatellisiert hat - Fest hat sich, obwohl er es mir versprochen hatte, nie wirklich von Nolte distanziert. Selbst als der von ihm geförderte Nolte später erklärte, der Massenmord an den Juden sei nicht das Werk der Deutschen, sondern der »europäischen Faschismen und Antisemitismen«, und in einem SPIEGEL-Gespräch Juden mit Ungeziefer verglich, hat Fest geschwiegen.

Während der so attackierte Hitler-Biograf Fest auch diesmal mit Schweigen reagierte, wehrte sich Nolte vehement gegen Reich-Ranickis »Verleumdungsfeldzug«. In einem kurzen Interview (SPIEGEL 38/ 2000) sagte er:

Reich-Ranicki hat erklärt, ich hätte Juden mit Ungeziefer verglichen, das heißt gleichgesetzt. Ich nahm das anfangs nicht ernst, weil ich meinte, jeder vernünftige Mensch erkenne klar aus meinem Text, dass das üble Wort von Goebbels stammt. Wer meine Bücher kennt, der weiß, dass ich nichts schärfer verurteile als solche Gleichsetzungen von Menschen mit tierischen Schädlingen ... Ich habe 1963 als einer der Ersten die Einzigartigkeit der Judenvernichtung herausgearbeitet. Das wich damals von der öffentlichen Meinung erheblich ab. Historiker haben, so meine ich, geradezu die Pflicht, den jeweils vorherrschenden Ansichten entgegen die »andere Seite« der Dinge herauszustellen. Ich bin ... gegen eine einseitige Inkriminierung der deutschen Geschichte. Ich halte die Aufdeckung der inneren und äußeren Zusammenhänge zwischen den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts für eine zentrale Aufgabe der Geschichtswissenschaft.

Reich-Ranicki mochte zu diesem Interview nicht schweigen. Unter der Überschrift »Tollheit mit Methode« überbot er seine bisherige Kritik an »dem höchst dubiosen Historiker«, indem er - wiederum im SPIEGEL (41/2000) - rundheraus fragte: »Ist dieser Nolte überhaupt noch zurechnungsfähig?« Im Detail argumentierte er so:

Von einer »Gleichsetzung« ist in meiner von Nolte beanstandeten Äußerung überhaupt nicht die Rede, vielmehr sagte ich, Nolte habe Juden mit Ungeziefer verglichen. Der Gelehrte hätte ein Wörterbuch zu Rate ziehen sollen. »Vergleichen« bedeutet nämlich nicht »gleichsetzen«, sondern betrachtend oder wertend nebeneinander stellen. Wenn man, beispielsweise, die Verbrechen Albert Speers mit denen Himmlers vergleicht, dann ist das noch keine Gleichsetzung der beiden. In dem von mir zitierten SPIEGEL-Gespräch (40/1994) sagte Nolte, man habe die Juden ermordet, »wie man Ungeziefer, dem man ja auch nicht Schmerzen bereiten will, weghaben möchte«. Nolte hat also, worauf er jetzt Wert legt, die Juden nicht mit dem Ungeziefer »gleichgesetzt«, wohl aber die Behandlung der einen mit der der anderen verglichen.

Es ist immer wieder dasselbe: Man wirft Nolte diesen oder jenen Ausspruch vor, und er antwortet prompt und spitzfindig, er habe es etwas anders gemeint oder er habe jemand anderen zitiert oder referiert. Jetzt holt er Goebbels zu Hilfe. Wenn es denn tatsächlich dessen Worte sind, dann hätte der Historiker Nolte darauf verweisen oder zumindest die übernommene Formulierung mit Anführungszeichen versehen sollen ... Eben weil mir Noltes Schriften vertraut sind, hat mich sein Vergleich nicht überrascht - und nicht obwohl, sondern weil er, der Vergleich, ekelhaft ist. Seit vielen Jahren wirbt er um Verständnis für den Nationalsozialismus, er ist bemüht, ihn zu verteidigen und natürlich die deutschen Verbrechen zu bagatellisieren ... Aber ob er je im Stande sein wird zu erkennen, welche Rolle er im heutigen Deutschland spielt, was er anrichtet? Beunruhigen ihn nicht die Anschläge auf Ausländerheime und Gedenkstätten, auf Synagogen und jüdische Friedhöfe und noch viele andere Untaten der Rechtsradikalen - gibt ihm das alles nicht zu denken?

Nolte zeigt sich daraufhin, in einer Begleitnotiz zu einem Leserbrief, verwundert, dass der SPIEGEL Reich-Ranicki »eine ganze Seite« eingeräumt habe, »um seine Verleumdungen« zu wiederholen. Der bisher unveröffentlichte Leserbrief vom 11. Oktober hat folgenden Wortlaut:

Sogar ein oberflächlicher Leser des SPIEGEL-Gesprächs mit mir in Nr. 40/1994, auf das Herr Reich-Ranicki in seinem »Tollheit mit Methode« überschriebenen Artikel erneut Bezug nimmt, sollte leicht erkennen können, dass die inkriminierten Zitate im Zusammenhang der Frage nach der Singularität der nationalsozialistischen »Endlösung der Judenfrage« ihren Platz haben und eine bloße Erläuterung bzw. Neuformulierung dessen sind, was ich drei Jahrzehnte zuvor als einer der Ersten entwickelt hatte: Selbst wenn die allbekannten Grausamkeiten noch schlimmer gewesen wären, würden sie als solche keine Einzigartigkeit darstellen, sondern lediglich zu den in der Weltgeschichte nicht ganz seltenen »Genoziden« zu zählen sein. Erst Hitlers Ideologie, welche die Juden als eine Art von giftigen Insekten und als Urheber allen Unheils der Geschichte ansah, ließ den Vernichtungsprozess zu einem singulären Vorgang werden. Nur wer meine Texte mit von Voreingenommenheit geblendeten Augen liest, kann daraus die Behauptung ableiten, i c h hätte in feindseliger Absicht die Juden mit Insekten verglichen.

Herr Reich-Ranicki hat allerdings insofern Recht, als meine Bücher durch die Einbeziehung zunächst der anderen Faschismen (1963) und dann auch des Bolschewismus eine Komplexität der Gedankengänge aufweisen, die sich mit dem wasserklaren und negativ-nationalistischen Moralismus, der die Literatur über den Nationalsozialismus weitgehend prägt, nicht ohne Schwierigkeiten in Einklang bringen lässt. Aber das Bestreben, einer vielfältigen und widerspruchsreichen Realität durch gedankliche Anstrengungen und nicht durch die immer erneute Formulierung von Selbstverständlichkeiten gerecht zu werden, dürfte das Wesen der Wissenschaft sein, sofern sie sich nicht auf die Erforschung von kleinen Teilbereichen beschränkt. Der Rest von Reich-Ranickis Artikel besteht aus dem Herausreißen einzelner Stücke aus mehrgliedrigen Gedankengängen, unbegründeten Schuldzuschreibungen und simplen Schimpfreden. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass irgendein »Skinhead« je ein Buch von mir gelesen hätte. Wenn es anders wäre und die Betreffenden sich durch die Lektüre in ihren Ansichten bestärkt gefühlt hätten, müssten sie auf die gleiche isolierende und verzerrende Weise gelesen haben, wie Herr Reich-Ranicki es tut. Die Wendung »das üble Wort von Goebbels« stammt übrigens nicht von mir. Es passt nicht zu meinem Stil, und Herr Reich-Ranicki, der ein guter Kenner meiner Schriften sein will, hätte das eigentlich wahrnehmen müssen.

Das Adjektiv »übel« stand tatsächlich nicht im ursprünglichen Wortlaut jenes Nolte-Interviews. Es wurde Nolte, als knappe Distanzierung vom Goebbels-Wort, während der Bearbeitung vorgeschlagen; und er hat es dann bei der Autorisierung seiner Antworten stehen gelassen - mithin akzeptiert. Aber wichtiger ist nun die Frage: Was hat der Historiker in dem - mehrmals zitierten - SPIEGEL-Gespräch mit Rudolf Augstein vom 3. Oktober 1994, auf das sich Reich-Ranicki ja auch in seinen Memoiren bezieht, wirklich gesagt? Die entscheidende Passage, in der die historischen Beweise für die Gaskammer-Morde der Nazis erörtert werden, lautet:

Nolte: Was ist unter Quellen anderes zu verstehen als Augenzeugen?

SPIEGEL: Dokumente. Lagerpläne, Korrespondenz, Rechnungen, Archivmaterial der Bauleitung Auschwitz.

Nolte: Fest steht: Aussagen von Augenzeugen sind besonders rar. Was mich persönlich am meisten davon überzeugt, dass es in großem Umfang Massenvernichtungen in Gaskammern gegeben hat, ist der häufige Gebrauch des Wortes »human« in diesem Zusammenhang, und zwar sowohl bei Hitler selbst wie bei anderen Nationalsozialisten. In einer seiner allerletzten Äußerungen sagt er, es erfülle ihn mit Genugtuung, dass der eigentliche Urheber dieses ganzen Unheils jetzt seine Schuld gebüßt habe, wenn auch auf humanere Weise.

SPIEGEL: Ist das auch Ihre Auffassung? Sie schreiben, der »schmerzlose Tod« sei »intendiert« gewesen, und liefern noch eigens Argumente zu: Nach »amerikanischen Erfahrungen« solle nach 40 Sekunden eine Betäubung und nach wenigen Minuten der Tod eintreten. Aber das Sterben in Auschwitz war ganz anders. Halten Sie selbst es womöglich für humaner, in einem Nazi-KZ vergast zu werden als zu verhungern?

Nolte: Ich bitte Sie! Es ist natürlich eine Perversion des Begriffs »human«. In der »taz« war aber zu lesen, der Schriftsteller Joseph Brodsky habe geäußert: Ich jedenfalls hätte es vorgezogen, in den Gaskammern zu sterben, als im Gulag in monatelanger Qual zu verhungern. Ob Brodsky nun Recht hat oder nicht - das kann man nicht einfach so wegschieben.

SPIEGEL: Brodsky ist eben nicht verhungert, sondern noch Nobelpreisträger geworden. Sie aber ziehen dieses Brodsky-Zitat heran, um die Nazi-These vom humanen, schmerzlosen Tod zu stützen.

Nolte: Dies ist keine Nazi-These, denn von diesem Tod ist nie öffentlich gesprochen worden. Das historisch Präzedenzlose besteht nicht in der Massierung außerordentlichster Grausamkeiten. Sie mögen da gewesen sein, es mag sie gegeben haben. Das wäre nicht historisch präzedenzlos, denn furchtbare, entsetzliche Grausamkeiten hat es in der Weltgeschichte viele gegeben.

SPIEGEL: Was also ist beispiellos und singulär?

Nolte: Dass Menschen umgebracht werden sollten, weil man in ihnen die Urheber einer verhängnisvollen geschichtlichen Entwicklung sah, und dass man das eben ohne grausame Absicht tat, wie man Ungeziefer, dem man ja auch nicht Schmerzen bereiten will, weghaben möchte.

Dieser Gesprächsteil provoziert noch ganz andere Fragen als die nach Herkunft und Anwendung des »Ungeziefer«-Bildes (Goebbels sprach übrigens von »Läusen der Menschheit"): Was, zum Beispiel, will Nolte sagen, wenn er die KZ-»Grausamkeiten« mit dem Zusatz »es mag sie gegeben haben« paraphrasiert - als könne es an ihrer Faktizität irgendeinen Zweifel geben? Und Noltes Hinweis auf jene Singularität, die Nazis hätten die Juden als »Urheber einer verhängnisvollen geschichtlichen Entwicklung« ermordet, »ohne grausame Absicht«, erweckt eben doch den Eindruck, er wolle die NS-Verbrechen herunterphilosophieren, etwa auf die Verfolgung der Christen im alten Rom - auch Diokletian fürchtete ja eine »verhängnisvolle geschichtliche Entwicklung«. Nicht jeder, der die Beispiellosigkeit des Holocaust hervorhebt, ist damit schon über den Verdacht erhaben, die Nazi-Gräuel verharmlosen zu wollen. MATHIAS SCHREIBER

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