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KOMETEN Elektrischer Regen

aus DER SPIEGEL 44/1965

Rund um den Erdball war das Himmelsschauspiel sichtbar. Viele fürchteten, es künde wiederum von dräuender Hungersnot und Teuerung, von Krieg und Pestilenz. Bei den Sternwarten in Hamburg-Bergedorf und Bochum häuften sich letzte Woche die Anfragen ebenso wie im New Yorker Hayden-Planetarium, wo allein täglich über 800 Anrufe gezählt wurden: Der Feuerschweif eines Kometen zog über das Firmament.

Am 18. September, zwei Stunden vor Sonnenaufgang, hatte der japanische Klaviertasten-Polierer und Amateur-Astronom Kaoru Ikeja, 21, den Boten aus dem All zum erstenmal gesichtet. Als er vom Blechdach seiner Hütte, rund 200 Kilometer südwestlich von Tokio, ein selbstgebasteltes Fernrohr auf das Sternbild Hydra richtete, sah er einen unbekannten Lichtschimmer, »wie eine Straßenlaterne in nebliger Nacht«.

Der Lichtpunkt wuchs, je mehr sich das ungewöhnliche Objekt der Sonne näherte. Als Astronomen Anfang Oktober den Kometen »Ikeja-Seki"* von einem australischen Observatorium aus photographierten (siehe Bild), zeigte er sich schon einem kosmischen Riesen-Rettich ähnlich.

Ende vergangener Woche schließlich, als »Ikeja-Seki« sich der Sonne bis auf 500 000 Kilometer genähert hatte, strahlte sein Kopf so hell wie der Vollmond, und der Schweif des Kometen erschien den irdischen Beobachtern so lang, als entspreche er dem zwanzigfachen Durchmesser des Mondes - »ein himmlisches Schauspiel« (so die »New York Times"), »wie es sich möglicherweise nur einmal im Jahrhundert zuträgt«.

Das kosmische Ereignis kam der Wissenschaft gelegen. Insgesamt sind in den letzten viereinhalbtausend Jahren rund 1700 solcher himmlischen Schweifträger von den Astronomen registriert worden, vier allein in diesem Jahr. Doch nur höchst selten ziehen Kometen so glanzvoll und so gut beobachtbar (weil sonnennahe) durchs irdische Gesichtsfeld wie »Ikeja-Seki«. Kometen zählen noch immer zu den umstrittensten und rätselhaftesten Erscheinungen am Himmel.

Als »ein gigantisches Durcheinander« (so der prominente amerikanische Astronom Fred Whipple) erschien den Himmelsforschern noch bis vor kurzem das Geflecht der Bahnen, auf denen die Kometen durch das All ziehen. Manche von ihnen tauchen wie kosmische Irrlichter nur für wenige Tage oder Stunden auf. Andere durchmessen auf gleichmäßigen Ellipsenbahnen, zyklisch wiederkehrend, das Sonnensystem. So erscheint zum Beispiel der berühmte Halleysche Komet seit 240 vor Christus etwa alle 77 Jahre in Erdnähe. Er wird für 1987 wieder erwartet. »Ikeja-Seki« hingegen wird vermutlich erst in 500 bis 1000 Jahren ein nächstes Mal im irdischen Sichtfeld aufkreuzen.

Mit einem Vergleich aus dem Wettergeschehen auf der Erde suchten die meisten Astronomen diesen Kometen-Wirrwarr zu erklären: Einem gigantischen Schneetreiben ähnlich, so beschrieb es Whipple, wirbeln Brocken gefrorener Wasserstoffverbindungen weit außerhalb des Sonnensystems im All umher; mitunter gerät einer der kosmischen Schneebälle in den Anziehungsbereich der Sonne. Auf sonnennahen Bahnen, mutmaßte Whipple, würden dann solche eingefangenen Schneebälle aufleuchten, indem sie das Sonnenlicht reflektieren oder unter dem Einfluß der Sonnenstrahlung selber anfangen. Lichtenergie auszustrahlen.

Im August dieses Jahres aber überraschte der amerikanische Physiker Donald Robey (der sich bei dem US-Konzern General Dynamics mit Raumfahrtproblemen beschäftigt) die wissenschaftliche Welt mit einer neuen, plausibleren Kometen-Theorie.

Er verdankt sie einem Computer. Im Verlauf einer Untersuchung über die Herkunft »fliegender Untertassen« fütterte Robey den Elektronenrechner mit den Daten von Kometenbahnen. Verblüffende Antwort des Rechenroboters: Die Bahnellipsen der Kometen sind keineswegs, wie früher angenommen, wirr über das ganze Himmelsgewölbe verstreut; sie liegen vielmehr eng zusammengebündelt und gruppieren sich um einen gemeinsamen Ellipsen-Brennpunkt: um die Sonne.

Folgerichtig wagte Robey auch eine neue Hypothese über den Ursprungsort der schweifenden Himmelskörper und über den Stoff, aus dem sie bestehen: Brodelnder Eisenschmelze ähnlich, so erläuterte der Physiker, ist die glühende Oberfläche der Sonne ständig in pulsierender Bewegung. Unvorstellbar heiße und elektrisch aufgeladene (ionisierte) Gasmassen - sogenanntes Plasma - wabern auf und nieder. Mitunter, lösen sich Plasma-Blasen von der Sonne und werden »wie ein gewaltiger Schauer elektrischen Regens« (Robey) ins Weltall hinausgeschleudert. Bleibt eine solche Plasma-Wolke - zwischen den magnetischen Sonnenwinden und den mächtigen Magnetströmen aus den Tiefen der Milchstraße hin und her gerissen - im Anziehungsbereich der Sonne, so zieht sie fortan auf elliptischer Bahn durch das Planetensystem: Sie wird zum Kometen.

Erstmals würde Robeys Kometen -Theorie auch eine Erklärung dafür anbieten, daß immer neue Kometen plötzlich auftauchen und daß manchmal mehrere Kometen gleichsam im Gruppenflug das All durchmessen: Sie sind, meint Robey, gleichzeitig bei einem einzigen Blasen-Ausstoß entstanden.

Erste konkrete Anhaltspunkte zur Untermauerung der Robeyschen Thesen vermag vielleicht schon die Beobachtung des »Ikeja-Seki« zu erbringen, zu der sich letzte Woche Himmelsforscher überall in der Welt zusammenfanden.

14 mit Fernrohren gekoppelte Kameras wurden allein vom »Smith sonian«-Institut der Universität Cambridge (US-Staat Massachusetts) rings um die Erde postiert, um alle 15 Minuten das Bild des Kometen festzuhalten. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa ließ eigens Forschungsraketen ins All starten, deren Instrumente das von »Ikeja-Seki« ausgesandte Farbenspektrum analysieren sollten.

Und erstmals machten die Wissen-, schaftler von der jüngst erschlossenen Möglichkeit Gebrauch, das himmlische Phänomen von einem Standort außerhalb der sichthindernden Erdatmosphäre zu beobachten: Die US-Astronauten Walter Schirra und Thomas Stafford erhielten den Auftrag, »Ikeja -Seki« zu photographieren, wenn sie in dieser Woche mit ihrem Raumschiff »Gemini-6« zwei Tage lang um die Erde kreisen.

Doch auch im Zeitalter der Raumfahrt gab es wieder Himmelsdeuter, die der kosmischen Lichterscheinung - wie vor Jahrtausenden - düstere Botschaft zu entnehmen wußten. Zoltan Mason, prominenter Astrologe in New York, orakelte, »Ikeja-Seki« künde »große Veränderungen in China an« und sei eine Mahnung, daß der Mensch es »mit der Luftverschmutzung gar zu toll getrieben« habe.

* Fast gleichzeitig mit Ikeja hatte noch ein

anderer Japaner, Tsutomu Seki, den Kometen entdeckt.

Astronauten Stafford, Schirra

Auf dem Flug im All

Komet »Ikeja-Seki«

... ein Photo vom Feuerschweif

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