Elfriede-Jelinek-Stück zur Pandemie Das Schweinesystem

Das Hamburger Schauspielhaus darf wieder vor Publikum spielen. In Elfriede Jelineks neuem Stück geht es um Corona, eingepflanzte Chips und Ischgl. Karin Beier hat es als großes Spektakel inszeniert.
Ernst Stötzner in »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!«: Ischgl-Orgie mit Sexpuppe

Ernst Stötzner in »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!«: Ischgl-Orgie mit Sexpuppe

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Matthias Horn / dpa

Es geht wieder los! Eine echte Theaterpremiere, live und vor (halbiertem) Publikum. Am Hamburger Schauspielhaus war es am Samstagabend so weit, mit der Uraufführung von Elfriede Jelineks »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!«, ihrer neuen Suada, das Thema natürlich: die Pandemie, Regie: Karin Beier, die Intendantin des Hauses. Aufgekratzte Stimmung auf dem Bürgersteig vor dem Theater, »Wo habt ihr denn die Getränke her?«, die Einlassprozedur fühlt sich fast an wie ein Vorspiel mit Publikumsbeteiligung: Maske auf, anstehen, Karte und Schnelltestergebnis vorzeigen, Adresse hinterlassen, Klebearmband anlegen, damit das Virus auch nach der Pause nicht reinkommt.

Drinnen beginnt der Abend über den unsichtbaren Erreger in völliger Dunkelheit. Die ersten 20 Minuten lang sieht man: nichts. Man hört nur Stimmen, aus allen Richtungen. Von »Atombeschleunigern« ist die Rede, vom Aufbau der Welt (»Der Mensch gehört ja noch zu den einfacheren Modellen«) und vom Atem (»Ist er weg, sind Sie tot«). Experten fachsimpeln von Spike-Proteinen, Jana aus Kassel  darf sich noch einmal mit Sophie Scholl vergleichen, jemand behauptet, es gebe die Krankheit gar nicht, und Merkel warnt mehrmals, »Glauben Sie kein Gerücht«.

Ischgl: »Aus diesem Loch kommt sie, die Krankheit«

Es ist die Kakofonie der vergangenen Monate, dazu ein paar erste Bonmots aus Jelineks neuer Textfläche, kunstvoll zusammengeschnitten zu einem Wortkonzert. Mittendrin Jelineks Bekenntnis zur Technik des Sampelns, gesprochen von einer Schauspielerin: Man könne sich bei ihr nie sicher sein, was von ihr selbst geschöpft und was »abgeschrieben und nachgeredet ist«, warnt die Nobelpreisträgerin.

Licht an, jetzt kann es richtig losgehen: Wir befinden uns in einer pfundigen Après-Ski-Hütte, rechts der Tresen, links eine Empore, mittendrin Männer in Lederhosen und Frauen in glänzenden Anoraks. Das Ischgl-Szenario , in grellen Farben gezeichnet: »Aus diesem Loch kommt sie, die Krankheit«, heißt es einmal. Es geht um den Barkeeper, der krank war, aber trotzdem weitergearbeitet hat, es geht um die Feierexzesse, es gibt ein Blasmusiktrio, zu dem alle immer wieder ekstatisch tanzen.

Es geht in Jelineks neuem Text aber auch um Massentierhaltung. Um Fleischfabriken wie die von Tönnies, die auch in der Pandemie weiterliefen und ebenfalls zu Superspreading-Orten wurden. Auf Monitoren und einer großen Leinwand sieht man dazu das fließbandmäßige Schlachten und Verarbeiten von Schweinen, Schweinehälften werden auf die Bühne gezerrt. Zusammengenommen geht es also um die Maßlosigkeit des Menschen, seine ungeheure Gier, seine viehische Brutalität, Themen, an denen sich Jelinek seit jeher abarbeitet.

Angelika Richter, Julia Wieninger in »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!«: Die Maßlosigkeit des Menschen

Angelika Richter, Julia Wieninger in »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!«: Die Maßlosigkeit des Menschen

Foto: Matthias Horn / dpa

Das ist die eine inhaltliche Ebene. Daneben und vor allem geht es aber auch um Verschwörungstheorien, breit ausgestellt, aber natürlich irgendwie schon satirisch dargestellt. Da ruft eine als Skihaserl verkleidete Schauspielerin bei einem Wunderheiler an und lässt sich die Viren telefonisch austreiben, da darf der Schauspieler Lars Rudolph als wirrer Pseudowissenschaftler vom Virus als Biowaffe reden und von chinesischen Geheimplänen, die Weltkontrolle zu übernehmen; von implantierten Chips ist natürlich die Rede und von gefährlichen Sendemasten, die man besser abbrennt. Und auch um die Rothschilds geht es, um die jüdische Weltverschwörung, und dazu laufen drei als ultraorthodoxe Juden verkleidete Schauspieler über die Bühne, mit Schtreimel und aufgesetzter Hakennase. Satire darf alles? Na klar, Frau Beier. Aber haben Sie diese billige Pseudoprovokation wirklich nötig?

Vom Sendemast zum Segelmast zur Schweinemast

Notdürftig zusammengehalten wird der Themenwust vom Kirke-Mythos, Homers Geschichte der Zauberin, die auf ihrer Insel den gestrandeten Odysseus und seine Gefährten empfängt und die Seeleute in Schweine verwandelt – auch diesen Strang flicht Jelinek noch in ihre Suada ein. Von den Masken zu den Sendemasten zu Odysseus' Segelmast zur Schweinemast, das ist ungefähr der Gedankengang.

Jan-Peter Kampwirth und Maximilian Scheidt (untern) in Karin Beiers Jelinek-Inszenierung: Männer als Schweine

Jan-Peter Kampwirth und Maximilian Scheidt (untern) in Karin Beiers Jelinek-Inszenierung: Männer als Schweine

Foto: Matthias Horn

Das Ausstattungsteam (Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Wicke Naujoks, Video: Severin Renke) bebildert all diese Ebenen virtuos, Karin Beier springt behende zwischen ihnen hin und her, eine Nummer folgt der anderen. Man fühlt sich wie früher in einem dieser perfekt inszenierten Stadionkonzerte, bei dem einem irgendwann der Verdacht beschleicht, die aufwendige Show solle womöglich vertuschen, dass das aktuelle Album der Band nicht ihr stärkstes ist. Fehlt eigentlich nur das fliegende Pink-Floyd-Schwein. (Dafür gibt es aber aufblasbare Sexpuppen.)

Das multimediale Highlight-Gewitter lässt einem kaum Zeit zu reflektieren – etwa über die Frage, wie viele Überschneidungen es zwischen den feiernden Skifahrern und den finsteren Querdenkern wirklich gibt. Und ob man den Verschwörungstheoretikern wirklich beikommt, indem man ihnen, wenn auch sprachlich überformt von einer Jelinek, über weite Strecken des Abends die Bühne überlässt. Und gehen all die bürgerlich Gebildeten im Publikum nach der Drei-Stunden-Show wirklich mit der Erkenntnis nach Hause, dass die durch Corona noch offensichtlicher gewordene gesellschaftliche Spaltung ein Problem ist? Darauf zielt der Abend eigentlich ab, wenn man dem Beitrag der Dramaturgin Rita Thiele im Programmheft glauben darf. Wahrscheinlicher ist, dass sie mit dem Gefühl nach Hause gehen, zum Glück ganz anders zu sein. Schon weil sie niemals Schweinekoteletts auf ihren Grill legen würden, sondern nur unschuldiges Biolamm.

»Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!«. Deutsches Schauspielhaus Hamburg , nächste Vorstellungen am 10., 11. und 19.6.

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