Samira El Ouassil

Elliot Page Warum das Pronomen so wichtig ist

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Der Schauspieler Elliot Page hat erklärt, transgender zu sein. Der öffentliche Umgang mit dieser Information offenbart, wie tief starre Vorstellungen von Mann und Frau in unserer Gesellschaft verankert sind.
Schauspieler Elliot Page: Schon aus Höflichkeit sollte man den abgelegten Namen nicht verwenden

Schauspieler Elliot Page: Schon aus Höflichkeit sollte man den abgelegten Namen nicht verwenden

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Jordan Strauss / AP

Was genau meinen wir, wenn wir sagen: »Ich verhalte mich maskulin« oder »Ich fühle mich feminin«? Immer wenn ich versuche, diese Konzepte zu greifen, stelle ich fest, dass ich doch wieder nur in den Klischees denken kann: Frauen sind sanftmütig, diplomatisch und fürsorglich. Männer mutig, konfrontativ und furchtlos. Dabei sind solche Zuweisungen Quatsch. Eigenschaften haben kein Geschlecht. Männer sind fürsorglich. Frauen sind furchtlos.

Trotzdem sitzen solche Vorstellungen auch bei mir tief. Wie viel das mit sozialen Rollen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu tun hat, merke ich daran, dass diese geschlechtsidente Wolke in meinem Alltag komplett irrelevant ist: Ich stehe nicht morgens auf, strecke die Arme in die Luft und rufe: »Aha! Ich bin eine Frau!« Mein Frausein fällt mir erst in der Interaktion mit anderen ein. Die Erkenntnis, dass Gender und Geschlecht soziale Konstrukte sind, ist nicht neu. Ich muss Ihnen hier sicherlich nicht mit Simone de Beauvoir oder Judith Butler die rosa Schleifchen und blauen Spielzeugpistolen aus dem Kopf rausreferieren.

Der korrekte Name

Was ich zumindest mit Gewissheit sagen kann: Ich identifiziere mich mit dem Geschlecht, das mir bei der Geburt zugewiesen wurde. Ich bin Cisgender. Ich spüre keine Diskrepanz, wenn ich als »Frau El Ouassil« begrüßt werde. Und ich wäre hochgradig irritiert, würde man mich die ganze Zeit »Herr El Ouassil« nennen. (Quassil dürfen Sie mich natürlich weiterhin witzig-fälschlicherweise nennen, wenn Sie das möchten. Ich gönne es Ihnen.) 

Der Schauspieler Elliot Page, oscarnominierter Star des Films »Juno« und Held der Netflix-Serie »The Umbrella Academy«, hat Dienstag erklärt , transgender zu sein. Zudem klärte er über die Pronomen auf, mit denen er von nun an bezeichnet werden möchte: Mit »he«, er, und »they«, das benutzt wird, wenn sich die Person weder ausschließlich männlich noch weiblich identifiziert.

Viele Headlines, zum Beispiel von der BBC  oder der »New York Times« , sahen davon ab, seinen sogenannten deadname zu verwenden, also den Namen, den der Schauspieler vor seinem Outing hatte. Zudem benutzten sie die von ihm gewünschten Pronomen korrekt. Netflix änderte die Credits aller Serien und Filme auf der Plattform, und auch auf IMDB und Wikipedia steht ausschließlich der korrekte Name.

Aber es wurde auch sichtbar, dass es nach wie vor nicht selbstverständlich ist, auf richtige Weise  über transgeschlechtliche Personen zu berichten. Es ist zum Beispiel ein Problem, wenn Medien – auch der SPIEGEL – basierend auf einer mittlerweile korrigierten dpa-Nachricht vermelden: »Aus Ellen Page wird Elliot Page – Ellen Page gilt seit Jahren als eines der prominentesten Gesichter der LGBTQ-Gemeinde in Hollywood. Nun hat Page bekannt gegeben, dass er Transgender ist: ›Mein Name ist Elliot‹, gab der Schauspieler am Dienstag in den Onlinenetzwerken bekannt.«

Schon aus Höflichkeit sollte man den abgelegten Namen nicht verwenden, aber auch, weil es den verinnerlichten Blick einer cis-zentrierten Gesellschaft offenbart. Woher wissen wir, dass er nicht bereits sein ganzes Leben lang schon Elliot Page war, der als eine Frau performte beziehungsweise performen musste, weil es nun mal das ihm zugewiesene Geschlecht war? Genau genommen ist die Meldung eigentlich: »Elliot Page ist jetzt öffentlich Elliot Page« – oder: »Elliot Page ist Elliott Page geworden«. 

Sich mit dem Geschlecht identifizieren können, das man bei seiner Geburt zugewiesen bekommt, ist ein Privileg, das einem cis Menschen nicht als solches gewahr ist. Würde ich jetzt schreiben, ich hatte Glück, wäre das aber ebenso anmaßend, da es insinuieren würde, dass es etwas Negatives ist, transgeschlechtlich zu sein. Ist es natürlich nicht, es ist in unserer Wirklichkeit, die nach wie vor in »Penis gleich Mann« denkt, nur sehr viel schwerer. Ich habe also das Glück, dass mein Ich sich zufällig auch gemeint und gesehen fühlt, wenn man »Frau El Ouassil« zu mir sagt. 

Deshalb ist das richtige Pronomen von solch existenzieller Wichtigkeit. Es gesteht einer trans Person zu, im öffentlichen Raum als sie selbst existieren zu können – und nicht als gesellschaftlich eingeforderte Version ihrer selbst. Die Außenwelt erkennt so nicht nur einen Aspekt ihrer Identität an und gesteht ihr ihre transgeschlechtliche Souveränität zu, sondern akzeptiert auch eine Wirklichkeit, in der das Geschlecht eines anderen nicht durch die eigene Wahrnehmung definiert wird. Das ist die Selbstverständlichkeit, die wir für transgender Personen erreichen sollten.

In seinem Buch »Ich bin Linus« beschreibt der Autor Linus Giese den Moment, in dem zum ersten Mal sein Name auf einen Starbucks-Becher  geschrieben wurde, so wie das bei der Bestellung üblich ist. Er veröffentlichte das Foto im Netz und schrieb, dass es ein tolles Gefühl sei, den Namen laut auszusprechen, den man sich schon so lange für sich wünschte. Dann habe er den Laptop zugeklappt, aus Angst vor den Reaktionen. »Mit meinem Coming-out verlor ich das Privileg, zu den ›Normalen‹ zu gehören – ich war plötzlich anders und davon abhängig, ob ich von anderen immer noch akzeptiert oder gemocht wurde.« 

Page bekam für sein Statement jetzt viel begeistertes Lob und Anerkennung – was aber natürlich auch etwas über unseren noch unbeholfen-aufgeregten und überdrehten Umgang mit trans Personen aussagt.

Menschen, die ihre Transgeschlechtlichkeit öffentlich machen, werden als emblematische Beispiele hochgehalten, obwohl sie nicht im Alleingang die Gesellschaft über transgeschlechtliches Leben aufklären müssen sollten. Sie sollten nicht durch intime Selbstauskünfte Nachhilfe geben müssen. Wahrnehmung und Sichtbarkeit ja, Exotisierung nein. Es sollte irgendwann nicht mehr als mutig gelten, zu sein, wer man ist.