Zur Ausgabe
Artikel 39 / 113

Autoren Embryo eines Meisterwerks

Ein großes Prosa-Fragment von Albert Camus - 34 Jahre nach dem Tod des Nobelpreisträgers aus dem Nachlaß gehoben.
aus DER SPIEGEL 17/1994

Das Manuskript, dessen Autor am 4. Januar 1960 mit gebrochenem Schädel und Genick aus einem völlig zertrümmerten Autowrack geborgen wurde, fand sich in der schwarzen Aktentasche des Toten. Es war der erste Entwurf seines beabsichtigten Hauptwerkes. Mit ihm hatte Albert Camus sein Schriftstellerleben krönen und jenen Roman seiner »Reife« vorlegen wollen, den er zwei Jahre zuvor in Stockholm angekündigt hatte, als ihm im Alter von 44 Jahren der Literaturnobelpreis verliehen worden war.

Es dauerte 34 Jahre, bis das Fragment die Öffentlichkeit erreichte. Zunächst entschied sich die Witwe des Autors, Francine Camus, gegen die Publikation: Ihr Mann war mit seinem Rohentwurf selbst unzufrieden gewesen, er hatte an eine neue Gliederung gedacht. Zudem rieten Freunde von Camus und Kenner seines Werkes, um Rat gefragt, übereinstimmend ab: Die Veröffentlichung eines gänzlich unfertigen Werkes könne dem Ruf des Autors, so fürchteten sie, eher schaden und den zahlreichen Camus-Gegnern im rechten wie im orthodox linken Lager Auftrieb geben.

Angesichts der seitdem gründlich veränderten geistig-politischen Situation rangen sich Catherine und Jean Camus - die 48jährigen Zwillingskinder des Schriftstellers, die seit dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1979 für den Nachlaß verantwortlich sind - nun doch zur Veröffentlichung durch.

»Le premier homme« ("Der erste Mensch") lautet der Titel des gut 300 Druckseiten umfassenden Fragmentes, das soeben in Frankreich erschienen ist*.

Inszeniert wie ein Roman, enthält es eine bewegende Autobiographie der algerischen Kindheit von Albert Camus: das intimste _(* Albert Camus: »Le premier homme«. ) _(Editions Gallimard, Paris; 336 Seiten; ) _(110 Francs. ) Selbstzeugnis, das der diskrete und scheue Autor hinterlassen hat.

Ans Licht kommt da ein literarisch noch kaum bearbeiteter Lebens-Rohstoff, dessen geplante Erweiterung und Umschmelzung zu einem Geschichtsepos in der Art von Tolstois »Krieg und Frieden« nur zu erahnen ist. Gerade die Unmittelbarkeit der Darstellung aber, die fast naiv anmutende Erzählung dessen, was war, macht die Faszination dieses Textes aus.

»Es ist, als fühlte man seinen Puls«, sagt Catherine Camus, die Tochter des Autors, über das Manuskript, das sie in jahrelanger Arbeit mit der Lupe entziffert hat. »Als wohnte man dem Moment bei, in dem die Skulptur aus dem Steinblock hervortritt.«

Der Titel ist mehrdeutig. »Der erste Mensch«, das ist der Mensch ohne Wurzeln, ohne Vergangenheit, ohne Gedächtnis - der Inbegriff des französischen Immigranten in Algerien, der sein Leben aus dem kulturellen Nichts schafft: Der Kolonisator als armer Teufel, nichts weniger als ein Herrenmensch. Ein solcher »Adam«, wie eine Titelvariante lautete, war für Camus sein Vater Lucien Auguste, ein Weinbau-Arbeiter, der im Ersten Weltkrieg fiel, bevor Albert ein Jahr alt wurde.

Der Schatten dieses Unbekannten verfolgte den Schriftsteller ein Leben lang. Im autobiographischen Torso schildert er die Pilgerfahrt seines Alter ego, des bereits 40jährigen Romanhelden Jacques Cormery, zum Soldatengrab des Vaters, wo eine Inschrift an die Lebensdaten des mit 29 Jahren Gestorbenen erinnert: »Irgend etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung; wo der Sohn älter war als der Vater, herrschte nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos.«

Ein »erster Mensch« ist nicht nur der rätselhafte Vater, sondern auch der Junge Albert alias Jacques Cormery.

Mit seiner Geburt im Jahr 1913 setzt das Buch ein - der Geburt in einer notdürftig hergerichteten Behausung, unter Umständen, die an die biblische Weihnachtsgeschichte erinnern. Schauplatz ist danach vor allem Algiers Armenviertel Belcourt, wo der Held heranwächst, bedrängt von Enge und Schweigen, doch verwöhnt von Sonne und Licht.

Mit ebenso grenzenloser wie verhaltener Zärtlichkeit erinnert sich der Autor seiner Mutter Catherine Camus alias Cormery, auch sie für ihn ein erster Mensch: jener in sich gekehrten, schwerhörigen, wortkargen Frau, die den jähen Tod ihres Sohnes nur um neun Monate überlebte.

»Er wollte sagen: ,Du bist sehr schön'' und brachte es nicht heraus. Immer hatte er es gedacht und nie gewagt, es ihr zu sagen. Nicht daß er fürchtete, zurückgewiesen zu werden oder zweifelte, ob ein Kompliment ihr gefallen würde. Aber es hätte bedeutet, die unsichtbare Barriere zu überschreiten, hinter der er sie ein Leben lang verschanzt gesehen hatte.«

Eine merkwürdig verkapselte Mutterliebe teilt sich da mit, der emotionale Urgrund seines Lebens, von dem seine Schriftstellerexistenz so hoffnungslos abgeschnitten blieb.

»Dir, die Du dieses Buch niemals wirst lesen können«, lautet die Widmung, die Albert Camus seinem ehrgeizigsten Projekt vorangestellt hat - die Mutter war Analphabetin. Der Camus-Biograph Herbert Lottman berichtet, daß sie sich noch das Telegramm, in dem Albert nach der Zuerkennung des Nobelpreises kabelte, nie habe er sie so vermißt wie gerade jetzt, von einem Nachbarn vorlesen lassen mußte.

Die andere Schlüsselgestalt seines Lebens, der Camus im nachgelassenen Fragment ein Denkmal setzt, ist sein einstiger Grundschullehrer Louis Germain; im Roman heißt er Monsieur Bernard. Der Glücksfall dieses Pädagogen, der seine Schüler »für würdig hielt, die Welt zu entdecken«, der sie mitriß »aus dem einfachen Grund, daß er seinen Beruf leidenschaftlich liebte«, war schicksalhaft für Albert Camus.

Der Lehrer, der den Ersten Weltkrieg als Soldat überlebt hatte, ersetzte dem durch den Krieg verwaisten Jungen, dessen außergewöhnliche Begabung er sofort erkannt haben muß, den Vater.

Er begleitete seinen Schützling nach Hause, als dessen Wechsel ans Gymnasium, von dem seine gesamte Zukunft abhing, an der Armut der Familie zu scheitern drohte. Mit unbeirrbarer Überzeugungskraft gelang es dem Pädagogen, das Veto der starrsinnigen Großmutter, die im bücherlosen Haushalt der Kriegerwitwe das Kommando führte und ebensowenig wie ihre Tochter lesen konnte, rückgängig zu machen.

Das liebevolle Porträt des außergewöhnlichen Schulmanns ist der anrührendste Teil des autobiographischen Romans. Sein Menschenbild wird, im Anhang des Buches, ergänzt durch zwei Briefe, die Licht auf ein einzigartiges Lehrer-Schüler-Verhältnis werfen.

Den einen schreibt der weltberühmte Autor und designierte Nobelpreisträger im November 1957. Auszug: »Lieber Herr Germain, man hat mir gerade eine allzu große Ehre erwiesen, die ich weder begehrt noch beansprucht habe. Aber als ich die Nachricht hörte, ging mein erster Gedanke, nach dem an meine Mutter, zu Ihnen. Ohne Sie, ohne diese liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind reichten, das ich war, ohne Ihren Unterricht und Ihr Beispiel wäre mir nichts von alledem widerfahren . . . Ich umarme Sie mit allen meinen Kräften, Albert Camus.«

Den zweiten Brief hat Louis Germain seinem Schüler acht Monate vor dessen Tod aus Algier geschickt. »Mein lieber Kleiner«, lautet die Anrede. Er bedankt sich zunächst für die Zusendung einer gerade erschienenen Camus-Biographie.

»Wer ist Camus?« fährt er fort. »Ich habe den Eindruck, daß diejenigen, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu durchdringen, es absolut nicht fertigbringen. Du hast stets eine instinktive Scham gezeigt, Deine Natur, Deine Gefühle preiszugeben. Das gelingt Dir um so besser, weil Du einfach bist, direkt . . . Es ist mir eine sehr große Genugtuung, festzustellen, daß Dir Deine Berühmtheit (das ist die exakte Wahrheit) nicht den Kopf verdreht hat. Du bist«, faßt der alte Mann zusammen, »Camus geblieben: bravo.« Y

In Algerien das Lebensgefühl eines armen Teufels

»Dein Ruhm hat Dir nicht den Kopf verdreht«

* Albert Camus: »Le premier homme«. Editions Gallimard, Paris; 336Seiten; 110 Francs.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 39 / 113
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.