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Medizin Ende der Strippe

Zur Behandlung von Leberversagen entwickelte ein amerikanischer Luftwaffen-Arzt eine radikale Nothilfe: Der ganze Blutkreislauf wird ausgespült.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Tor Olson, 22, Sergeant der U.S. Air Force, war im letzten Stadium vor dem Tode.

Eine Hepatitis, von Viren ausgelöst, hatte seine Leber zerstört. Die Organreste konnten den Stoffwechsel nicht mehr steuern. Schadstoffe überschwemmten den Körper des jungen Mannes. Am 31. März dieses Jahres fiel er in tiefe Bewußtlosigkeit, das Leberkoma.

»Es war das Ende der Strippe«. beschrieb später Dr. Gerald Klebanoff die Aussichtslosigkeit. mit erprobten Methoden noch helfen zu wollen. So wagte der Militärarzt. Oberst auf der Lackland Air Force Base bei San Antonio Texas). den heroischen Versuch:

Er ließ den schon beinahe leblosen Olson auf 29 Grad Celsius unterkühlen und an eine Herz-Lungen-Maschine an schließen. Dann zapfte er aus einer Halsvene das giftüberladene Blut des Patienten ah. Gleichzeitig strömten durch eine Kanüle in einer Beinarterie Eiweiß und Salze in wässriger Lösung nach -- insgesamt mehr als hei Liter.

Nach etwa acht Minuten wurde die aus der Halsvene gepumpte Flüssigkeit wasserhell; der Körper war bis in alle Verästelungen des Kreislaufs durchgespült. Da infundierte Klebanoff rasch fünfeinhalb Liter frisches Blut.

Am folgenden Tag erwachte der Kranke. Am dritten Tag nach dem Eingriff, Ostersonntag, sang er mit seinen Eltern Choräle. Einen Monat später hatte sich seine Leber derart erholt, daß er eine Pressekonferenz geben konnte.

Jetzt hat sich der genesene Tor Olson zum Dienst zurückgemeldet. Und Generalleutnant Alonzo Towner, dem ranghöchsten Mediziner der US-Luftwaffe, schienen Fall und Erfolg so bedeutsam, daß er die »totale Körper-Ausspülung« (Total Body Washout -- TBW). wie Gerald Klebanoff sein neues Verfahren nennt, selber öffentlich erläuterte.

Hauptzweck der TBW-Operation ist es, durch Auswaschen der Giftstoffe noch verbliebenes funktionstüchtiges Lebergewebe zeitweilig zu entlasten.

Denn anders als etwa bei Niere, Lunge oder Herz gibt es kein Gerät, das die vielfältigen Aufgaben der Leber übernehmen könnte: Das dreipfündige Organ beherrscht, gleichsam als biochemisches Zentrallabor des Körpers, unter anderem den Stoffwechsel von Zucker, Fett und Eiweiß, produziert Galle für die Verdauung und entgiftet das von Magen und Darm kommende Blut.

Aber in viel stärkerem Maße als andere Organe hat die Leber die Fähigkeit, nach einer Schädigung -- etwa durch eine Hepatitisinfektion oder durch Vergiftungen -- neue gesunde Zellen zu bilden.

Um diese Regeneration in Gang zu bringen, haben die Mediziner seit einem Jahrzehnt mehrere drastische Nothilfe-Verfahren erprobt:

>Mit Austausch-Transfusionen. wie sie auch an Neugeborenen bei Rhesus- Unverträglichkeit vorgenommen werden, ersetzen sie nach und nach das giftstoffüberladene körpereigene Blut durch Blut gesunder Spender. 1> Sie ließen das Blut der Kranken durch isolierte Lebern von Schweinen, Kälbern oder Affen zirkulieren; tatsächlich wirkten die tierischen Organe in einigen Fällen etliche Stunden als Hilfsaggregat. L> Sie schlossen den Kreislauf der Koma-Patienten an den Kreislauf gesunder Menschen gleicher Blutgruppe an, deren Lebern dann beide Ströme von Stoffwechselschlacken verarbeiten sollten.

Allen diesen Methoden gemeinsam ist die geringe Erfolgsrate und ein hohes Risiko von Nebenwirkungen. Bislang konnte damit nur etwa jeder fünfte Patient aus dem Koma gebracht werden; die meisten starben an Blutungen, Infektionen oder Nierenversagen. Und die einschneidendste Maßnahme -- die Transplantation einer gesunden Leber

wird in der Regel spätestens nach etlichen Monaten durch Abstoßungskrisen zunichte.

Von der radikalen Körperwäsche mit einer Lösung von Kalium-, Kalzium- und Natriumsalzen, die der Zusammensetzung der Blutflüssigkeit entspricht. erhoffte Dr. Klebanoff bessere Ergebnisse. Doch was im Experiment mit Pavianen glückte, mißlang bei den ersten beiden Patienten,

Beim dritten Eingriff aber, bei Tor Olsen, setzte das Air-Force-Team der Waschlösung den Blut-Eiweißstoff Albumin zu. Dies war offenbar das günstigste Gemisch.

Ähnlich dramatische Operationen bei schwerem Leberkoma haben inzwischen Ärzte mehrerer amerikanischer Kliniken versucht. So ließ sich Dr. John M. Thomas vom Robert Packer Hospital in Sayre (Pennsylvania) in der Nacht zum 16. Mai am Telephon von seinem texanischen Kollegen Klebanoff die TBW-Einzelheiten erklären. Ausgerüstet mit fünf Notizzetteln, unternahm er den Eingriff. Der Patient, ein siebenjähriger Junge, erwachte nach 21 Stunden und ging kaum zwei Wochen später wieder zur Schule.

Aber es gab auch Versager. Ärzte aus Washington und New York meldeten Mißerfolge.

Fehlschläge, meint Klebanoff, werden sich erst vermeiden lassen, wenn die totale Körper-Perfusion stets rechtzeitig unternommen wird. Aus seinen Tierversuchen und den Eingriffen an Menschen schließt der Militärmediziner immerhin. »daß die Prozedur kein normales Gewebe schädigt und der zerstörten Leber bei der Erholung hilft«.

Als Dr. Klebanoff zu einer Patientin der Texas Medical School in San Antonio gerufen wurde, die in tiefem Koma lag, künstlich beatmet werden mußte und keine Reflexe mehr hatte, gab selbst der Pionier auf. »Ich kann keine Toten erwecken«, beschrieb er die Grenzen seiner Methode, »ich kann nur wiederbeleben.«

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