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Reinhard Baumgart über Biermann: "Nachlaß 1" Ende des Familienkrachs

aus DER SPIEGEL 35/1977

Reinhard Baumgart, 48, Schriftsteller und Kritiker, schrieb diese Biermann-Besprechung, wie er der Redaktion mitteilte, »für meine Tochter Julia, 15, mit der ich seit Monaten über Wolf Biermann reden muß«.

Nach all dem Lärm um Biermann darf man sich schon wundern über die fast Totenstille, mit der dieses, sein bisher dickstes und seriösestes Buch empfangen worden ist. Doch Gründe dafür gibt es genug.

Denn der Band, schlicht und schick auf Ärmlichkeit getrimmt, druckt nur nach, was inzwischen schon gedruckt wurde, hinkt also den 1965 und 1972 in Buchform ohnehin seitdem auf Platten und Plattentaschen veröffentlichten Liedern um fünf Jahre hinterher. Wir halten hier -- der Titel »Nachlaß 1« will es andeuten -- den ersten Band von Biermanns Werken in Händen. War das so dringend nötig?

Denn dieser schriftliche Biermann erscheint ja in einem undankbaren Augenblick. Was nämlich vorher nur ein paar hundert Freunde und Bekannte, die Zuhörer und Zuschauer von Biermanns permanentem Zimmertheater in seiner (Ost-Berliner) Chausseestraße 131 ahnten, das weiß mittlerweile die ganze Fernsehnation: daß dieser Mann kein bloßer Textautor, kein Dichter ist, aber auch mehr als nur ein weiterer Politsänger. Daß wir ihn vor allem als den besten Darsteller seiner Verse und Musik, seiner Meinungen, seiner selbst nehmen und genießen müssen, als Schausteller, Clown, Tribun, als Totaltheatraliker.

Sehen muß man ihn, um zu sehen, worin er allen anderen voraus ist. Biermann kann zu einem Stadion reden und singen, als wärs nur eine Stube voll intimer Freunde und Feinde -- genau wie er früher in seiner Stube reden und singen konnte, als hätte er es mit einem Stadion zu tun.

So macht der seriöse, dicke Band seinen trostlosen Titel »Nachlaß« auch auf eine unverhoffte Weise wahr: Er sammelt, was übrigbleibt, wenn man von Biermanns Arbeit ihre schönsten, ihre sinnlichen und artistischen Qualitäten abzieht, die gesungene und gespielte Musik, die Stimme, die Mimik, die sanfte Agitation des Autors. Oder verändern sich diese Texte, wenn man sie im Zusammenhang, in einem einzigen Bucheinband liest? Feierlich klar wird nun, wie programmatisch Biermann sein erstes Liederbuch genau da anfangen ließ, wo der Lyriker Brecht aufhört: in Buckow. Seine Buckower Balladen setzten einen entschlossenen Gegenton zu des Meisters Buckower Elegien, zum weisen Abschiedswinken, zum mild heroischen Katzenlammer des alten B.B. Biermanns frühe Mischung aus Sinnenlust und Politärger signalisiert in aller provokatorischen Frische auch, daß in diesen Versen der sozialistische Alltag noch genossen wird, daß die Kritik nur ins Detail sticht.

Doch wer nun nachblättert, um in Biermanns Texten genau den Umbruch zu finden, von bloßer Stichelei gegen Mißstände« zur Frontalattacke gegen den »realen Sozialismus« der DDR, der kann lange schnüffeln. Kein Umbruch markiert sich. Es waren schon in der »Drahtharfe«, vor über zehn Jahren, alle Töne, Farben, Argumente da. Erste, brüderliche Schläge »An die alten Genossen« werden ausgeteilt. Auch die granitgrauen, aus Verzweiflung und Trotzdem-Aufschwüngen gemischten Lieder, diese »Warte nicht auf beßre Zeiten«-Stimmungen finden sich schon. Nur das Flott-Unterhaltende ("Jeden Samstag geht der nette fette Vater") war dieser ersten Sammlung noch süffiger beigemischt.

Kreuz und quer herumlesend in diesen über 400 Seiten voll Versen stößt man überall auf die gleiche Frische und gleiche Trauer, die gleichen Gegenstände, Töne, Meinungen, die gleiche Wärme, die gleiche Heftigkeit. Was für eine geschlossene, fast hermetische Wortwelt. Außer den sinnlichen Freuden der Liebe ("Von mir und meiner Dicken« etc.), dem Ärger mit der Partei ("Rücksichtslose Schimpferei« o. ä.) und einem unbeirr- oder unbelehrbaren Glauben ans irdische Himmelreich des Kommunismus ("O Gott, laß du den Kommunismus siegen") kommt da kaum irgend etwas zur Sprache.

Diese Treue zum dreieinigen Thema, die sturen Wiederholungen und listigen Variationen sind so bewundernswert wie verstörend. Hat sich in Biermanns doch unerhört beweglichem Kopf, seit er schreibt, grundsätzlich irgend etwas bewegt, verändert? Eine Frage, die nur beweist, wie wenig er ins landläufige Bild eines linken Autors hineinpaßt.

Denn er, anders als fast alle seine Schreibgenossen, hat sich eben nicht politisiert in einer Revolte gegen die bürgerliche Herkunft, gegen die eigene Familie und anerzogene Normen. Er, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Arbeiters und Kommunisten, konnte immer reden und handeln wie in Vaters. Oma Meumes, Mutter Emmas Auftrag, in einer Treue zu den Autoritäten der Kindheit, die seinen Überzeugungen die Wucht, die Ungebrochenheft gibt, aber auch: die Starrheit, den Eigensinn eines ins Riesige gewachsenen Kindes.

Solche Kindlichkeit schien mir jetzt, beim Wiederlesen, die Stärke und die Schwäche der Biermannschen Positionen, gerade der politischen. Kindlich seine Fähigkeit, sein Bedürfnis, die politischen Konflikte der Linken immer als Familienkonflikte zu sehen, sie zu personalisieren und zu psychologisieren. Von so zwangsläufigen, so anonymen Prozessen wie der Degeneration sozialistischer Gesellschaften singt er wie von Zimmerschlachten. Als wären Verrat und Verfettung, Betrug, Feigheit, Hinterlist, als wären Wärme und Kälte, der Anstand und die Korruption von lauter einzelnen dafür verantwortlich. Als müßte der Erbe eines guten Vaters lauter heruntergekommenen Onkeln nur gegen das Schienbein treten, um ihren bösen Sinn zu wenden.

Sicher, ich vereinfache, ich unterschlage, ich übertreibe. Ich unterschlage zum Beispiel, wie klug Biermann seine Gedichte durch Widersprüche, durch Dialektik in Bewegung halten kann. Aber oft benutzt er auch Dialektik eher wunderkindhaft, wie etwas brillant Angelerntes, verblüffend, virtuos, witzig. Und wenn ihm die Trauer bis zum Hals steht, dann retten ihn nicht die Ernüchterungen der Dialektik, sondern immer wieder ein Kindertrick: beide Hände vor die Augen, macht er die Welt am liebsten für sich und sich für die Welt unsichtbar und sinkt mit seiner jeweiligen »Dicken« zurück in Mutters Schoß. (Im Gedicht.)

Ja, ich übertreibe, ich vereinfache, aber mit Gründen. Diesen ganzen »Nachlaß 1« habe ich eigentlich nur benutzt, um das Pathos zu verstehen, ernst zu nehmen, mit dem Biermann auf den Verlust seiner DDR reagiert hat. »Daß ein Leben im Westen für mich das Ende meiner schriftstellerischen Arbeit bedeuten würde«, daß er dann »wohl zugrunde gehen«, »abstürzen« würde, hat er noch kurz vor seiner Ausreise, Ende Oktober 1976 beteuert. »Ich bin ja auch getötet worden«, schreibt er später aus Köln an Havemann, den Buchtitel »Nachlaß« rechtfertigend.

Ein hochdramatischer gewaltsamer Rausschmiß aus der guten Stube DDR wäre womöglich als das »richtige« Ende des Familienkrachs« dieser Zimmerschlachten noch zu verkraften gewesen. Was aber tatsächlich passierte, dieser kalt technokratische Akt, eine Wiedereinreiseverweigerung, bewies endgültig, wie lästig, wie unzeitgemäß den neuen Leitungskadern dieser Intimclinch mit einem verlorenen Sohn längst vorkommt. An irgendeine lange Nabelschnur zwischen sich und denen muß Biermann bis zuletzt geglaubt haben. Jetzt fühlt er sich »getötet«. Man könnte genausogut sagen: geboren, in eine ziemlich wärmelose Welt.

Bis eben noch, bis in sein vierzigstes Jahr, konnte er sich als Hauptfigur in einer geradezu mythischen Szene fühlen, als das ungezogene, vielgeliebte, vielgestrafte Kind im Dauerkrach mit der Blutsverwandtschaft. Nun fragt sich, ob Biermann Politik anders denn als Intimzerfleischung, ohne diesen familiären Dunstkreis aus Liebe, Mißtrauen, Zorn überhaupt verstehen kann und will. Die Wut im Bauch, mit der er die »alten Genossen« anging, diese warme Wut aus enttäuschtem Vertrauen, ja enttäuschter Liebe, sie läßt sich auf Strauß oder die Neutronenbombe nun einmal nicht anwenden.

An Wärme muß es diesem mächtigen Kind in unserer westlichen Luft fehlen, und so ist Biermann besichtigend, touristisch, schwärmend zunächst unterwegs gewesen in Nachbarländern, den (wie jeder Tourist weiß) so viel menschlicheren. Sogar der spanischen KP ist er als Hamburger Mitglied beigetreten. Lauter Versuche, sich wieder ein Nest zu richten, eine Wärmeinsel, auf der dann, wie damals in der Chausseestraße, Schiffbrüchige der revolutionären Hoffnung anlanden können.

Aber wie damals wird es wohl nie mehr werden, und überleben kann Biermann wohl nur, wenn er endlich allen Wiederholungszwängen entkommt. Die Kinderrolle ist ausgespielt, die Familienszene geplatzt, aber neu anfangen müssen, das heißt nicht unbedingt »getötet« worden sein.

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